DER SPIEGEL

Die beste Energie: Sparen

Die Warnungen vor einer drohenden Klimakatastrophe durch wachsende Emissionen werden immer lauter. Zugleich befeuert der globale Wachstumshunger die Preise für Öl und Gas. Die Lösung wäre einfach: Energie sparen, indem man sie effizienter nutzt. Warum nur tun das so wenige?
Die Suche nach der täglichen Verschwendung beginnt für Peter Lentz im Keller. Dort wird der Energieexperte auch an diesem Morgen fündig. Er spürt es schon, als er den Heizungsraum betritt. Es ist warm hier unten, viel zu warm.
Das Thermometer zeigt 29 Grad Celsius. Gleich zwei Heizkessel versorgen das Mehrfamilienhaus mit Wärme. Beide sind in Betrieb, obwohl draußen Plus-Grade herrschen. "Einer würde völlig reichen", meint Lentz. Was den Ingenieur vollends verblüfft, sind die beiden Wasserspeicher, die jeweils 2500 Liter fassen. "Absolut unsinnig", so das Urteil des Fachmanns.
Lentz ist Abteilungsleiter der WGB Wärme GmbH, eines Berliner Energiedienstleisters, der ein besonderes Geschäftsmodell verfolgt: Die Mitarbeiter untersuchen zunächst die Gebäude ihrer Auftraggeber nach Sparmöglichkeiten. Dann installieren sie moderne neue Heizsysteme, die sie per Datenfernleitung kontrollieren. So versorgen sie die Verbraucher über eine feste Laufzeit, etwa zehn Jahre, mit Öl oder Gas. Der Kunde zahlt für die Investition keinen Cent: Die neue Anlage wie auch das WGB-Geschäft finanzieren sich aus der eingesparten Energie.
"Contracting" heißt das Konzept, von dem beide Seiten profitieren - und außerdem die Umwelt. Im Schnitt lassen sich 15 bis 20 Prozent Energie einsparen, teilweise auch noch mehr.
Das raffinierte Prinzip findet Anklang in Deutschland: Schon gibt es rund 500 solcher Contractoren, die Immobilienverwaltungen, Supermärkte oder Gefängnisse unter Vertrag nehmen. Ihr Geschäft legt jährlich um fast 15 Prozent zu.
Energiesparen wird zur Wachstumsbranche. Es schafft Tausende neuer Jobs in neuen Industriezweigen, in denen deutsche Firmen durchaus führend sind: Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, dass hiesige Technik für Wind- oder Sonnenenergie mal zum Exportschlager taugt? Oder dass solche Unternehmen gar an der Börse gehandelt werden?
Das Potential ist bemerkenswert. Denn die Menschheit vergeudet gigantische Mengen an Öl, Gas und Kohle: zum Heizen von Gebäuden, zum Betreiben von Maschinen, als Antriebskraft im Verkehr. Innerhalb einer Generation hat sich der Verbrauch an fossilen Brennstoffen weltweit um zwei Drittel erhöht. Seit dem Eintritt Ostasiens und der GUS-Staaten in den globalen Wettbewerb ist der Hunger noch mal gewachsen: Die Welt giert förmlich nach Energie.
Und die Zukunft von Wirtschaftsmächten wie China oder Indien hängt davon ab, dass der Energiefluss stetig wächst. Doch wo die Technik mit dem Aufstiegswillen noch nicht mithalten kann, werden Unmengen von Rohstoffen sinnlos in die Atmosphäre geblasen. Das ist ökonomisch unsinnig, ökologisch schierer Wahnsinn.
Gerade erst kam der Uno-Klimabericht zu besorgniserregenden Ergebnissen, was die weltweiten Emissionen und die globale Erwärmung angeht. Gerade erst beeilten sich Politiker aller Länder und Couleur mit der Beteuerung, nun endlich Ernst zu machen mit dem Umweltschutz. Gerade
erst mahnte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der alarmierenden Prognosen: "Es ist fünf vor zwölf." Aber wie kann gegengesteuert werden?
Allein die neue Supermacht China nimmt unter den größten Erdölkonsumenten der Welt heute nach den USA den zweiten Platz ein, obwohl das Land noch kaum motorisiert ist: Erst 19 von 1000 Einwohnern fahren Auto, in den Vereinigten Staaten sind es 780. Und dennoch ist das Reich der Mitte schon jetzt hinter den USA in Sachen Treibhausgasen auch die größte Dreckschleuder der Erde.
Hunderte Millionen Menschen eifern dem westlichen Konsummodell nach - und rasen geradewegs Richtung Öko-Katastrophe. Wie lange, fragen sich die Bürger in den klassischen Industriestaaten besorgt, geht das noch gut? Wie kann dieser ungeheure Energiehunger gestillt werden, in Fernost ebenso wie im Westen?
Früher genügte es, in immer entlegeneren Gebieten nach Öl und Gas zu bohren, immer größere Mengen an Kohle zu verfeuern, immer mehr Atomkraftwerke zu bauen. Mittlerweile zeigen sich auch dem kühnsten Wachstumsoptimisten die Grenzen dieser Strategie auf: zu teuer, zu gefährlich, vor allem aber viel zu dreckig.
Nur eine Energiequelle existiert noch, die bei weitem nicht ausgeschöpft ist. Ihr Potential scheint beinahe grenzenlos: Konsequentes Sparen ist die sicherste und sauberste aller Energien. Und die einzige, die sogar Gewinn abwirft.
