DER SPIEGEL

IRANDreiste Erpressung

Die Flügelkämpfe des Regimes in Teheran nehmen bizarre Formen an. In der Auseinandersetzung mit seinen Widersachern, die sich hinter dem nahezu unantastbaren Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei sammeln, schreckt Staatschef Mahmud Ahmadinedschad offensichtlich nicht einmal vor dreister Erpressung zurück. Während einer Rede vor Vertrauten behauptete der Präsident, er sei im Besitz von Dossiers des Geheimdienstes über seine Kritiker. Die Akten würden den "Untergang von 314 Leuten" aus Politik und Klerus besiegeln. Er werde alles veröffentlichen, wenn seine Feinde ihre Angriffe gegen ihn und seine Minister nicht einstellten. Angeblich besitzen Ahmadinedschad und Mitstreiter 140 000 Dokumente zu Korruptionsfällen der Konservativen. Die sollen sie sich im Frühjahr während der Wirren um die Führung des Geheimdienstministeriums angeeignet haben. Damals hatte der Präsident den zuständigen Minister entlassen, kurz darauf wurde er von Chamenei wieder eingesetzt.
Erbitterter Widersacher des Staatschefs ist Parlamentspräsident Ali Laridschani. Er gilt als Anwärter auf die Nachfolge Ahmadinedschads bei der Präsidentenwahl 2013. In den Dossiers soll auch er im Fadenkreuz stehen. Laridschani sei über seine Familie in ein illegales Grundstücksgeschäft verwickelt: Sein Bruder Mohammed Dschawad, Vorsitzender der Menschenrechtskommission im Justizapparat, habe sich 700 Hektar Land in der Nähe von Teheran angeeignet. In seiner Rede verlangte Ahmadinedschad von der Justiz, "das Grundstück zu beschlagnahmen und der Allgemeinheit zurückzugeben". Der Chef der Justiz heißt allerdings Sadegh Laridschani, er ist der dritte Bruder aus dem einflussreichen Clan.

DER SPIEGEL 47/2011
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