DER SPIEGEL

HOMESTORYWohnungslos

Warum ich mich bei wildfremden Menschen mit Bildern aus meinem Schlafzimmer beworben habe
Wer ich bin: eine Frau, die einen Staubsauger zu bedienen weiß; eine Frau, die regelmäßig stoßlüftet und ungern im Stehen pinkelt; eine festangestellte, verheiratete, kinderlose Redakteurin, die seit kurzem im Münchner Büro über bayerische Landespolitik berichtet. Ein netter Mensch, finde ich. Was ich will: drei Zimmer, Küche, Bad.
Die Probleme fangen damit an, dass ich auf dem Mietmarkt kein netter Mensch, sondern eine Nummer bin. Die Dritte in der Schlange beim Besichtigungstermin, die Zehnte im Stapel der Selbstauskünfte, ein Zettel von vielen im Altpapier. Die vornehmste der Absagen kommt per SMS: "Frau Kistner, bitte sagen Sie einer anderen Wohnung zu." Sehr gern. Wäre ich nur mal einem Wohnungsbesitzer aus Fleisch und Blut über den Weg gelaufen. Einem, der mit sich reden lässt. Einem, der seine Mieter persönlich kennenlernen will. Und nicht den Makler ruft, wie das neun von zehn Vermietern tun.
Man muss freundlich sein zu diesem Makler. Und eine Bewerbungsmappe für ihn zusammenstellen. Darin enthalten: Visitenkarte, Schufa-Auskunft, Kopie der letzten drei Gehaltszettel, Kopie des Personalausweises, gern auch der Arbeitsvertrag und ein ausformulierter Lebenslauf. Ein Foto auf dem Deckblatt der Bewerbungsmappe ist Pflicht. Falls vorhanden, hält das lachende Paar ein dickes Baby in die Kamera oder wenigstens ein Kätzchen.
Mein Mann und ich wählen einen Schnappschuss vom letzten Silvesterfest - leicht unscharf, dafür breites Grinsen in beiden Gesichtern. Wir klemmen ein Empfehlungsschreiben unseres Hamburger Vermieters in die Mappe: "Die Wohnung befindet sich in sauberem und ordentlichem Zustand. Der Umgang mit den Mietern ist stets freundlich und angenehm." Und, ganz wichtig: "Die Miete wurde stets pünktlich und in vollem Umfang entrichtet." Trotzdem: nur Absagen. Wir schalten einen Hilferuf in der Zeitung: "Netter Vermieter gesucht!" Es meldet sich ein einziger. Sein freundliches Angebot können wir uns leider nicht leisten.
Zu viele neue Stadtbewohner, zu wenig neue Wohnsiedlungen: So ist das überall in deutschen Großstädten, aber im traditionsbewussten München, wo kein Hochhaus die Türme der Frauenkirche überragen darf, ist Wohnraum ein besonders kostbares Gut. Liegt die Wohnung irgendwo im Zentrum, dann können Vermieter für jedes Loch 20 Euro pro Quadratmeter kalt verlangen. Undichte Fenster, braune Fliesen, fettverklebte Küchen: egal. Es findet sich immer einer, der zahlt.
Wir sind bereit, die Hälfte unseres Gehalts an einen Vermieter zu überweisen, aber es nutzt nichts. Auf dem Mietmarkt herrscht Stau. Wer nicht muss, zieht nicht aus. Eine Studienkollegin, die heute als Rechtsanwältin arbeitet und sich eine Vespa plus Mini Cooper leisten kann, lebt seit Jahren in einem WG-Zimmer. Freunde von uns haben sich ein Haus in Augsburg gekauft und pendeln täglich nach München, weil es billiger ist. Eine chronisch klamme Freundin fand endlich als Babysitterin einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern eine bezahlbare Bleibe in deren Stadtvilla in Bogenhausen. Ein Bekannter wohnte zwei Jahre lang als eine Art Sicherheitsdienst bei einer Frau, die Angst hatte, ein Fremder käme nachts über den Balkon. Die Annonce zweier Münchner, die ein Zimmer in ihrem Schwabinger Penthouse an eine "hübsche und gut gebaute" Studentin für "125 Euro warm plus zwei Mal die Woche Liebe Machen" vermieten wollten, entpuppte sich als Protestaktion einer Frau, die lange und frustriert auf Wohnungssuche war.
Nach zwei Monaten Suche und 65 Besichtigungen: immer noch nichts. Schön, dass die Politik den Mietwahnsinn in Großstädten als Wahlkampfthema entdeckt hat. Seehofer will die Stromsteuer senken, Steinbrück die Preiserhöhung bei Neuvermietung deckeln. Aber wenn ich vor der Bundestagswahl noch eine Wohnung finden will, muss ich kreativ werden. Und die Scheu vor der Selbstentblößung überwinden.
Hochzeitsurkunde, Impfpass, Aktienpapiere, polizeiliches Führungszeugnis, Rettungsschwimmer-Abzeichen, Geldscheine: Wir prüfen alles. Welches Papier kann unsere Bewerbung so sehr aufwerten, dass wir die anderen Interessenten ausstechen? Wir entscheiden uns für eine Fotocollage mit Bildern unserer Hamburger Wohnung. Das antike (von Oma geerbte) Buffet neben dem Ledersofa im Wohnzimmer, das Ehebett und die (aus dem Büro geborgte) Artemide-Lampe auf dem Nachttisch daneben. Ein iPad (mit offener App der "Süddeutschen Zeitung", weil München!) soll die Zahlungsfähigkeit betonen.
Wer so eine schöne Altbauwohnung in Hamburg bewohnt, schmiert in der Münchner Mietswohnung garantiert keine Fäkalien an die Wände: Das ist die Botschaft. Wir schämen uns dafür. Wir machen ein PDF aus der Bewerbungsmappe und hängen es schon bei der ersten Bitte um einen Besichtigungstermin unaufgefordert an die E-Mail. Noch bevor wir die Wohnung überhaupt gesehen haben, lassen wir die Hosen runter. Es ist traurig. Es ist peinlich.
Und es wirkt. Als die Vermieterin einer wunderschönen Wohnung in Neuhausen-Nymphenburg unsere Selbstauskunft in den Händen hält, errötet sie. "Was Sie sich für eine Mühe gemacht haben! Das wäre doch nicht nötig gewesen!" Sie gibt uns die Wohnung. Ich hoffe, sie liest diesen Text nicht.
Von Anna Kistner

DER SPIEGEL 20/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung