DER SPIEGEL

„Tragisches Mißverständnis“

Mit ihrem Prozeß gegen Galilei ruinierte die Inquisition für Jahrhunderte das Verhältnis der katholischen Kirche zu den Naturwissenschaften. Jetzt versucht der Vatikan, den Schaden zu reparieren.
Am 22. Juni 1633 wurde der Delinquent dem Inquisitionstribunal vorgeführt. Zehn Purpurträger, Mitglieder der Kardinalskongregation des Heiligen Offiziums, hatten sich an diesem Mittwoch im römischen Dominikanerkloster Santa Maria sopra Minerva versammelt, um den seit längerem inhaftierten Ketzer endlich abzuurteilen.
Es war das einzige Mal in dem langwierigen Verfahren, daß der Beklagte seine Richter zu Gesicht bekam. Erst am Schluß der Verhandlung, nach der Urteilsverkündung, durfte er erstmals das Wort ergreifen - um in aller Form zu widerrufen, was ihm das Gericht als Verstoß gegen die katholische Glaubenslehre zur Last gelegt hatte.
Bevor der Verurteilte niederkniete, um sein Reuebekenntnis vorzutragen, legte er auf Geheiß der Richter ein grobgewirktes Büßerhemd an. Dann gestand er zunächst seine Schuld, "nämlich für wahr gehalten und geglaubt zu haben, daß die Sonne der Mittelpunkt der Welt und unbeweglich und
* Kupferstich aus dem Jahre 1660.
die Erde nicht Mittelpunkt sei und beweglich".
Anschließend gelobte er feierlich, diesen von ihm verbreiteten "Irrtum und Sektiererglauben" nie zu wiederholen und jeden bei den Kirchenbehörden anzuzeigen, der solche Ketzerthesen mündlich oder schriftlich zu vertreten wage. "Ich, Galileo Galilei", so die Schlußformel des vorfabrizierten Widerrufs, "habe wie oben mit eigener Hand abgeschworen."
Noch während der gebrechliche Büßer das demütigende Dokument verlas, hatten Kirchenschreiber begonnen, den Text zu kopieren und für den Versand in alle Bistümer Europas vorzubereiten: Unverzüglich sollte die gesamte Christenheit erfahren, daß Galilei, der damals berühmteste Wissenschaftler des Abendlandes, nach einem Machtwort der Heiligen Inquisition zu Kreuze gekrochen war - ein glänzender Sieg des Glaubens über den Hochmut weltlicher Gelehrsamkeit, so jedenfalls hofften die Kirchenfürsten, die in Galilei zu Recht einen neuen, respektlosen Forschertyp verkörpert sahen.
Der vermeintliche Triumph, eilig und selbstbewußt in alle Welt hinausposaunt, wurde für die römische Kirche zu einer folgenschweren Niederlage: Sieger im Streit zwischen Wissen und Glauben blieb nicht Papst Urban VIII., sondern der abservierte Ketzer, der den Rest seiner Tage grollend unter Hausarrest in seiner Villa bei Florenz verbrachte und schließlich zum weltweit verehrten Märtyrer der freien Wissenschaft heranwuchs.
Bis heute leiden die Kirchenoberen unter dem Trauma des historischen Fehlschlags, der ihnen dauerhaft die Rolle skrupelloser Wissenschaftsfeinde aufzwang. Schon rein formal sei der Prozeß gegen Galilei eine blamable Farce gewesen, meinen Kritiker, die den Kirchenjuristen von damals Amtsmißbrauch, Rechtsbeugung, Urkundenfälschung und Anstiftung zum Meineid nachweisen konnten.
Zur Schmach, Galilei mit illegalen Prozeßtricks hereingelegt zu haben, kam, wie sich bald zeigte, eine peinliche Rollenverkehrung. Den Zweck, die renitent gewordenen Wissenschaftler zu zähmen, verfehlte der römische Richterspruch. Statt dessen hatte sich die Kirche mit dem Galilei-Urteil gleichsam selber geknebelt: Sie sah sich, wohl oder übel, gezwungen, daran festzuhalten - und gab fortan den eigenen naturwissenschaftlichen Geist auf.
Der war, noch um das Jahr 1600, überall in Europa quicklebendig gewesen. Gelehrte Kirchenmänner, allen voran Ordensleute wie der Jesuitenpater Athanasius Kircher, mischten in der damals aufblühenden Naturforschung frohgemut mit. Kircher, ein genialer Zeitgenosse Galileis, erfand unter anderem ein Megaphon und eine der ersten Rechenmaschinen. Bei seinen Versuchen, die Tiefe europäischer Vulkankrater auszuloten, ließ er sich furchtlos in den rauchenden Schlund des Vesuv abseilen.
