DER SPIEGEL

IRAK„Herzlich und warm“

Löste die ungeschickte Aussage einer US-Botschafterin den Kuwait-Krieg mit Zehntausenden Toten aus? Ein Lehrstück über Diplomatie und Leichtfertigkeit.
Am Vormittag des 25. Juli 1990 bestellt Iraks Diktator Saddam Hussein die US-Botschafterin April Glaspie ein. Es ist ihr erster Termin bei dem Diktator, er dauert zwei Stunden und geht als eine der umstrittensten Episoden der amerikanischen Diplomatie in die Geschichte ein.
Schon am selben Abend schickt Glaspie ihren Bericht über das Gespräch nach Washington. Sie fasst es unter der Überschrift zusammen: "Saddams Botschaft der Freundschaft an Präsident Bush".
Nur acht Tage später aber bricht der Krieg aus: Saddams Truppen marschieren in Kuwait ein, und ein Konflikt beginnt, der mehr als 15 Jahre dauern und selbst nach Saddam Husseins Tod nicht zu Ende sein wird.
Ein Alptraum für jeden Diplomaten. Was ist in dem Gespräch passiert?
Saddam steht im Sommer 1990 unter Druck. Sein Land, klagt er, sei nach acht Jahren Krieg gegen Iran ausgelaugt und hoch verschuldet. Seine arabischen Nachbarn aber, vor allem die Kuwaiter, hielten den Ölpreis künstlich niedrig, so niedrig, dass im Irak die Renten der Witwen und Waisen gekürzt werden müssten.
"An dieser Stelle", heißt es in Glaspies Bericht, "brachen der Übersetzer und einer der Protokollanten zusammen und weinten."
Dann kommt Saddam auf den umstrittenen Verlauf der Grenze mit Kuwait zu sprechen. Es wird technisch, es geht um Kilometerzahlen. "Die Botschafterin", schreibt Glaspie über Glaspie, "sagte, sie habe vor 20 Jahren in Kuwait gedient; damals, wie heute, nähmen wir in diesen arabischen Angelegenheiten keine Position ein."
Wenige Wochen später veröffentlichen die Iraker, alle diplomatischen Gepflogenheiten brechend, eine gekürzte Mitschrift des Gesprächs. Nie hat Amerika die Worte eines seiner Diplomaten so genau gewogen, nie einen einzelnen Satz so kontrovers diskutiert wie den von Botschafterin Glaspie.
Ihre Antwort habe Saddam Hussein "verwirrt", sagen ihre Kritiker. Sie sei missverständlich, viel zu undeutlich gewesen. Saddam habe glauben können, dass sich die USA heraushalten würden, sollte er Kuwait angreifen. Deshalb habe Glaspie entscheidend zum Ausbruch des Kriegs beigetragen.
Diese Kritik treffe nicht zu, sagen ihre Verteidiger. Glaspie habe zu Saddam gesagt, was jeder Diplomat in dieser Lage ihm gesagt hätte.
Entschieden ist die Kontroverse bis heute nicht. Doch jetzt liegen weitere, bislang unveröffentlichte Berichte vor, die US-Botschafter zwischen 1985 und 1990 aus Bagdad schrieben. Sie zeigen, in welchem politischen Umfeld Glaspie arbeitete, wie Amerika damals zu Saddam Hussein stand - und wie es zu dem verhängnisvollen Satz kam.
Seit dem Sechstagekrieg haben die USA und der Irak keine diplomatischen Beziehungen mehr unterhalten. 1984 wird die Botschaft wieder eröffnet, und von Anfang an dominiert ein Thema die Berichte der US-Diplomaten aus Bagdad, das sie auch heute wieder dominiert: Iran.
Von den Bergen Kurdistans bis an den Schatt al-Arab stehen Saddams Truppen denen des revolutionären Iran gegenüber, und es ist ganz eindeutig, wessen Seite in diesem Krieg Amerikas Sympathien hat. Washington will, dass Saddam gewinnt.
Im Winter 1987 trifft Glaspie im Irak ein. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 46 Jahre alt und hat Erfahrung in den arabischen Ländern. Washington hat keine Anfängerin nach Bagdad geschickt.
Eine erste Reise führt sie zu den Christen in den Norden, deren Lage sie zufriedenstellend findet. Was immer dort an "Umsiedlung" stattgefunden haben möge, sei seit Wochen schon vorbei. Saddams Gouverneur der Provinz Mossul sei "stets liebenswürdig", sein Sicherheitschef "hilfreich und einfühlsam". Überhaupt sei überall zu sehen, wie viel Geld die Regierung für die Christen ausgebe, ein Kloster sei renoviert und eine ganze "Anzahl von funkelnagelneuen Dörfern" angelegt worden - "Saddam-Modell-Dörfer" genannt.
Das alles mag so gewesen sein - doch es ist, Anfang 1988, ein mutwillig ignoranter Blick auf den Irak. Während Frau Glaspie in Mossul weilt, lässt Saddams Schwager Ali Hassan al-Madschid ("Chemie-Ali") 250 Kilometer östlich die nordirakischen Kurden mit Giftgas bombardieren. Am 16. und 17. März 1988, zehn Wochen nach Glaspies Reise, trifft es die Stadt Halabdscha. Etwa 5000 Menschen kommen allein an diesen beiden Tagen ums Leben, Hunderte sterben später qualvoll an den Folgen.
Und es ist nicht so, als wüsste die US-Botschaft in Bagdad davon nichts. Mitte Februar ist der iranische, aber auf Seiten Saddams gegen Iran kämpfende Kurden-Führer Abd al-Rahman Ghassemlu in Bagdad und schaut, nach einem Termin beim Diktator, auch bei den Amerikanern vorbei. Nach Geld oder Waffen, lässt er wissen, frage er nicht. "Natürlich, davon hätte man immer gern noch mehr. Doch wir haben reichlich."
Dann schildert er, was sich im Norden gerade abspielt. "Der politische Referent fragte Ghassemlu nach seiner Reaktion auf die irakische Zerstörung kurdischer Dörfer. Ghassemlu gab an, dass die ,meisten' Dörfer zerstört seien, schien in diesem Punkt aber leidenschaftslos." Der Kurde sagt den Amerikanern auch ganz genau, wer für die mörderischen Angriffe im Norden verantwortlich ist: "Saddam. Er ist für alles verantwortlich."
Früh taucht in den Berichten der Amerikaner die Angst der Iraker auf: dass Amerika den Irak fallenlassen und sich Iran annähern könnte. Glaspie berichtet beruhigend nach Hause: "Wir haben den Irakern auf hoher Ebene und durch verschiedene Kanäle versichert, dass wir nicht daran denken, zu der einen oder anderen Seite zu ,neigen'."
Deutlich spricht gegen Ende des Krieges im Frühjahr 1988 die wachsende Zuversicht der Iraker auch aus den Berichten der US-Botschaft. Die Diplomaten schreiben über die ausgezeichnete Zusammenarbeit hinter den Kulissen.
Als der Krieg nach acht Jahren und annähernd einer halben Million Toten dann schließlich zu Ende geht, setzt Glaspie das Wort "Sieg" zwar in Anführungsstriche; sofort rückt nach den Siegesfeiern aber wieder die iranische Bedrohung in den Fokus, welche die USA und Saddams Irak grundsätzlich verbindet - und jede Klage über Mord, Gaskrieg und Menschenrechtsverletzungen in den Hintergrund treten lässt. "Wir bezweifeln", schreibt Glaspie, "dass die Iraker so naiv sind zu glauben, dass irgendein klerikales Regime in Iran, selbst nach dem Tod Chomeinis, die Revolution oder ihre integralen Bestandteile, Expansionismus und die Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Länder, vor allem des Irak, aufgeben wird."
Dann aber mehren sich Anfang 1990 "dunkle Wolken über dem irakisch-amerikanischen Verhältnis". So sagt es Saddam selbst, als er nach einem Besuch des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak vor die Presse tritt. Das gelte vor allem, "wenn die zionistische Lobby in die US-Politik eingreift". Regt sich die Botschafterin auf? Stört sie sich an der Wortwahl des irakischen Diktators?
