DER SPIEGEL

Schlacht um die Gene

Ein US-Unternehmer fordert die Weltelite der Genforscher heraus: Binnen drei Jahren will er das Erbgut des Menschen entschlüsseln. Gerät die Zukunft der Medizin in die Hände von Geschäftemachern? Ein Wirtschaftskrieg um das Erbe der Menschheit hat begonnen.
Zu siegen ist für Craig Venter Programm. Als Junge stürzte er sich auf dem Surfbrett in die Wogen an den Stränden Kaliforniens. Später hätte er es als Schwimmer fast bis zur Olympiade gebracht. Letztes Jahr schließlich fuhr Venter, inzwischen 52, Spitzenforscher und Multimillionär, mit seiner Jacht "Sorcerer" ("Zauberer") auf der Regatta USA/England allen davon.
Jetzt fordert er zu einem ungleich spektakuläreren Wettkampf heraus. Hunderten von Wissenschaftlern in 50 Instituten weltweit hat er den Fehdehandschuh hingeworfen. Binnen drei Jahren, so kündigte er an, werde er vollenden, womit sich die Elite der Genforscher seit über einem Jahrzehnt abmüht: Im Alleingang will Venter das menschliche Erbgut entschlüsseln.
Aus ungefähr 70 000 Genen besteht der Bauplan des Menschen. Von nicht mehr als 5000 davon ist bekannt, was sie im Körper tun. Schon sie geben den Ärzten kostbare Geheimnisse preis: Die Anlagen für tödliche Erbkrankheiten und Brustkrebs sind darunter; die Bauanleitungen für lebenswichtige Stoffe wie Blutgerinnungsfaktoren, Wachstumshormone und Insulin.
Doch das ist noch nichts, gemessen an dem, was noch kommen wird. Weil Gene die Entwicklung eines Embryos ebenso steuern wie das Altern und den Tod, ergäben sich Möglichkeiten fast jenseits der Vorstellungskraft, wäre erst das Regelwerk des Lebens im Kern jeder Zelle vollständig verstanden.
Ärzte könnten womöglich das Leben verlängern, das Gedächtnis verbessern und Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer besiegen. "Binnen einer Generation", prophezeit der amerikanische Biotechnik-Fachmann Leigh Thompson, werde die Genforschung "das Leben auf der Erde völlig umkrempeln".
Molekularbiologe Venter will der Medizin den Weg in diese Zukunft ebnen. Wie einen Feldzug hat er sein Vorhaben geplant. Er hat bei Washington eine Firma gegründet, Celera Genomics, die ausschließlich das Erbgut des Homo sapiens erforschen und vermarkten soll. Er hat 230 Maschinen bestellt, die Geninformationen mit Hilfe von Laserstrahlen lesen sollen, weit schneller als alle bekannten Geräte. Und er hat einen zahlungskräftigen Partner gefunden, den Laborgerätehersteller Perkin-Elmer, der ihm auch die Leseroboter liefert.
Seine hehren Motive jedoch kaufen ihm viele nicht ab. Unter den Wissenschaftlern wächst die Sorge, daß mit Venter ein neuer Bill Gates heranwächst, der sich ein Monopol auf die Software des Lebens verschaffen will. Nobelpreisträger James Dewey Watson, um deftige Kommentare selten verlegen, beschimpft ihn im engeren Kreis seiner Kollegen angeblich sogar als "Hitler der Gene".
Jedenfalls steht zu befürchten, daß eine Ballung von - durch Patente geschütztem - Wissen über das Erbgut dem, der es hat, weitreichende Macht verleiht: Kein anderer kann dann an den Patenten vorbei, wenn er Geninformationen etwa zur Bekämpfung von Krankheiten oder zur Entwicklung von Heilmitteln nutzen will.
Die Entdeckungen im Erbgut, so erklärte der Harvard-Ökonom Juan Enríquez, "werden die Weltwirtschaft verändern" - Gene sind zum kostbaren Rohstoff geworden, der die Fortschritte der Pharmaindustrie vorantreibt.
"Meine Ideen sind unbezahlbar", brüstet sich Venter. "Es ist möglich geworden, Wissenschaftler zu werden und zugleich sehr reich." Wie kaum ein anderer vereint er Forscherdrang und Profitstreben in einer Person (siehe Gespräch Seite 280).
