DER SPIEGEL

Lesen im Ozean der Gene

Im Kern jeder Menschen-, Tier- oder Pflanzenzelle liegt das Erbmolekül DNS verborgen. Jetzt beginnen Forscher, in diesem einzigartigen Archiv der Natur zu lesen. Sie analysieren das Erbgut der Zarenfamilie, von Pharaonen und Banditen, knacken Rätsel der Kunst- und Literaturgeschichte und revolutionieren die Kriminalistik.
Ein beißender Geruch von Fäulnis und Formalin, der aus den Autopsieräumen und Leichenkammern herüberströmt. Ein endlos dunkler Gang, von dessen Wänden die blaßgrüne Farbe abblättert und vergilbte Funktionärsporträts grüßen. Ein schwarzes, schweres Eisengitter mit einem Warnschild in verschiedenen Sprachen, darunter auch auf deutsch: "Achtung! Durchgang strengstens verboten!"
Den Schlüssel verwahrt Nikolai Newolin, der Direktor des Instituts für Gerichtsmedizin und Chef des Leichenschauhauses von Jekaterinburg. Den "Herrn der Knochen" nennen sie ihn in der grauen Millionenstadt am Ural, mit einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht.
Jeder in dieser geschichtsträchtigen Stadt weiß, worauf der Spitzname abhebt. Daß da nicht irgendwelche beliebigen Knochen gemeint sind, sondern die Gebeine, über deren Ursprung und Verbleib unter Politikern, Historikern und Kirchenfürsten ein erbitterter Streit tobt. Ein Kampf, der an den politischen Nerv Moskaus rührt und der über die Zukunft des riesigen russischen Reiches mitentscheiden könnte.
"Nein, das sind sie noch nicht", sagt Newolin und schiebt im Halbdunkel verärgert einen Totenkopf zur Seite. "Keine Ahnung, woher das ist. Stammt wohl von einem gewöhnlichen Kriminellen." Drei Schritte weiter noch eine Tür, diesmal aus Eisen, vielleicht einmal weiß gestrichen. Wieder knirscht ein großer Schlüssel im Schloß, der Blick öffnet sich in einen etwa 6 x 6 Meter großen Raum. Neonlicht flammt auf, und gleichzeitig flackert auch ein Feuer in den Augen des sonst so nüchternen Pathologen.
Die Überreste von neun Menschen, vor über 77 Jahren auf Befehl der Bolschewiken getötet, liegen auf Metallgestellen, unter ungeputztem, dünnem Glas. Die Särge sind numeriert und versiegelt. An jeden ist ein kleines buntes Heiligenbild geheftet.
Die Knochen sind in Skelettform angeordnet: Schädel, dann Rückenwirbel, Rippen, Armknochen, schließlich was von Becken und Beinen übrig ist.
Mit einer weit ausladenden Geste sagt Newolin zu den auf den Tischen rundherum aufgebahrten Gebeinen hin, nicht ohne Besitzerstolz: "Voilà, die Zarenfamilie." Er stellt sie und die mit ihr Ermordeten - den Leibarzt, den Diener, die Kammerzofe, den Koch - wie alte Bekannte vor. Bei "Objekt vier" beispielsweise beschreibt er erst jedes einzelne Knöchelchen und bemerkt schließlich kühl: "Nikolai II."
Die sachliche Bestimmtheit des Pathologen läßt keinen Zweifel zu: Die verwitterten Knochen in Glassarg Nummer 4 gehörten einst jenem Mann, der vor 102 Jahren als letzter Herrscher aller Russen den Zarenthron bestieg.
Newolins Sicherheit gründet sich auf das Gutachten eines Gelehrten in Großbritannien, der den Knochen postum ihre kaiserliche Herkunft bescheinigt. Gewebskrümel aus Oberschenkel und Zähnen hatten ihm gereicht, aus Spekulationen um die mysteriösen, in der Nähe eines sibirischen Bahndamms unweit von Jekaterinburg gefundenen Skelette wissenschaftliche Gewißheit zu machen.
Peter Gill, Molekularbiologe am britischen Innenministerium, gehört zu einer kleinen Zahl von Detektiven, die sich neuartiger Methoden bedienen: Ihre Indizien finden sie im Erbgut. Ihre Spurensicherung geschieht in Petrischalen und Pipetten. Ihr Beweismittel heißt DNS.
Nicht nur den Zähnen des Zaren, auch den Knochen des legendären Wild-West-Banditen Jesse James und des gefürchteten "Todesengels von Auschwitz", Josef Mengele, der mumifizierten Haut der Pharaonen, den Barthaaren Shakespeares, dem Gewebe von Ötzi, der Gletscherleiche, und dem Blut des Findelkinds Kaspar Hauser suchen sie Geheimnisse zu entlocken.
Wo immer sie nur winzigste Spuren von Lebendigem aufspüren können, werfen sie ihre Maschinerie der molekularen Diagnostik an und stoßen dabei auf Grundrätsel von Archäologie und Anthropologie, aber auch von Theologie, Kunst- und Medizingeschichte.
Die DNS-Detektive, wegen ihrer spektakulären Untersuchungsobjekte von neidischen Kollegen schon abschätzig als "Disco-Forscher" tituliert, stürzen Dogmen der Evolutionsbiologen um, mischen sich in die Debatte um das Urchristentum ein, lassen im Gewande der Molekularbiologie eine neue Art der Rassenforschung wiedererstehen, dringen bis zur Wiege der modernen Menschheit vor und postulieren neue Hypothesen über die Funktion der Höhlenmalerei.
Sie machen sich zunutze, daß auf dem DNS-Molekül im Zellkern jeder Pflanzen-, Tier- oder Menschenzelle nicht nur der Bauplan für den gesamten Organismus kodiert ist; zugleich hat die Natur mit diesem Erbmolekül auch jedem ihrer Geschöpfe ein unverwechselbares Merkmal, gleichsam einen biologischen Personalausweis, mitgegeben.
Auf diese Weise trägt jeder Mensch in vielbillionenfacher Ausfertigung ein Bio-Dokument mit sich herum, auf dem in der Sprache der Biochemie seine Identität, seine Veranlagungen und seine Abstammung festgehalten sind - ein fast unerschöpfliches Archiv für die neue Zunft der DNS-Detektive.
In einer ahnungsvollen Schrift hatte der österreichische Physiker Erwin Schrödinger schon 1944 einen digitalen Code hinter den Mendelschen Vererbungsgesetzen vermutet. Die Bildung eines komplexen Organismus, so argumentierte er in seinem Aufsatz "Was ist Leben?", könne nur von einem langen genetischen Datenstrang gesteuert werden. Dort müsse das Geheimnis aller Unterschiede von Menschen, Tieren und Pflanzen verborgen liegen.
Nur zehn Jahre später sollte sich seine Prophezeiung auf spektakuläre Weise bestätigen: Die Chromosomen entpuppten sich als gigantische Kettenmoleküle, in denen, verschlüsselt als Abfolge von Nukleotiden, das Gen-Programm eines Organismus verborgen ist. Bis 1966 war es denn auch gelungen, diesen Code allen Lebens zu knacken.
Damit war klar: Der Mensch lebt inmitten eines Ozeans biologischer Information. In jedem Haar, jedem Schweiß- oder Spucketropfen, in jedem Grashalm und Pollen steckt DNS. Wenn es gelänge, in dieser gewaltigen Bibliothek der Natur zu lesen, so ließen sich darin die Lösungen fast aller Rätsel des Lebendigen finden.
Dennoch dauerte es weitere 19 Jahre, bis ein schwedischer Medizinstudent jahrtausendealte Bruchstücke menschlichen Erbgutes aufspürte - es war die Geburtsstunde der Gen-Archäologie.
Tagsüber brütete Svante Pääbo über seiner Doktorarbeit, in der er sich in die Verästelungen des menschlichen Immunsystems vertiefte. Nachts untersuchte er in seinem Labor, was ihn weit mehr als alle T-Zellen und Antikörper faszinierte: winzige Stücke vertrockneter Mumienhaut aus Ägypten. Sein Doktorvater wußte von nichts.
War es möglich, im Gewebe der Pharaonen und Wesire noch DNS aufzuspüren? Hat das Erbgut der Kulturbegründer vom Nil die Jahrtausende überdauert, und ließ sich mit seiner Entschlüsselung ein neues Kapitel der Ägyptologie aufschlagen?
Geleitet von diesen Fragen, nahm Pääbo seine heimlichen Forschungen auf - mit einer Schweineleber. Auch nachdem das Organ vertrocknet war, konnte er darin noch Schweinegene aufspüren. Wenn die Erbsubstanz das Verdörren des Gewebes überlebt hatte, so seine Hoffnung, könnte sie auch in den Grabkammern der alten Ägypter überdauert haben.
Ermutigt von seinem Schweinetest, beschaffte sich Pääbo in Uppsala das erste Stück einer echten Mumie. Doch zu seiner Enttäuschung wurde er diesmal nicht fündig. Keinerlei Gen-Reste ließen sich in der Probe nachweisen.
Pääbo gab nicht auf. Über Beziehungen erhielt er vom Ägyptischen Museums in Ost-Berlin die Genehmigung, 1,6 Gramm Trockenfleisch aus einer besonders gut erhaltenen, 2400 Jahre alten Kindesmumie herauszuschneiden. Diesmal hatte er Glück: Es gelang ihm, aus der Mumienhaut winzige Überreste von Erbsubstanz herauszulösen.
Die Pioniertat machte ihn 1985 schlagartig berühmt. Nur fünf Jahre später, gerade 35jährig, übernahm der Schwede den Lehrstuhl für Allgemeine Biologie an der Uni München. "Mich zu berufen war mutig", sagt Pääbo. "Aber ich glaube, man hat es nicht bereut."
Inzwischen treffen regelmäßig Proben aus aller Welt in seinem Münchner Labor ein: Blutproben von Eskimos und Indianern, Gewebe von ausgestorbenen Tieren wie Mammuts oder Beutelwölfen und Knochen von Frühmenschen.
Noch immer gibt es neben Pääbos Institut weltweit nur ein halbes Dutzend Labors, die das Handwerk der Gen-Archäologie beherrschen. "Das liegt sicher daran, daß wir ein furchtbar mühsames Geschäft betreiben", sagt Pääbo.
Zwar verfügen die Gen-Detektive seit rund zehn Jahren über eine Technik, die ihr Gebiet revolutioniert hat. Mit der sogenannten Polymerase-Kettenreaktion (PCR) lassen sich selbst verschwindend geringe Mengen uralter Erbsubstanz schnell, sicher und milliardenfach vervielfältigen. "Doch unsere stärkste Waffe richtet sich zugleich auch gegen uns", schränkt Pääbo sofort ein.
Mit der PCR-Technik betreiben die Forscher eine molekulare Kopier-Maschine unvergleichlicher Präzision. Ein einziges DNS-Molekül genügt, sie in Betrieb zu setzen. Doch gerade diese Empfindlichkeit führt dazu, daß viele Analysen durch den allgegenwärtigen Gen-Müll entwertet werden. Jeder archäologische Fund ist mit modernen Gen-Fragmenten verunreinigt: Ein Ausgräber hat auf den Knochen gehustet, ein Museumskurator seinen Fingerabdruck hinterlassen, einer der DNS-Forscher in ein Lösungmittel gefaßt.
Wie Virologen, die mit tödlichen Erregern hantieren, untersuchen die Münchner Gen-Archäologen Knochensplitter und Mumienhaut nur im Speziallabor, eingemummt in Schutzanzüge mit Plexiglasvisier. Ehe sie mit der Analyse beginnen, kratzen sie die oberste, vermutlich besonders kontaminierte Schicht der Probe ab. Alle Chemikalien werden mit UV-Licht bestrahlt, um darin schwimmende Biomoleküle zu zerhacken. "Sie glauben nicht, wie schwierig es ist, auch nur ein paar Milliliter DNS-reines Wasser zu kriegen", stöhnt Pääbo.
Selbst wenn es gelingt, jede Verunreinigung zu vermeiden, bleibt doch die Spurensuche oft vergebens. Vor kurzem hat einer von Pääbos Mitarbeitern Reste von über 100 prähistorischen Menschenknochen aus Afrika analysiert. Lediglich in fünf Proben waren einige Gen-Schnipsel erhalten geblieben.
Die karge Ausbeute ist damit zu erklären, daß DNS ein empfindliches Biomolekül ist. Es wird von körpereigenen Enzymen gespalten, von Mikroorganismen verdaut, von Sauerstoff oxidiert. Nach Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden bleiben von den zentimeterlangen DNS-Fäden allenfalls nanometerkurze Bruchstücke übrig - und das nur, wenn Knochen oder Gewebe trocken, unter Luftabschluß und möglichst kalt konserviert wurden.
