DER SPIEGEL

FREIZEITPanierte Flocken

Aus Furcht vor zu milden Wintern legen Skigebiete Schneelager an - die künstlichen Gletscher sollen bis zur nächsten Saison überdauern.
Hoch oben auf der Skisprungschanze Hochfirst in Neustadt genießt der Betrachter eine malerische Aussicht auf den Schwarzwald. Unten am Fuße der Sportstätte hingegen fällt der Blick neuerdings auf einen bizarren weißen Klotz, der beständig größer wird. Emsig türmen Männer mit Pudelmütze dort Schneeladungen aufeinander.
An diesem Ort wächst nicht etwa der größte Schneemann Europas heran; das angestrebte Bauwerk zeugt eher von gestalterischer Einfalt: ein rechtwinkliger Block, 70 Meter lang, 25 Meter breit und 10 Meter hoch - so groß wie eine Häuserzeile.
Dieser künstliche Gletscher soll die kostbarste Ressource bewahren, über die ein Wintersportort verfügt: Schnee. Denn der war in den vergangenen Wintern immer mal wieder knapp in Titisee-Neustadt. Aus diesem Grund wollen Helfer des Ski-Clubs Neustadt weit über 10 000 Kubikmeter des weißen Materials für schlechte Zeiten bunkern - und über den Sommer einlagern.
Im kommenden Dezember soll die kleine Stadt im Hochschwarzwald (11 844 Einwohner) erstmals seit knapp sieben Jahren wieder ein Weltcup-Springen ausrichten. Die heimische Hochfirstschanze ist für die Königsklasse des Skispringens bestens geeignet. Dennoch entzog der Internationale Skiverband FIS der Ortschaft im Schwarzwald 2007 den beliebten Skisprung-Weltcup.
Seitdem richtet der Ski-Club Neustadt allenfalls zweitrangige Springen aus. Um den Schanzenbetrieb überhaupt in Gang zu halten, mussten die Verantwortlichen in mancher Saison überaus aufwendig Schnee mit Sattelschleppern vom Gotthard-Massiv in den Schweizer Alpen herbeischaffen lassen.
Entsprechend groß ist nun die Sorge unter den Veranstaltern, dass die Rückkehr auf die große Bühne des Skispringens wegen Schneemangels missraten könnte. In ihrer Bedrängnis greifen die Veranstalter deshalb auf das sogenannte Snowfarming zurück - eine Methode, die immer mehr Wintersportzentren Rettung verheißt, wenn die Flocken nicht rechtzeitig zum Saisonstart rieseln.
Anfangs war es nur eine verwegene Idee der Betreiber von Pisten, Loipen und Schanzen, wenigstens einen Teil der Schneefülle aus einem guten Jahr in die folgende Saison hinüberzuretten. Inzwischen widmen sich Forscher des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) in Davos den Möglichkeiten der Übersommerung von Schnee mit jener Präzision, mit der die Schweizer für gewöhnlich Uhrwerke fertigen.
So haben die Fachleute des SLF eigens ein Computerprogramm entwickelt, das exakt die Menge errechnen kann, die von einem beliebigen Schneehaufen nach über einem halben Jahr Lagerungszeit übrig bleibt.
Die Zuverlässigkeit der Voraussage hängt von der Genauigkeit der Daten ab, mit denen das Programm gefüttert wird: In welcher Höhe befindet sich das Schneedepot, und wie sind die klimatischen Bedingungen in dieser Region?
Mindestens ebenso wichtig ist, dass der Vorrat angemessen gesichert wird. Nach Meinung der Experten in Davos muss der begehrte Stoff paniert werden wie ein Wiener Schnitzel; umhüllt von einer 40 Zentimeter dicken Schutzschicht aus Sägespänen hält sich der Schnee am besten, haben die Schweizer experimentell herausgefunden.
In diesem Punkt sind die Neustädter jedoch von der reinen Lehre abgewichen. Sie decken ihren Schneeberg nicht mit Sägespänen ab, sondern mit Styropor. Das bedeutet zwar weit weniger Arbeit für die freiwilligen Helfer; die aufwendigere Methode hat jedoch einen großen Vorteil: Durch Regenwasser, das in das Sägemehl einsickert, entsteht zusätzlich kühlende Verdunstungskälte.
Die grobe Rechnung der Organisatoren vom Titisee: Von den eingelagerten über 10 000 Kubikmeter Schnee müssen etwa 6000 übrig bleiben, damit die Hochfirstschanze im kommenden Winter perfekt präpariert werden kann. Ein erster Feldversuch mit etwa einem Fünftel der Schneemenge war erfolgreich. Auch die Qualität des weißen Stoffs hat offenbar unter der Konservierung nicht gelitten: Wie feuchter Zucker muss er sein.
"Dieses Produkt ist einwandfrei", frohlockt der Weltcup-Generalsekretär des Ski-Clubs Neustadt, Joachim Häfker.
Auch in der oberbayerischen Wintersporthochburg Ruhpolding werden die Loipen mit eingelagertem Schnee präpariert. In Davos trainieren die Langläufer der Schweizer Nationalmannschaft dank Snowfarming schon im Herbst bei Plusgraden auf beschneiten Bahnen.
Dennoch taugt das Aufhäufen und Einbunkern von Schnee nicht überall als Allzweckwaffe gegen die zunehmende Knappheit des kalten Rohstoffs. Hansueli Rhyner vom Schneeforschungsinstitut in Davos benennt ein wesentliches Manko der Methode: "Vielen Winterzentren fehlt einfach der Platz, um Schnee zu stapeln."
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 7/2013
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