In seinem Büro voll Mahagoni, edlen Teppichen und Schiffsmodellen doziert er über ein neues Bild der Evolution, das aus der Genomforschung hervorgehen werde; im Privatjet reist er zu Konferenzen über die Medizin der Zukunft. Selbst seine Jacht, behauptet er, stehe im Dienst der Wissenschaft: Auf See kämen ihm die besten Ideen.
Schon ehe er seine Firma Celera Genomics gründete, hat Venter in seinem Privatinstitut TIGR die Gensuche industrialisiert. Dutzende Roboter stehen dort aufgereiht in den Laborhallen; rund um die Uhr lesen sie Erbgut. Hilfskräfte beschicken die Maschinen Tag und Nacht mit Ampullen - Glasröhrchen, in denen die Gene von Pockenviren, Malariaerregern, Reis, Zebrafischen, Mäusen und Menschen schwimmen. Am liebsten würde Venter die Baupläne der ganzen Schöpfung in seinen Computern speichern.
Er träumt von einer Zeit, in der die "Kreaturen keine Geheimnisse" mehr haben. Heute schon hat er das Erbgut von fast so vielen Organismen erfaßt wie alle anderen Forscher der Welt zusammen: die DNS des Magengeschwür-Bakteriums Helicobacter und des Syphilis-Erregers, die Gene von Mikroben, die in Quellen auf dem Ozeangrund treiben. Bald, hofft er, werden die Wissenschaftler diese Geschöpfe bis ins letzte verstehen: "Wir betrachten die Lebewesen von innen heraus."
Innerhalb von zehn Jahren hat es Venter, der Entrepreneur des Erbguts, vom unbekannten Forscher in den Labors der amerikanischen Gesundheitsbehörde NIH zum vielleicht einflußreichsten Mann der Genforschung gebracht. Als er damals diese heute so hart umkämpfte Bühne betrat, war die Entschlüsselung des Erbguts noch ein Unterfangen, das den akademischen Gelehrten vorbehalten schien. Die Industrie interessierte sich kaum dafür.
Den Regierungen der USA und Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und Japans jedoch war das Wissen über das Humangenom, wie die Forscher die Gesamtheit aller Erbinformationen des Menschen nennen, drei Milliarden Dollar wert. Soviel haben sie Houston, Cambridge, Tokio, Paris, Jena und zehn anderen Städten zugesprochen, die sich in der internationalen Human Genome Organization (Hugo) zusammenschlossen.
Hunderte Forscher haben im losen Verbund die Chromosomen des Homo sapiens unter sich aufgeteilt. Innerhalb von 15 Jahren, so die ursprüngliche Planung, wollte der weltumspannende Wissenschaftlerclub die Botschaften im Zellkern entschlüsselt haben. Zugleich versprachen die staatlich geförderten Forscher, das von ihnen gesammelte Wissen über die Gene der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen.
Damals schien das Unterfangen, die schier endlose Folge von Molekülen zu lesen, aus denen die menschliche Erbsubstanz aufgebaut ist, eine kaum lösbare Titanenarbeit. Es sind die vier Bausteine Adenin, Guanin, Thymin und Cytosin, abgekürzt mit den Buchstaben A, G, T und C, die sich im Erbgut zu Wörtern und Sätzen zusammenfügen: den Genen. In ihnen ist der Bauplan für die Eiweiße kodiert, die in allen Geschöpfen die Lebensprozesse steuern (siehe Grafik Seite 278).
Doch wer im Buch des Lebens lesen will, steht vor dem Dilemma, daß die Erbinformationen zwischen Ketten aus Millionen As, Cs, Gs und Ts verstreut sind, die zumindest nach heutigem Wissen an den Prozessen im Körper gar keinen Anteil haben. Die aktiven Gene verbergen sich deshalb wie Geheimbotschaften in einem Meer von Datenmüll.
Um in diesem Wust den Überblick zu bewahren, gehen die Hugo-Forscher in zwei Schritten vor. Zunächst "kartieren" sie das Erbgut: Sie suchen wiedererkennbare Markierungen im genetischen Hieroglyphentext. Auf diese Weise gliedern sie die Chromosomen in Tausende von Abschnitten, die jeder für sich mit heutigen Sequenziermaschinen bewältigbar sind - denn kein Labor der Welt, so glaubten sie, könne die drei Milliarden Lettern der DNS auf einmal von Anfang bis Ende lesen.
Doch das Geschäft entpuppte sich als noch viel schwieriger als gedacht - die Hugo-Forscher fielen hinter ihre Pläne zurück. "Mir wird manchmal angst und bange, wenn ich daran denke, was wir uns da vorgenommen haben", klagte der Jenaer Forscher André Rosenthal im vergangenen Frühjahr, zur Halbzeit des Hugo-Projekts.
Venter, anfangs noch Mitglied im Hugo-Bündnis, hat sich schon früh auf rebellische Wege gemacht. Schon 1987, als seine Kollegen noch damit beschäftigt waren, auf Konferenzen ihr Mammut-Vorhaben zu organisieren, trumpfte er auf: Er experimentierte mit einer Maschine, mit der er das Genlesen automatisieren und auf eigene Faust vorantreiben konnte.
Er beantragte zehn Millionen Dollar vom Staat, doch die bekam er nicht. Deshalb sammelte er Privatkapital und gründete 1992 sein Institute for Genomic Research (TIGR). Dort verfolgte er eine Strategie, die alle herrschende Logik auf den Kopf zu stellen schien.
Venter hielt sich mit der mühsamen Kartierung gar nicht erst auf. Statt dessen verfolgte er eine andere Strategie - nach seiner Auffassung ein Expreßweg zur Erbinformation (siehe Grafik Seite 274).
Zunächst begann er, wahllos nach Bruchstücken von Genen zu fischen. Schon 1995 veröffentlichte Venter eine Kostprobe aus seiner Kollektion. Sie bot eine, wenngleich noch vage Vorstellung davon, wie viele Gene spezifisch in den verschiedenen Organen des Menschen wirken: Die weitaus meisten, 3195, im Gehirn, spärliche 297 hingegen im Dünndarm (siehe Grafik Seite 273).
Nun möchte Venter das gesamte menschliche Erbgut entschlüsseln - selbst wenn dabei kleine Lücken bleiben. "Wir schaffen 90 Prozent", sagt er. "Es ist besser, fast alles in drei Jahren zu haben, als auf die komplette Sequenz des Genoms noch bis zum Jahr 2005 zu warten."
Die Roboter von Perkin-Elmer sollen ihm helfen, seinen Gewaltakt zu vollbringen. Dazu zerteilt er das Erbgut in winzige Stücke, die er in seine Leseroboter einspeist. So entstehen rund 60 Millionen einander überlappende Wortfetzen. Computer sollen sie dann gleich einem gigantischen Puzzle zum Gentext zusammenfügen.
Wie ein Donnerschlag traf Venters Ankündigung die wissenschaftliche Community. Als erstes reagierte das englische Sanger Centre: Der Etat des größten europäischen Labors wurde vom britischen Wellcome Trust verdoppelt. Keinesfalls werde man Venter das Terrain kampflos überlassen, erklärt der zuständige Michael Morgan: "Es wäre Wahnsinn, würde das Erbgut der Menschheit einer Privatfirma gehören."
Inzwischen hat das ganze Konsortium seine Pläne geändert: Ab sofort gilt nur noch Schnelligkeit. Von jetzt an in zwei Jahren wollen nun auch die akademischen Forscher wenigstens den größeren Teil des Erbguts entziffert haben. Ende Mai sind die Hugo-Leseroboter angelaufen.
Noch einmal verschärfte sich das Tempo im Wettlauf um die Gene des Menschen, als im August ein weiterer Wettbewerber in den Ring stieg. Auf einer Pressekonferenz im Silicon Valley verkündete das kalifornische Unternehmen Incyte Pharmaceuticals, bei dem 800 Mitarbeiter, darunter 150 Bioinformatiker, die größten Gendatenbanken der Welt betreiben, es werde sämtliche Gene schon im kommenden Jahr entschlüsseln: dreimal so schnell wie Venter mit seinen Maschinen.
