DER SPIEGEL

GESUNDHEITAlpakas im Altenheim

Therapien mit Hunden, Lamas oder Delphinen finden immer mehr Kunden. Mediziner zweifeln allerdings am längerfristigen Nutzen der Behandlung.
Vor einigen Tagen hatte Matthias Feindert, der Vorsitzende des Hamburger Vereins "Alpakatherapie", mal wieder einen auswärtigen Einsatz. Ein Seniorenheim rief an. Ob er vorbeischauen könne? Die Begegnung mit den Alpakas werde den zumeist dementen Bewohnern sicher guttun, glaubten die Betreuer. Doch leider müsse er mit den Tieren in den dritten Stock kommen, denn die Senioren könnten nicht mehr nach draußen gehen. "Kein Problem", sagte Feindert.
Er lud die beiden ruhigen Wallache Condor und Bandit in einen Anhänger, kurvte mit ihnen quer durch die Stadt, packte sie im Seniorenheim in den Aufzug und fuhr in den dritten Stock. Dort warteten die Senioren schon an der Lifttür. Alpakas sind in der kargen Gebirgslandschaft Boliviens oder Perus zu Hause und ähneln den Lamas. Im Hamburger Altenheim liefen Condor und Bandit zu therapeutischen Zwecken ein paar Runden um den Stuhlkreis, dann durften die alten Leute den Tieren durch das Fell wuscheln, das so dick wie ein Flokati ist.
Szenen wie diese spielen sich in deutschen Pflegeeinrichtungen inzwischen häufiger ab. Schmusehunde hopsen gegen Gebühr auf die Betten von Wachkoma-Patienten, Mini-Schweine laufen für 150 Euro die Stunde über die Flure von Behinderteneinrichtungen, Kaninchen und Meerschweinchen hoppeln über die Tische geriatrischer Abteilungen, der taktilen Reize wegen. Das alles nennt sich meist "tiergestützte Therapie" und lockt häufig mit großen Heilsversprechen.
Hibbelige Kinder würden in der Gegenwart von Hunden ruhiger, heißt es dann, traumatisierte Kriminalitätsopfer lernten Vertrauen, Krebskranke schöpften im Angesicht von Pferden oder Lamas neue Hoffnung. Anbieter der Delphin-Therapie locken gar mit der Aussicht auf die "entscheidende Wende" im Rehabilitationsprozess. Um den Meeressäugern nahezukommen, seien schwerbehinderte Kinder ganz plötzlich zu bisher ungewohnten Bewegungsabläufen in der Lage.
Und weil sich die Angehörigen kranker oder behinderter Menschen oft nur allzu gern noch an die letzte Hoffnung klammern, wächst das Angebot stetig. Mittlerweile drängen Tausende Tierbesitzer, die sich zum Reha-Angebot berufen fühlen, in den lukrativen Markt und kassieren zum Teil ohne jede therapeutische Vorbildung saftige Honorare.
Hundebesitzer, die früher ehrenamtlich in den Kindergarten gingen, stellen jetzt pro Stunde gern mal 300 Euro in Rechnung - als angebliche Prophylaxe gegen psychische Erkrankungen.
Natürlich könne der Umgang mit Tieren für ein wenig Freude sorgen, sagt die Würzburger Psychologin Eva Stumpf, eine Expertin für tiergestützte Therapien. Doch die Angebote hätten wohl zumeist "keinen längerfristigen Effekt". Deshalb lassen sie sich bei den Krankenkassen auch nicht abrechnen.
Die Skepsis von Wissenschaftlern und Kassen hat dem Boom bislang allerdings keinen Abbruch getan. Besonders die Delphin-Therapie ist dank großangelegter PR-Kampagnen noch immer schwer im Kommen. Doch weil sie teuer ist, drängen auch Discount-Varianten auf den Markt. Da muss dann ein preiswerter Köter als Flipper-Ersatz herhalten. Bei der "Wassertherapie mit Hunden" dürfen die Kunden für 45 Euro 45 Minuten lang mit Neufundländern plantschen.