Nein, sie schickt einen Bericht mit der Überschrift "Saddam erklärt und verteidigt". Darin berichtet sie von dessen "lebenslanger Bemühung, einen Sinn für Identität unter den Irakern zu stiften - einen Sinn, den er, wie er sich oft erinnert, als Kind vermisst habe". Ihre Einschätzung des irakischen Präsidenten im April 1990: "Saddam verstellt sich nicht. Er ist wirklich besorgt über Israel und Iran."
Im Mai, Saddam stößt bereits wütende Drohungen gegen Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate aus, treffen sich die Staatschefs der Arabischen Liga in Bagdad. Wieder lobt Glaspie Saddams Bemühungen. Er habe "einen Schritt nach vorn gemacht" und die Araber, wenn auch auf dem "kleinsten gemeinsamen Nenner", zusammengebracht.
Ahnt sie wirklich nicht, welcher Sturm heraufzieht? Anfang Juni schickt Glaspie einen Bericht nach Washington, der, ohne erkennbare Ironie, "Intellektuelle Führung" überschrieben ist. Saddam habe zuletzt viele Stunden mit einer Gruppe von sechs Männern verbracht, um die letzten Korrekturen an der neuen Verfassung anzubringen. Die Namen dieser Männer solle sich das State Department merken, das Projekt sei "wichtig". Als dächte Saddam, zwei Monate vor seinem Einmarsch in Kuwait, im Ernst an die irakische Verfassung - ja, als hätte dieser notorische Verschwörer und Geheimdienstmann in seinem Leben je eine Verfassung ernst genommen.
Wenig weiß die Botschafterin, ihren Berichten nach zu schließen, vom zaghaften Zweifel, den manche in Saddams Clique gegen seinen immer konkreter werdenden Invasionsplan vorbringen. Gerüchte, Saddam stehe im Innern unter Druck, hält sie für "Fabrikationen" Irans und irakischer Exilanten. Ausdrücklich widerspricht sie einem Bericht der US-Botschaft in Kuwait, wonach Saddams irritierendes Verhalten auf "internen Druck und Instabilität seines Regimes" hindeute - was, nachträglich betrachtet, aber sehr wahrscheinlich ist. Die Botschafterin in Bagdad besteht darauf, dass Saddam von vielen Dingen getrieben sei, aber gewiss nicht von Putschgerüchten.
Worauf zwei Absätze folgen, die ernste Zweifel an Glaspies Abstand zu Saddams Regime wecken: "Wir wollen nicht behaupten", schreibt sie, "dass es hier nicht gelegentlich zu ,disziplinarischen Maßnahmen' komme. Sabah Mirsa, der kurdische Flügeladjutant des Präsidenten zum Beispiel, hat sich in diesem Jahr zweifellos etwas zuschulden kommen lassen. Er wurde festgenommen und mag tot sein." Und im Übrigen, schreibt sie, bemühe sich Saddam, "die Wohlfahrt der Bürger zu verbessern. Die Partei hat kein Problem, Tausende jubelnder arabischer (nicht kurdischer) Iraker aufzutreiben, um ihren Präsidenten zu grüßen".
Im Juni 1990 strahlt der US-Sender ABC ein Interview aus, das die Journalistin Diane Sawyer auf Vermittlung der Botschaft mit Saddam Hussein geführt hat.
Die Iraker sind sauer, weil das Dreistundengespräch auf 20 Minuten zusammengeschnitten wurde. Wieder wirbt Glaspie für Verständnis, sowohl bei Saddams persönlichem Sekretär als auch in Washington. Saddam werfe auch jetzt noch "nicht das Handtuch". Er halte an seiner "neuen Politik fest, für die westliche Presse verfügbar zu sein, und ist willig, sich der irakischen Öffentlichkeit ungeschminkt zu zeigen, Warzen eingeschlossen".
