DER SPIEGEL

„SCHUHGRÖSSE NEUN REICHT IM ALLGEMEINEN“

Sie haben keinen von denen umgebracht, die sie gern umgebracht hätten: nicht Willy Brandt, der "im Krieg regen Deutschland gekämpft hat"; nicht den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, den "Hauptverantwortlichen für die Kriegsverbrecherprozesse" - und nicht den Schriftsteller Günter Graß, "der auch einer ist, der alles verdirbt".
Sie haben nur, im Besitz eines Arsenals von Mordgeräten, das in den Händen von Rechtsextremisten der Weimarer Zeit für mehr als Brandt und Graß und Bauer gereicht hätte, gesponnen. Und die Rechnung für ihre Narrheit fiel hoch aus.
Der Dritte Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe hat Reinhold Ruppe und Erich Lindner in der vergangenen Woche wegen Beteiligung an einer verbrecherischen, nazistischen Geheimorganisation und versuchten Sprengstoffdiebstahls zu je zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.
Dieser Prozeß macht nicht Geschichte, aber er setzte den Zeitläufen ein blakendes Licht auf. Die Sitzung begann am Montag vergangener Woche. Und das Ergebnis der Wahlen in Hessen lag druckfrisch vor.
1942 wurde Reinhold Ruppe in Drachenburg geboren. Drei Jahre war er alt, als seine Familie in den Strudel des Kriegsendes geriet. Sieben Jahre Lager in Österreich. 1952 konnte die Familie in die Vereinigten Staaten auswandern.
In New York faßt man Fuß, wo Vater Ruppe in einer Großmetzgerei arbeitet. Sohn Reinhold besucht fünfeinhalb Jahre lang die Schule, zuletzt eine höhere. Doch dann entzieht er sich, obwohl ein begabter Elektrotechniker, dem Lernen, treibt zwar noch eine Weile Abendstudien, begibt sich aber schließlich endgültig ans Geldverdienen.
1957 wurden die Ruppes Amerikaner. Doch als Deutscher hatte sich Reinhold Ruppe schon zuvor in der neuen Heimat angegriffen gefühlt; fühlte er sich weiterhin isoliert.
"Nazi" habe man ihn auf dem Schulhof genannt, das verletzte ihn und haftete noch, als er schon längst fließend amerikanisch sprach. Das stiftete ihn dazu an, sich Gedanken zu machen. "Das waren immer die bösen Deutschen, die Krieg angefangen hatten."
"So schlimme Leute gibt es nicht", so schlimme, wie es die Deutschen sein sollten, "Und wenn, dann gibt es sie auf beiden Seiten", befand er. "Ich habe Nachforschungen angestellt", erinnert er sich, "Kriegsbücher und so weiter." Halbnackte Frauen mit Ritterkreuz, die wehrlose Häftlinge quälen. Blutrünstige Exzesse an Frauen, begangen von Männern mit dem Hakenkreuz: "Das ist das Übliche da drüben... Ein gutes Geschäft ist die Hetze."
Ruppe benutzte denselben Zug zur Schule wie der zwei Jahre ältere Kurt Rheinheimer. Rheinheimers Vater war noch in Deutschland geboren, seine Mutter Amerikanerin. Rheinheimer teilte Ruppes Kritik an der Trivialliteratur über das Dritte Reich, die beide ernst nahmen: "Er war derselben Meinung, daß etwas nicht stimmte mit der Hetzerei."
Etwa 1960 gründeten sie einen Schießklub. Sie kleideten sich schwarz, aus Sympathie für die SS. Man ballerte im Wald, behängt mit Patronengurten. Drei Mitglieder hatte der Klub. Eine Kasse wurde angelegt, in die jeder pro Woche fünf Dollar einzahlte. Die Kasse diente der Vorbereitung der Reise nach Deutschland. Vorher allerdings besuchte man noch George Lincoln Rockwell, den Führer der US-Nazis.
Der Dritte im Bunde, Phil Gaeta, mußte draußen warten. "Die Partei nimmt auch nicht jeden an", und Phil Gaeta ist italienischer Abstammung "Der Kommandeur war nicht da." Sie mußten mit einem Vertreter vorliebnehmen, der ihnen versicherte, George Lincoln Rockwell werde 1972 Präsident der Staaten sein. Das glaubten ihm Rheinheimer und Ruppe freilich nicht. Akutem Schwachsinn waren sie gewachsen. Mehr als die Erinnerung an die Hitlerbüste, die zwischen zwei brennenden Kerzen in der Halle des Rockwell-Bungalows steht, nahmen sie an Ermutigung nicht mit. Doch unermüdlich hielten sie ihren Glauben an Deutschland fest. Sie wollten ins gelobte Land reisen: "Wir wollten da keine Führung übernehmen. Wir wollten da einfach helfen."
