DER SPIEGEL

Rosas Warmhalteplatte

Ortstermin: In Berlin bereiten sich die Linken auf eine Wallfahrt zu den Gräbern ihrer Idole vor.
Am Sonntag, neun Uhr, wird Hofmann hier sein. So wie jedes Jahr. Er wird vor dem großen Stein stehen, der aus der "Gedenkstätte der Sozialisten" ragt wie ein Zahn. Jürgen Hofmann, 68 Jahre alt, wird "Karl und Rosa" ehren. Wie lange macht er das schon?
Jürgen Hofmann zieht seinen Mantel zusammen, gegen den Wind, der über den Friedhof pfeift. "Seit 1971", sagt er.
Damals gab es noch die DDR, und ein Demonstrationszug pilgerte zum Grab von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, immer am zweiten Sonntag im Januar. Jürgen Hofmann, Historiker und SED-Mitglied, lief an der Tribüne vorbei, auf der das Politbüro stand, Männer mit großer, irgendwie sowjetischer Pelzmütze auf dem Kopf. Hofmann zeigt jetzt auf ein paar Schlitze im Steinboden. "Das haben wir später entdeckt. Eine Heißluftanlage. Damit das Politbüro keine kalten Füße bekam."
Als die DDR unterging, war klar, dass auch die Liebknecht-Luxemburg-Demo untergehen würde. Wer brauchte eine Kampfdemonstration? Wer wollte im fiesen Berliner Winter demonstrieren? Erstaunlich viele wollten das. "10 000 kommen immer", sagt Hofmann. "Je nach Wetter auch 20 000 oder 30 000."
Die Liebknecht-Luxemburg-Demo ist eine der wenigen Sachen, die die DDR überlebte, und heute Deutschlands älteste Dauer-Demo, wenn man den 1. Mai mal vergisst. Noch immer gehen mehr Leute zu Karl und Rosa als zu Occupy-Demonstrationen in Bankenvierteln.
Liebknecht und Luxemburg sind seit 93 Jahren tot. Aber sie sterben nicht, ähnlich wie Che Guevara. "Sie sind linke Märtyrer. Und sie sind unbelastet", sagt Jürgen Hofmann. Man kann sich an ihnen festhalten. Viele Helden wurden zu Antihelden. Lenin, Mao, Castro, Thälmann - Despoten, Herrscher. Oder Stalinisten. Wer blieb übrig? Zu wem kann man noch aufschauen? Karl und Rosa.
Seit über 40 Jahren, immer im Januar, steht Hofmann an den Grabplatten. Es ist ein symbolisches Grab. Hat Hofmann jemals gefehlt? "Ich war auch mal krank", sagt er.
Bei Hofmann, dem Historiker, kam neben der Verehrung für "Karl und Rosa" mit den Jahren noch eine andere Sache hinzu: Er verliebte sich in den Friedhof. "Architektonisch gibt es hier keine Highlights. Aber Geschichten! Der Friedhof ist ein deutsches Panorama des 20. Jahrhunderts!", sagt Hofmann.
Man hört die nahe S-Bahn rauschen. Hofmann setzt frierend eine Strickmütze auf und zeigt die Gräber und Gedenksteine: Wilhelm Liebknecht, der Vater von Karl; Walter Ulbricht; Markus Wolf, der Spionage-Chef; Käthe Kollwitz; Rudolf Breitscheid; Otto Grotewohl; Wilhelm Pieck; Carl Legien. Kommunisten und Sozialdemokraten liegen friedlich nebeneinander. Auch Täter und Opfer. Erich Mielke, der Stasi-Boss, liegt in einem anonymen Urnengrab. Nicht weit entfernt von Paul Merker, SED-Funktionär und in den fünfziger Jahren verurteilt wegen "zionistischer Agententätigkeit". Man kann über den Friedhof gehen wie über den Friedhof einer Idee. Der Sozialismus liegt hier begraben. Oder?
"Die Idee wird immer leben", sagt Jürgen Hofmann. "Als Weltverbesserungsidee."
Hofmann ist Rentner und Vorstandsmitglied des Förderkreises "Erinnerungsstätte der deutschen Arbeiterbewegung Berlin-Friedrichsfelde e. V.", der sich um den Friedhof kümmert. Ende der neunziger Jahre wäre die Anlage fast geschlossen worden. Der Zerfall schritt voran, niemand wollte sich kümmern. Hofmann hatte keine Berührungsängste. Der Friedhof war eine gute Aufgabe für einen abgewickelten Geschichtsprofessor. Der Friedhof wurde zu Hofmanns Lebenselixier. Er macht heute Führungen, sammelt Spenden, er kennt fast jedes Grab und seine Geschichte. Jürgen Hofmann kümmerte sich sogar um ein neues Denkmal. Er zeigt auf einen kleinen Stein mit dem Schriftzug: "Den Opfern des Stalinismus".
Er steht auf einer Wiese, gegenüber den Grabplatten von Liebknecht und Luxemburg.
"Ist für viele Demonstranten leider ein Problem", sagt Hofmann. Blumen werden zertreten, der Stein wird beschmiert. Jedes Jahr führt Hofmann Diskussionen. Es sind die alten Kämpfe unter Linken. Die Revolutionen finden derweil im Norden Afrikas statt.
Die Liebknecht-Luxemburg-Demonstration war einst eine Parteihuldigung. Heute ist sie die Warmhalteplatte für eine große Idee. Alles mischt sich: Idealisten, Realisten, Fundamentalisten. Manchmal ziehen innerhalb weniger Stunden Oskar Lafontaine, Gregor Gysi, Christian Ströbele, Egon Krenz, Ex-Stasi-Mitarbeiter, Spartakisten, der Traditionsverband Nationale Volksarmee und die Antifa an den Grabplatten von Liebknecht und Luxemburg vorbei. Alle greifen nach Karl und Rosa. Auch die Falschen.
Liege man erst mal unter der Erde, könne man sich nicht mehr wehren, sagt Jürgen Hofmann.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 2/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung