DER SPIEGEL

RECHTSTERRORISMUS„Sieg oder Tod“

Die Auswertung mehrerer Computer liefert Einblicke in den Rassenwahn der Zwickauer Zelle. Hatten die Neonazis insgesamt 14 Anschläge geplant?
Aus seiner Gesinnung hat André E. nie ein Geheimnis gemacht. Auf seinem Oberkörper sind die Worte "Die, Jew, die" eintätowiert: Stirb, Jude, stirb. Und zu Weihnachten kreierte der gelernte Maurer schon mal Grußkarten, auf denen ein Hakenkreuz prangte, adressiert an die liebe Familie.
Die Hakenkreuz-Grüße haben die Auswerter des Bundeskriminalamts (BKA) auf einem der Computer in der konspirativen Wohnung in Zwickau gefunden, in der Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe wohnten. Die Bilder und eine Vielzahl neuer Erkenntnisse legen für die Ermittler nahe, dass E. in den vergangenen 13 Jahren einer der wichtigsten Unterstützer der Neonazi-Mörder gewesen sein muss - und vielleicht sogar in die Planung von Anschlägen und Überfällen eingebunden war.
Die Festplatte mit der internen Bezeichnung "EDV11" zählt derzeit zu den zentralen Fundstücken, die einen Einblick in die Gedankenwelt der Rechtsterroristen gewähren. Auf dem Datenträger finden sich die Bekenntnisse des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), wie sich Mundlos und Böhnhardt selbst nannten: unter anderem drei Videos und ein Flugblatt, dazu Fotosammlungen sowie unveröffentlichte Fragmente mit brauner Propaganda.
Möglicherweise haben Böhnhardt und Mundlos bald nach ihrem Abtauchen 1998 eine Mordserie konzipiert, die schon durch ihre Symbolik zu einem Fanal für die Neonazi-Szene werden sollte. Auf der Festplatte findet sich ein am 28. Oktober 2001 gespeicherter Videofilm, auf dem alle bis dahin verübten Anschläge grafisch präsentiert werden. Bis zum Herbst 2001 hatten Mundlos und Böhnhardt vier türkische Einwanderer erschossen und einen Bombenanschlag verübt. In dem Film, der dem SPIEGEL vorliegt, erscheinen Kästchen, die sich jeweils mit dem Datum eines der Attentate füllen. Auffällig sei, heißt es in einem Ermittlungsbericht des BKA, "dass bei den Einblendungen immer 14 umrahmte Felder zu sehen sind", in 5 von ihnen erscheinen Datumszeilen, 9 bleiben leer.
Hatten die Neonazis also ursprünglich 14 Anschläge geplant?
Das BKA verweist in seinem Auswertebericht darauf, dass die Zahl 14 "in der rechtsextremistischen Szene eine besondere Bedeutung" habe. Ein amerikanischer Neonazi hat eine Art Mantra formuliert, das als ideologische Leitlinie für den Rassenkampf dienen soll und genau aus 14 Wörtern besteht: "Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern." Wollten Böhnhardt und Mundlos diesem Satz 14 Attentate folgen lassen, gemäß dem eigenen Leitspruch: "Taten statt Worte"?
Dass ihre von Rassenhass geprägte Weltsicht das zentrale Motiv für die Morde war, belegen auch diverse Filmsequenzen, die in der finalen Fassung des veröffentlichten Bekennervideos von 2007 fehlen, aber auf der Festplatte abgelegt wurden. Ihre Opfer nummerierten die Neonazis dabei voller Menschenverachtung von "Ali1" bis "Ali9". In einem Filmteil, den die Macher am 7. Juni 2006 abspeicherten, ist eine Sprechblase zu sehen, auf der steht: "Der Ali muss weg." Auf einem Plakat, das ebenfalls nicht veröffentlicht wurde, heißt es: "Mitstreiter gesucht im Kampf gegen die Kanackenflut".
Bei der Auswahl ihrer Opfer folgten die Mörder offenbar einem rassistischen Wahn. In Zwickau gefundene Aufzeichnungen legen nahe, dass sich Böhnhardt und Mundlos, die ihre Opfer oft tagelang ausspähten, auf "unarische" Männer im zeugungsfähigen Alter konzentrierten. In einem Fall sahen die Täter von der geplanten Ermordung eines türkischen Unternehmers in Dortmund ab; dessen Laden sei zwar ein "sehr gutes Objekt" und auch die "Person gut, aber alt (über 60)".