Im Oktober 1963 flogen Ruppe, Rheinheimer und Frau Rheinheimer nach Deutschland. Sie besuchten Verwandte und auch Dachau. "Das größte Mahnmal, was ich je gesehen habe In Deutschland. Das war mir zu groß ... Ich habe gesehen keine so große Mahnmal für deutsche Soldaten." Und die Verbrennungsöfen kamen ihm "ziemlich neu" vor. Höhepunkt der Reise war Oldenburg; war Herr Lange, Reichspartei, von dem Rheinheimer einen "günstigen Eindruck" hatte. Sie beschlossen, in den Staaten "kräftig zu verdienen", zurückzukehren, ein Haus zu kaufen, womöglich ein Geschäft zu gründen und von dieser Basis aus ans Werk zu gehen.
Im Oktober 1964 war es soweit. Rheinheimer und Frau erreichten die deutsche Heimat aus einem besonders drängenden Grund: Ihr erstes Kind sollte in Deutschland geboren werden. So geschah es auch, der Knabe erhielt die Vornamen "Adolf Wilhelm". Für 4000 Dollar zahlte man ein Haus in Torsholt bei Oldenburg an und begann, es auszubauen. Der brave Italoamerikaner Gaeta blieb natürlich zurück, doch hatte er kräftig vorgeschossen: "Er sympathisierte mit uns und unsere Ideale."
In der Landschaft, von der neues Heil ausgehen sollte, trafen die Pioniere im Rückwärtsgang einen Bundesgenossen an, den Erich Lindner.
Erich Lindner wurde 1932 in Häslicht, Kreis Schweidnitz geboren. Vor dem Senat in Karlsruhe stand er als ein Schrat, den das Kriegsende von Rübezahls Gebirge herabgeweht hat. Sein Vater: "Ein richtiger Hufschmied, wie es früher noch war." Anderthalb Jahre hat Lindner als Kind unter sowjetischer und polnischer Besatzung gelebt.
Erschießungen, wahllos, "die waren natürlich verwildert, und das vergißt der Mensch nicht..." Vergewaltigungen? "Vergewaltigt worden sind alle und so. Meine Mutter ein paarmal, jeden Abend..." Und 1946 "wurden wir herausgetrieben wie das Vieh". Leise und schnell erzählt Lindner dies alles im weichen Ton seiner Heimat. Die Sünden der anderen hat er parat. Bei und später in Oldenburg fand man Unterschlupf. Maurer lernte er, wenn auch nur "als Notberuf".
Er heiratete, heiratete in ein Regenschirmgeschäft ein, das die Frau auf Leibrente erbte. Das lag ihm mehr, er ist für Tüftelei, für "möglichst feine Arbeit". Es war alles in bester Ordnung eigentlich. Und seine Frau hat auch gesagt: "Tu das nicht, wo wir jetzt ein Geschäft haben." Aber da kam auch "ein gewisser Herr Ohmann, der hat das Altpapier abgeholt".
Für Lindner war der 68jährige Analphabet Ohmann "praktisch mein Opa". Der sprach so überzeugend davon, daß Deutschland nicht länger Amboß sein dürfe, sagt Lindner. Er beeindruckte Lindner tief.
Lindner schloß sich der Reichspartei an, besuchte ihre Versammlungen, auch wenn er mal ein Jahr lang keinen Beitrag zahlte; er tummelte sich in den Untiefen sorgsam bewahrter Erinnerungen und verstohlen erhoffter Zukunft. Ihm nun eröffnete sich Rheinheimer. "Das habe ich gar nicht begriffen, daß sich ein junger Mann so für den Nationalsozialismus begeistern kann, wo er doch Amerikaner war."
"Kurt, das habe ich zu ihm gesagt, mit dem Nationalsozialismus und Hitler ist kein Blumentopf mehr zu gewinnen." Doch eines Abends, in Torsholt, die Frauen warteten draußen in der Küche, da hängten Ruppe und Rheinheimer eine 2 x 3 Meter große Nazifahne auf. Und Rheinheimer las von einem Zettel einen Eid ab: "Ich, Sohn deutscher Abstammung, deutschen Blutes, gelobe meiner, heißgeliebten Heimat und meinen Kampfgefährten ... unverbrüchliche Treue."
Auch Lindner schwor. Weil er Angst hatte, sagt er nun. "Das hätte ich nicht mitmachen dürfen ... Aber da hing die Fahne da, ich wollte kein Spielverderber sein.." Das sagt er auch. Vor allem aber schwor er, weil sich inzwischen ein Schwerpunkt der Bemühungen von Rheinheimer und Ruppe kristallisiert hatte, den Lindner völlig akzeptierte: "Die Verbrechen, die man am deutschen Volk begangen hat, die werden nicht bestraft. .."
Die "Mafia-Tour", der "Werwolf", Unternehmen, die Rheinheimer vorgeschlagen hatte und die eher auf Umsturz hinliefen, die waren Lindner doch schon unheimlich gewesen. Und einem "Ku -Klux-Klan" mochte er auch nicht so gern angehören; in Karlsruhe sprach Lindner stets vom "Kuckucks-Klan". Der Generalstaatsanwalt Bauer, Frankfurt, jedoch, dessen Verantwortung für die "Kriegsverbrecherprozesse" leuchtete ihm nur zu sehr ein. "Der muß weg", sagte Rheinheimer. Und weil Lindner auch gehört hatte, der "Herr, Bauer habe sich sexuell betätigt" (in Hamburg, durch Teilnahme an einer Diskussion über Sexualität und Strafrecht ...), da sammelte er denn auch fortan Zeitungsausschnitte über diesen undeutschen Mann.
Das Trio war sich einig, es mußte ein Ende mit denen gemacht werden, die kein Ende mit der Vergangenheit finden. "Wenn man dauernd in der Vergangenheit herumwuracht", was soll dann, so Lindner, aus Deutschland werden. "Die sind tot die Juden, die sind nicht mehr aufzuwecken, Hitler ist auch tot ... Wenn man den Rundfunk, das Fernsehen anmacht, da wird man ja mitbelastet."
Kurt Rheinheimer zog sich mit Frau und Adolf Wilhelm in die Staaten zurück, er hatte zuviel Geld ausgegeben, er wollte erst mal wieder Kapital schaffen. Die avisierte Rückkehr unterblieb, denn inzwischen flogen seine Kumpane auf. Doch vorher schrieb Rheinheimer emsig Briefe über den Ozean: "Sammle Futter (Munition). Versuche ein, zwei kleine Tiere (Revolver) zu bekommen, die kleines Futter brauchen. Schuhgröße
neun (Kaliber neun) reicht Im allgemeinen."
"Wir können 400 Dollar für Nicknacks (Maschinenpistolen) ausgeben."
Und "Wandsafes" wollte er besorgen, "damit die Kinder nicht an das Spielzeug (Waffen) herankönnen." Kurt Rheinheimer war die Unbekannte im Prozeß gegen Ruppe und Lindner.
Ruppe und Lindner waren aber auch ohne ihn nicht untätig. Sie beschafften sich einen Stadtplan von Frankfurt, erörterten, wie Herr Bauer am besten zu erledigen sei. Lindner war für Dynamit unter dem Auto oder in der Schreibtischschublade. Ruppe für Entführen und Erschießen an einsamer Stelle, im Wald oder auf einer Baustelle; irgendwo, wo sich die Leiche anschließend vergraben ließ. Doch Ruppe, beauftragt, die näheren Umstände in Frankfurt zu rekognoszieren, erklärte, die Sache sei "undurchführbar".
Er verirrte sich in Frankfurt, sein Auto litt unter Ölverlust, er entdeckte nahe dem Bauerschen Amtssitz ein Polizeirevier. Er war unlustig, er wollte ja gar nicht so gräßlich weit gehen. Was, wenn ihm Herr Bauer plötzlich begegnet wäre, er hatte ja ein "kleines Tier" bei sich? "Ich hätte mich sehr gefürchtet als Dr. Bauer." Was, wäre ihm Herr Bauer an einer Baustelle, in der Einsamkeit begegnet? Allein, ohne Lindner, hätte er nichts getan. Was, wäre Lindner bei ihm gewesen? "Ich hätte gewartet, was Lindner macht."
Das Unternehmen Bauer wurde gestrichen, genauso schnell, wie man resigniert hatte, als ein Sprengstoffbunker in einem Steinbruch bei Lengerich sich nicht dem Handstreich öffnete und Dynamit hergab. Man befand, der Herr Bauer sei ja eigentlich nur der "Kopf" derer, die das Nest beschmutzen; die Wurzel sei vielmehr die "Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen" in Ludwigsburg, die NS-Verbrechen nachforscht. Die sei zu sprengen oder in Brand zu setzen, und dann werde samt der Akten die Vergangenheit ausgelöscht sein.