Auch auf anderen Forschungsfeldern taten sich immer wieder Jesuiten rühmlich hervor, speziell in der Himmelskunde. Ein bayerischer Ordensbruder Kirchers, Christoph Clavius, legte als erster ein Verzeichnis der Mondkrater an; ein weiterer, Christoph Scheiner, baute nach Plänen des Johannes Kepler ein leistungsstarkes Teleskop, mit dem er 1611 die Sonnenflecken entdeckte.
Da waren schon fast 100 Jahre vergangen, seit Kopernikus, Domherr zu Frauenburg in Ostpreußen, sein neues, heliozentrisches Konzept des Planetensystems formuliert hatte. Spätestens seit Mai 1543, dem Erscheinungsdatum seines Hauptwerks mit dem Titel "De revolutionibus orbium coelestium", war das mittelalterliche Weltbild der Christenheit mit der Erde als Zentrum des Universums aus den Fugen - doch die Inquisition hatte von dem epochalen Umsturz kaum Kenntnis genommen.
Womöglich waren die Glaubenswächter des Heiligen Offiziums blind geworden für die Naturwissenschaften, die in den vorangegangenen 1000 Jahren keinerlei nennenswerte Fortschritte gemacht hatten. Das organisierte Christentum, hervorgegangen aus einer eschatologischen Sekte, deren Anhänger dem Jüngsten Tag entgegenfieberten, entwickelte nach Ansicht des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner keine Ader für die rationale Durchdringung der Welt.
"Die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott", hatte der Apostel Paulus gelehrt; heilige Einfalt zierte seither den wahren Christenmenschen, dessen Blick fromm aufs Jenseits gerichtet war. Von den Kulturidealen der Antike hatten sich die Urchristen, durchweg Angehörige der ungebildeten Unterschichten, einst entschlossen abgewandt. Sie und ihre Nachfahren begnügten sich mit der Bibel, dem "Buch der Bücher", das angeblich alles für einen Rechtgläubigen Wissenswerte enthielt.
Während im christlichen Mittelalter Päpste und Kaiser um die Macht rauften und die Theologie zur alles beherrschenden Wissenschaft aufrückte, übernahmen Heidenvölker die Führungspositionen in der Forschung. In China waren Schwarzpulver, Papier und Porzellan erfunden worden, indische Mathematiker entwarfen das Dezimalsystem und führten die Null ein. Arabische Gelehrte glänzten in der Optik, der Sternkunde wie in der Medizin und etablierten um das Jahr 1000 in Alexandria eine Mammutbibliothek mit mehr als einer Million Büchern.
Erst am Ende des Mittelalters, mit dem Beginn der Renaissance, als die antiken Denker und Naturforscher wiederentdeckt wurden, regten sich auch in der abendländischen Wissenschaft neue Lebensgeister. Tiefgläubige Christen wie der gelehrte Dominikanermönch und Bischof Albertus Magnus (1193 bis 1280) ließen sich vom kulturellen Erbe der alten Griechen inspirieren - von Geistesgrößen wie Platon und Aristoteles, aber auch von dem spätantiken Astronomen Ptolemäus (87 bis 165), der mit seinem geozentrischen Himmelsmodell das christliche Weltbild entscheidend geprägt hatte.
Im Blick auf die Astronomiegeschichte der Griechen erscheint das Konzept des Ptolemäus als Rückschritt. Schon gut 400 Jahre vor ihm hatten Sternbeobachter wie Herakleides und Aristarchos richtig erkannt, daß die Erde, wie auch die übrigen Planeten, um die Sonne kreist und sich dabei zugleich täglich einmal um ihre eigene Achse dreht. Die verwirrenden Bahnen der Wandelsterne konnten die beiden Vordenker noch nicht schlüssig erklären; immerhin ahnten sie, daß dieses Durcheinander eine optische Täuschung sein müsse, die durch den rotierenden Beobachtungsposten Erde verursacht werde.
Warum Ptolemäus, seinerzeit unbestrittene Autorität in Sachen Himmelskunde, das Weltmodell seiner Vorgänger mit Abscheu vom Tisch wischte, ist bis heute unklar. Überzeugende wissenschaftliche Gegenargumente besaß er dafür nicht. Vielleicht, meinen manche Historiker, habe den Himmelsbeobachter ein tiefes Unbehagen erfaßt angesichts einer Theorie, die das Planetensystem gleichsam als gespenstischen Rummelplatz präsentiert - mit sausenden Riesenrädern in unterschiedlicher Schräglage und leuchtenden Gondeln, die zusätzlich um die eigene Achse rotieren und alle zusammen um ein gemeinsames Zentrum, das frei im unendlichen leeren Raum schwebt.