Ohne große Anstrengungen könnten die fast 500 Millionen EU-Bürger ihren Ener-
gieverbrauch um ein Fünftel reduzieren, haben Studien ergeben: Dies entspräche 60 Milliarden Euro - pro Jahr.
Solch gewaltige Zahlen verlieren schnell ihr abstraktes Niveau, wenn man sie runterbricht auf jeden einzelnen Haushalt: Eine durchschnittliche Familie könnte ihre Haushaltskasse um jährlich 200 bis 1000 Euro schonen, wenn sie bewusster mit Energie umgehen würde.
Weniger könnte durchaus mehr sein. Und dabei ist nicht an alberne Appelle gedacht, jeden Kaffeefilter dreimal zu verwenden. Sparen bedeutet nicht, auf Lebensqualität zu verzichten.
Eine Energiesparlampe etwa benötigt nur ein Fünftel der Leistung, die eine konventionelle Glühbirne verbraucht, und sie hält zehnmal länger. Ihre Anschaffung sei "wesentlich rentabler als jede Geldanlage", versichert Hans Weinreuther von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz.
Würden die Europäer auf innovative Beleuchtungstechnik umstellen, könnten sie pro Jahr rund 4,3 Milliarden Euro sparen und für sinnvollere Dinge verwenden. Und doch machen sich nur wenige Verbraucher solche Möglichkeiten zunutze. Was hindert sie bloß daran?
So manches in der aktuellen Energiedebatte mutet paradox an: Da fürchten die Deutschen eine allzu große Abhängigkeit von russischem Öl und Gas. Viele sympathisieren schon wieder mit der Kernkraft. Und selbst die Förderung der heimischen Steinkohle bringen einige ernsthaft wieder ins Gespräch. Gleichzeitig wird die bedeutendste Energiequelle "nicht mal ansatzweise ausgeschöpft", moniert der Umweltverband BUND.
Von der gesamten Energie, die weltweit erzeugt wird, nutzt der Konsument am Ende gerade mal ein Drittel. Der Rest verschwindet in die Luft oder ins Wasser, beispielsweise weil Leitungen undicht sind oder es an Dämmmaterial mangelt.
Peter Hennicke, Präsident des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie, vergleicht die heutigen Energiesysteme mit Badewannen, die ständig mehr Wasser verbrauchen, weil ihnen der Stöpsel fehlt. Ein solcher Zustand sei "eine intellektuelle Provokation für jeden kreativen Ingenieur und Planer", ärgert sich Hennicke.
Selbst ein scheinbar so ausgefeiltes Produkt wie ein Auto weist unter Effizienzgesichtspunkten katastrophale Werte auf. 70 bis 80 Prozent der Energie, die der Motor erzeugt, gehen dem eigentlichen Zweck, der Fortbewegung, verloren. Stattdessen wird das Kühlwasser erwärmt oder heiße Luft durch den Auspuff geblasen.
Natürlich könnte man die Abwärme auch für den Antrieb nutzen, die Idee ist nicht neu. Doch der Bau eines solchen
Dampfautos scheiterte bislang daran, dass der technische Aufwand zu groß ist - und Benzin schlicht zu billig.
Wie die Menschen mit Energie umgehen und den Produkten, die von ihr abhängen - es ist eine Geschichte voller Widersprüche. Dabei sollte doch klar sein: Jeder Liter Öl, jeder Kubikmeter Gas, jede Kilowattstunde Strom weniger spart nicht nur Geld und schont die Umwelt, sondern macht die Energieversorgung auch sicherer.
Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch. US-Präsident George W. Bush rief unlängst seine Landsleute dazu auf, weniger Öl zu konsumieren. Der hohe Verbrauch mache die USA "verwundbarer gegenüber feindlichen Regimen und Terroristen", mahnte Bush. Erstmals räumte der Texaner ein, dass es so etwas wie den globalen Klimawandel überhaupt gibt und dass dieser "eine ernste Herausforderung" darstelle.
Das sind neue Töne aus Washington. Aus Brüssel hört man sie seit längerem.
Die EU-Kommission hat bereits zahlreiche Aktionspläne formuliert, Studien vorgelegt und Effizienzkampagnen angeschoben. Jedes Jahr sollen die Mitgliedsländer mindestens ein Prozent weniger Energie verbrauchen, lautet das Ziel.
Wie ernst es der Kommission damit ist, demonstrierte sie, als sie die Autoindustrie zu schärferen Abgasgrenzwerten zwingen wollte. Zwar hat der zuständige Kommissar Stavros Dimas seine ursprünglichen Vorstellungen abgeschwächt. Nun nimmt er nicht allein die Hersteller in die Pflicht, sondern ebenso die Treibstoffproduzenten, die sauberen Biosprit liefern sollen. Auch ist die Königsfrage nicht geklärt: Gelten die neuen Grenzwerte für die gesamte Autoindustrie? Oder für jeden einzelnen Hersteller, für Fiat also wie für Porsche? Doch die Fahrzeugbauer sind gewarnt, insbesondere die deutschen (siehe Kasten Seite 98). Noch einmal wird sich die EU nicht abspeisen lassen mit dem simplen Versprechen der Konzerne, sich bessern zu wollen. Der Einwand, Tausende Jobs gerieten in Gefahr, war ohnehin eher fadenscheinig. Schließlich werden nur jene Unternehmen im Wettbewerb bestehen und sichere Arbeitsplätze bieten, die das Auto des nächsten Jahrzehnts entwickeln. Und diese Modelle werden mit Sicherheit weniger Sprit verbrauchen.