Nur selten macht es die Natur den Gen-Archäologen so leicht wie im Fall der Alpenmumie Ötzi. Vor 5200 Jahren war der jungsteinzeitliche Bergsteiger vermutlich von einem jähen Wetterwechsel überrascht und unter einer Schneedecke begraben worden. Winde bliesen durch den luftdurchlässigen Schnee, bis sich die Leiche in Trockenfleisch verwandelt hatte. Dann schloß das ewige Eis die Gletschermumie luftdicht ein - besser könnte kaum ein Konservator Gene für die Ewigkeit versiegeln.
Die Ötzi-Gene halfen Pääbo, Zweifel an der Echtheit der Alpenleiche auszuräumen. Vor drei Jahren war der Verdacht aufgetaucht, der vermeintliche Urtiroler sei in Wahrheit nur eine Inka-Mumie; ein Scherzbold habe sie auf dem Alpengletscher deponiert. Doch ein Vergleich der Eismann-Gene mit dem Erbgut heutiger Menschen ergab eindeutig, daß er ein früher Europäer gewesen ist; die größte genetische Übereinstimmung besteht auch heute noch mit den Bewohnern des Alpenraums.
Von Ötzi erhofft sich der Münchner Gen-Forscher jetzt auch den Vorstoß auf das Gebiet der Medizingeschichte. In weiteren Gewebeproben will er nach dem Erbgut von Viren oder Bakterien suchen, um so herauszufinden, welche Krankheiten die Steinzeit-Europäer plagten.
Inspiriert wurde er durch einen Fund von US-Wissenschaftlern, die im Lungengewebe einer weiblichen Mumie aus der Vor-Inkazeit auf Erbgutreste von Tuberkelbakterien gestoßen waren - ein Beweis, daß die Indianerin lange vor Ankunft der Spanier an Schwindsucht litt. Als Legende ist damit die Lehrmeinung entlarvt, erst die europäischen Eroberer hätten die Seuche in Südamerika eingeschleppt.
Auch Geheimnisse über die Evolution der Tiere und über den Ursprung des Menschen liegen in den Genen verborgen. Denn im Erbgut eines Lebewesens ist seine gesamte Entwicklungsgeschichte archiviert. Beim Kopieren der DNS passieren der Natur regelmäßig Fehler - durchschnittlich etwa ein Fehler pro Generation -, die dann an alle Nachkommen weitergegeben werden. Je stärker sich zwei Tierarten, zwei Populationen oder zwei Völker genetisch voneinander unterscheiden, desto mehr Zeit muß seit ihrer Aufspaltung aus einer gemeinsamen Wurzel vergangen sein.
Vor neun Jahren machte sich der US-Forscher Allan Wilson an die genetische Geschichtsschreibung der Menschheit. Er machte sich zunutze, daß die Gene der Mitochondrien - Bio-Kraftwerke, die im Innern der Körperzellen schwimmen und diese mit Energie versorgen - stets von der mütterlichen Eizelle vererbt werden. Deshalb konnte Wilson die Abstammung des Menschen in weiblicher Linie bis zur Urmutter der gesamten heutigen Menschheit zurückverfolgen.
Das Ergebnis seiner Analyse war eine Sensation: Eva war demnach eine Schwarze und lief vor rund 200 000 Jahren durch das afrikanische Buschland. Alle heute lebenden Menschen, ob Yanomami-Indianer, Tibeter oder Pygmäen, stammen von ihr ab.
Auch den beispiellosen Eroberungszug des Menschen konnte Wilson anhand der Gene rekonstruieren: Vor 100 000 Jahren, so errechnete er, erreichte Homo sapiens den Vorderen Orient. 40 000 Jahre später hatte er fast den ganzen asiatischen Kontinent besiedelt. Im Laufe der letzten 60 000 Jahre drang er dann auch bis Australien, Amerika und Europa vor.
Inzwischen wird ein immer detaillierterer Gen-Atlas der Menschheit erarbeitet. Im "Human Genome Diversity Project" katalogisieren Labors die Gen-Vielfalt der Völker und schreiben so eine umfassende Chronik der Frühgeschichte.
In den eingesandten Blutproben liegt das Buch der Gene noch vergleichsweise leicht zugänglich aufgeschlagen. Hier haben es Pääbo und seine Kollegen nicht nur mit wenigen Überbleibseln der Verrottung zu tun. Aus frischem Blut läßt sich noch das vollständige Sortiment aller Gene eines Menschen gewinnen.