Anders als Venter, der nicht nur reich werden, sondern auch als Forscher in die Geschichte eingehen will, verfolgen die Incyte-Manager nur ein einziges Ziel: Unverhohlen gesteht Geschäftsführer Roy Whitfield ein, daß er so schnell wie möglich "die gesamte wirtschaftlich relevante Information" abfischen und meistbietend verkaufen will.
Die Verwertung der Gene sei bereits jetzt "ein industrieller Prozeß geworden", behauptet Whitfield, und habe "mit Wissenschaft nichts mehr zu tun".
Der Krieg um die Gene, der jetzt in Gang kam, ist Symptom eines tiefgreifenden Sinneswandels in der Bewertung von Wissenschaft: Erkenntnisdrang, jahrtausendelang alleinige Triebkraft menschlichen Forschens, reicht als Impetus nicht mehr aus. Wer aufwendige Grundlagenforschung betreiben will, hat nach diesem neuen Begriff von Wissenschaft nur dann gute Karten, wenn er gleichzeitig eine Produktidee anbietet.
So setzt sich auch der Bio-Crack Venter in den Besitz einer Ware, die er verkaufen kann: Bio-Information. Gegen eine hohe Eintrittsgebühr öffnet er Pharmakonzernen die Pforten seines Datenschatzes. Einzig sein Konkurrent Incyte verfügt über einen ähnlich umfangreichen Genkatalog.
Diese streng gehüteten Verzeichnisse verschaffen den beiden Firmen schon heute ein Wissensmonopol: Wer nicht mit ihnen zusammenarbeitet, bleibt im Zukunftsgeschäft der Gene außen vor. Die größte Sorge vieler Experten ist nun, daß die Regierungen ganz das Feld räumen. Eines der beiden Unternehmen könnte sich dann zum alleinigen Herrscher über das Erbgut aufschwingen.
Die heute noch sehr lückenhaften Datenbanken sind nur der erste Schritt auf diesem Weg. Zum allmächtigen Monopolisten wird erst, wer sich die Alleinrechte auf die Gene sichert, geschützt durch Patente. Wie sich derartige Schutzrechte auswirken, zeigt bereits heute das Beispiel der Firma Myriad Genetics.
Dieses amerikanische Unternehmen hält das Patent auf das Krebsgen BRCA 1, das bei fünf Prozent aller Brustkrebsfälle eine Rolle spielt. Wer auch immer, ausgehend von diesem Abschnitt der DNS, zum Beispiel ein Diagnoseverfahren für Mammakarzinome entwickeln möchte, muß beim Patentinhaber um eine Lizenz nachsuchen und, sofern er sie erhält, Gebühren dafür zahlen.
Venter beteuert zwar, er werde "der Öffentlichkeit das Genom gratis zur Verfügung stellen", und zeiht seine Kritiker des Undanks: "Nörgeln ist alles, was sie tun." Herausrücken allerdings will er seine Erkenntnisse jeweils erst nach drei Monaten.
Seine Gegner mutmaßen, er werde in dieser Zeit die Rosinen aus dem Datenchaos herauspicken, vielversprechende Gene zum Patent anmelden und den Rest der Welt mit schier endlosen, aber vergleichsweise uninteressanten DNS-Sequenzen abspeisen.
"Wir werden nur 100 bis 300 Gene patentieren", sucht Venter zu beruhigen, umsonst. "Woher wollen wir wissen, daß er sich damit zufriedengibt?" beharrt Genomexperte John Sulston vom britischen Sanger Centre. Venters Konkurrenten von Incyte machten ohnehin kein Hehl daraus, daß sie alle ihre Entdeckungen für sich behalten werden.
Die Hugo-Forscher haben sich demgegenüber vor zwei Jahren verpflichtet, ihre Fortschritte jeweils umgehend in öffentliche Datenbanken einzuspeisen. Doch selbst unter ihnen besteht keineswegs Einigkeit über dieses hehre Prinzip.
So verzichteten acht deutsche Pharmafirmen, die Hugo in Deutschland mit 1,2 Millionen Mark jährlich unterstützen, erst nach heftigem Widerstand darauf, neue Daten drei Monate lang unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf Verwertbares abzuklopfen.
Aber darf sich ein Forscher wirklich Gene aneignen, und damit Teile des menschlichen Körpers, die nicht er, sondern die Evolution erfunden hat? "Kein Patent auf Leben!" fordern fundamentalistische Kritiker, darunter eine gleichnamige Initiative in München. Vermessen sei es, Urheberrechte an lebenden, fortpflanzungsfähigen Wesen oder Teilen davon geltend zu machen, als handle es sich um neue Küchenmaschinen.
"Gene sind mehr als nur Chemikalien", warnt auch der Mediziner Gerhard Wolff, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik, die sich gegen die Patentierung menschlicher Erbinformation ausspricht - wie auch andere Medizinerorganisationen, so der Weltärztebund.
Zu welch absurden Konflikten die Ausschlachtung des Erbguts führen kann, zeigt das Beispiel von John Moore, Ölarbeiter aus Alaska und erster teilweise patentierter Mensch der Welt. 1976 ließ sich der leukämiekranke Moore an der University of California behandeln, wo seine durch den Krebs ungeheuer angeschwollene Milz herausgeschnitten wurde.
In diesem Organ entdeckte Moores Arzt weiße Blutkörperchen, die ungewöhnlich potente Immunstoffe produzierten. Eine Kultur der wehrhaften Zellen namens "Mo line" ließ die Universität 1984 patentieren und verscherbelte sie für 1,7 Millionen Dollar an eine Biotech-Firma. "Die haben meinen Körper als Goldmine mißbraucht", empörte sich der genesene Moore, der mit einer kleinen Vergütung abgespeist werden sollte: "Ich wurde abgeerntet."
Moores Klage auf Gewinnbeteiligung war nur zum Teil erfolgreich. Der California Supreme Court sprach ihm kein Recht auf Vermarktung der eigenen Milz zu; der Arzt sei jedoch der Verletzung seiner Informationspflicht schuldig, weil er Moore nicht über den potentiellen Wert seiner Blutzellen aufgeklärt habe.
Inzwischen ist - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - die Patentierung von Leben, auch von Zellen und Genen des Menschen, zur etablierten Praxis geworden. 1500 Abschnitte des menschlichen Erbguts sind weltweit schon patentgeschützt.
Nach zehnjährigem Ringen hat sich im Mai auch die EU auf eine Richtlinie für biotechnische Kreationen geeinigt und damit den Weg zum Vermarkten von Genen geebnet. Als patentwürdig gilt nunmehr ein DNS-Abschnitt, wenn der Entdecker die Funktion des Gens kennt, ein technisches Verfahren mitliefert und sagt, wozu sein Fund dienen könnte. Die Regelung soll verhindern, daß sich Glücksritter beliebige Erbgutschnipsel schützen lassen - in der Hoffnung, sie könnten sich als Teil eines profitablen Gens entpuppen.
Doch vermutlich können sich auch künftig Antragsteller mit einer vage beschriebenen Anwendung ihres DNS-Bruchstücks durchmogeln. "Steinreich werden im Krieg um die Gene auf jeden Fall die Patentanwälte", spottet der Jenaer Molekularbiologe Rosenthal.
Solche Schutzrechte seien nun einmal nötig, solle die Biotech-Industrie florieren, argumentiert Joseph Straus vom Münchner Max-Planck-Institut für Patentrecht: "Ohne Patentschutz wird niemand investieren."
Keineswegs, so Straus weiter, behinderten Patente die Wissenschaft, denn zu Forschungszwecken dürfe sich jeder auch patentgeschützter Gene kostenlos bedienen. Im Gegenteil fördere das Patentrecht die Veröffentlichung neuer Genfunde sogar: Könnten sich die Entdecker nicht ihr Eigentum sichern, so würden sie sich aus Angst vor Ideenraub jahrelang hinter ihren Labortüren verschanzen.
Forscher, die noch immer darauf pochen, der genetische Bauplan des Menschen müsse Allgemeingut sein, werden von der Realität überrollt. 350 Anträge zur Patentierung von jeweils etwa 500 000 Erbgutsequenzen aller möglichen Organismen stapeln sich beim US-amerikanischen Patent and Trademark Office; 200 Prüfer werden ein Jahr brauchen, die Akten abzuarbeiten - Unterlagen, in welche die Industrie größte Hoffnungen setzt.