Diane Sawyers Interview taucht schließlich auch in dem umstrittenen Gespräch vom 25. Juli auf. "Die Botschafterin sagt, sie habe die Diane-Sawyer-Show gesehen und finde, dass sie billig und unfair gewesen sei. Aber die amerikanische Presse behandle alle Politiker ohne Glacéhandschuhe - das ist unser Weg."
War es der eine Satz über Amerikas Neutralität in arabischen Grenzfragen, der Saddam Hussein bewogen hat, in Kuwait einzumarschieren? Diese Frage hätte wohl nur Saddam selbst eindeutig beantworten können. Doch die jetzt bekanntgewordenen Berichte zeigen, dass Glaspie und ihr Vorgänger das Regime von Anfang an extrem wohlwollend beurteilten, über Saddams längst bekannte Verbrechen hinwegsahen und, im Licht ihrer gemeinsamen Feindschaft zu Iran, geradezu fahrlässig unkritisch waren.
Diese Haltung bestimmt letztlich auch Glaspies schicksalhafte Begegnung mit Saddam. Der Präsident sei "herzlich, vernünftig und sogar warm", beginnt sie ihren Bericht. Seine Behauptung, er suche im Konflikt mit dem Nachbarn Kuwait "eine friedliche Lösung, ist sicher aufrichtig", schließt sie. Dazwischen: Absatz um Absatz über den Egoismus der Kuwaiter und den Friedenswillen der Iraker.
Saddam Hussein hat die Botschafterin zweifellos irregeführt, auch zu seinem Schaden. Aber schwer hat sie ihm das nicht gemacht.
Vier Berichte schickt die Botschaft Bagdad noch bis Kriegsbeginn. Einer beginnt mit der Fehleinschätzung, Saddam gehe tatsächlich auf die letzten Vermittlungsversuche des Ägypters Husni Mubarak ein, endet aber mit einem ethnologischen Befund, der mehr über die wahren Kriegsmotive sagt als manche Analyse, die nachher kam:
Man kann die Tiefe der antikuwaitischen Gefühle im Irak gar nicht genug hervorheben. Die Abneigung ist alt und tief … Selbst unsere kultiviertesten irakischen Kollegen werden zu Neandertalern, wenn es um die Kuwaiter geht.
Die Kuwaiter, die mit Taschen voller (schwarz gewechselter) irakischer Dinar kommen und sie mit vollen Händen ausgeben, kommen nicht aus der gebildeten Mittelklasse - die fährt nach Europa. Der Irak bekommt das ab, was dem "white trash" entspricht, der unteren Mittelklasse, die freitags in großen Mengen in Basra zu sehen ist sowie in den Sommerfrischen im Norden, oft betrunken, manchmal mit unmöglichem Benehmen und oft als Spieler in den sonst leergefegten Casinos. Sie kommen auch nach Bagdad und stellen die Kundschaft für billige Nachtclubs und Callgirls.
Die Iraker empfinden die Kuwaiter als unglaublich geizige Shylocks, die es sich gutgehen lassen, während die Iraker im Krieg so schreckliche Opfer brachten.
Vier Tage danach fliegt Botschafterin April Glaspie nach Washington.
Sieben Tage später, am 2. August 1990, überschreiten irakische Truppen die Grenze zu Kuwait.
Glaspies Stellvertreter Joseph Wilson, 13 Jahre später berühmt geworden als Ehemann der enttarnten CIA-Spionin Valerie Plame, schickt die kürzeste Meldung, die aus der Botschaft Bagdad erhalten ist: "Wir versuchen seit 6.30 Uhr früh Ortszeit, hohe Beamte des Außenministeriums zu erreichen, auch Außenminister Tarik Asis. Staatssekretär Hamdun ist anscheinend nicht zu Hause, denn dort hebt niemand ab … Botschaft hat ein Krisen-Team zusammengestellt."
Saddam hat zugeschlagen. Über Nacht ist aus dem Mann, der fast zehn Jahre lang Amerikas Verbündeter war, ein Todfeind geworden. Was vorher richtig schien, ist plötzlich falsch geworden.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 49/2010
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