Das macht sich vor allem die Kripo zunutze. Die Indiziensuche im Gen-Labor hat, wie Hubert Pöche erklärt, die Spurensuche "revolutioniert". Im Kühlschrank seines Labors am Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin stapeln sich Hunderte bunter, fingerhutgroßer Reagenzbehälter - ein DNS-Arsenal von Mördern und Triebtätern.
Für einige tausend Mark lüftete er zudem auch manches Familiengeheimnis. Im vergangenen Jahr klärte er allein 52 Vaterschaften. So wollte ein Zwillingspaar wissen, wer sein Vater sei: der Freund oder der Ehemann der Mutter. Das verblüffende Ergebnis lautete: sowohl als auch - die Zwillinge hatten verschiedene Väter.
In den letzten Jahren hat sich die gesamte Kriminalistik in eine High-Tech-Disziplin verwandelt: Revolverkugeln werden auf den millionsten Bruchteil eines Gramms genau chemisch analysiert, Baujahr und Modell von Autos anhand winziger Lackspuren bestimmt, Tathergänge an Computern rekonstruiert. ___Über allem aber thront die DNS-Analyse. Mußten die Experten der Morddezernate bisher die Täter meist in einem mühsamen, oft trügerischen Puzzle aus Indizien, fehlenden Alibis, Motiven und Zeugenaussagen überführen, so gibt es jetzt ein Mittel, das mit dem Anspruch exakter Wissenschaftlichkeit einen Mörder oder Vergewaltiger identifiziert: den "genetischen Fingerabdruck".
Ein Spritzer Blut auf einer Jacke, etwas Speichel am Zigarettenstummel oder an der Briefmarke auf einem Erpresserbrief, selbst ein Haar auf dem Teppich können reichen, den Täter per DNS-Check dingfest zu machen.
Sogar die Hülsen eines Palo-Verde-Baumes können dem Mörder zum Verhängnis werden, wie ein Fall aus dem US-Staat Arizona beweist: Die Früchte waren auf der Ladefläche eines Lieferwagens gefunden worden, der einem Verdächtigen gehörte. Ein Genetiker analysierte sie und konnte so den Standort des Mutterbaumes ermitteln: Er überschattet den Eingang zur Fabrikruine, in der das tote Opfer gefunden wurde.
Bei einigen Fahndern löste die neue Technik eine regelrechte Testwut aus: ___Im Januar 1992 wurde eine 19jährige Abiturientin auf dem Heimweg vom Feuerwehrball in Hänigsen bei Hannover vergewaltigt und ermordet. Die Kripo untersuchte daraufhin alle männlichen Ballgäste unter 70 Jahren. 138 Blutproben später war der Täter gefaßt. ___1994 ließ die hessische Polizei nach dem Mord an einer 27jährigen Erzieherin 560 Männer zum Gen-Check antreten. ___In der britischen Grafschaft Leicestershire mußten sogar 5000 Männer Blut für den DNS-Test abgeben, unter ihnen auch der so identifizierte Sexualmörder.
In Großbritannien diskutieren Juristen schon über eine riesige Datenbank, die den genetischen Fingerabdruck jedes Neugeborenen abspeichern soll - ein Überwachungsinstrument, wie es selbst George Orwell in seinem düsteren Zukunftsroman "1984" nicht eingefallen war.
Eine bizarre Vorform der genetischen Datenbank soll jetzt in der englischen Ortschaft Bruntingthorpe eingerichtet werden, um den schon zehn Jahre währenden Streit um den Hundekot auf den Bürgersteigen mit den Methoden moderner Wissenschaft zu beenden: Aus Haaren aller 30 Hunde in Bruntingthorpe soll Erbgut gewonnen und archiviert werden. Dann, so das Kalkül der Ordnungshüter, ließe sich der Verursacher jedes Kothaufens durch Abgleich mit der DNS-Datei ermitteln, und sein Besitzer könnte haftbar gemacht werden.
Wie einst das allmächtige Orakel von Delphi, so werden heute die Gene angerufen, um letzte Gewißheit zu bekommen. Deshalb war die Empörung um so größer, als die scheinbar so unfehlbare Methode einen Berliner Vorarbeiter fast unschuldig wegen Mordes hinter Gitter gebracht hätte: Bei der Analyse war seine DNS mit sichergestellten Proben vom Tatort vermischt worden. Der verhängnisvolle Pfusch wurde erst von einem zweiten Gutachten aufgedeckt, das den Angeklagten entlastete.
