DER SPIEGEL

„Manche Stars sind Primadonnen“

Philippe Dauman neuer Chef des US-Medienkonzerns Viacom, über den schwierigen Umgang mit Hollywood-Größen, seinen Krach mit Google und Wachstumspläne in Deutschland
SPIEGEL: Mister Dauman, Sie sind seit acht Monaten Chef des US-Medienkonzerns Viacom. Dazu gehören unter anderem die Hollywood-Studios der Paramount Pictures und der Musiksender MTV, also Geschäftsfelder, die von Stars und Glamour leben. Sie selbst sind Anwalt und haben zuletzt einen Fonds gemanagt. Führen Sie jetzt einen täglichen Kulturkampf?
Dauman: Überhaupt nicht, ich fühle mich sogar ausgesprochen wohl in einer so kreativen Umgebung. Klar haben sich anfangs auch intern viele gefragt: Wofür steht der Neue jetzt, wo will der hin? Aber ich habe mich sofort mit vielen Mitarbeitern getroffen und sie daran erinnert, dass ich bereits in den neunziger Jahren an der Übernahme von Paramount durch Viacom maßgeblich beteiligt war. Ich habe damals sehr viel Blut, Schweiß und Tränen investiert.
SPIEGEL: Immer öfter sind Filmstars wie Brad Pitt über gemeinsame Produktionsfirmen auch wirtschaftlich eng mit Ihrem Studio verbunden. Ist das Geschäftemachen mit Showgrößen dadurch komplizierter geworden?
Dauman: Sicher, manche Stars sind auch Primadonnen. Aber gerade Brad Pitt ist ein echter Profi und ein wunderbarer Mensch. Ich bin gleich in meiner ersten Woche als neuer Vorstandschef mit ihm im Jet unseres Tochterstudios DreamWorks von Los Angeles zu den Filmfestspielen nach Toronto geflogen. Menschen wie er haben eine sehr breite Perspektive, es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten.
SPIEGEL: Keinen Spaß mehr hatte Ihr Konzern dagegen an Tom Cruise, der vergangenes Jahr plötzlich abserviert wurde, nachdem sein letzter Film "Mission: Impossible III" enttäuschte und er sich einige peinliche Auftritte erlaubt hatte. Gilt also sogar für Weltstars: Wer nicht spurt, fliegt?
Dauman: Ganz so würde ich es nicht sagen. Es gab eine Menge Aufregung um ihn, aber er wird sicherlich auch in Zukunft sehr erfolgreich sein. Ich wünsche ihm dabei alles Gute. Unsere Beziehung, besonders die wirtschaftliche, ist allerdings vorbei. Wir konzentrieren uns auf andere Partner.
SPIEGEL: Dazu zählt nun auch Regiemythos Martin Scorsese. Sie haben vor kurzem einen
langfristigen Vertrag mit dem Oscar-Preisträger abgeschlossen ...
Dauman: Nur so viel: Er wird auch an TV-Konzepten für uns arbeiten, denn wir wollen mit Paramount auch wieder im Fernsehen präsent sein, und Scorsese ist wie andere kreative Talente an vielen verschiedenen Mediengattungen interessiert.
SPIEGEL: Auch mit Steven Spielberg sind Sie eng verbunden, seit Paramount für rund 1,6 Milliarden Dollar DreamWorks SKG gekauft hat, an dem er beteiligt war. Dennoch betont Spielberg bei jeder Gelegenheit seine Autonomie. Sind solche Top-Regisseure überhaupt zu steuern?
Dauman: Steven Spielberg wird immer die Autonomie haben, die er will. Er hat eine unglaubliche Liste von Erfolgen vorzuweisen, weil er eben so unglaubliche Instinkte fürs Filmemachen hat. Ehrlich: Für mich ist es sehr inspirierend, einfach nur Zeit mit ihm zu verbringen. Er hat übrigens gerade den Science-Fiction-Film "Transformers" für uns produziert, und wir hoffen, dass der Film so einschlägt, dass wir weitere Projekte und Fortsetzungen rund um diesen Stoff entwickeln können.
SPIEGEL: In den nächsten Monaten laufen im Kino etliche solcher Weiterentwicklungen an: der fünfte "Harry Potter", der dritte "Fluch der Karibik", "Shrek 3". Selbst Harrison Ford muss mit Mitte sechzig noch mal als "Indiana Jones" ran. Fällt Hollywood nichts Neues mehr ein?
Dauman: Der Reiz von Fortsetzungen liegt eben darin, dass diese Filmreihen zu ihren eigenen Marken geworden sind. Es gibt für sie bereits ein großes Publikum. Die Zuschauer wissen genau, was sie erwartet.
SPIEGEL: Das vergangene Jahr hat gezeigt, dass auch ganz andere Themen funktionieren: Einer Ihrer größten Erfolge war Al Gores Klimadokumentation "Eine unbequeme Wahrheit". Ist Politik plötzlich auch für Unterhaltungskonzerne sexy?