"Genomics", die Erforschung des Erbguts von Keim und Kraut, Tier und Mensch, steht im Zentrum einer boomenden Branche. Weltumspannende Konzerne wie Monsanto, Hoechst und DuPont wenden sich zunehmend von ihrem klassischen Chemiegeschäft ab und mutieren zu Life-Science-Unternehmen, die dort operieren, wo sich Chemie, Landwirtschaft und Pharmaindustrie überschneiden.
Alle Akteure suchen nach Partnern bei der Genjagd oder investieren kräftig, um Forschungsabteilungen unter dem eigenen Dach aufzubauen. Der Schweizer Branchenriese Novartis ließ sich ein Genomics-Institut 440 Millionen Mark kosten, Hoechst Marion Roussel gibt pro Jahr 50 Millionen Mark für Genomforschung aus. 1993 zahlte der britische Konzern SmithKline Beecham der Firma Human Genome Sciences 200 Millionen Mark für die Einsicht in deren Datenbanken - der bis dahin größte Deal mit dem menschlichen Erbgut.
Wie Goldgräber dem einen großen Nugget entgegenfiebern, so hoffen auch die Life-Science-Firmen auf das Gen, das ihnen Millionengewinne beschert. Ihr Vorbild ist die amerikanische Firma Amgen, die als Biotech-Klitsche begann, sich das Gen für den blutbildenden Botenstoff Erythropoetin sicherte und heute mit diesem Stoff 1,5 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr erzielt. Damit ist das Mittel, von dem vor allem Nierenkranke profitieren, das aber auch Tour-de-France-Profis als Dopingmittel dient, eines des umsatzstärksten Medikamente weltweit.
Andere Erfolgsgeschichten kreisen um das gentechnisch produzierte Humaninsulin, dessen Gen der US-Konzern Eli Lilly kontrolliert, oder um den Blutgerinnungsfaktor VIII und die zur Krebsbehandlung eingesetzten Interferone.
Allerdings werden, weil das Zusammenwirken der Gene bisher wenig verstanden ist, die überschäumenden Erwartungen auch häufig enttäuscht - das mußte selbst das Erfolgsunternehmen Amgen erfahren. 20 Millionen Dollar investierte die Firma in ein Gen für das Sättigungshormon Leptin, um ein Medikament gegen Fettsucht zu entwickeln. Aber der Signalstoff versagte in klinischen Studien, die Forscher hatten Wechselwirkungen mit zahlreichen anderen Botenstoffen übersehen.
Doch solche Rückschläge dämpfen den Überschwang kaum. Je mehr die Genforscher auf Bauanleitungen für immer neue therapeutisch interessante Eiweiße stoßen, je tiefer sie in das Gefüge der Zelle blicken, um so mehr beginnen sie, von immer raffinierteren Eingriffen ins Regelwerk der Natur zu träumen.
Nicht mehr die körpereigenen Stoffe - wie Insulin oder Erythropoetin - sollen künftig heilen, sondern kleine, maßgeschneiderte Moleküle, die gezielt Enzyme blockieren oder an bestimmte Proteine binden. Nur wenn sie diese Proteine und ihre Gene kennen, können die Forscher ihre Wunderpillen schmieden.
Solche Kunstmoleküle sieht Norbert Riedel, Biotechnik-Chef von Hoechst Marion Roussel, als neues Standbein der molekularen Medizin neben der Gentherapie und den heilsamen Eiweißen. Erste Produkte aus dieser Baureihe sind die neuen Kombi-Therapien gegen Aids.
Wo es gilt, Gene in Geld umzuwandeln, scheinen der Phantasie kaum Grenzen gesetzt. Selbstironisch sagt Harry Meade, Vize-Präsident der Firma Genzyme Transgenics in Massachusetts: "Als ich Biologie studierte, hätte ich nie gedacht, daß ich einmal Ziegen hüten würde."
Inzwischen ist Genzyme Hirte von 500 Muttertieren, einige davon mit fremden Genen. Sie spenden mit ihrer Milch kostbare menschliche Eiweiße wie Antithrombin, ein Mittel gegen Blutgerinnsel. In klinischen Tests prüft Genzyme derzeit die Wirksamkeit der Substanz.