Mit ähnlichen Beispielen versuchten die Anwälte des amerikanischen Ex-Footballstars O. J. Simpson die Glaubwürdigkeit eines DNS-Befunds zu erschüttern, der ihren Mandanten schwer belastete: Simpsons Blut war am Tatort, Blut eines der Opfer in seinem Auto gefunden worden.
Seinen Freispruch jedoch verdankt Simpson wohl eher einem ganz anderen Handikap der DNS-Analyse: Sie ist nicht anschaulich.
Alle Ausführungen der nüchternen Labormediziner über DNS-Strichmuster, Gen-Sequenzen und Statistik vermochten die Jury nicht so zu überzeugen wie jene spektakuläre Szene, die sich vor laufenden TV-Kameras im Gerichtssaal abspielte: Vergebens versuchte Simpson unter Zerren und Zupfen, den blutigen Handschuh überzustreifen, der am Tatort gefunden wurde. Triumphierend hielt er danach das Corpus delicti in die Höhe: als Beweis seiner Unschuld.
So abstrakt und nüchtern die Sprache der DNS-Detektive, so trist die Laboratmosphäre sein mag, in der sie den Dingen auf ihren genetischen Grund gehen, so groß ist die Anziehungskraft der neuen Wissenschaft für geschichtsträchtige Rätsel. Die Gen-Archäologen sind es gewohnt, in ihrer Post eigenartige Gewebsproben zu finden, denen nur eines gemein ist: Von ihrer DNS-Analyse versprechen sich die Absender Sensationen.
So war es einer der Triumphe der neuen Methode, daß die Überreste des 1979 gestorbenen KZ-Arztes Josef Mengele eindeutig identifiziert werden konnten. Gegenwärtig soll per DNS-Check überprüft werden, ob das Findelkind Kaspar Hauser der Thronanwärter des badischen Fürstenhauses war, wie seit langem gemutmaßt wird (SPIEGEL 10/1996).
Und kürzlich meldete sich eine Mainzer Anglistin bei Svante Pääbo: Ob er in den Barthaaren William Shakespeares Gene aufspüren könne, wollte sie wissen. Von dem Münchner Biologen erhofft sich Hildegard Hammerschmidt-Hummel Bestätigung ihrer These, die berühmte Totenmaske im Darmstädter Schloß, gemeinhin als Fälschung aus dem 19. Jahrhundert abgetan, zeige tatsächlich das Antlitz des englischen Dramatikers.
Das Geheimnis der Maske scheint ihr nun aufklärbar. Denn in der Maske stecken noch 19 Barthaare - ein Bio-Nachlaß des Dichters, den sie nun analysieren lassen und mit den in Stratford-upon-Avon begrabenen Knochen vergleichen will.
Mit drei Problemen allerdings hat die Enthüllerin aus Mainz noch zu kämpfen: Aus München kam die Nachricht, noch sei die DNS-Diagnostik nicht ausgereift genug, anhand von 19 Stoppeln das genetische Profil eines vor Jahrhunderten gestorbenen Bartträgers zu ermitteln; zudem müßte sich Hammerschmidt-Hummel über die Drohung des Dichters selbst hinwegsetzen, der auf seine Grabplatte meißeln ließ: "Verflucht sei, wer meine Knochen berührt"; und ob der Mann, den die Darmstädter Maske zeigt, tatsächlich auch der Autor des "Hamlet" und "Othello" ist, das kann selbst die DNS-Analyse nicht klären.
Erfolgreicher waren US-Forscher bei der genetischen Aufklärung eines Mythos der amerikanischen Art. Der Schlüssel lag diesmal verborgen in einem Grab auf dem kleinen Friedhof der Ortschaft Kearney in Missouri. Dort wurde, das jedenfalls schilderte der Schriftsteller Oscar Wilde, im April des Jahres 1882 Jesse James begraben, der berüchtigtste aller Banditen des Wilden Westens.
Sind aber die Knochen im Grab mit der Aufschrift "Jesse James" wirklich die Überreste jenes Mannes, der 14 Jahre lang von Iowa bis Alabama Banken ausraubte, Postkutschen überfiel und Geschäfte plünderte? Oder liegen die Gebeine des sagenumwobenen Outlaws unter dem "Jesse James"-Grabstein auf dem Friedhof der texanischen Kleinstadt Granbury, wo er der Legende gemäß einen geruhsamen Lebensabend verlebt haben soll?
