DER SPIEGEL

STRAFVOLLZUGZum Sterben entschlossen

In deutschen Gefängnissen haben sich in zehn Tagen fünf Häftlinge umgebracht - jetzt versuchen die Behörden, Nachahmer zu stoppen.
Goethes erfolgreichsten Roman hat die nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter, 58, zuletzt als Schülerin gelesen. Wie ihre Kollegen in den anderen Bundesländern hätte sie nie gedacht, dass das Buch "Die Leiden des jungen Werthers" einmal eine Rolle im nüchternen Alltag der deutschen Justiz spielen würde.
Fünf Häftlinge haben sich innerhalb von zehn Tagen in den Gefängnissen von Siegburg, Wuppertal, Detmold und Magdeburg das Leben genommen. Sie waren zwischen 19 und 52 Jahre alt und haben sich mit selbstgebastelten Stricken erhängt, ein sechster konnte in letzter Minute gerettet werden.
Jetzt geht die Angst um vor einer neuen Selbstmordwelle, wie es sie immer wieder in Haftanstalten auf der ganzen Welt gibt. Psychologen bezeichnen das als den "Werther-Effekt": Als Goethes Roman über den Freitod des jungen Werther 1774 erschien, kam es zu vielen Nachahmungstaten, und das Werk wurde vielerorts verboten.
"Selbstmörder schwanken lange hin und her: Soll ich mich umbringen oder nicht", sagt Helmut Kury, Ordinarius für Rechtspsychologie an der Universität Freiburg. Seit 35 Jahren arbeitet er mit Gefangenen; sie seien oft in einer "enormen Stresssituation", häufig peinige sie Perspektivlosigkeit. Wenn dann der Suizid eines anderen Gefangenen bekannt wird, wirke das nicht selten wie ein Startsignal.
Unter Gefangenen ist die Selbstmordrate mindestens viermal so hoch wie bei Menschen in Freiheit, fast immer sind es Männer, die sich töten. Wie aus Untersuchungen des Kriminologischen Dienstes Niedersachsen hervorgeht, bringen sich die meisten von ihnen sonntags um.
Der Kölner Gefängnispsychologe Rainer Federlin hat die Erfahrung gemacht, dass sich Todessüchtige mit Selbstmördern identifizieren. Je mehr Details sie erfahren und auf ihr eigenes Leben beziehen können, desto eher reife der Entschluss, selbst auch ein Ende zu machen. Ein Phänomen, das nicht nur hinter Gittern vorkommt: Marilyn Monroes Tod löste reihenweise Suizide mit Hilfe von Tabletten aus. Und nachdem Uwe Barschel 1987 in einer Badewanne starb, kam es zu einer Reihe von ähnlichen Todesfällen.
Je weniger über einen Selbstmörder bekannt werde - über sein Leben und die Art seines Todes -, meint Federlin, desto geringer sei die Gefahr von Nachahmern. Sein Freiburger Kollege Kury erinnert sich an eine bizarre Selbstmordwelle in der Wiener U-Bahn vor gut 20 Jahren. Das Sterben habe erst aufgehört, nachdem die regionale Presse die Berichterstattung über die Selbstmörder eingestellt hatte.
Eine Nachrichtensperre gegen den Selbstmord hinter Gittern? 2003 hat die damalige NRW-Regierung das sogar diskutiert, denn kurz nacheinander hatten sich fünf Häftlinge in Düsseldorf das Leben genommen. Am Ende setzte sich die Erkenntnis durch, dass sich der Flurfunk in den Gefängnissen selbst nicht verbieten lässt - und die Öffentlichkeit ein Recht auf Information hat. Auch Ministerin Müller-Piepenkötter will daran nicht rütteln; zu groß sei die Gefahr, dass man in den Verdacht des Vertuschens von Missständen gerate.
Die frühere Richterin setzt auf Prävention und beorderte, quasi als Notfallkommando, ein paar Stunden nach Bekanntwerden des Doppel-Suizids von Siegburg drei Psychologen dorthin. Ob dergleichen hilft, ist unter Praktikern umstritten. Das Jugendgefängnis von Siegburg ist vergleichsweise gut ausgestattet, personell und räumlich. "Wir haben es nicht mit einem Quantitätsproblem zu tun", sagt Michael Thewalt, Leiter des Kölner Gefängnisses "Klingelpütz". Wichtig sei "Zuwendung und Hinhören", aber auch da stoßen die Vollzugsbeamten an Grenzen, wenn etwa die Familien nicht mitspielen. Thewalts jüngster Sorgenfall ist gerade mal 14 Jahre alt. Der Junge soll mit drei Kumpels einen Mann umgebracht haben, seine Mutter will nichts mehr von ihm wissen.
Thewalt setzt zur Prophylaxe auf Gespräche mit den Gefährdeten. Für besonders gefährdet hält er Neuzugänge, aber auch Schwerkriminelle mit langen Strafen, die irgendwann einmal Bilanz ziehen: "Was habe ich noch vom Leben zu erwarten?"
Seine Mitarbeiter hält Thewalt an, Verhaltensänderungen zu melden, etwa wenn ein Häftling nicht mehr isst oder sich immer mehr zurückzieht. Bei den jüngsten Selbstmorden fehlten solche Signale offenbar: Sebastian P., 19, und Umberto D., 27, waren wegen schweren Diebstahls zu jeweils zwei Jahren verurteilt, der eine schrieb in seinem Abschiedsbrief etwas von "Beziehungsproblemen", der andere schmiedete noch vor kurzem Zukunftspläne - und nahm sich doch an seinem Geburtstag das Leben.
Ein Muster ist kaum zu erkennen. Nicolas Z., 20, war wegen Mordes an seiner Freundin zu neun Jahren verurteilt worden, sein Haftende war 2015 vorgesehen. Der 42-Jährige aus Magdeburg, der sich nach fünf Monaten in Untersuchungshaft umbrachte, hätte in Kürze einen Haftprüfungstermin gehabt. Und im Detmolder Fall handelt es sich um einen 52-jährigen U-Häftling, dem sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde.
Wer zum Sterben entschlossen ist, lässt sich durch nichts abhalten. Die Gefangenen erhängen sich in Gemeinschaftszellen, wenn die anderen schlafen; sie bringen sich auch in besonders gesicherten Zellen um. Im Ruhrgebiet hat sich ein Häftling sogar im Liegen mit einem Stück Seil an einem Rohrstummel erdrosselt, der nur 30 Zentimeter über dem Fußboden aus der Wand ragte - er stemmte sich mit den Füßen von der Wand ab, bis die Schlinge um den Hals ihm das Bewusstsein raubte. BARBARA SCHMID
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 20/2008
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