DER SPIEGEL

LITERATURSeelenarbeit

An den auslösenden Moment erinnert er sich genau: Im dritten Jahr nach seiner Rückkehr in sein australisches Heimatdorf, bei einer sehr gut besuchten Lesung, traf der Lyriker Les Murray, Familienvater und Hausbesitzer, auf eine ehemalige Klassenkameradin. "Diese Frau erinnerte mich fröhlich an einen der Spitznamen, die sie mir mehr als dreißig Jahre zuvor gegeben hatte, und innerhalb von ein, zwei Tagen begann ich zu zerfallen." Panikattacken und Weinkrämpfe, Stupor und ein wiederkehrender "writer's block" lösten sich von nun an bei ihm ab. An jedem Tag, manchmal mehrfach, "kündigte ein Kupfergeschmack in meinem Mund, den ich 'intensive Geschmacklosigkeit' nannte, eine Periode hilflosen, bodenlosen Elends an, bei der ich in Embryonalstellung auf dem Sofa kauerte, während mir Tränen aus den Augen sickerten, mein Hirn vor einem Wirrwarr von Dingen überkochte, die es sich nicht lohnt, Gedanken oder Bilder zu nennen: Er erinnerte eher an in reinem Schmerz marinierten, gehäckselten Seelentang". Der Fachbegriff dafür heißt: Depression. In seinem erzählerischen Essay, ergänzt durch 24 Gedichte, schildert der Dichter Les Murray, 73, der seit Jahren als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gilt, den Umgang mit seinem "Schwarzen Hund" - ein Name, den auch Winston Churchill seiner Gemütskrankheit gab, der sich aber bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. So präzise Murray in der dichten Beschreibung ist, so offen zeigt er sich bei der Suche nach den Ursachen des Phänomens: Biografische Herleitungen und physiologische Überlegungen dürfen nebeneinander bestehen, und wo die Grenzen der Prosa erreicht sind, fängt die Lyrik an. Das gibt dem kurzen Buch eine stimulierende Balance und zeigt zugleich die Möglichkeiten der Dichtung. Denn wo man nicht erklären kann, da kann man doch begreifen.

DER SPIEGEL 35/2012
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