Wieder führte die Spurensuche ins Erbgut: Im Juli vergangenen Jahres wurde der Tote von Kearney exhumiert, seine Knochen wurden analysiert und mit Blutproben von James-Nachfahren verglichen. Erst danach stand fest: Oscar Wilde hatte recht. Jesse James war, wie von dem Dichter beschrieben, schon 1882 von seinem Komplizen Robert Ford erschossen worden.
Ein anderes Kapitel der US-Geschichte arbeitet Mary-Claire King auf. In dem Labor der DNS-Expertin von der University of California in Berkeley treffen die wenigen Überreste von US-Soldaten ein, die auf den Schlachtfeldern Vietnams ausgegraben werden.
Monatlich eine Million Dollar wendet die US-Regierung für die Suche nach jenen rund 2000 verlorenen Kriegern auf, von denen seit dem Vietnam-Debakel jede Spur fehlt. Oft finden die Suchtrupps des Pentagon nur Schuhsohlen, Helmriemen oder Visiere verschollener Piloten. Die begehrtesten Fundstücke jedoch sind Reste von Armen, Beinen oder Fingern.
An Leibes statt werden die Körperteile in die USA überführt, in einen Metallsarg gebettet und mit einer US-Flagge bedeckt. Daß in der anschließenden Zeremonie die Soldatenreste nicht anonym unter die Erde gebracht werden müssen, daß vielmehr ein ordnungsgemäßer Totenschein ausgestellt und archiviert werden kann, ist Mary-Claire King zu verdanken: Sie entschlüsselt in Knochen, Gewebe oder Zähnen die genetische Signatur der Gefallenen.
Aber nicht nur Menschen-Genen, auch dem Erbgut von Ziegen, Antilopen und Bäumen entlocken die DNS-Fahnder historische Geheimnisse. Scott Woodward von der Brigham Young University in Provo (US-Staat Utah) etwa hofft, daß Ziegen- und Gazellenhäute ihm einen Blick in die Geisteswelt der Juden um Christi Geburt erlauben werden.
Vor rund 50 Jahren entdeckten Beduinen in Höhlen von Qumran am Toten Meer alte Pergamentrollen - ein Sensationsfund, um den die Religionswissenschaftler seither erbittert streiten. Juden sahen in den Abschriften von alttestamentarischen Texten, den religiösen Kommentaren, Dankliedern und Regeln das bedeutendste frühe Schriftdokument ihres Volkes. Andere glaubten, auf die Überlieferung einer Wüstensekte gestoßen zu sein, aus der später die Christen hervorgegangen sein könnten. Die Texte aus Qumran deuteten sie als geistige Vorläufer des Neuen Testaments.
Doch bisher ist es nur bei 15 der rund 800 Textrollen gelungen, sie zu übersetzen. Die übrigen konnten nur als rund 10 000 kaum daumennagelgroße Fragmente geborgen werden - ein Puzzle, das zusammenzusetzen nach Auffassung der Bibelforscher und Judaisten eines Wunders bedürfte.
Diesem Wunder glaubt sich Woodward nahe: Der Molekularbiologe fahndet in den Häuten, auf denen die Texte geschrieben sind, nach Resten von Erbgut. So will er die individuellen Ziegen und Gazellen unterscheiden, das Gen-Profil verschiedener Herden ermitteln, und auf diese Weise Ordnung in die verwirrende Vielfalt der Textschnipsel bringen.
Wie die Religionsgeschichtler, so glauben auch die Kunsthistoriker, Erbgutanalysen könnten ihnen helfen, ungelöste Rätsel zu knacken: ___Am Metropolitan Museum in New York schürfen Biologen in Gemälderahmen und dem pflanzlichen Klebstoff, mit dem die Leinwand auf den Rahmen gespannt wird, nach genetischem Material. Mit seiner Hilfe wollen sie die Kunstwerke der großen Meister von denjenigen zeitgenössischer Fälscher unterscheiden. ___Texanische DNS-Forscher untersuchen 4000 Jahre alte Tierdarstellungen auf Fels. Unter einer Mineralschicht wurden sie fündig: In den Pigmenten stießen sie auf Huftier-Gene.