"Pharming" heißen solche Unternehmungen im Grenzbereich von Landwirtschaft und Pharmaherstellung. Kreative Forscher versprechen sich von diesem Ansatz schier Unglaubliches: Impf-Bananen gegen Gelbsucht, wahlweise Avocados zum Schutz vor Tollwut oder Tabakblätter, in denen Antikörper gegen Kariesbakterien wachsen - als Zahnpasta-Zusatz.
Von derlei Visionen läßt sich die Branche mitreißen, in der einzelne Forscher und ganze Konzerne einstweilen auf vage Hoffnungen mindestens ebenso bauen wie auf gesichertes Wissen. Gerade erst formiert sich ein ganz neuer Industriezweig: die Softwarebranche der Biologie.
Wenn die Wissenschaftler erst einmal den Text des menschlichen Bauplans entziffert haben, so glauben die Propheten der genomischen Zukunft, dann werde nochmals eine neue Ära anbrechen.
Dann werden die Biologen vor den 70 000 Genen des Menschen stehen wie ein Erstkläßler vor Goethes Faust: Er kann den Text zwar buchstabieren, aber dessen Bedeutung bei weitem noch nicht erfassen.
Vor den Aufgaben, die dann warten, ereilt sogar den selbstbewußten Craig Venter ein Anflug von Demut. "Bis die Menschheit vollständig begriffen hat, was wir in den nächsten drei Jahren entziffern", ahnt er, "wird ein Jahrhundert vergehen."
[Grafiktext]
Code des Lebens Übersetzung von Genen in Eiweißmoleküle Das menschliche Erbgut umfaßt 23 Chromosomenpaare im Kern jeder Kör- perzelle. Ein Chromosom besteht aus zwei spiralig umeinander gewundenen DNS-Fäden. Darauf liegen die Gene - Sätze aus den vier Basen A, T, C und G. Diese chemischen Lettern bilden paarweise Brücken zwischen den zwei Strängen. Dabei koppelt sich A stets mit T und C mit G. Zum Ablesen eines Gens trennt sich die Doppelhelix auf. Einer der Stränge wird zur Ko- piervorlage für ein Stück Boten-RNS, das nun einen Negativabdruck des Gens trägt. Diese Boten-RNS dient als Bauanleitung für ein Eiweiß. Die Bausteine sind Aminosäuren; jede von ihnen hat ihren eigenen Code aus drei Basen.
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Bauplan des Menschen: Zahl der nur in bestimmten Organen aktiven Gene
Anteil entschlüsselter Gene
Anteil gentechnologisch hergestellter Arzneimittel am Weltpharma-
markt
Zwei Wege zur Entschlüsselung des Genoms
Welchen Antel des Genoms die beteiligten Staaten entziffern wollen
Übersetzung von Genen in Eiweißmoleküle
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Code des Lebens Übersetzung von Genen in Eiweißmoleküle Das menschliche Erbgut umfaßt 23 Chromosomenpaare im Kern jeder Kör- perzelle. Ein Chromosom besteht aus zwei spiralig umeinander gewundenen DNS-Fäden. Darauf liegen die Gene - Sätze aus den vier Basen A, T, C und G. Diese chemischen Lettern bilden paarweise Brücken zwischen den zwei Strängen. Dabei koppelt sich A stets mit T und C mit G. Zum Ablesen eines Gens trennt sich die Doppelhelix auf. Einer der Stränge wird zur Ko- piervorlage für ein Stück Boten-RNS, das nun einen Negativabdruck des Gens trägt. Diese Boten-RNS dient als Bauanleitung für ein Eiweiß. Die Bausteine sind Aminosäuren; jede von ihnen hat ihren eigenen Code aus drei Basen.
[GrafiktextEnde]
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Bauplan des Menschen: Zahl der nur in bestimmten Organen aktiven Gene
Anteil entschlüsselter Gene
Anteil gentechnologisch hergestellter Arzneimittel am Weltpharma-
markt
Zwei Wege zur Entschlüsselung des Genoms
Welchen Antel des Genoms die beteiligten Staaten entziffern wollen
Übersetzung von Genen in Eiweißmoleküle
[GrafiktextEnde]

"Es wäre Wahnsinn, würde das Erbgut der Menschheit einer Privatfirma gehören"

Forscher träumen bereits von Impf-Bananen und Tabak mit Antikörpern gegen Karies

DER SPIEGEL 37/1998
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