DER SPIEGEL

EXTREMISMUSDie YouTube-Nazis

Rechtsradikale kopieren Methoden der linken Protestkultur: Sie tragen Masken wie bei „Anonymous“ und organisieren Flashmob-Aktionen übers Internet.
Das Publikum hatte schon Platz genommen, auf dem Programm stand eine Veranstaltung der "Interkulturellen Wochen" in Frankfurt am Main. Plötzlich stürmten drei Männer mit weißen Masken die Lobby der Stadtbibliothek. Sie hatten einen Ghettoblaster dabei, tanzten zu Technomusik durch die Reihen und hielten Transparente hoch. Darauf stand: "Multikulti wegbassen".
Weniger als eine Minute dauerte der Auftritt am 30. Oktober, dann führte ein Ordner die Störenfriede hinaus.
Seither sorgt ein Video von der Aktion für Aufsehen. Über 21 000-mal wurde auf YouTube der Clip der rechten Aktivisten abgerufen, die sich "Identitäre Bewegung Deutschland" nennen. Auf Facebook gründeten sich mehr als 30 Ortsgruppen der zuvor kaum bekannten Truppe, von Stuttgart über Essen bis Ostfriesland.
Eine neue Generation von Rechtsradikalen versucht den Imagewandel - und kopiert dazu Methoden der linken Protestkultur. Neben den "Identitären" beschäftigen auch Aktivisten, die sich die "Unsterblichen" nennen, die Behörden. Das Vorgehen ist stets gleich: Die Akteure setzen sich weiße Masken auf, wie man sie vom Internetkollektiv "Anonymous" kennt, halten Transparente hoch und marschieren in einem nächtlichen Fackelzug durch eine Stadt. Danach wird ein Kurzfilm ins Internet gestellt, unterlegt mit dramatischer Musik und rechten Parolen.
So wird aus einer kaum beachteten lokalen Aktion ein theatralischer Clip, der bundesweit Aufmerksamkeit erregen kann. Zunächst harmlos wirkende Kapuzenpullis und Technomusik treten an die Stelle der Springerstiefel- und Glatzen-Ästhetik früherer Neonazi-Generationen. Die Parolen aber sind oft dieselben.
"Das Gefährliche ist die symbolische Machtergreifung auf der Straße", sagt Johannes Radke, der mit Toralf Staud über die "Neuen Nazis" ein Buch geschrieben hat. "Die Nazis wollen damit signalisieren: Wir sind viele, wir sind militant, wir können immer und überall auftauchen."
Vorreiter dieser neuen Aktionsform war die rechtsradikale "Widerstandsbewegung in Südbrandenburg", die auch unter dem Namen "Die Unsterblichen" auftrat und im vorigen Juni vom Brandenburger Innenministerium verboten wurde. Über 260 Beamte durchsuchten damals 27 Wohnungen, darunter auch die von Marcel F. aus Lübbenau. Der "seit Jahren aktive Neonationalsozialist", so schrieb der Brandenburger Verfassungsschutz 2011, sei "zentraler Akteur und Ideengeber" der Truppe gewesen.
Trotz des Brandenburger Verbots sowie Ermittlungsverfahren in anderen Bundesländern gab es seitdem immer wieder Fackelumzüge. Einige Dutzend haben die Behörden inzwischen gezählt: in Halberstadt in Sachsen-Anhalt und in Donaueschingen in Baden-Württemberg, in Rostock und Hamburg-Harburg.
Eine geschickte Kameraführung, die Wahl enger Gassen als Kulisse und nicht zuletzt ein trickreicher Schnitt erwecken oft den Eindruck, als marschierte ein ganzes Heer martialischer Fackelträger auf - in Wirklichkeit sind es meist nur 50 bis 100, manchmal sogar bloß 10 Teilnehmer. Im Internet aber kommen die Videos mitunter auf einige zehntausend Klicks, darunter finden sich begeisterte Kommentare.
Flashmob heißen solche spontanen, über Handy und Internet vorbereiteten Aktionen; in der Vergangenheit haben auf diese Weise unpolitische Spaßguerillas überraschende Auftritte in der Öffentlichkeit organisiert. Dieses Vorgehen haben nun Rechtsradikale für ihre Zwecke übernommen: Die Verabredung läuft meist heimlich über interne Verteiler und per SMS. Wenn sich ein Anhänger etwa bei Facebook verplappert, wird die Aktion abgesagt - so vermeiden die Rechten Proteste von Linken und Behördenverbote. Der Reiz des Konspirativen erhöht nebenbei noch den Erlebnischarakter.
Hinter den Masken stecken oft gewaltbereite Vertreter aus der rechten Szene. Auch in der "Identitären Bewegung", einem in erster Linie virtuellen Bund, sollen SzeneGrößen agieren. Das Logo - der stilisierte griechische Buchstabe Lambda in Schwarz auf gelbem Grund - und der Slogan "Wir sind die Guten" haben in dem Milieu einen ähnlich hohen Wiedererkennungswert wie die weiße Maske der "Unsterblichen".
Mitglieder der NPD und deren Jugendorganisation JN diskutieren bereits begeistert, wie man sich Image und Aktionsform stärker zunutze machen könnte. Die altbackenen Rechten betrachten die "Identitären" und die "Unsterblichen" mit Wohlwollen, weil es ihnen gelingt, ein besonders junges Publikum anzusprechen; auch jene, die zuvor wenig Bezug zu rechtsradikalem Gedankengut hatten. Winfriede Schreiber, die Chefin des Landesverfassungsschutzes Brandenburg, räumt ein: "Die Aktionsform hat sich längst verselbständigt."
Die Haupt-Website der "Unsterblichen" läuft auf ausländischen Servern. Erst im Januar haben die Betreiber das Portal überarbeitet und bieten Flyer zum Download an - mit konkreten Handlungsempfehlungen. Anna Groß von der Initiative no-nazi.net beobachtet die WebPräsenz der "Unsterblichen" mit Sorge: "Die Szene zeigt sich wieder aktionsorientierter und dadurch auch militanter." Auch wenn sie sich manchmal bewusst um ein harmloses Auftreten bemühe, um ihre wahre Gesinnung zu verschleiern.
Auf den ersten Blick sympathisch sollte wohl auch der Auftritt eines Menschen im Bärenkostüm wirken, der durch Hannover spaziert, auf ahnungslose Migranten zugeht, ihnen die Hand reicht und zum Abschied freundlich zuwinkt. Im Internet wurde die gefilmte Szene daraufhin mit fröhlicher Musik unterlegt, während ein perfider Text die fremdenfeindlichen Motive des "Abschiebärs" schilderte.
Immerhin: Zwei Bärenkostüme wurden inzwischen beschlagnahmt, die Polizei leitete Ermittlungsverfahren gegen die mutmaßlichen Täter ein. Ihr Verein, die Neonazi-Gruppe "Besseres Hannover", wurde verboten.
Von Sarah Mühlberger

DER SPIEGEL 7/2013
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