Auf der Festplatte wurde ein zuletzt am 5. März 2003 bearbeitetes Pamphlet gespeichert, das die Ziele der Terrorzelle beschreibt. Der Nationalsozialistische Untergrund verkörpere "die neue politische Kraft im Ringen um die Freiheit der Deutschen Nation", auf Grundlage der "Erkenntnis, nur durch wahren Kampf dem Regime und seinen Helfern entgegentreten zu können". Die Aufgaben des NSU bestünden in der Suche "nach neuen Wegen im Widerstandskampf" und der "energischen Bekämpfung der Feinde des Deutschen Volkes". "Bedingungsloses Handeln" solle der Garant dafür sein, "dass der morgige Tag dem Deutschen Volke gehört", auch wenn man gezwungen sei, "anonym und unerkannt zu agieren". Und: "Getreu dem Motto ,Sieg oder Tod' wird es kein Zurück geben."
Spezialisten des BKA glauben, dass der Text ursprünglich der Anwerbung ausgewählter Kameraden dienen sollte. Ob er tatsächlich verbreitet wurde, ist bislang unklar. Überdies gehen die Fahnder dem Verdacht nach, dass ein Teil des durch Raubüberfälle erbeuteten Gelds für den "Aufbau weiterer rechtsterroristischer Kampfzellen im Untergrund" vorgesehen gewesen sein könnte, wie es in einem BKA-Bericht heißt.
Einer der Helfer könnte André E. gewesen sein, der wohl schon früh in das Leben im Untergrund eingebunden war. Nach Erkenntnissen der Ermittler mietete E. bereits im April 1999 eine erste konspirative Wohnung an der Wolgograder Allee in Chemnitz, die er den Flüchtigen zur Verfügung stellte und deren Miete stets in bar beglichen wurde.
Offenbar half E. in drei Fällen auch bei der Anmietung von Wohnmobilen, die Mundlos und Böhnhardt als Fluchtfahrzeuge bei Anschlägen und Überfällen dienten. So wies sich ein Mann bei einem Chemnitzer Caravan-Verleih als André E. aus; das Fahrzeug wurde am 30. November 2000 gegen 9 Uhr abgeholt, gut zwei Stunden später überfielen Mundlos und Böhnhardt eine Postfiliale in der Nähe. Drei Wochen danach reservierte E. erneut ein Wohnmobil, Rückgabe am 21. Dezember 2000. Der Termin passt zum ersten Sprengstoffanschlag der Neonazis in Köln, bei dem der Sprengsatz um dieses Datum herum deponiert worden sein muss - bevor er am 19. Januar 2001 in einem iranischen Geschäft detonierte.
Für das BKA stehen die Anmietungen in einem deutlichen Bezug zu den Straftaten, so heißt es in einem Vermerk; die Wohnmobile seien "als Tatfahrzeuge zu betrachten", es sei davon auszugehen, dass E. die Fahrzeuge Mundlos und Böhnhardt zur Verfügung gestellt habe.
Die Nähe zwischen den drei Neonazis im Untergrund und André E. belegt auch die Analyse der Computer. Sowohl auf E.s Rechner als auch auf dem des Trios findet sich ein Verzeichnis mit rund 2900 identischen Dateien, die in Ordnern mit den Namen "Hitlersbilder" oder "Nazibilder" sortiert sind. Unter den Grafiken ist auch ein Bild, auf dem Gerhard Schröder hinter Gittern mit einem Judenstern abgebildet ist, ergänzt durch die Drohung: "You're the next".
Ob E. allerdings das Bekennervideo von 2007 produziert hat, wie die Bundesanwaltschaft glaubt, ist noch unklar. Auf seinem Computer fanden die Ermittler keine entsprechenden Spuren. "Es gibt
keine harten Beweise gegen meinen Mandanten", kritisiert E.s Anwalt Herbert Hedrich. Die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft beruhten "lediglich auf einer Summe von Vermutungen".
Insgesamt sieben Personen sind derzeit beschuldigt; dass noch weitere Helfer enttarnt werden, halten die Ermittler für wahrscheinlich. So suchen sie eine Frau in Ludwigsburg, von der Beate Zschäpe Feriengästen auf dem Campingplatz in Fehmarn erzählt hatte. Sie sei öfters in der Region unterwegs gewesen, hat Zschäpe demnach behauptet. Heilbronn, wo 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen wurde, ist nur rund 30 Kilometer von Ludwigsburg entfernt.
Offen ist für die Ermittler auch, warum Zschäpe, nachdem sie die Wohnung in Zwickau angezündet und mit André E. und dessen Frau Susann telefoniert hatte, mit der Bahn diverse Städte abfuhr. Von Chemnitz über Leipzig, wo sie vermutlich Bekenner-DVDs einwarf. Weiter nach Eisenach und Bremen, retour über Hannover und Magdeburg nach Halle, von dort nach Weimar und wieder zurück nach Halle, dann Dresden, schließlich Jena. Knapp vier Tage währte die Odyssee. Was sie in dieser Zeit alles tat, gehört zu den ungeklärten Rätseln dieses Falls.
(*) Auf dem Weg zum Haftrichter am 24. November 2011 in Karlsruhe.
Von Thomas Heise, Sven Röbel und Holger Stark

DER SPIEGEL 3/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung