DER SPIEGEL

Der erschöpfte Schöpfer

Die Astronomen entdecken Gott. Viele Himmelsforscher können sich die immer wundersamer erscheinende Entstehung des Universums nur durch einen Weltenlenker erklären. Der Papst verkündete schon die Versöhnung von Glauben und Wissen.
Ein halbes Jahrhundert war Allan Sandage, 72, dem Alter des Universums auf der Spur. Vor etwa 15 Milliarden Jahren, so hat der Forscher schließlich aus dem Licht der Sterne errechnet, fing der ganze Schlamassel an. "Mister Cosmology" nennen die Astronomen den großen Senior ihrer Zunft. Als Schwärmgeist ist der exakte Empiriker bisher nicht aufgefallen.
Nun legte der weißhaarige Gelehrte ("Als junger Mann war ich praktizierender Atheist") ein überraschendes Glaubensbekenntnis ab. "Die Erforschung des Universums hat mir gezeigt", so verkündete Sandage, "daß die Existenz von Materie ein Wunder ist, das sich nur übernatürlich erklären läßt."
Der Kosmologe sprach auf einer Konferenz zum Thema "Wissenschaft und spirituelle Suche", zu der in diesem Sommer Koryphäen der Physik und Biologie ins kalifornische Berkeley pilgerten.
Wie Sandage offenbarten sich die meisten der über 300 angereisten Wissenschaftler als zutiefst gläubige Menschen - etwa Charles Townes, der 1964 für die Entwicklung des Lasers den Physik-Nobelpreis erhalten hatte: "Bei den Gesetzen des Universums ist ein intelligentes Wesen involviert."
Der mehrtägige Forscher-Gottesdienst, bezahlt von dem religiösen Milliardär und Missionar John Templeton, erregte in den US-Medien großes Aufsehen. "Die Wissenschaft entdeckt Gott", titelte das Nachrichtenmagazin "Newsweek".
"Es herrscht tatsächlich so etwas wie Tauwetter zwischen Wissenschaft und Religion", bestätigt der Schweizer Astronom Gustav Tammann, ein Weggefährte von Sandage. "Wir Wissenschaftler sind viel bescheidener geworden. Wir gehen zwar davon aus, daß wir irgendwann alle Spielregeln innerhalb unseres Universums ohne einen Gott erklären können. Aber den meisten von uns ist bewußt, daß sich alles, was außerhalb dieser geschlossenen Box liegt, niemals beschreiben läßt."
Daß Forscher gar nicht so gottlose Gesellen sind, belegt auch eine überraschende Umfrage unter US-Gelehrten, die unlängst vom Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht wurde. Rund 40 Prozent der interviewten Biologen, Physiker und Mathematiker glauben an einen "persönlichen Gott"; viele von ihnen beten sogar zu ihm und hoffen auf eine Antwort.
So etwas hört der amtierende Papst gern. Johannes Paul II. ist seinerseits bemüht, endlich den jahrhundertealten Grabenkrieg mit den Naturforschern zu beenden. Von seinen Vorgängern verfolgte Ketzer wie Galileo Galilei und Charles Darwin hat der Pole rehabilitiert. Den heutigen Forschern bot der Heilige Vater in seiner vor wenigen Wochen veröffentlichten 13. Enzyklika eine Art Waffenstillstand an. "Glaube und Vernunft sind die beiden Flügel", so verkündete Johannes Paul II.,
* Mit diesem Teleskop in Australien wurde die Supernova "Vela" aufgenommen.
"mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt."
Seine Untertanen hat er in den letzten Jahren mehrfach dazu aufgerufen, den vor Generationen abgerissenen Gesprächsfaden mit den Naturforschern wiederaufzunehmen. Seine Hirten sind ihrem Oberhaupt gefolgt. Die einflußreiche Katholische Akademie in München etwa lud Physiker und Astronomen zu einem Gespräch über das Thema "Kosmos und Schöpfung". 300 Teilnehmer kamen. "Die unbewältigte Vergangenheit wirkt fort", klagte auf der Tagung der Astrophysiker Johann Dorschner von der Universität Jena. Akademieleiter Franz Henrich spendete Trost: "Naturwissenschaft und Theologie stehen sich nicht mehr unversöhnlich gegenüber."
