DER SPIEGEL

Mutter Teresa,

vor vier Wochen im Alter von 87 Jahren in Kalkutta gestorbene Gründerin des katholischen Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe und Friedensnobelpreisträgerin, soll demnächst als Büste bei einem Hindufestival gezeigt werden. Die Skulptur der Nonne, an der ein indischer Bildhauer bereits arbeitet, wird dann neben den Statuen der Gottheiten Kali oder Durga verehrt werden. Durga ist von zweierlei Charakter: Schöpferin und Zerstörerin. Als gute Gottheit verkörpert sie Nahrung und Fruchtbarkeit, als böse Rachegöttin verlangt sie nach Tier- und Menschenopfern. Auch als Lebende wurde die "Mutter" in Kalkutta nicht nur verehrt, sondern auch gefürchtet. Schließlich verdanke diese Stadt, so manche der Bewohner, ihren schlechten Ruf der Nonne aus Europa. Durch Mutter Teresas medienträchtiges Wirken erfuhren viele erst, daß dort Sterbende auf der Straße liegen.
Von Weber und

DER SPIEGEL 40/1997
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