Dauman: So weit würde ich dann doch nicht gehen, auch wenn Gore sogar einen Oscar bekommen hat und der Film auch wirtschaftlich unerwartet erfolgreich war. Es muss aber schon ein besonders emotionales politisches Thema sein, damit es sich als Entertainment aufbereiten lässt. Wir folgen am Ende einfach den Wünschen des Publikums.
SPIEGEL: Das machen Sie zumindest in einem Punkt nicht: Die Hollywood-Studios kämpfen schließlich seit Jahren schon mit Online-Piraterie, dennoch wird der Aufbau legaler Download-Portale kaum vorangetrieben. Machen Sie am Ende denselben Fehler wie die Musikindustrie, dem Konsumenten nicht rechtzeitig ins Internet zu folgen?
Dauman: Es stimmt schon, dass es bislang relativ langsam voranging mit dem Download-Geschäft. Aber das liegt zunächst an der Technologie. Die ist einfach noch nicht komfortabel genug. Ich bin mir jedoch sicher, dass sich das Online-Geschäft in den nächsten Jahren schnell entwickeln wird. Wir haben unter anderem gerade eine Vereinbarung mit Apple getroffen, wodurch Teile unserer Filmbibliothek zum Herunterladen auf den iPod erhältlich geworden sind. Das funktioniert prima.
SPIEGEL: Google hat sich YouTube gekauft und Rupert Murdoch MySpace. Wie heißt die Internet-Zukunft von Viacom?
Dauman: Unsere Internet-Aktivitäten gehören schon jetzt zu unserem Kerngeschäft. Als ich vergangenen Herbst angetreten bin, hatte ich mir vorgenommen, 2007 unsere Umsätze im digitalen Geschäft auf 500 Millionen Dollar zu verdoppeln. Damals klang das sehr ambitioniert. Ich kann aber jetzt schon sagen, dass wir dieses Ziel auf jeden Fall erreichen werden, indem wir eine klare Strategie fahren: Wir bauen unsere Internet-Angebote exakt für die Zielgruppen, die wir auch sonst bedienen.
SPIEGEL: Beispiele bitte!
Dauman: Schauen Sie sich nur die Website von MTV an, da gibt es unzählige Angebote, um etwa Videos, Spiele oder Inhalte fürs Handy runterzuladen. Oder Nicktropolis, eine US-Web-Seite die wir mit unserem Kindersender Nickelodeon gebaut haben, um ein wirklich sicheres Angebot für Kinder zu schaffen, die von ihren Eltern dort angemeldet werden müssen. Bereits nach wenigen Monaten haben wir dort über drei Millionen registrierte Mitglieder.
SPIEGEL: Große, teure Internet-Akquisitionen schließen Sie also aus?
Dauman: Wir wollen lieber selbst Angebote entwickeln, die zu uns passen. Google hat vielleicht 5000 Leute mit einem Doktortitel, die ihre Technologie perfektionieren. Wir dagegen haben 5000 Kreative. Da liegt unsere Stärke.
SPIEGEL: Oder sind Ihnen vielleicht einfach die Preise zu hoch, die zurzeit für Ikonen des Web 2.0 bezahlt werden?
Dauman: Klar sind Sie heute ganz schnell bei einem unwirtschaftlichen Preis, wenn etwa zwei Technologiefirmen wie Google und Microsoft sich gegenseitig überbieten, nur damit der andere das Kaufobjekt nicht bekommt. Das hat schon etwas von Überhitzung und Blasenbildung. Aber das liegt auch daran, dass manche dieser neueren Unternehmen in ihrer Geschichte noch nie gestolpert sind. Ich kann Ihnen aber aus meiner sehr langen Erfahrung sagen: Jedes Unternehmen stolpert irgendwann mal. Nur, manchmal lernt man seine Lektion eben auf die harte Art.
SPIEGEL: Dieser Philosophie sind Sie offenbar auch gefolgt, als Sie vor wenigen Wochen Google auf über eine Milliarde Dollar verklagt haben, weil deren beliebte Internet-Videoseite YouTube kostenlose Ausschnitte
aus Ihren TV-Programmen anbietet, zum Beispiel "South Park" oder "The Daily Show".
Dauman: Mit der Klage wollen wir ein deutliches Signal senden: Seid vorsichtig! Es ist nicht in Ordnung für ein großes Unternehmen wie Google, sich einfach bei den Inhalten eines anderen zu bedienen und damit dann ordentlich Geld zu verdienen. Korrekt wäre es, zu uns zu kommen, über die Lizenzierung unserer Programme zu sprechen und dann gemeinsam die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für so einen Deal zu erarbeiten. Mit anderen Unternehmen, wie dem neuen Internet-TV-Anbieter Joost funktioniert das ja auch.
SPIEGEL: Ihre jugendliche Kernzielgruppe dürfte es eher uncool finden, dass Sie eine ihrer beliebtesten Internet-Seiten verklagen.