Ruppe, erneut vorgeschickt, mit Angaben, die Lindner bei einem eigenen Augenschein am vorgesehenen Tatort gewonnen haben wollte, stellte fest, daß Lindner nie in Ludwigsburg gewesen war. Er photographierte die "Zentrale Stelle", um Lindner den Schwindel beweisen zu können - und wurde prompt verhaftet.
Lindner hat einen Waffentick. Die vier Pistolen, die Ruppe nach Deutschland schmuggelte, verstärkten sein Arsenal nur. Er hatte Maschinenpistolen, Gewehre, Feldtelephone, Stahlhelme, Schulterhalfter, Fallschirmmesser und schon häufig Schwierigkeiten gehabt. Die Nachbarn störte die Ballerei, er mußte ins Moor ausweichen oder Schalldämpfer verwenden. "Die erste Zeit" lagen die Waffen im Kinderzimmer. "Aber das Mädchen, das ist elf geworden, die fing dann an, schon mal dranzugehen."
Nur "theoretisch" waren seine Erwägungen bezüglich Mord, wobei er freilich immer "terroretrisch" sagte in Karlsruhe. "Nie hätte Ich einen Menschen ermorden können." Und Ruppe, ein schmaler Junge, der genauso aussieht wie ein junger Einwanderer in New York, der in der Assimilierung steckt, auch er spricht von dem Abstand, der ihn vom Eintritt in einen echten Plan getrennt hat.
Narren, Irre? Doch wie hätte man über Oswald geurteilt, wäre er angeklagt worden, bevor er zum Schuß kam? Generalbundesanwalt Martin vertrat zum erstenmal persönlich eine Anklage vor dem Dritten Strafsenat. Um eine "längst fällige Reverenz" zu erweisen, aber auch um zu demonstrieren, daß Rechtsextremen genauso harte Aufmerksamkeit gilt wie Linksextremen. Hatte man es jedoch wirklich mit Rechtsextremismus zu tun?
"Ein Ende mit der Vergangenheit", das war das Ziel der Verschwörer. Darum ging es ihnen, dafür hatten sie auch noch in Karlsruhe das vorzubringen, was sie für Argumente halten. Ruppe, der auch "Plaketten" (Plakate) für die NPD geklebt hat, scheinen die NS-Verbrechen "übertrieben von den Juden".
Ein sensationeller Standpunkt? Bewahre: Allein der Besitz von Maschinenpistolen und anderem Mordwerkzeug hebt Ruppe und Lindner hervor. Sie spukten nur, im Besitz von Waffen, ein bißchen plastischer als die Stammtische, die in ihren Gedanken und Reden kaum weniger blutrünstig aufs Schlußmachen aus sind. Hier artikulierte sich nur einmal ein wenig deutlicher, was im Leib der Nation rumort. Der Wunsch nach einem Ende, Ende, Ende mit der Vergangenheit.
War Strenge gegenüber Ruppe und Lindner nötig? Sie ist ein für das Ausland sehr eindrucksvoller, für die Entwicklung in der Bundesrepublik jedoch nutzloser Akt, wenn dieser Prozeß nicht Anlaß zur Selbstprüfung wird für jene die von der Notwendigkeit der NS-Prozesse überzeugt sind.
Stellen sich etwa die Politiker zäh und überall vor die NS-Prozesse? Berücksichtigen die Publizisten das 20jährige Auf und Ab, das die Kraft zur Abrechnung mit der Vergangenheit demoliert hat? Die Proteste gegen das Nestbeschmutzen, die Verrechnung mit den Bomben auf Dresden, mit der Austreibung und Vietnam: Darüber kann man sich in prächtiger Haltung imponierend entrüsten. Damit in den Ring gehen, damit kämpfen, das tut sich schwer.
Von den NS-Prozessen sprechen derzeit und nicht erst seit gestern in der Bundesrepublik nur noch jene, die der Öffentlichkeit ihren Widerstand gegen diese Prozesse allzu billig vorwerfen; und jene, die wie die NPD diesen Widerstand zu ihrer Sache machen.
Verurteilter Lindner
Beim Schwur unter dem Hakenkreuz...
Verurteilter Ruppe
.. warteten die Frauen in der Küche
Rheinheimer-Haus in Torsholt
Nicknacks für den Kuckucks-Klan
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 47/1966
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