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GesellschaftMission E 14

Ortstermin: Wie in Frankfurt Hartz-IV-Empfänger andere Hartz-IV-Empfänger zum Energiesparen erziehen
Herr Walter zeigt auf den kleinen, runden Staubsauger, der im Flur steht. "Saugen Sie oft?", fragt er.
Die junge Frau zieht die Schultern hoch. "Alle zwei Tage? 'ne Viertelstunde?" Er schaut die junge Frau an, über seine schwere Brille hinweg, die vorn auf der Nase schwimmt wie ein dunkles Schiff. Er würde gern genau sein. Es geht um Geld und um die Umwelt. Aber wer weiß schon, wie oft er saugt? Und wie lange?
"Gut, ich sach dann mal: eine Stunde pro Woche. Gerundet." Walter schreibt die Stunde in das Protokoll. "So, die Beleuchtung", sagt er und geht jetzt in das kleine Wohnzimmer mit Couch, Ballonlampe und Katzenkratzbaum. Er steckt seinen Kopf in den Ballon der Ballonlampe. "Zwei Glühbirnen, aha. 25 Watt. E 14, okay."
"Ich hab hier noch 'nen Wasserkocher", sagt die junge Frau. "Wasserkocher, Toaster nehm ich unter Kleingeräte auf", sagt Walter. "Sind alle zusammen 100 Watt am Tag. Weiß ja keiner so genau, wie oft die an sind. 100 Watt is 'n Erfahrungswert."
Klaus-Dieter Walter ist 57. Sein Kollege Achim Eissler 59. Walter ist eigentlich "staatlich geprüfter Techniker. Feinwerktechnik". Eissler ist eigentlich Elektromechaniker, arbeitete aber zwölf Jahre in Afrika, "im Tourismusbereich". Walter hatte vor ein paar Jahren einen Herzinfarkt. Eissler hatte drei Schlaganfälle.
Beide waren sie eine Zeitlang arbeitslos und hatten nicht nur Glück im Leben. Jetzt sind sie beschäftigt in einem Projekt der Caritas in Frankfurt am Main, das "Energiesparservice" heißt.
Seit 2006 werden dort Langzeitarbeitslose zu Energiesparberatern ausgebildet. Jedes Jahr zwölf Leute. Vermittelt und finanziert vom Jobcenter. Sie gehen, das ist der Plan, in die Wohnungen von Hartz-IV- und Sozialhilfeempfängern und beraten sie kostenlos, wie man Energie spart und damit Geld.
Sie erstellen ein Einspar-Gutachten, und am Ende bringen sie bei Bedarf auch noch ein paar Dinge mit, auch kostenlos. Energiesparlampen. Sparduschköpfe. Perlstrahler für Wasserhähne, um den Wasserverbrauch zu senken.
Walter und Eissler bieten, wenn man so will, eine kleine Lösung an im Kampf gegen die hohen Energiepreise und den CO2-Ausstoß. Während man in der deutschen Politik jetzt über Sozialtarife für Einkommensschwache diskutiert, kümmern sich Walter und Eissler um das Energiebewusstsein der Einkommensschwachen.
"PC-Anlage, aha", sagt Walter. Er geht in das Schlafzimmer. "Stand-by, aha", sagt er und steckt den Strommesser an. "Zehn Watt Verbrauch schon im Stand-by", sagt er. Die junge Frau nickt erschrocken. Zehn Watt. "Bringe ich Ihnen die Steckdosenleiste mit. Die hat 'nen Knopf, da treten Sie rauf, und alles ist aus. Klick-klack", sagt Walter.
Die junge Frau steckt sich eine Zigarette an. Vor kurzem wurde ihr mal der Strom abgestellt, weil sie ein paar Rechnungen nicht bezahlt hatte. Ein Missverständnis, sagt sie. Eissler steht am offenen Fenster, raucht ebenfalls und blinzelt in die Sonne. Wahrscheinlich ist heute nicht der beste Tag für eine Energiesparberatung. Ende Juli, 30 Grad. Walter schaut auf die Messdaten.
Als Klaus-Dieter Walter Energiesparberater wurde, vor fast einem Jahr, war er zunächst enttäuscht. Es gab kaum Nachfrage. In den Jobcentern lagen Informationszettel aus über die kostenlose Beratung. Walter und Eissler verteilten die Informationszettel auch in den Hochhausvierteln der Stadt, sie bauten Info-Stände auf, aber fast niemand kam.
Eissler glaubt, dass es vor allem an zwei Dingen lag: der Scheu, sich als Hartz-IV-Empfänger zu outen; und dem Egal-Gefühl. "Heizung zahlt das Amt doch sowieso", sagt Eissler.
Das Egal-Gefühl ist die große Energiesparproblemzone. Bei den Armen und auch bei den Reichen. Niemand spart gern, wenn er nicht muss. Sparen ist, ähnlich wie Mülltrennung, nie besonders sexy.
"Jetzt steigen aber die Stromkosten wie verrückt", sagt Walter. "Für Strom gibt es keinen Zuschuss", sagt Eissler.
Das Egal-Gefühl wird teuer.
Seit dem Frühjahr, seit der Jahresabrechnung, gewinnt die Sache an Fahrt. Immer mehr Leute rufen an. Die zwölf Mitarbeiter haben jetzt rund 25 Termine im Monat. Womöglich kommen sie auf 240 Haushalte in diesem Jahr.
Walter schaut auf die Messdaten. Im Schnitt holen Walter und Eissler zwischen 80 und 100 Euro Einsparung im Jahr pro Wohnung raus.
"Damit gleichen wir zumindest die nächste Stromerhöhung aus", sagt Eissler. Walter schaffte auch mal 200 Euro, "aber das war 'ne Vierzimmerwohnung und überall Kronleuchter mit zehn Glühbirnen und so Sachen".
Der Traum für einen Energiesparberater. Walters bester Fall.
Die Wohnung der jungen Frau hat rund 50 Quadratmeter. Keine Kronleuchter.
"Beim Wasser ist vielleicht was zu holen", sagt Walter. "Beim Strom weniger. Ich schätze: 35 bis 40 Euro Einsparpotential im Jahr. Mehr is nich drin."
Die beiden sehen ein bisschen enttäuscht aus. Sie haben so viel gemessen und protokolliert. "Es geht mir eigentlich nicht so um das Geld, eher um die Umwelt", sagt die junge Frau.
"Ach", sagen die beiden erstaunt. Dann packen sie zusammen.
JOCHEN-MARTIN GUTSCH
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 32/2008
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