Auch Alpaka-Lobbyist Feindert und seine Vorstandskollegin Birgit Viett bringen ihre Tiere gegen die Delphine in Stellung. Ihre Therapie sei für autistische und traumatisierte Kinder "mindestens genauso effektiv", koste aber nur ein Zehntel. Derzeit werden für eine zehnstündige Einheit, bei der immer auch ein ausgebildeter Ergo- oder ein anderer Therapeut dabei ist, 1600 Euro fällig. Manchmal gibt es Spendengelder, wenn Eltern nicht so viel zahlen können. Dann dürfen ihre Kinder mit den Alpakas zum Beispiel über einen Therapie-Parcours mit Baumstämmen und Wippen laufen.
Die Delphin-Therapie an den Küsten der Karibik oder Floridas boomt allerdings trotz der hohen Kosten. Den Meeressäugern werden anders als Hunden, Pferden oder Kamelen geradezu magische Fähigkeiten angedichtet. Flippers Artgenossen könnten ein Kind mit ihrem Sonar diagnostisch abtasten, genetische und psychische Defekte erkennen und sie dann mit ihren Klicklauten heilen, behauptet das Sirius Institute auf Hawaii.
Bekanntester deutscher Organisator der Reha-Reisen ist der Düsseldorfer Verein "dolphin aid". Gründerin Kirsten Kuhnert kündete in der Vergangenheit immer wieder von "Wundern", die sich mit den Delphinen ereignen könnten. Die Therapie gleiche einem "Wink von oben". Das brachte dem Verein nach eigenen Angaben bisher 30 Millionen Euro an Spenden ein - und Tausende Anfragen von Eltern behinderter oder kranker Kinder. Etwa 3000-mal sei bereits ein Therapiezuschuss gewährt worden, teilt "dolphin aid" mit. Auf der Warteliste stünden aber immer noch tausend Mädchen und Jungen.
Eine Geduldsprobe, die viele Mütter und Väter nicht ertragen mögen. In der Hoffnung, ihren Kindern etwas Gutes zu tun, zahlen sie selbst. Eine Reise zum Therapiezentrum auf der Karibikinsel Curaçao kostet für Eltern mit Kind etwa 12 000 Euro. Zum Kundenstamm des Zentrums zählen seit einiger Zeit auch immer mehr Mädchen und Jungen mit der vieldiskutierten Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS. Daran verdient auch Kuhnert, die als Programmdirektorin zum Management des Stützpunkts gehört. Die gebürtige Westfälin versucht nun von ihrem Wohnsitz Miami aus, die Organisation auch in den USA groß zu machen.
Mediziner sind skeptisch. So kommen die Gesellschaften für Neuropädiatrie und Sozialpädiatrie und Jugendmedizin nach der Auswertung etlicher Studien zu dem Ergebnis, dass allenfalls bei der Hippo- und Reittherapie, die auch Bewegung auf dem Pferd vorsieht, eine "begründbare Wirkung auf die bestehende somatische Erkrankung anzunehmen" sei. Bei allen anderen Therapien, auch der mit Delphinen, seien lediglich kurzfristige Effekte zu beobachten. Die Mediziner regen daher an, stattdessen über die "Anschaffung von Haustieren oder regelmäßige Kontakte mit Tieren im Gehege" nachzudenken.
Kurioserweise war es ausgerechnet David Nathanson, der US-amerikanische Begründer der Delphin-Therapie, der die Zweifel an der tierischen Heilkraft nährte. Um die große Nachfrage bedienen zu können, ließ der Psychologe kürzlich einen künstlichen Delphin entwickeln und mit schwerstbehinderten Kindern schwimmen. Ergebnis: Der Roboter erzielte bessere therapeutische Effekte als das Original.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 16/2011
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