DER SPIEGEL

UMWELTAbschied vom Stromfresser

Seit Jahren verschmäht die Kundschaft die Energiesparlampen - in Zeiten des Klimawandels sollen die Bürger nun zu ihrem Glück gezwungen werden.
Ich weiß auch nicht, warum ich bisher kaum Energiesparlampen gekauft habe", sagt der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Martin Weber. Das wird aber jetzt anders im Hause Weber, wo noch die stromfressende Glühbirne dominiert. Der Forscher - Spezialgebiet: die Unvernunft im ökonomischen Handeln - will seine Birnenquote zügig von 90 Prozent auf unter 50 drücken.
Weber ist nicht der Einzige, der tätige Reue gelobt. Binnen wenigen Tagen hat sich die Stimmung gedreht im Land. Es genügte, dass vorige Woche in Australien ein neues Gesetz angekündigt wurde. Dort sollen von 2010 an keine Glühbirnen mehr verkauft werden, weil sie mit ihrem hohen Energiebedarf das Klima belasten.
Nun steht der deutsche Verbraucher plötzlich da wie ein Kindskopf, der sich den Sparlampen bockig verweigert. Über "ein Volk von bekloppten Birnenkäufern" lästerte die Berliner "tageszeitung". Und auf der politischen Bühne erschienen, wie angeknipst, Leuchten diverser Parteien - von Hermann Scheer (SPD) bis Jürgen Trittin (Grüne) - und forderten auch hierzulande ein Einschreiten des Staates. "Die Tage der Glühbirne sind gezählt", resümierte die "Frankfurter Rundschau".
Dass überhaupt noch Birnen in großen Mengen verkauft werden, ist in der Tat ein Rätsel; es gibt auch der Wissenschaft zu denken. Ein eigener Zweig der Ökonomie ergründet unsinniges Verhalten dieser Art. Die Frage ist: Warum handeln die Menschen zuweilen gegen alle Fakten?
Die herkömmliche Glühbirne mit ihrem glühenden Wolframdraht vergeudet bekanntlich 95 Prozent der Energie als Wärme - sie ist eher ein Heizkörperchen, das nebenher noch ein wenig Licht abgibt. Die Leuchtstoffröhre dagegen verbraucht für das gleiche Licht nur etwa ein Fünftel des Stroms; und sie hält rund zehnmal so lang. Über ihre Lebensdauer kann sie 70 Euro einsparen.
Zudem sind die Makel der frühen Jahre längst behoben: Es gibt Sparlampen mit warmem Licht und sogar solche, die sich dimmen lassen. Auch häufiges Ein- und Ausschalten ist, zumindest bei den besseren Modellen, kein Problem mehr.
Den Kunden rührte das bislang wenig. 270 Millionen Glühbirnen wurden vergangenes Jahr in Deutschland verkauft - aber nur 27 Millionen Sparlampen (das meldet der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie). Die olle Birne ist wohl einfach gar zu billig. Sie kostet kaum einen Euro, die Sparlampe dagegen leicht das Zehnfache. In dieser Lage gönnen sich die Menschen lieber die Sofortbefriedigung eines Schnäppchens; Verluste auf lange Sicht nehmen sie bedenkenlos in Kauf.
"Kosten, die später eintreten, werden beharrlich unterschätzt", sagt Guido Kiell von der Kölner Beratungsfirma Psychonomics. "Das ist wie beim Rauchen." Die Glühbirne zum Spottpreis bietet in etwa den Kick eines Lungenzugs. Was ist dagegen das bisschen Geld für den höheren Verbrauch, das erst viel später fällig wird?
Zahlreiche Studien belegen den Vorrang der augenblicklichen Befriedigung. Der niederländische Ökonom Peter Roelofsma etwa stellte seine Probanden zweimal vor die fast gleiche Wahl: ein Geschenk von 100 Gulden in 26 Wochen - oder aber, vier Wochen später, 10 Gulden mehr. Die große Mehrzahl beschloss zu warten. Mussten die Teilnehmer aber wählen zwischen 100 Gulden sofort oder 110 in vier Wochen, war es vorbei mit der Geduld. 82 Prozent verzichteten auf die zehn Gulden Zuschlag und zogen den Hunderter in bar vor.
Dabei kann der Verbraucher durchaus auch anders, wie der Erfolg der BahnCard beweist. Die Leute legen anstandslos 212 Euro für ein Stück Plastik hin, sobald sie ausgeknobelt haben, dass sie bei der dritten Fahrt zur Oma schon um knapp fünf Euro billiger wegkommen werden. Die Erklärung: Auf diese Art macht das Sparen Spaß. Der Kunde darf sich künftig Fahrkarten zum halben Preis schnappen, und die Aussicht auf fröhliches Beutemachen lockert ihm die Börse. Bei der Energiesparlampe dagegen verschwindet die Ersparnis in den abstrakten Posten der Stromrechnungen, ohne ein einziges Erfolgserlebnis zu hinterlassen.
Um zu verstehen, was den Sparlampen fehlt, genügt es, sich eine Welt vorzustellen, in der das Licht per Münzeinwurf angeht. Glühbirnen wären dort binnen zwei Wochen ausgestorben. Ohne Murren würden die Leute die erlesensten Sparlampen kaufen für den Genuss, dass sie statt einem Euro jedes Mal nur 20 Cent in den Zahlschlitz versenken müssen.
Auf seine Weise verhält sich der Glühbirnenverweigerer rational: Er lässt sich vom abstrakten Finanzgewinn nicht den gesunden Hunger nach dem Sparerlebnis verderben. Er ist ein Genusssparer, und für den Abschied von der Birne wird er eine Weile brauchen. Einen gesetzlichen Sparlampenzwang in Deutschland schließt das EU-Recht ohnehin aus, wie die Bundesregierung eilig versicherte.
Und auch auf dem Kontinent, der den Trubel auslöste, stößt die Staatsintervention auf Skepsis: Australische Umweltschützer geben zu bedenken, dass das Glühbirnenverbot den Ausstoß an Treibhausgasen - pro Kopf immer noch der höchste unter den Industrienationen - um nicht einmal ein Prozent senken wird. MANFRED DWORSCHAK
Von Manfred Dworschak

DER SPIEGEL 9/2007
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