Kein Zweifel, da kommt etwas ins Rollen. Mit den immer dramatischeren Klimaprognosen ändert sich auch das Bewusstsein der Bevölkerung - von Politikern, Managern und Verbrauchern. Und spätestens seit die Konsumenten spüren, wie die Preise für Benzin, Heizöl, Erdgas und Strom ihr Budget schmälern, wird das Thema ernst genommen. Je stärker der Leidensdruck, umso ausgeprägter ist der Sparwille.
Manche Energieberater sind auf Wochen ausgebucht. Die Verbraucherzentralen registrieren mehr Terminanfragen denn je. In den Baumärkten sind Heizöfen die Verkaufsschlager, die Installateure kommen mit dem Einbau kaum nach. Die Wärmequelle Holz, so stellen viele fest, ist trotz steigender Rohstoffpreise noch immer günstiger, als mit Gas zu heizen.
Noch rentabler sind Heizungen die mit Pellets betrieben werden, zu Röllchen gepressten Holzabfällen. 70 000 sind es bereits, 30 000 mehr als vor Jahresfrist. Die Pellets verbrennen gleichmäßig, der Wirkungsgrad ist mit teilweise über 90 Prozent außergewöhnlich hoch.
Der Nachfrageboom nach energiesparenden Artikeln treibt die Preise in die Höhe; Dämmstoffe wie Steinwolle, Polystyrol, Kork- oder Kokosplatten haben sich im Vergleich zum Vorjahr zum Teil um mehr als zehn Prozent verteuert. Trotzdem sind sie oft auf Monate ausverkauft - das weckt Erinnerungen an eine andere Zeit großer Sparschocks.
Schon einmal stand der effiziente Umgang mit Energie bei den Bürgern hoch im Kurs: In den siebziger Jahren veränderten die Ölpreiskrisen den Alltag der
Menschen. 1979 kostete der Liter Benzin erstmals mehr als eine Mark. Der ADAC verteilte damals millionenfach "Ich bin Energiesparer"-Aufkleber. Und der US-Physiker Amory Lovins veranschaulichte mit seiner Wortschöpfung der "Negawatts", den nicht verbrauchten Megawatt, dass Energiesparen durchaus als ökonomischer Wert zu verstehen ist: Die Wirtschaft könne selbst dann wachsen, so Lovins' Credo, wenn sie ihren Energiebedarf reduziere.
Bürger und Industrie strengten sich an. Tatsächlich schafften sie es, den Anteil der Energiekosten an ihrem Budget zu reduzieren. Die Energie-Intensität, das Verhältnis von Energieverbrauch zu Wirtschaftsleistung, verringerte sich seitdem um 40 Prozent. Doch in dem Maße, wie die Ölpreise in der Folge wieder sanken, schwand auch das ökologische Bewusstsein.
Es ist wie bei Bandscheibenproblemen: Wer keine Rückenschmerzen hat, macht auch keine Gymnastik mehr.
Inzwischen, eine Generation später, kehrt der alte Geist in neuer Form zurück - mit weniger Weltverbesserer-Attitüde und mehr ökonomischer Vernunft. Und diesmal könnte das Umdenken durchaus nachhaltig wirken, wenn selbst die im Konsens erstarrte schwarz-rote Koalition den Aufbruch versucht.
In Berlin bemüht sich die Regierung, die Energiepolitik auf den neuen Sparkurs zu bringen. Dass dies nicht leichtfällt, hat schon der letzte Energiegipfel im Oktober vorigen Jahres demonstriert: Kanzlerin Merkel wollte die Effizienz zum Topthema machen. Doch damals überlagerte noch der Streit um die Atomkraft alles andere. Immerhin wurde vereinbart, dass eine Arbeitsgruppe bis zum nächsten Treffen voraussichtlich im Juni ein Aktionsprogramm entwerfen soll, eine detaillierte Strategie für die nächste Dekade.
Das Minimalziel steht fest: Deutschland soll bis zum Jahr 2020 gegenüber 2003 den Stromkonsum um 8 Prozent senken, den Wärmebedarf von Gebäuden um 19 und den Verbrauch im Verkehr um 5 Prozent. So sieht es ein Szenario der Deutschen Energieagentur (Dena) vor. Über den Weg dorthin scheiden sich freilich die Geister.
Die Schwierigkeiten beginnen bereits beim Image: Energiesparen galt bislang nicht gerade als schick. Das Wort klingt unbehaglich, nach Verzicht, nach Frieren. "Wer spart schon gern?", fragt Dena-Geschäftsführer Stephan Kohler: "Ich nicht."
Kohler spricht lieber von Effizienz, von zusätzlichem Gewinn und von all den Vorteilen, die sich dem Verbraucher böten. Das ist sein Job: Die Dena, vor sechs Jahren von der damaligen rot-grünen Regierung und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Berlin gegründet, soll den Effizienzgedanken hinaustragen ins Land. Denn, und das ist ein weiteres Hindernis: Es mangelt vielfach schlicht an Wissen.
Wer hat schon eine Ahnung, wie viel er im Monat für den Betrieb seiner Gefriertruhe bezahlt? Wem ist wirklich bewusst, dass er und seine Mitreisenden bei einem Flug in die USA rund 4000 Kilogramm Kohlendioxid in die Stratosphäre blasen? Wer weiß denn, dass er nur halb so viel Strom verbrauchte, wenn er die Hemden statt mit 60 Grad mit 40 Grad wüsche?
Der Durchschnittskunde von RWE und Vattenfall, von Ruhrgas, Shell und BP ist ahnungslos - und irrational obendrein.
"Die Leute fahren durch die ganze Stadt, um Fleisch für 99 Cent zu kaufen", wundert sich Kohler - und sie ignorierten zugleich, wie sehr sie davon profitieren könnten, wenn sie sich nur ein bisschen energiebewusster verhielten. Der Strom komme aus der Steckdose und müsse billig sein, sei die weitverbreitete Einstellung, ärgert sich der Dena-Chef: "Davon müssen wir weg."
Nur wenige ticken schon anders. Barbara Schweer und Martin Hoyer zum Beispiel sind vor gut einem Jahr mit ihrer Tochter in Freiburg an den Schlierberg gezogen, in die sogenannte Solarsiedlung. 47 Häuser stehen dort, die ganz auf Effizienz getrimmt sind.
Die Wärme, die die Familie für ihr Penthouse bezieht, kommt aus einem nahe gelegenen Holzkraftwerk. "Wir hatten Heizkosten von nur 300 Euro", berichtet Schweer - im ganzen Jahr, auf 167 Quadratmeter Wohnfläche.
Das Geheimnis solcher Traumwerte: Das Haus ist aufwendig gedämmt. Selbst jetzt, an kalten Februar-Tagen, sind die Thermostate der Heizung oft runtergedreht. Die südliche Glasfront fängt die flache, winterliche Sonne ein, während die hohe Sommersonne die Räume nicht aufheizt.
Das Gebäude ist ein sogenanntes Plusenergiehaus und ähnelt einem kleinen Kraftwerk: Es erzeugt mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen (siehe Kasten Seite 102).
Die Solarstromanlage auf dem Dach hat im ersten Jahr fast 9000 Kilowattstunden Strom ins Netz gespeist. Zieht man davon den eigenen Stromverbrauch sowie die Heizwärme ab, bleibt ein jährlicher Überschuss von rund 2000 Kilowattstunden. Den Ausgaben von monatlich knapp 100 Euro für Strom und Wärme stehen Einnahmen von fast 400 Euro aus der Solaranlage gegenüber.
Die Familie, das ist der Clou, kann mit ihrer effizienten Wohnweise Geld verdienen. Und dazu muss sie weder die Winterabende bei Kerzenschein überdauern, noch darf nur einmal pro Woche geduscht werden.
Bislang sind solche Häuser die Ausnahme. Rund 17 Millionen Wohngebäude stehen in Deutschland, rund 30 Prozent der Energie wird in den vier Wänden verbraucht, meist für kuschelige Raumtemperaturen und warmes Wasser. Hier verbergen sich die größten Sparmöglichkeiten.
Eine normale Ölheizung benötigt laut einer Studie des Energiedienstleisters Techem im Schnitt 15,7 Liter Heizöl pro Quadratmeter und Jahr. Niedrigenergiehäuser kommen mit bis zu 7 Liter aus. Viele Modelle wie das Haus der Familie Hoyer-Schweer sogar mit erheblich weniger. Und inzwischen sehen sie auch nicht mehr wie überdimensionale Jutetaschen aus.
Das Problem sind die wirklich alten Gemäuer: Sie verheizen schon mal 50 Liter oder mehr. Genau diese Objekte aber stellen die Mehrheit der Gebäude zwischen Füssen und Flensburg: Drei Viertel der Wohnimmobilien in Deutschland wurden vor 1977 errichtet, bevor die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft trat. Insgesamt sind das mehr als zwölf Millionen Objekte.
Andreas Troge, Chef des Umweltbundesamtes, sagt: "Bei den Altbauten haben wir einen Stau bei der energetischen Sanierung." Und dieser Stau wird sich so bald kaum auflösen. Nur gut ein Prozent des Immobilienbestands wird pro Jahr neu errichtet.
Wenn die Hausbesitzer die Handwerker rufen, dann meist nur für kosmetische Reparaturen. Da wird mal das Bad verschönert, mal das Treppenhaus gestrichen oder die Küche modernisiert. Aber auf die unspektakulären Sanierungsarbeiten im Heizungskeller und auf dem Dachboden wird lieber verzichtet. Da guckt ja niemand hin.
Erst wenn die Heizkostenabrechnung kommt, werden einige aktiv. Sie holen sich Rat bei Fachleuten wie Peter Hirt, Energieberater der Verbraucherzentrale in Kiel. Der gelernte Versorgungsingenieur geht auf die Suche nach den Wärmebrücken im Haus, den Stellen also, wo Energie im wörtlichen Sinne verheizt wird.
Das können unisolierte Kellerdecken sein, dünnwandige Jalousienkästen oder auch Heizkörper, die in Nischen vor dem ungedämmten Mauerwerk plaziert sind - eine typische Erscheinung der sechziger Jahre: "Die produzieren dann schöne rote Flecken auf der Wärmebildkamera", sagt Hirt.
Jeder Farbtupfer auf dem Monitor bedeutet Geld. Bis zu zwei Drittel der Heizkosten könnten Hausbesitzer sparen, sofern sie alles unternähmen, was technisch möglich ist: von der Installation einer Brennwertheizung, die auch die Wärme der Abgase nutzt, kombiniert mit Solarkollektoren oder Wärmepumpen, bis zur Abdichtung von Dächern, Wänden und Fenstern.
Ein neuer Energiepass soll dafür einen Anreiz bieten. Der Ausweis, ausgestellt von einem Energieberater, stuft künftig jedes Gebäude nach seiner Effizienz ein. Das Ergebnis ist für jeden Laien leicht verständlich: Es reicht vom Optimalwert Grün bis zum mangelhaften Rot.
Schon vor Jahren hatte die EU die Einführung des bunten Dokuments verlangt. Lange wurde in Berlin gerungen, zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, zwischen Mieterverbänden und Immobilienwirtschaft. Herausgekommen ist ein seltsamer Kompromiss.
Wer sein Haus selbst bewohnt, benötigt keinen Pass. Ihm bleibt es weiter selbst überlassen, ob er Energie sparen oder verschleudern möchte. Nur wenn bei einer Immobilie der Nutzer wechselt, wenn sie also verkauft, vermietet oder verpachtet wird, muss das Dokument vom Jahr 2008 an vorgelegt werden.
Allerdings sind zwei sehr unterschiedliche Pässe vorgesehen: einer für unsanierte Gebäude mit bis zu vier Wohnungen, die älter als 30 Jahre sind. Er dokumentiert den Energiebedarf anhand von Kriterien wie Dämmstandard oder Heizungstyp. Dieser bedarfsorientierte Ausweis kann einige hundert Euro kosten.
Bei allen anderen Gebäuden reicht auch ein Energiepass, der lediglich den Verbrauch
berücksichtigt. Dieser Ausweis ist billiger zu haben, doch über die Energieeffizienz eines Gebäudes gibt das Papier kaum mehr Aufschluss als die jährliche Brennstoffrechnung. Und die ist abhängig von den Gewohnheiten der letzten Nutzer.
"Die Aussagekraft ist fast gleich null", kritisiert der BUND-Energieexperte Thorben Becker. Dennoch erwartet die Immobilienwirtschaft, dass der Energiepass ihr Geschäft verändert. Denn die neue Transparenz dürfte Konsequenzen haben für den Marktwert von Häusern und Wohnungen, aber auch für die Miete, die ein Eigentümer verlangen kann.
Je "grüner" ein Objekt bewertet wird, umso eher setzt er eine höhere Kaltmiete durch. Auch der störrischste Hausbesitzer wird dann wohl begreifen, dass die Sanierung ihm letztlich nutzt und nicht nur Kosten verursacht.
So könnte die Bereitschaft wachsen, in Effizienz zu investieren, zumal der Staat eine Menge Geld zur Verfügung stellt. Rund 5,6 Milliarden Euro hält die KfW bis 2009 zur Förderung von Umbauten bereit, viermal mehr als in den Vorjahren. Das staatliche Geldinstitut vergibt zinsgünstige Darlehen bis zu 50 000 Euro pro Wohnung, aber auch Zuschüsse von maximal 8750 Euro. Die Offensive gleicht einem kleinen Konjunkturprogramm. Es verschafft vor allem regionalen Betrieben zusätzliche Aufträge: Architekten, Schreinern, Installateuren. "Jede Milliarde Euro, die in die energetische Sanierung des Gebäudebestands investiert wird, sichert oder schafft 25 000 Arbeitsplätze im Bauhandwerk und Baugewerken", verspricht der jüngste Umweltbericht der Bundesregierung.
Allerdings ist das unfreiwillige Heizen der Umgebung nicht die einzige Verschwendung, die sich Hausbewohner leisten: Auch für den Betrieb ihrer Elektrogeräte verbrauchen sie weitaus mehr Energie als nötig. Das gilt für Kühlschränke und Gefriertruhen ebenso wie für Computer, Herde und Lampen. Ohne allzu große Mühe ließe sich in jedem Haushalt der Stromverbrauch um ein Drittel drosseln.
Es beginnt damit, abschaltbare Steckdosenleisten zu installieren, um Elektrogeräte vollständig vom Netz abklemmen zu können, also auch jene Modelle, die gar keinen Aus-Schalter mehr besitzen. In einem normalen Haushalt verursacht der Stand-by-Betrieb Stromkosten von immerhin mehr als 90 Euro im Jahr.
Allein der Computer samt Bildschirm und Drucker schlägt mit 24 Euro zu Buche. Zwei größere Kraftwerke könnten abgeschaltet werden, wenn die Verbraucher diesen unnötigen Leerlauf abstellten.
Unterschätzt wird häufig auch, wie viel Strom die Umwälzpumpen der heimischen Heizungsanlage verschlingen. Neue Modelle,
die das Warmwasser nach Zeit und Temperatur geregelt zirkulieren lassen, benötigen nur einen Bruchteil und drücken die Kosten erheblich. Würden sämtliche Heizpumpen in Ein- oder Zweifamilienhäusern erneuert, könnte theoretisch ein weiteres Kraftwerk vom Netz gehen. Das Problem: 60 Prozent der Bürger ist gar nicht bewusst, dass ihre Öl- oder Gasheizungen überhaupt Strom verbrauchen.
Besonders eindrucksvoll sind die Ersparnisse, die auf dem Feld der Beleuchtung möglich wären. Herkömmliche Glühlampen arbeiten seit mehr als hundert Jahren nach demselben primitiven Prinzip: Eine Drahtwendel, meist aus Wolfram, wird in einem luftleeren Glaskolben zum Glühen gebracht.
Der Wirkungsgrad dieser Methode ist ein Witz ohne Pointe: Nur fünf Prozent des Stroms wird in Licht umgewandelt, der Rest verpufft nutzlos als Wärme. Trotzdem verkaufen die Elektromärkte in Europa weiter jedes Jahr zwei Milliarden Glühbirnen.
Die Beleuchtung ist der größte Posten auf der Stromrechnung von Bürogebäuden. Auch die Lampen und Laternen, die Straßen und Wege mit Licht versorgen, benötigen Unmengen Energie, vielfach sind es uralte Modelle, ausgestattet mit der Technik der sechziger Jahre. Würden die Baudezernate in Europa auf moderne Leuchtmittel setzen, könnten sie 600 bis 700 Millionen Euro im Jahr sparen.
Wie solche Technologien aussehen, lässt sich in einem Forschungslabor in Aachen besichtigen. Dort tüfteln einige der 260 Physiker, Informatiker und Ingenieure des niederländischen Elektrokonzerns Philips an der Lichtquelle der Zukunft.
OLED heißt sie, das Kürzel steht für "Organic Light Emitting Diodes": Es sind dünne, großflächige Lichtkacheln aus Glas, auf denen Schichten von Polymeren aufgedampft werden. Sie lassen sich in Wände oder Möbel integrieren, können ihre Farbe verändern und sind besonders stromsparend.
"Es ergeben sich ganz neue Anwendungsmöglichkeiten", schwärmt Dietrich Bertram, Leiter der OLED-Entwicklung bei Philips Licht. In einigen Jahren, so die Vision, können solche Lichtkörper die klassische Neonröhre ersetzen.
Schon die herkömmlichen Leuchtdioden zeichnen sich dadurch aus, dass sie sogar länger halten als Energiesparlampen, zugleich aber robuster sind und unempfindlich gegenüber Vibrationen. Und sie reagieren blitzschnell auf Impulse. Deshalb verwendet sie die Autoindustrie immer häufiger auch als Bremsleuchten.
Solche Beispiele zeigen, welch immense Wachstumschancen im Geschäft mit grünen Technologien stecken. Das globale Marktvolumen für Effizienztechnik liegt Schätzungen des Bundesumweltministeriums zufolge derzeit bei 400 Milliarden Euro. Bis 2030 soll es auf rund eine Billion Euro steigen. Und die deutsche Wirtschaft hat gute Chancen, ein großes Stück davon abzubekommen.
In erneuerbaren Energien wie Wasserkraft, Fotovoltaik und Windkraft ist sie weltweit vorn dabei, auch dank üppiger Subventionen, die noch in der rot-grünen Ära geflossen sind. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz oder das 100 000-Dächer-Programm haben ihren Beitrag dazu geleistet, dass sich deutsche Hersteller mit ihren Innovationen auch international einen Namen machen konnten.
Die Windkraft habe nun das Zeug, "den Weltmarkt zu erobern", meint Fritz Vahrenholt, Chef des Hamburger Windkraftanlagenbauers Repower.
In der Tat sind die Exportchancen für hiesige Hightech viel versprechend. 19 Prozent aller Umwelttechnologien kämen heute schon aus Deutschland, stellte Bundeskanzlerin Merkel im vergangenen November vor dem Bundestag fest. "Es können ruhig noch mehr werden", spornte sie an.
China beispielsweise zeigt großes Interesse an Öko-Technik "Made in Germany". Der Führung in Peking ist durchaus bewusst, dass sie die teuren Ressourcen effizienter einsetzen muss, wenn sie den Öko-Kollaps vermeiden möchte. Jedes Jahr, so der Plan, soll die Energieeffizienz im Reich der Mitte um vier Prozent steigen, ein äußerst ambitioniertes Ziel.
Dabei können nicht nur Windräder oder Sonnenkollektoren helfen, sondern auch die Produkte ganz traditioneller Branchen wie Regel- und Verfahrenstechnik, Materialwissenschaft und Kraftwerkbau. All das sind Domänen der deutschen Industrie.
Hierzulande entwickeln Ingenieure Turbinen, die einen höheren Wirkungsgrad erreichen. Sie erfinden Reifen, die einen geringeren Rollwiderstand haben. Und sie zaubern Werkstoffe, die besser isolieren.
Burkhard Schwenker, Chef der Beratungsgesellschaft Roland Berger, sieht die deutsche Umweltindustrie bereits auf dem Weg zu einer Art "neuen Leitbranche". Die Wettbewerbsposition der Hersteller sei "hervorragend". Jedes Jahr könne sie um acht Prozent wachsen. Die Zahl der Arbeitsplätze, so die Prognose des Beraters, werde sich vervierfachen: von heute 170 000 auf mehr als 700 000 Stellen.
Die Technik ist also da, nur wird sie zu selten auch angewendet. Industriebetriebe und Dienstleister zeigen sich noch immer erstaunlich ignorant gegenüber dem Kostenfaktor Energie, obwohl sie sonst doch stets darauf bedacht sind, jeden Leerlauf aufzuspüren.
Ernst Ulrich von Weizsäcker, Mitbegründer des Wuppertaler Instituts und heute Dekan einer Managementschule im kalifornischen Santa Barbara, ist es ein Rätsel, dass Unternehmen nicht systematischer die brachliegenden Effizienzreserven aufspüren: "Ich kenne keine Branche, in welcher nicht eine Vervierfachung der Energieproduktivität erreichbar wäre."
