DER SPIEGEL

LITERATURWann hört es auf?

Dass die Regisseurin Helke Sander, 74, auch eine großartige Erzählerin ist, stellte sie erstmals 1987 unter Beweis. In ihrem Prosaband "Die Geschichten der drei Damen K." ließ sie drei emanzipierte Frauen auf einer einsamen Berghütte über Erfahrungen mit Männern plaudern. Genauso klug und anschaulich geht es jetzt auch im neuen Erzählband "Der letzte Geschlechtsverkehr" zu. Die Heldinnen sind weiser, müder und einsamer geworden, aber nicht resigniert. Sie können beobachten: sich selbst, die Freundinnen, die Liebhaber, die sich immer wieder einmal einstellen, und die verheirateten Paare. Die Autorin, einst führend im Aktionsrat zur Befreiung der Frauen und mit ihrem Film "Die allseitig reduzierte Persönlichkeit" (1978) bekannt geworden, begegnet ihren Figuren wie eine gute Zuhörerin. Sie will nichts beweisen. Sie macht sich mit ihnen nicht gemein, obgleich es wahrscheinlich manche Gemeinsamkeit gibt. Selten ein Vorname, oft nur Abkürzungen: "A. vermutete, dass es mit längerer Lebenserwartung, wirtschaftlicher Selbstständigkeit, Gleichberechtigung und höheren Ansprüchen an die Liebhaber zu tun hatte" - die fast 60-Jährige sucht einen Grund "für die vielen Traurigkeiten" um sich herum. Der sachlich-analytische Ton, der die Prosa bestimmt, passt zu den Protagonisten (auch einige Herren erhalten hier eine Stimme): gebildeten Menschen, die sich wenig vormachen. Und plötzlich, so geht es in anrührenden Geschichten, kommt Bewegung in die Sache, geschieht etwas Überraschendes. Und sei es nur, dass eine Ehefrau aus Anlass der goldenen Hochzeit ihren Mann fragt, ob er glücklich sei. Seine Verwirrung ("Ja, Gott, was willst du denn?") kontert sie: "Ich meine, wir sind nun über 50 Jahre zusammen. Da sollte so eine Frage doch möglich sein?" Und was den titelgebenden letzten Geschlechtsverkehr angeht, so fragt sich eine sexuell einst sehr aktive Frau, ob der bewusst zu erleben sei. Nein, überlegt sie: "Erst viel später wird klar, dass da ein Ende war."

DER SPIEGEL 40/2011
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