"Ein Ende der Blockade" konstatiert auch der Tübinger Theologieprofessor Albert Biesinger, der seine Gespräche mit einem befreundeten Biochemiker als Buch veröffentlicht hat ("Gott, der Urknall und das Leben"). "Als Christ freue ich mich sogar, daß die Physiker die Weltformel finden wollen", sagt Biesinger, "denn ich bin sehr gespannt darauf, zu erfahren, wie Gott das mit der Schöpfung angestellt hat."
Die Annäherung ist ausgerechnet auf jenem Forschungsgebiet bereits weit fortgeschritten, das Wissenschaft und Religion einst entzweite: bei der Himmelskunde.
In jüngster Zeit haben die Astronomen immer mehr Indizien dafür gesammelt, daß das Universum tatsächlich vor 15 Milliarden Jahren mit einer gewaltigen Explosion aus dem Nichts geboren wurde - und daß sich das Weltall bis in alle Ewigkeit ausdehnen wird (siehe Seite 171).
Für die Kirchenmänner ist das eine frohe Botschaft - denn von allen kosmologischen Modellen ist die lange umstrittene Urknall-Theorie am besten mit dem christlichen Glauben an einen Schöpfergott vereinbar. "Die Erkenntnis des Urknalls", so formuliert es der vatikanische Astronom und Jesuitenpater William Stoeger, "hat das Bild Gottes nur veredelt."
Die christlichen Glaubenshüter stört auch nicht, daß die Urknall-Lehre strenggenommen der Genesis widerspricht, nach der Gott die Welt in sieben Tagen erschaffen hat. "Die biblische Schöpfungsgeschichte ist kein wissenschaftliches Lehrbuch", argumentiert Pater George Coyne, Direktor der Vatikan-Sternwarte in Castelgandolfo. "Sie sagt uns nicht, wie der Himmel funktioniert, sondern wie wir dort hinkommen."
Die entscheidende Bestätigung für den großen Knall funkte erst vor wenigen Jahren der Nasa-Satellit "Cobe" aus dem All. Die Sonde hatte die Temperatur der kosmischen Hintergrundstrahlung vermessen, die als Glutrest der Anfangsexplosion gilt. Die Astrophysiker jubelten. Die Meßwerte deckten sich mit den theoretischen Vorhersagen der Urknall-Modelle.
Als der Cobe-Projektleiter George Smoot die kosmische Temperaturkarte, gleichsam das Jugendfoto des Universums, in Händen hielt, bekreuzigte er sich. "Wenn du wie ich ein religiöser Mensch bist", entfuhr es dem amerikanischen Astrophysiker, "hast du das Gefühl, du blickst auf Gott."
Andere, weniger gläubige Forscher tun sich hingegen noch immer schwer mit dem Urknall. "Die Theologen sind im allgemeinen sehr erfreut darüber, zu hören, daß das Universum einen Anfang hatte", schreibt der US-Astronom Robert Jastrow in seinem Buch "God and the Astronomers", "doch die Astronomen sind seltsamerweise darüber erbost."
Lieber sähen viele Sternenforscher das Universum - wie in all den Jahrhunderten zuvor - als ein gewaltiges Uhrwerk, dessen Räder sich in einem ewig unveränderlichen Rhythmus drehen. "Unendlich sollte das Universum sein, ohne Anfang und Ende der Zeit", meint der atheistisch eingestellte Urknall-Theoretiker Steven Weinberg - in einem solchen Weltenkreis würde er sich "wesentlich wohler fühlen". Denn in einem gleichbleibenden ("statischen") Weltall, das immer schon da war, wäre ein Schöpfer überflüssig.
So paßt es umgekehrt ins Bild, daß der Vater der Urknall-Theorie, was kaum bekannt ist, ein Mann der Kirche war. Bereits im Jahre 1931 veröffentlichte der junge belgische Priester und Astronom Georges Lemaître in "Nature" seine Idee von einem vor Äonen explodierten "Uratom", aus dem Raum, Zeit und Materie hervorgegangen seien. "Die Entwicklung der Welt könnte man mit dem Ende eines Feuerwerks vergleichen", schrieb Lemaître. "Wir stehen auf einer gut gekühlten Schlacke und sehen das langsame Schwinden der Sonnen."