Dauman: Das sehe ich ganz anders. Wir bekommen sogar recht positive Rückmeldungen, weil die Leute unsere Beweggründe verstehen. Wir wollten ja auch keine Klage, das ist lediglich der letzte Ausweg, nachdem Google einfach nicht auf uns reagiert hat. Wenn die uns ihre großartige Suchtechnologie kostenlos zur Verfügung stellen und sagen würden: Wir haben da zwar wahnsinnig viel Geld in die Entwicklung gesteckt, und es war sehr viel Arbeit für sehr viele Leute, aber nehmt es ruhig - an diesem Tag würde ich vielleicht auch darüber nachdenken, denen all unsere kostbaren Produkte einfach so zur Verfügung zu stellen.
SPIEGEL: Gerüchteweise hatte Google Ihnen zwischenzeitlich Lizenzgebühren von 500 Millionen Dollar jährlich versprochen?
Dauman: Wirklich? Wo ist der Scheck? Den nehme ich sofort! (lacht) Nein, im Ernst: Wir haben einige Gespräche mit Google geführt, jedoch ohne Ergebnis. Und meines Wissens hat kein einziges großes US-Medienunternehmen eine Vereinbarung mit Google für die Verwendung seiner Inhalte auf YouTube getroffen.
SPIEGEL: Längst gibt es in vielen Ländern ähnliche Videoseiten wie YouTube. In Deutschland zählen dazu etwa Clipfish und MyVideo, wo pikanterweise die beiden großen Privatsenderkonzerne RTL und ProSiebenSat.1 engagiert sind - also Ihre direkte TV-Konkurrenz. Wie gehen Sie damit um?
Dauman: Auch denen sage ich ganz klar: Seid vorsichtig!
SPIEGEL: Bringt es Ihnen denn überhaupt etwas, wenn Viacom-Programme von den einschlägigen Seiten verschwinden? Inzwischen hat YouTube ja offenbar über 100 000 Clips entfernt.
Dauman: Natürlich, auf unseren eigenen Internet-Seiten ist seitdem viel mehr los. Aber auf YouTube sind immer noch zahllose Clips mit unseren Inhalten zu finden. Sie filtern Pornografie heraus, sie filtern Hasstiraden. Sie filtern Spam. Aber irgendwie bekommt es dieses Unternehmen, das die weltweite Informationsflut organisiert, nicht hin, unsere Inhalte herauszufischen. Das verstehe ich schlicht nicht.
SPIEGEL: Wogegen Sie allerdings nichts unternehmen können ist die Tatsache, dass überall im Internet Musikvideos zu finden sind. Das rührt am Kerngeschäft von MTV.
Dauman: Die Zeiten, in denen es bei MTV nur um Videos ging, sind schon lange vorbei. Klar ist Musik noch immer die Kernkomponente des Senders, aber die findet sich eben auch in allen anderen Programmbestandteilen wie Shows und Serien. Seien Sie sicher: MTV steht für Musik, und das wird auch so bleiben.
SPIEGEL: In Deutschland hat Viacom neben MTV, Viva und Nick vor wenigen Monaten mit Comedy Central seinen vierten TV-Sender gestartet. Sehen Sie hierzulande noch Wachstumschancen?
Dauman: Der deutsche Markt ist sehr wichtig für uns, und es läuft ja auch sehr gut: Im ersten Quartal des Jahres hatten wir Rekordquoten und Werbebuchungen für alle Sender. Der Umsatz ist gegenüber dem Vorjahr um über 30 Prozent gewachsen. So soll es natürlich weitergehen, und mit der zunehmenden Digitalisierung sehen wir durchaus Möglichkeiten, künftig noch mehr Kanäle zu starten.
SPIEGEL: Der Haupteigner von Viacom, Sumner Redstone, ist mittlerweile 83. Sein langjähriger Rivale Rupert Murdoch ist 76. Erleben wir zurzeit die Götterdämmerung der Medienpatriarchen, die künftig von Private-Equity-Managern und Investmentprofis abgelöst werden?
Dauman: Sicher werden die Medienkonzerne künftig von einem anderen Schlag von Managern geführt werden, denn Visionäre wie Redstone oder Murdoch gibt es nicht alle Tage. Aber ich bin mir auch sicher, dass die beiden noch sehr lange das Ruder in der Hand behalten werden.
SPIEGEL: Mister Dauman, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Philippe Dauman
gilt als enger Vertrauter des 83-jährigen Viacom-Haupteigners Sumner Redstone und hatte wesentlichen Anteil am Aufbau des US-Medienkonzerns. Bereits 1987 wurde der studierte Jurist in den Viacom-Vorstand berufen und half in den folgenden Jahren unter anderem, die Übernahme des Filmstudios Paramount Pictures und der US-Senderkette CBS einzufädeln. 2000 verließ er den Konzern und leitete die auf Medieninvestments spezialisierte Private-Equity-Firma DND Capital Partners. Seit September 2006 ist Dauman, 53, Viacom-Vorstandschef.
* Marcel Rosenbach und Thomas Schulz in München.
Von Marcel Rosenbach und Thomas Schulz

DER SPIEGEL 20/2007
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