Würden die Betriebe etwa sämtliche Elektromotoren mit moderner Regeltechnik ausstatten, könnte die Volkswirtschaft so viel Energie sparen, wie drei bis vier Großkraftwerke leisten. In der Praxis aber entscheiden sich die Einkäufer oft für das Gewohnte, die billigen Modelle. Ihnen ist es offensichtlich entgangen, dass langfristig 90 Prozent der Kosten eines Aggregats auf
den Strom entfallen. Mit anderen Worten: Die Extraausgabe macht sich irgendwann bezahlt.
Auf diesen Effekt setzt die Lüdenscheider Freund Drehtechnik GmbH: Sie hat gerade 12 000 Euro in die Beleuchtungsanlage ihrer neuen Fertigungshalle investiert, 4000 Euro mehr als nötig. Der Mittelständler aus dem Sauerland ließ sparsame Leuchtstofflampen mit speziellen Reflektoren installieren, die sich abhängig vom Tageslicht regulieren. Nach drei Jahren sollen sich die Mehrkosten amortisiert haben.
Langsam nur entwickelt die Wirtschaft ein Gefühl für den effizienten Umgang mit Energie. Für viele Vorstandschefs ist es noch immer einfacher, öffentlich über die Energiepreise zu räsonieren, als im eigenen Haus nach Umsetzungsmöglichkeiten effizienterer Technik zu fahnden. Ein Teil der Unternehmenswelt immerhin hat mit dem Umdenken begonnen - sei es aus Image-Gründen, aus Überzeugung oder einfach, um Kosten zu sparen:
* Das Logistikunternehmen UPS arbeitet daran, die elektronische Wegeplanung seiner Fahrzeugflotte zu optimieren. Das geht so weit, dass die Computer nun Routen vorschlagen, die unnötiges Linksabbiegen vermeiden, denn das kostet jedes Mal Zeit und Sprit.
* Wal-Mart, der weltgrößte Handelskonzern und bekannt für seine Knauserigkeit, stattet Supermärkte mit moderner Beleuchtungstechnik und Solaranlagen aus. Damit will das Unternehmen seinen Energieverbrauch um fast ein Drittel reduzieren.
* Auf sparsameres Fahrverhalten trainiert die Deutsche Bahn ihre Lokführer, die seither einen besonderen Ehrgeiz entwickelt haben: Sie lassen ihren Zug so lange wie möglich ausrollen. Auf einigen Strecken wurden schon 70 Kilometer geschafft, ohne nennenswerten Tempoverlust.
Andere Unternehmen wenden das Contracting-Modell an, um effizienter zu werden und so Kosten zu sparen. In der Zentrale von Microsoft Deutschland bei München konnte ein Contractor ein Sparpotential von 100 000 Euro pro Jahr ausmachen, obwohl das Gebäude erst vor fünf Jahren errichtet wurde. Der Dienstleister ist eine Tochter von Vattenfall und belegt: Auch die großen Versorger tummeln sich in dem neuen Geschäftsfeld.
Ansonsten aber ist gerade die Branche, die Energie erzeugt und vertreibt, berüchtigt dafür, am meisten davon zu vergeuden. Sie holt aus ihren Kraftwerken längst nicht das heraus, was technisch möglich wäre. Noch immer betreibt sie alte Braunkohlekraftwerke, die einen Wirkungsgrad von nur rund 30 Prozent erreichen. Jedes andere Gewerbe, das einen solchen Ausschuss produziert, wäre bald erledigt.
In Deutschland teilen sich die vier Großen - RWE, E.on, EnBW und Vattenfall - das Terrain. Sie bestimmen die Usancen des Geschäfts und setzen vorzugsweise auf Großkraftwerke, die ausgesprochen viel Wasser für die Kühlung benötigen und den Strom über ein teures und anfälliges Fernleitungsnetz transportieren.
Kleinere Anlagen, die in Ballungsräumen angesiedelt sind, arbeiten wesentlich effizienter. Solche Blockheizkraftwerke werden meist mit Gas befeuert und befinden sich ganz in der Nähe der Abnehmer - oft Krankenhäuser, Schulen oder Industriebetriebe.
Zudem sind sie in der Lage, Strom und Wärme gleichzeitig zu liefern.
An solchen dezentralen Strukturen freilich haben die Stromkonzerne naturgemäß wenig Interesse. Dabei bestünde jetzt eine einmalige Chance: In den kommenden zwei Jahrzehnten muss die Stromwirtschaft die Hälfte der Kraftwerkskapazität ersetzen. Das wäre die beste Gelegenheit, beispielsweise auf moderne Gas- und Dampfturbinenkraftwerke zu setzen; sie wandeln 60 Prozent der eingesetzten Energie in Strom um. Oder auf Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), die auch die Prozesswärme als Heizenergie nutzt: Mit solchen Techniken lässt sich der Wirkungsgrad auf mehr als 85 Prozent steigern.
Bislang läuft Deutschland hier der internationalen Entwicklung hinterher. Erst elf Prozent des Stroms wird in KWK-Anlagen hergestellt. Und nur wenige Städte wie Flensburg oder Schwäbisch Hall erzeugen größere Anteile ihres Stroms auf diese Weise. In den Niederlanden liegt die Quote bei 40 Prozent, in Dänemark sogar bei 50 Prozent.
Ursprünglich hatten die deutschen Versorger als Ziel ausgegeben, ihren KWK-Anteil bis 2010 zu verdoppeln. Das Ziel dürfte aller Voraussicht nach verfehlt werden. Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) hat deshalb seinen Kabinettskollegen Michael Glos (CSU) aus dem Wirtschaftsressort aufgefordert, den Schwüren nicht mehr zu trauen, sondern der Industrie klare Vorgaben zu machen.