Auf seine Schöpfungs-Version war der Priester gekommen, als er Ende der zwanziger Jahre das Mount Wilson Observatorium in Kalifornien besuchte. Dort hatte der US-Astronom Edwin Hubble (ein ehemaliger Boxer und Rechtsanwalt) gerade entdeckt, daß sich alle beobachteten Galaxien mit enormer Geschwindigkeit von der Erde fortbewegen. Lemaître ließ sich von Hubble berichten - und schloß messerscharf: Die Galaxien verhalten sich wie Granatsplitter nach einer Detonation.
Die Astronomen lehnten die Überlegungen ihres gottesfürchtigen Kollegen anfangs strikt ab, sie wollten so etwas wie einen Schöpfungsakt in ihren Modellen tunlichst vermeiden. Lemaître stieg später zum Präsidenten der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften auf.
Aber genaugenommen ist die Urknall-Idee sogar noch viel älter - ursprünglich stammt sie von einem mittelalterlichen Kirchenmann. Um das Jahr 1200, Jahrhunderte vor Erfindung des Fernrohrs, entwarf der englische Theologe Robert Grosseteste (1168 bis 1253), der erste Kanzler der Universität Oxford, eine bizarr klingende Kosmologie.
Das Universum sei entstanden, so lehrte Grosseteste, als Gott einen winzigen Lichtpunkt schuf. Der Lichtpunkt breitete sich sofort nach allen Richtungen aus und riß die gleichzeitig geschaffene Materie mit sich. So wuchs mit rasender Geschwindigkeit ein kugelförmiger Kosmos, und aus der Materie formten sich die Gestirne - ein für die damalige Zeit unerhörtes Gedankenspiel.
Päpstlichen Segen erhielt die Urknall-Lehre, als sie in Forscherkreisen noch heftig umstritten war. Bereits 1950 nahm Papst Pius XII. das Big-Bang-Modell als eine Bestätigung für die biblische Schöpfungsgeschichte.
Alles deute darauf hin, so erklärte das Kirchenoberhaupt, daß das Universum in einer begrenzten Zeit einen machtvollen Anfang genommen habe. Nur ein allmächtiges Wesen sei in der Lage gewesen, eine solche Urexplosion zu zünden - Gott als der himmlische Feuerwerker.
Jetzt, da die letzten Zweifel an dem Urknall-Modell ausgeräumt scheinen, will die Kirche endlich aus der Schmollecke heraus, in der sie seit über 400 Jahren hockt. Ohnmächtig hatten die Christenführer seit Beginn der Aufklärung hinnehmen müssen, wie ihr Gott Zug um Zug aus der Welt hinausgedrängt wurde.
Die Entzauberung des Himmels begann mit Nikolaus Kopernikus, der die Erde und mithin auch Gottes Kinder aus dem Mittelpunkt des Universums verstieß. Vom 16. Jahrhundert an wuchs stetig die Zahl der "Kopernikaner"; Naturforscher wie Galileo Galilei, Johannes Kepler oder Giordano Bruno befestigten den theoretischen Rohbau ihres großen Vorbildes weiter.
Von dem respektlosen neuen Forschertyp aufgeschreckt, setzten die Kirchenfürsten alles daran, die Flut neuer, ketzerischer Ideen mit aller Gewalt einzudämmen. Galilei wurde von der Heiligen Inquisition gezwungen, die Erde wieder öffentlich als Mittelpunkt des Universums anzuerkennen. Noch schlimmer erging es dem Visionär Bruno, der im Weltall unendlich viele von bewohnten Planeten umkreiste Sonnen vermutete; er starb den Flammentod.
Doch der Versuch, die renitent gewordenen Forscher auf Dauer zu zähmen, mißlang. Mit ihrem Terror erreichte die Kirche lediglich, daß sie für Jahrhunderte ihr Verhältnis zu den Naturwissenschaften ruinierte - ohne deren Siegeszug noch aufhalten zu können.