Schwindelgefühle hatten womöglich auch viele Zeitgenossen des Kopernikus erfüllt, als der fromme Domherr das antike, in Vergessenheit geratene Konzept Anfang des 16. Jahrhunderts neu erfand. Ursprünglich hatte der promovierte Kirchenjurist nur das ptolemäische System verbessern wollen, ein hirnerweichend kompliziertes, zwiebelartiges Schalenmodell, mit dessen Hilfe die Bewegungen der Gestirne vorherbestimmt werden sollten.
Nachdem sich Kopernikus eine Weile mit dem vertrackten Schalensystem herumgeplagt hatte, trennte er sich für immer davon - und startete, in aller Vorsicht und Stille, die kopernikanische Wende. Erst kurz vor seinem Tod ließ er sein revolutionäres Hauptwerk drucken, einen Worstseller, dessen erste Auflage nie komplett verkauft wurde.
Dennoch wuchs im 16. Jahrhundert stetig die Zahl der "Kopernikaner", die den theoretischen Rohbau ihres großen Vorbilds weiter befestigten. In Tuchfühlung mit der Inquisition entwickelte der schwäbische Mathematiker Johannes Kepler seine Planetengesetze. Während der kränkelnde Forscher den Gang der Wandelsterne berechnete und dabei die elliptische Form der Planetenbahnen entdeckte, war er zugleich damit beschäftigt, seine greise, als Hexe eingekerkerte Mutter vor dem Scheiterhaufen zu retten, was ihm gelang.
Daß er selber der Ketzerei bezichtigt werden könnte, ist Kepler offenbar nie in den Sinn gekommen, obwohl ein anderer Kopernikaner, der italienische Naturphilosoph Giordano Bruno, im Februar 1600 nach siebenjähriger Inquisitionshaft auf dem Campo dei Fiori in Rom als Ketzer verbrannt worden war. Bruno, ein visionärer Schwärmer, hatte die Glaubenshüter mit dem Entwurf eines pantheistisch beseelten Universums provoziert, in dem unendlich viele Sonnen Mittelpunkte gleichfalls unzähliger Planetensysteme bilden. Zum Flammentod verurteilt wurde der genialische Denker jedoch nur, weil er hartnäckig das Kirchendogma der Trinität, der Heiligen Dreieinigkeit, leugnete.
Für metaphysische Spekulationen hatte Galilei, Sohn eines Tuchhändlers aus Florenz, nicht das mindeste übrig. Daß er sonntags statt zur heiligen Messe lieber zu seiner Mätresse ging, trug ihm schon früh eine erste Anzeige bei der Inquisition ein; sie blieb folgenlos. Selbst bei sonst hochgeschätzten Kollegen wie Kepler und Kopernikus bemängelte Galilei immer wieder Spuren religiösen, mystischen Denkens - dergleichen, tadelte er, gehöre nicht ins naturwissenschaftliche Fach.
Lange Zeit stand der lebensfrohe Realist, ein eloquenter und witziger Debattierer, mit den kirchlichen Würdenträgern auf freundschaftlichem Fuß. Anfang 1611, ein Jahr nach Erscheinen seines Buches "Sidereus Nuncius" ("Sternenbote"), das ihn berühmt gemacht hatte, war er bei einem Besuch in Rom wie ein Triumphator begrüßt worden. Papst Paul V. empfing ihn in Privataudienz, die exklusive "Accademia dei Lincei" wählte ihn zum Mitglied, das römische Jesuiten-Kollegium ehrte den Gast mit Feierlichkeiten, die einen ganzen Tag in Anspruch nahmen - wie konnte es geschehen, daß der allseits Gerühmte wenig später in den Verdacht der Ketzerei geriet?
Historiker haben inzwischen ermittelt, daß die Angriffe gegen Galilei keineswegs von der Kirche eröffnet wurden, sondern von einer Gruppe konservativer Hochschulprofessoren aus Florenz und Pisa. Die Gelehrten, allesamt überzeugte "Ptolemäer" und dazu von Konkurrenzneid erfüllt, hatten sich mit einigen Geistlichen verbündet, die bald begannen, von der Kanzel herab gegen die vermeintliche Irrlehre des Kopernikus zu polemisieren.
Nur widerwillig ließ sich die Kirchenobrigkeit in den damit entfesselten Streit hineinziehen. Erst nach längerem Zögern legte das Heilige Offizium schließlich ein Gutachten vor, in dem unter Hinweis auf bestimmte Bibelstellen die Lehre des Kopernikus als Häresie bezeichnet wurde. 1616 wurde Galilei in das Haus des Kardinals Bellarmin bestellt, der ihn milde ermahnte, die Ansichten des Herrn Kopernikus forthin nur noch als Hypothesen zu behandeln.