Mit diesem Fund beleben die Forscher die alte Debatte um die Funktion der geheimnisvollen Höhlenmalerei aufs neue. Ob es sich um Darstellungen religiöser Mythen, Schamanenkunst oder schlicht um L''art pour l''art handelt, darüber streiten die Steinzeitforscher, seit 1879 die ersten Höhlenbilder im spanischen Altamira entdeckt wurden.
Jetzt haben die Gen-Forscher den Hypothesen eine neue hinzugesellt: Wurde der Farbe Blut der dargestellten Tiere beigemischt? Das könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Malerei, wie schon früh von einigen Archäologen gemutmaßt wurde, eine Beschwörung des Jagdglücks war.
Höhlenmalerei und Urchristentum, Shakespeare und ägyptische Pharaonen, Zaren und Banditen: Wo so viele Mythen zusammenlaufen, da wittert auch Hollywood den Stoff, aus dem die Kassenschlager sind.
So ließ Steven Spielberg in seinem Epos "Jurassic Park" den Labors der Molekularbiologen wiedergeborene Dinosaurier entspringen. Beraten von Gen- und Dino-Forschern, schilderte der Regisseur in seinem Paläo-Thriller, wie aus Mücken, die Jahrmillionen in Bernstein eingeschlossen waren, ihre letzte Mahlzeit gewonnen wird: Saurierblut. Daraus isolieren die Film-Forscher die Gene der Riesentiere und injizieren sie in Krokodileizellen, die sie ausbrüten lassen.
Vorerst werden derlei Phantastereien freilich nur Kopfgeburten von Science-fiction-Autoren bleiben. Denn noch hat kein Forscher zweifelsfrei Dinosaurier-DNS sicherstellen können. Und selbst wenn es gelänge, so ließe sich aus den winzigen Schnipseln von Bio-Information, die mehr als 60 Millionen Jahre überdauert hätten, kein vollständiges Saurier-Chromosom zusammentexten. Zudem würde vermutlich in keinem Krokodilei ein Saurier reifen.
Da wäre es noch realistischer, die jüngere DNS von Shakespeare, dem Pharao Ramses II. oder dem Zaren Nikolai II. in weiblichen Menscheneizellen zu neuem Leben zu erwecken - vielleicht Anregung für einen anderen Regisseur, der in einem "Historic Park" schildern könnte, wie sich die großen Gestalten der Vergangenheit in der modernen High-Tech-Welt zurechtfinden würden.
[Grafiktext]
___Indiz aus dem Zellkern ___Identitätsbestimmung durch DNS-Analyse

1 Aus in Bernstein eingeschlossenen Insekten, aus Leichen, Mumien, Skeletten oder Blut- und Speichelspuren können Reste vom Erbgut längst gestorbener Lebewesen isoliert und analysiert werden.

2 Der größte Teil der Erbsubstanz DNS stammt aus dem Zellkern. Aber auch in den Mitochondrien, die die Zelle mit Energie versorgen, ist DNS enthalten. Diese eignet sich besonders gut für die Rekonstruktion von Stammbäumen.

3 Mit Hilfe des Enzyms Polymerase lassen sich einzelne DNS-Stücke beliebig vervielfältigen.

4 Wenn ein DNS-Stück ausreichend häufig kopiert ist, kann seine Struktur genau bestimmt werden. Jedes DNS-Molekül enthält eine Abfolge der vier Nukleotid-Basen Adenin, Cytosin, Guanin und Thymin. Die Abfolge dieser "genetischen Buchstaben" ist ein unverwechselbares Merkmal eines menschlichen Individuums, aber auch jedes anderen Organismus.
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Darstellung der Identitätsbestimmung durch DNS-Analyse
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___* Im Gerichtsmedizinischen Institut in Jekaterinburg. ___* 40 000 Jahre alte Mumie, gefunden 1977 von Goldgräbern in einem Eisklotz in Jakutien (Rußland). * Oben: beim Überstreifen des am Tatort gefundenen Handschuhs im Gerichtssaal; unten: in Darmstadt. ___* Links: nach der Exhumierung aus dem Grab in Kearney (US-Staat Missouri); rechts: im Januar 1994 in der Provinz Gia Lai. ___*Ein rekonstruierter Dino schlüpft aus einem Krokodilei.

DER SPIEGEL 13/1996
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