Mit freiwilligen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft ist es eben so eine Sache: Jeder begrüßt sie. Keiner forciert sie. Und am Ende spielen alle nur auf Zeit.
Diese Lehre ließ sich schon aus dem Streit um die Grenzwerte für Autoabgase ziehen. 1998 hatte die Industrie zugesichert, bis 2008 den Ausstoß an Kohlendioxid im Schnitt auf 140 Gramm pro Kilometer zu senken, das entspricht einem Verbrauch von 5,9 Litern Benzin und 5,3 Litern Diesel. Davon sind Mercedes, Porsche, BMW und Co. weit entfernt. Dabei wäre auch das kein Kunststück.
Am Institut für Kraftfahrwesen Aachen arbeiten Wissenschaftler daran, einen VW Golf TSI mit 170 PS bis zum Sommer so zu modifizieren, dass er statt 7,2 Liter weniger als 5 Liter verbraucht - mit äußerst geringem Aufwand. Sie haben das Getriebe länger übersetzt, Gewicht reduziert, den Luftwiderstand verringert. Alles nichts Spektakuläres.
Inzwischen sind die Tüftler bei 5,8 Litern angelangt. "Wir wollen noch mehr schaffen", sagt der Ingenieur Markus Espig. Doch wie kann der Staat solchen Ehrgeiz befeuern?
Das Scheitern der freiwilligen Selbstverpflichtung wirft insgesamt die Frage auf, mit welcher Strategie die Effizienzpotentiale am ehesten zu heben wären. Genügt es, finanzielle Anreize zu setzen, etwa die Auslobung milliardenschwerer Gebäudesanierungsprogramme, um das Verhalten zu steuern? Oder sollte der Gesetzgeber doch besser Zwang ausüben und per Ordnungsrecht lenkend eingreifen?
Der Staat könnte durchaus mehr tun, meint jedenfalls BUND-Mann Becker. Es sei nicht einzusehen, weshalb beispielsweise der Verbrauch von Kühlgeräten für jeden Käufer sichtbar gekennzeichnet ist, Elektroherde oder Warmwasserboiler hingegen kein Etikett tragen müssten. Oder warum der Staat nicht mehr Druck auf die Versorger ausübt, Kraftwerke mit KWK-Anlagen auszustatten. "Wir brauchen klare gesetzliche Auflagen", fordert Becker.
In anderen Ländern gehen die Regierungen zum Teil weitaus konsequenter vor.
Japan etwa hat ein sogenanntes Top-Runner-Programm eingeführt. Dort wird das sparsamste Elektrogerät einer Warenklasse für drei bis zwölf Jahre zum Standard erhoben. Daran müssen sich alle Konkurrenzprodukte messen. Schaffen sie es bis dahin nicht aufzuschließen, werden sie als Energieschleudern geoutet, ihnen droht das Verkaufsverbot.
Die Niederlande versuchen es auf charmantere Art: Sie spendieren Prämien für Konsumenten, die besonders effiziente Produkte kaufen. Für den Quadratmeter Wärmeschutzverglasung gibt es 20 bis 30 Euro, die sparsame Waschmaschine wird mit 100 Euro bezuschusst.
Dänemark wiederum hat 1998 eine Art Stromsparfonds eingeführt. Jeder Kunde entrichtet seitdem eine Abgabe von 0,08 Cent pro Kilowattstunde. Daraus finanzieren die Dänen Effizienzprojekte, unter anderem eine Kampagne zur Umstellung von Elektroheizungen auf Fernwärme.
Auch Großbritannien besitzt einen solchen Fonds, den "Energy Saving Trust".
Das Wuppertal-Institut hat einmal durchgerechnet, wie ein solcher Fonds in Deutschland beschaffen sein könnte: Mit einem Aufschlag von 0,06 Cent je Kilowattstunde bei Öl oder Gas und 0,09 Cent beim Strom kämen jährlich bis zu 1,5 Milliarden Euro zusammen. Aus diesem Kapitalstock würde man Effizienzprogramme finanzieren. Im Ergebnis könnten die Verbraucher bis 2015 rund zwölf Prozent Energie sparen, das entspräche am Ende neun Milliarden Euro jährlich.
Deutschlands oberster Energiesparer, Dena-Chef Kohler, favorisiert einen anderen Weg: Der Verbraucher, so seine Philosophie, müsse selbst erkennen, wie vorteilhaft es ist, wenn er sich energieeffizient verhält.
Das geschehe zum Beispiel in dem Moment, wenn er einen neuen Kühlschrank kauft. Die Energieagentur hat deshalb kürzlich die Verkäufer von Elektroeinzelhändlern mit Materialien ausgestattet, die ihnen helfen sollen, die Kunden gezielt zu beraten. Mit einer Drehscheibe können sie nun herausfinden, wie viel Euro der Kunde im Jahr spart, wenn er das verbrauchsgünstigste Gerät nimmt.
Kohler ist sicher: "Das ist am Ende die entscheidende Botschaft." ALEXANDER JUNG
* Mit Umweltminister Sigmar Gabriel und Wirtschaftsminister Michael Glos beim Energiegipfel am 3. April 2006 in Berlin.
* Klaus Rauscher (Vattenfall), Utz Claassen (EnBW), Harry Roels (RWE) und Wulf Bernotat (E.on) am 3. April 2006 in Berlin.
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 7/2007
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