Daß Galilei, ein gefürchteter Streithahn und Rechthaber, diesen Vorschlag zur Güte später immer wieder lustvoll in den Wind schlug - das zeugt von Mannesmut, aber auch von Leichtsinn. Erst als er im Büßerhemd auf den Knien lag, verließ ihn die Courage. Der trotzige Spruch "Und sie bewegt sich doch!" kam in Wahrheit nie über seine Lippen.
Unsicher wie der psychisch gebrochene Galilei wirkte am Ende auch das Inquisitionsgericht, das es tunlichst vermeiden wollte, den populären Gelehrten und Autoren auf den Scheiterhaufen zu schicken. Galilei, der sich mit seinen Büchern nicht nur an die Fachwelt, sondern vor allem an die gebildeten Laien wandte, sollte nach dem Willen seiner Richter nur gedemütigt und moralisch diskreditiert, nicht aber physisch vernichtet werden - weshalb die Inquisitoren seine Bereitschaft zum Widerruf mit größter Erleichterung begrüßten.
Das vergleichsweise milde Urteil gegen Galilei zeigt nach Ansicht der Historiker einen deutlichen Machtverlust der katholischen Kirche an. Nie wieder nach 1633 hat sie versucht, sich offen zum obersten Richter in naturwissenschaftlichen Streitfragen aufzuschwingen. Zweifel an dem Vorhaben, unbequemen Forschern den Mund zu verbieten, waren schon im Galilei-Prozeß aufgekommen. Drei der zehn Inquisitionsrichter hatten sich geweigert, das Urteil zu unterzeichnen.
Zwar fuhr das Heilige Offizium bis ins 20. Jahrhundert fort, die Werke einflußreicher Philosophen und Naturforscher auf den "Index der verbotenen Bücher" zu setzen. Doch nahezu jeder Katholik, der um Erlaubnis zur Lektüre nachsuchte, erhielt postwendend die Genehmigung - eine Mischung aus Toleranz und Heuchelei, die für den Umgang der römischen Kirche mit den Wissenschaften lange typisch war.
So durfte die Gesellschaft Jesu, seit je der Astronomie zugewandt, durch die Jahrhunderte ungestört den Sternenhimmel erkunden. Doch erst seit 1822 ist es den Patres erlaubt, ihre Forschungsbefunde mit Kopernikus in Einklang zu bringen. Fernab von Rom allerdings offenbarten sie mitunter ketzerischen Pioniergeist. Als Jesuitenmönche im 17. Jahrhundert in China missionierten, stießen sie mit ihrer Heilsbotschaft auf taube Ohren; dafür lösten sie am Hof zu Peking große Begeisterung aus, als sie den kaiserlichen Mandarinen das kopernikanische Weltbild erläuterten.
Gegen die Evolutionstheorie Charles Darwins, die den biblischen Schöpfungsmythos noch ärger erschütterte als Kopernikus, hat sich die Kirche gar nicht erst ausdrücklich verwahrt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bot sie den Naturwissenschaftlern einen Waffenstillstand an.
In seiner Enzyklika "Providentissimus Deus" zog Papst Leo XIII. um die Jahrhundertwende eine Demarkationslinie: "Es kann", schrieb er, "keinen wirklichen Widerspruch zwischen dem Theologen und dem Gelehrten der Naturwissenschaften geben, solange sich der eine wie der andere auf sein Gebiet beschränkt und nach der Ermahnung des Heiligen Augustinus weder Verwegenes behauptet noch Sicheres als unsicher hinstellt."
Danach hätte Galilei, der Wissen und Glauben stets säuberlich voneinander getrennt hielt, umgehend rehabilitiert werden müssen. Doch Gottes und der Kirche Mühlen mahlen langsam. Erst 1992 räumte der katholische Oberhirte offiziell ein, Galilei sei vor 360 Jahren Unrecht geschehen.
Das Urteil gegen Galilei, erklärte Papst Johannes Paul II. leicht beschönigend, sei Ergebnis "eines tragischen wechselseitigen Mißverständnisses zwischen dem Pisaner Wissenschaftler und den Richtern der Inquisition" gewesen.
Der von der Inquisition abservierte Ketzer wurde zum weltweit
verehrten Märtyrer der freien Wissenschaft
"Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Theologen und dem
Gelehrten der Naturwissenschaft"
* Kupferstich aus dem Jahre 1660. *___Der von der Inquisition abservierte Ketzer wurde zum weltweit ____verehrten Märtyrer der freien Wissenschaft *___"Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Theologen und dem ____Gelehrten der Naturwissenschaft"

DER SPIEGEL 23/1998
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