Gegen die ärgste Demütigung, die dem Christentum von Charles Darwin zugefügt wurde, vermochten sich die Kirchenoberen schon nicht mehr zu wehren. Gegen den Widerstand christlicher Fundis hat der Papst der Darwinschen Evolutionstheorie vor zwei Jahren sogar seinen amtlichen Segen gegeben. Kein Gott, so hatte der Naturforscher Mitte letzten Jahrhunderts verkündet, habe die Menschen nach seinem Ebenbild geformt; vielmehr seien sie nur die Vettern der Tiere, hervorgegangen aus einem Prozeß natürlicher Auslese.
Mit der Zeit wurde Gott so zum Platzhalter für jeweils die Naturphänomene, welche die Wissenschaftler gerade noch nicht entschlüsselt hatten. Inzwischen ist dem göttlichen Willen nur ein letzter Schlupfwinkel geblieben: der Schöpfungsakt.
Doch wie lange noch? Auch aus dieser letzten Nische wollen einige Physiker Gott noch vertreiben. Schon vor ein paar Jahren zeigte der gelähmte britische Meisterdenker Stephen Hawking, wie sich die gigantische Himmelsmaschine auch ohne göttliche Intervention in Bewegung gesetzt haben könnte.
Ausgangspunkt seiner - allerdings umstrittenen - Überlegungen ist die in den zwanziger Jahren entstandene Quantentheorie, die gewöhnlich das bizarre Verhalten von Elementarteilchen wie Quarks und Elektronen beschreibt. In der geheimnisvollen Welt des Allerkleinsten, so ergibt sich aus den Gleichungen, kommt es vor, daß Geisterteilchen ohne äußere Ursache aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden.
Hawking wendete nun die physikalischen Gesetze des Mikrokosmos auf das Universum als Ganzes an. Diesen Kunstgriff rechtfertigte er damit, daß das gesamte Weltall bei seiner Geburt auf einen Raum, kleiner als ein Atom, zusammengepreßt war. Und siehe da: Wie ein Kaninchen aus dem Zylinder erschien in seinen Gleichungen plötzlich jene Energiekugel, aus der dann alles Weitere entstand - ohne äußeres Zutun, nur aufgrund einer "Quantenfluktuation". "Das ist kein Beweis, daß es Gott nicht gibt", beeilte sich Hawking zu sagen. "Es bedeutet nur, daß Gott nicht notwendig ist."
Die Kirchenmänner sehen ihren Gott in seiner Rolle als Weltenerbauer aber ohnehin nicht ernsthaft bedroht. Ihr wichtigstes Argument: Von den unendlich vielen denkbaren Universen ist ausgerechnet ein solches entstanden, das die Bildung von Sternen, Planeten und sogar Leben ermöglicht. Das kann kein Zufall sein. Wer aber außer Gott soll die beste aller möglichen Welten ausgewählt haben?
"Die Existenz der Ordnung im Universum", so formulierte der britische Religionsphilosoph Richard Swinburne, "erhöht die Wahrscheinlichkeit, daß es einen Gott gibt, beträchtlich."
In der Tat würde jede noch so winzige Verschiebung der Naturkonstanten verhindern, daß irgendwo im Universum Leben und damit Intelligenz entstehen kann. Wäre etwa die Schwerkraft, die schwächste aller Naturkräfte, nur ein bißchen stärker, so hätten sich weder Sonnen noch Planeten bilden können; das Weltall wäre schon bald nach dem Urknall wieder in sich zusammengestürzt.
Noch ein Wunder: Aus den Energietropfen des Urknalls gefroren stets zwei gegensätzliche Materiebausteine, ein Teilchen und sein Antiteilchen. Nach den geltenden Naturgesetzen entstanden beide Formen von Materie folglich in gleicher Menge und löschten sich einen Bruchteil einer Sekunde später wieder gegenseitig aus. Bis heute rätseln die Physiker, weshalb ein Teil der Materie das Inferno überlebte - und dann Sterne, Planeten, Pflanzen, Tiere und Menschen formte.
Ähnlich verhält es sich mit allen übrigen Konstanten wie den verschiedenen Teilchenmassen und -ladungen, den Stärken der Kernkräfte oder der Geschwindigkeit des Lichts. Viel wahrscheinlicher wäre es gewesen, daß nur Lichtquanten und Neutrinos das anfängliche Höllenfeuer überstanden hätten - das Weltall wäre dann zwar gleißend hell erleuchtet, aber vollkommen leer.
"Wenn wir Gott spielen und die Werte für die Naturkonstanten und -kräfte durch Knopfdruck frei wählen könnten", erläutert der britische Physiker Paul Davies, "würden wir wohl entdecken, daß fast alle Einstellungen das Universum unbewohnbar machen würden." Also doch göttliche Zielplanung?
"Es hat wirklich den Anschein, als ob wir von Anfang an eingeplant gewesen wären", so beschreibt Dorschner dieses in der Fachwelt derzeit heftig diskutierte "anthropische Prinzip". Der ostdeutsche Forscher sieht darin eine "mögliche goldene Brücke zwischen Kosmologen und Theologen".
Doch unser so unwahrscheinliches Universum läßt sich auch ohne einen Gott erklären. Denn vielleicht gibt es ja, so argumentieren andere Astrophysiker, nicht nur ein einziges Universum, sondern unendlich viele verschiedene, die getrennt voneinander existieren. "Wie bei einer kochenden Suppe, in der andauernd Blasen emporsteigen, könnten sich immer neue Universen entfalten", erläutert der Physiker Wolfgang Wild von der TU München.
Ereignet sich also ständig irgendwo ein neuer Urknall? Das Universum, das die Menschheit beherbergt, wäre dann eben doch nur ein statistischer Zufallstreffer. Fast alle anderen Universen hingegen kämen als Totgeburten auf die Welt - jedoch unbemerkt, denn niemand lebte dort, der die grenzenlose Ödnis wahrnehmen könnte. Anders gesagt: In der kosmischen Lotterie haben die Menschen mit ihrem Universum einfach das große Los gezogen.
Astronom Tammann findet die Idee von unendlich vielen Universen allerdings kaum überzeugend. "Das ist doch nicht weniger spekulativ als die Annahme eines Schöpfergottes - in beiden Fällen wird einfach nur ein Joker ins Spiel gebracht, der mit Wissenschaft nichts zu tun hat."
Tammann hält deshalb einen Schöpfergott mindestens für ebenso plausibel wie alle übrigen, streng naturwissenschaftlichen Erklärungen für die Entstehung der Welt: "Wer klar bei Verstand ist, kann die Möglichkeit eines Schöpfers nicht ernsthaft ausschließen."
In der neuen spirituellen Offenheit, mit der die Physiker eine göttliche Kraft in ihrem Universum dulden, kommt allerdings zugleich zum Ausdruck, wie weit dieser Gottesbegriff von dem der Kirche entfernt ist: Von der Vorstellung eines religionsstiftenden Übervaters, der auch noch die Gesetze menschlichen Handelns erläßt, ist darin nichts mehr übrig - und über einen Gott in der Rolle des bloßen Uhrmachers und Maschinenmeisters läßt sich ganz unverfänglich spekulieren.
Bis auf wenige Ausnahmen gestehen selbst die der Religion aufgeschlossenen Physiker oder Biologen einem Gott nur eine bescheidene, zeitlich befristete Rolle auf der Himmelsbühne zu. Spätestens nachdem er die Welt und die Naturgesetze erschaffen hatte, darin sind sich fast alle Forscher einig, begab sich der Schöpfer erschöpft zur Ruh.
"Gott ist der, der etwas sich selbst Organisierendes geschaffen hat", so stellt sich das etwa der Basler Genetiker und Nobelpreisträger Werner Arber vor. "Er war schlau genug, so zu planen, daß er nicht eingreifen muß."
Allenfalls schaute Gott noch zu, wie sich die Dinge entwickelten, aber er mischte sich nicht mehr in das Geschehen ein. In den letzten 15 Milliarden Jahren hinterließ er weder irgendwelche Spuren, noch kümmerte er sich um die Schicksale von Menschen. Holocaust und Hiroschima hat er nicht verhindert.
Ein solches Gottesbild hatte schon das Jahrhundertgenie Albert Einstein. Im April 1921 bekam der Vater der Relativitätstheorie ein Telegramm von Herbert Goldstein. Der New Yorker Rabbi fragte darin besorgt: "Glauben Sie an Gott? Stopp. Bezahlte Antwort: 50 Worte." Der sparsame Einstein telegrafierte nur 29 Wörter zurück: "Ich glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart, nicht an einen Gott, der sich mit dem Schicksal und den Handlungen der Menschen abgibt."
Baruch de Spinoza (1632 bis 1677), Nachfahre aus Portugal in die Niederlande eingewanderter Juden, war ein strenger Denker: Nur die mathematische Vorgehensweise führte nach seiner Ansicht zur Erkenntnis der Wahrheit. "Deus sive natura", die Natur mit ihren nach strikten Gesetzen waltenden Kräften ist Gott, lehrte der Philosoph aus Amsterdam - eine Doktrin, die modernen Wissenschaftlern überaus sympathisch erscheinen muß.
Doch der Determinismus, den Spinoza predigte, läßt wenig Raum für die menschliche Freiheit, ohne die es keine Wahl zwischen Gut und Böse gibt. In Spinozas Ethik gleicht das Böse eher einem Irrtum bei der Wahrheitssuche, sub specie aeternitatis existiert es letztlich nicht. Damit konnten sich die Theologen kaum abfinden: 1656 wurde Spinoza wegen "schrecklicher Irrlehren" aus der jüdischen Gemeinde verstoßen.
Auf die frommen Rabbiner wirkte Spinozas Gott allzu schattenhaft: Was bleibt vom Allmächtigen, wenn er keine Wunder zuläßt, die den Naturgesetzen zuwiderlaufen, wenn er nicht belohnt und straft, am Jüngsten Tag Gericht hält, die Toten auferweckt oder Gebote erläßt, die den Menschen auf Erden als Richtschnur dienen? Gegenüber einem solchen Himmelsherrscher erscheint Spinozas göttliches Ordnungsprinzip blaß und blutleer wie ein Gespenst.
Aber selbst mit einem derart minimalistischen Gottesbild, das in der Forschergemeinde mehr und mehr Verbreitung findet, mögen sich die eingefleischten Skeptiker nicht anfreunden. Die Vorstellung eines arbeitslosen Schöpfers, der sich nur zu Beginn aller Zeiten einmal richtig angestrengt hat, sei "völlig nichtssagend", schimpft der Urknalltheoretiker Weinberg.
Auf einen Gott, der jenseits von Raum und Zeit wabere und sich aus allem heraushalte, argumentiert Weinberg, könne man gleich ganz verzichten. Pure Heuchelei sei es, so der Physiker, Gott am Ende einfach mit den unpersönlichen Naturgesetzen gleichzusetzen, "nur um dem Vorwurf zu entgehen, keinen Gott zu haben".
Wie Weinberg sind die Skeptiker unter den Himmelsforschern noch immer davon überzeugt, daß sie irgendwann das Universum aus sich selbst erklären werden und einen Schöpfergott damit überflüssig machen können. "An der Grenze der Wissenschaft gibt es noch einen Raum, in dem es Platz für einen Schöpfer geben könnte", meint der Physiknobelpreisträger Leon Lederman. "Aber der Raum ist in den letzten 50 Jahren immer kleiner geworden, und er wird weiter schrumpfen."
Daß es für Gott und seine Gläubigen einmal böse enden könnte, hat der heilige Augustinus schon vor 1600 Jahren vorhergesehen. Er erkannte, daß die hartnäckigen Wissenschaftler nicht ruhen würden, bis sie den Schöpfer ganz aus der Welt vertrieben hätten.
"Was tat Gott", so ermahnte der Kirchenvater deshalb die Naturforscher, "bevor er Himmel und Erde schuf?" Augustinus'' Antwort: "Er bereitete die Hölle vor für all jene, die solche Fragen stellen."
OLAF STAMPF
* Mit diesem Teleskop in Australien wurde die Supernova "Vela" aufgenommen.
Von Olaf Stampf

DER SPIEGEL 52/1998
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