DER SPIEGEL

BIOLOGIEBausatz fürs Erbgut

Mit dem ersten menschlichen Chromosom aus dem Reagenzglas hat der US-Genetiker Huntington Willard in der vergangenen Woche die Heilung von Erbkrankheiten in Aussicht gestellt. Ihm war es gelungen, künstlich die komplexen Erbmoleküle zu erzeugen, die das Leben steuern. Wie sein natürliches Vorbild besteht das Retortenchromosom aus verschiedenen Bauteilen: Die Gene sind eingefaßt von Zwischen- und Endstücken, die gewährleisten, daß die Erbinformation richtig umgesetzt wird. Aus diesen Elementen stellte Willard eine Art Bausatz zusammen. Das Gemisch führte er in isolierte menschliche Körperzellen ein, wo die Einzelteile zu funktionsfähigen Chromosomen zusammenwuchsen. So hoffen Mediziner künftig Erbkrankheiten zu heilen: Künstliche Chromosomen sollen in die Zellen der Patienten eingeschleust werden und dort das defekte Erbmaterial ersetzen. Allerdings stehen solche Anwendungen noch längst nicht in Aussicht. Willards Retortenmoleküle sind 20mal kürzer als das Orginal und können deswegen allenfalls als Spielzeugausgabe eines Chromosoms gelten; auch ist noch ungewiß, ob die Gene im Zellkern ihre Steuerfunktion erfüllen.
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Natürliches Chromosom
Künstliches Chromosom
[GrafiktextEnde]
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Natürliches Chromosom
Künstliches Chromosom
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DER SPIEGEL 15/1997
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