DER SPIEGEL

Volk im Temporausch

Nach der Währungsreform boomte die Wirtschaft, Deutschland entdeckte das Fließband und neue Sozialleistungen - doch das Glück währte nicht lange.
Der Raum war winzig - und spiegelte doch perfekt die Tragik eines ganzen Jahrzehnts. Als die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky 1926 ihren Entwurf für die Einbauküchen in Frankfurter Sozialwohnungen vorstellte, war die Fachwelt fasziniert: Auf nur sechseinhalb Quadratmetern fand sich tatsächlich alles, was man für die effiziente Bewirtschaftung eines Haushalts brauchte - vom Arbeitstisch mit integrierter Abfallrinne bis zum herausklappbaren Bügelbrett.
Monatelang hatte Schütte-Lihotzky dafür die Handgriffe von Hausfrauen nach Vorbild des amerikanischen Rationalisierungsgurus Frederick W. Taylor mit der Stoppuhr gemessen, um herauszufinden, wie man die Abläufe beschleunigen könnte. Das Ergebnis, die "Frankfurter Küche", versprach "größte Leistung bei geringstem Kraftaufwand". Und einen enormen sozialen Fortschritt: Die der Hausarbeit abgerungene Zeit, so Schütte-Lihotzky, könne endlich "der Familie, den Kindern, vor allem aber der Frau selbst zugute" kommen.
Hocheffizient und sozial wie noch nie - so sollte es Mitte der Zwanzigerjahre nicht nur in deutschen Küchen zugehen, sondern in der gesamten Wirtschaft. Schließlich war Erneuerung bitter nötig: Nach Krieg und Inflation hinkten die Betriebe der ausländischen Konkurrenz dramatisch hinterher.
Nach der Währungsreform packte die Republik deshalb ein regelrechter Modernisierungswahn. Scharen von Geschäftsleuten und Ingenieuren reisten nach Detroit, um sich von den Fließbändern der Fordwerke inspirieren zu lassen. Hunderte staatliche und private Institute arbeiteten an Konzepten, wie man die Produktion bei möglichst geringem Aufwand erhöhen könnte.
Doch nicht nur die Wirtschaft sollte vom Wachstum profitieren: Um revolutionären Bewegungen künftig den Zündstoff zu nehmen, hatten die Verfassungsväter die Wirtschaft 1919 auf die "Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle" verpflichtet - ein international beispielloser Schritt.
Tatsächlich setzte die Weimarer Republik sozialpolitische Maßstäbe. Achtstundentag und Arbeitslosenversicherung wurden eingeführt, der zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften ausgehandelte Tarifvertrag wurde zum Massenphänomen.
Doch genau wie die ausgeklügelte Architektur der "Frankfurter Küche" nicht verhindern konnte, dass die darin zubereiteten Mahlzeiten spätestens während der Weltwirtschaftskrise immer ärmlicher wurden, so waren auch die Wirtschaft und der Sozialstaat von Weimar den Widrigkeiten ihrer Zeit nicht gewachsen. Auf der "Höllenfahrt in den Abgrund einer beispiellosen Depression", so der Historiker Hans-Ulrich Wehler, stürzten ab 1929 Bruttosozialprodukt, Industrieproduktion und Privatkonsum um bis zu 40 Prozent in die Tiefe, die Zahl der Arbeitslosen vervierfachte sich auf acht Millionen. Vor den Notküchen von Großbrauereien und Klöstern standen die Hungernden Schlange.
Wie hatte es so weit kommen können?
Nur wenige Jahre zuvor schien der deutschen Wirtschaft noch die Zukunft zu gehören. Am 30. August 1924 gab die Reichsbank die neue Reichsmark aus, die Große Inflation war endgültig Vergangenheit. Am Vortag hatte der Reichstag den Dawes-Plan angenommen, der die Höhe der Reparationszahlungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Reiches koppelte und der Politik somit Luft und Handlungsspielraum verschaffte. Dies ermöglichte der deutschen Wirtschaft Kredite und Investitionen, vor allem das dringend benötigte ausländische Kapital. Das Klima für Wachstum war so günstig wie lange nicht.
Wie optimistisch die Stimmung war, zeigt das Beispiel Opel: Im August 1923, auf dem Höhepunkt der Inflation, hatte die Firma ihr Werk schließen müssen. Im Mai 1924 wagte man den Neustart, und das mit einer technischen Sensation: In Rüsselsheim rollte das erste deutsche Fließband an. "Wir können es uns nicht länger leisten, veraltete Fabrikationsmethoden und überlebte Arbeitsweisen beizubehalten", hatte Fritz von Opel nach einem Besuch der Fordwerke in Detroit erklärt. "Der konstruktive Einfallsreichtum muss vom Automobil auf seine Fertigung konzentriert werden."
Großes Vorbild war Citroën in Paris: Deren 5CV war klein und preiswert - ein perfektes Auto, fanden die Gebrüder Opel, für die kostensparende Massenproduktion am Fließband. Auch ihr erstes Großserienauto war kompakt und günstig, ein Zweisitzer, der wegen der grünen Lackierung als "Laubfrosch" bekannt wurde. Bald war er das wirtschaftlich erfolgreichste Auto der Weimarer Republik und machte Opel zum größten Automobilproduzenten im Reich.
Auch sonst ging es für die Automobilindustrie in den Zwanzigerjahren steil bergauf. 1932 knatterten fast eine halbe Million Pkw über die Straßen der Republik, fast viermal so viele wie 1924. Um den Verkehr an viel befahrenen Orten wie dem Potsdamer Platz in Berlin zu regeln, mussten Ampelanlagen errichtet oder Verkehrspolizisten postiert werden. Ein Volk schwelgte im Temporausch, auch wenn das Auto ein Privileg der Besserverdienenden blieb.
Die Lust an Mobilität und Geschwindigkeit passte perfekt zum Zeitgeist der "Goldenen Zwanziger". Nach den Notjahren von Krieg und Inflation wollte man das Leben in vollen Zügen genießen. Grübeleien über die Zukunft wurden so gut es ging verdrängt - notfalls mithilfe von Drogen: Schon 1922 stellte das Reichsinnenministerium fest, dass fast alle Schichten dem "Kokainismus" frönten. Auch Alkohol und Morphium waren beliebt. Wer die Ekstase woanders suchte, fand sie im Jazz oder beim Tanzen des angesagten Charleston.
Schauplätze des Amüsements waren die Großstädte, deren Bevölkerungsanteil bis 1933 um etwa 30 Prozent wuchs, allen voran Berlin. Dort öffneten die Kinopaläste und Revuetheater, Tanzcafés und Sportarenen in Serie. Mitte der Zwanzigerjahre besuchten allabendlich 11 000 Menschen eine Revue. Etwa zwei Millionen gingen pro Tag ins Kino. In Berlin hatten die 360 Lichtspielhäuser der Stadt rund um die Uhr geöffnet, um den Ansturm zu bewältigen. Sportwettkämpfe wie das Berliner Sechstagerennen wurden zu Volksveranstaltungen, der Rundfunk zum Massenmedium.
Auch die Lust am Einkaufen war nicht mehr das Privileg der oberen Schichten. Dank mächtiger Gewerkschaften wuchsen die Reallöhne zwischen 1924 und 1929 um ein Viertel, der private Konsum nahm entsprechend zu. Auch Arbeiter wollten ihr Zuhause modern einrichten. Der Kauf auf Kredit wurde selbst im einst so sparsamen Mittelstand üblich. Besonders die neuartigen Elektrogeräte für den immer häufiger dienstbotenfreien Haushalt galten als Statussymbol: 1928 besaßen bereits 56 Prozent der Berliner Haushalte ein Bügeleisen, 28 Prozent einen Staubsauger. Sinnbild der neuen Kauf-lust wurde das Warenhaus, in dem man von der neuesten Mode bis zur Südseefrucht alles finden konnte, wonach man sich die Jahre zuvor vielleicht gesehnt hatte.
Vor allem die vergleichsweise jungen Branchen der Elektro- und Chemieindustrie profitierten von der Nachfrage nach elektrischen Geräten oder neuen chemischen Produkten wie Viskose oder synthetischem Kautschuk. Die Berliner Firmen Siemens und AEG eroberten schon bald ihre Weltmarktpositionen der Vorkriegszeit zurück. 1925 vereinten sich acht große deutsche Chemiefirmen zur "IG Farben" und wurden zu einem der größten Konzerne der Welt.
Um auf dem Weltmarkt wieder Fuß zu fassen, das erkannten damals die meisten Unternehmer, musste die deutsche Wirtschaft in erster Linie effizienter werden. Die von Taylor begründete Arbeitswissenschaft wurde zur Grundlage der deutschen Rationalisierungsbewegung und beeinflusste mit ihren Zeit- und Bewegungsstudien nicht nur die "Frankfurter Küche", sondern vor allem die Fabriken und Büros.
Es entstanden immer größere Konzerne wie 1926 bei der Fusion von sieben großen Eisen-, Stahl- und Kohleproduzenten zum zweitgrößten Stahlhersteller der Welt. Die "Vereinigten Stahlwerke" stimmten die Produktion ihrer Hochöfen, Stahl- und Walzwerke, ihrer Zechen und Kokereien penibel aufeinander ab. Auch neue Technologien halfen, das Verhältnis von Aufwand und Leistung zu verbessern: Statt mit Hacke und Sprengstoff förderte man im Ruhrbergbau die Kohle nun mithilfe von Abbauhämmern. Zwischen 1924 und 1930 stieg die Förderleistung um 50 Prozent.
Die schöne neue Arbeitswelt hatte freilich einen unschönen Nebeneffekt: Die menschliche Arbeitskraft wurde an vielen Stellen überflüssig. Von den 409 404 im Ruhrbergbau Beschäftigten des Jahres 1925 etwa standen 1932 nur noch 190 000 in Lohn und Brot. Auch in den Wachstumsjahren 1927 und 1928 blieb die Arbeitslosenzahl über einer Million.
Verstärkt wurde das Problem durch die Vielzahl junger Erwerbssuchender aus den geburtenstarken Jahrgängen der Vorkriegszeit. Dauerarbeitslosigkeit war ein weitverbreitetes Schicksal, die Angst davor, so klagte 1925 ein Gewerkschaftssekretär, liege "über dem ganzen Arbeiterleben, um sich mit zunehmendem Alter des Arbeiters bis zur Unerträglichkeit zu steigern".
Während der Weltwirtschaftskrise wurde die Arbeitslosigkeit dann zum Massenphänomen. Zwischen September 1929 und Anfang 1933 stieg die Zahl der gemeldeten und ungemeldeten Arbeitslosen in Deutschland auf 8,5 Millionen, 5,2 Millionen mussten sich mit Kurzarbeit durchschlagen, nur 7,6 Millionen arbeiteten noch Vollzeit. Vor allem für ältere Menschen schwand jede Hoffnung auf Anstellung. Die jährliche Selbstmordrate stieg von 15 000 Mitte der Zwanzigerjahre auf über 19 000 im Jahr 1932. Hunderttausende versuchten, sich mit Betteln, Heimarbeit oder Tauschgeschäften durchzuschlagen, die Kriminalitätsrate schnellte in die Höhe, viele Frauen landeten in der Prostitution.
Gerade auf junge Menschen hatte die Hoffnungslosigkeit eine fatale Wirkung. Schulabgänger antworteten auf die Frage, was sie werden sollten, meist nur noch resigniert: "Ich lerne Stempeln." Gangs aus arbeitslosen, oft kriminellen Jugendlichen, die "wilden Cliquen", zogen durch die Städte und übers Land: "Nicht mehr die alten verwitterten, bärtigen Typen geben heute den Herbergen und der Landstraße das Gepräge", notierte ein Zeitgenosse, "sondern ... junge, kräftige Menschen: Voller Pläne und voller Verwegenheit ... schauen die einen in den Tag, verbissen die anderen, bedrückt und gebeugt von all dem Schweren, was auf ihren jungen Schultern schon gelegen ist." Die Jugend der Weimarer Republik, so bilanziert der Historiker Detlev J. K. Peukert, war eine "überflüssige Generation": "Der Bus war voll, und die Fahrkarten in die Zukunft wurden nicht mehr verkauft."
Dabei gab es eigentlich ein Netz, das die Arbeitslosen auffangen sollte. Im November 1918 hatte der Rat der Volksbeauftragten eine steuerfinanzierte Unterstützung für Erwerbslose eingeführt. 1927 war sie zur Arbeitslosenversicherung ausgebaut worden. Erstmals besaßen Arbeiter und Angestellte nun deutschlandweit denselben Rechtsanspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Die Beiträge - maximal drei Prozent des Lohns - hatten Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gleicher Höhe aufzubringen. Maximal 26 Wochen wurde die Unterstützung gezahlt, dann gab es bis zu 39 Wochen lang eine steuerfinanzierte Krisenhilfe. Hatte man bis dahin noch immer keine Arbeit gefunden, kümmerte sich die 1924 ebenfalls reformierte kommunale Fürsorge. Zwar lagen die Zuschüsse kaum über dem Existenzminimum, ihr Bezug war an strenge Bedürftigkeitsprüfungen gekoppelt. Der entscheidende Schritt war aber getan: Arbeitslosigkeit und Armut waren nun kein Schicksal mehr, mit dem jeder allein klarkommen musste. Die Allgemeinheit übernahm die Verantwortung.
Dass man sich zu dieser historischen Entscheidung hatte durchringen können, war vor allem den revolutionären Anfangsjahren zu verdanken. Im Frühjahr 1918 hatten sich in vielen deutschen Städten Arbeitslosenräte gebildet. Das sollte sich keinesfalls wiederholen. Schließlich, so warnte 1921 eine sozialpolitische Fachzeitschrift, sei der Arbeitslose "ein unruhiges und bedrohliches Element im Staate, das jederzeit zu gewaltsamem Umsturz bereit ist und so eine öffentliche Gefahr bedeutet".
Doch auch die Stärke der Gewerkschaften spielte bei den Verhandlungen über die Arbeitslosenversicherung eine Rolle: Während des Ersten Weltkriegs waren sie zur größten Massenorganisation Deutschlands herangewachsen, 1918 hatten die Arbeitgeber sie im Stinnes-Legien-Abkommen als "berufene Vertretung der Arbeiterschaft" und als gleichberechtigte Tarifpartner anerkannt. Auch der Achtstundentag und das Recht auf Bildung von Betriebsräten wurden vereinbart; für diese Forderungen hatten die Gewerkschaften jahrelang gekämpft. Dafür verzichteten sie auf eine umfangreiche Neuordnung der Macht- und Eigentumsverhältnisse.
Doch kaum hatte sich die politische Lage stabilisiert, schwand das Interesse der Industriellen an einer Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften rasch. Schützenhilfe kam von der Politik. Schon Ende 1923 erlaubte die Regierung weitgehende Abweichungen vom Achtstundentag. Im Sommer 1924 war er daher schon für mehr als die Hälfte der Arbeiter Vergangenheit.
Per Notverordnung wurde zudem das Instrument der "Zwangsschlichtung" bei Tarifkonflikten eingeführt. Was anfangs als Notlösung gedacht war für den Fall, dass Arbeitskämpfe wichtige Betriebe wie Strom- und Gaswerke lahmlegen sollten, bestimmte zwischen 1928 und 1929 die Löhne von mehr als der Hälfte aller Industriearbeiter. Vor allem aber entließ es die Tarifparteien aus ihrer Verantwortung, sich untereinander zu einigen.
Wie verhärtet die Fronten dann Ende der Zwanzigerjahre waren, zeigte der "Ruhreisenstreit" im November 1928: Die Schwerindustriellen des Ruhrgebiets weigerten sich damals beharrlich, den Schiedsspruch eines staatlichen Schlichters anzuerkennen. Um einen neuen Tarif zu erzwingen, sperrten sie die gesamte Belegschaft der Ruhreisenindustrie einfach aus. Rund 250 000 Menschen erhielten keinen Lohn mehr. Zwar wurde der Konflikt am Ende beigelegt, von einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Staat und Tarifparteien konnte seither aber nicht mehr die Rede sein.
Die Arbeitslosenversicherung hingegen scheiterte aus einem sehr banalen Grund: Sie war für viel zu wenige Unterstützungsempfänger konzipiert. In der optimistischen Stimmung des Boomjahrs 1927 hatte man - wohl auch aus politischen Gründen - mit maximalen Arbeitslosenzahlen von 1,4 Millionen gerechnet. Doch schon im harten Winter 1928/29 waren drei Millionen Menschen ohne Arbeit.
Das ohnehin knapp vor der Staatspleite stehende Reich musste kurzerhand mit Darlehen einspringen. Im Streit über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung zerbrach 1930 schließlich die Große Koalition.
War der Weimarer Sozialstaat ein Fehlschlag? Das wäre sicher ein zu hartes Urteil. Viele seiner Errungenschaften wie Betriebsräte, Mutter- und Jugendschutz hatten bis kurz vor Ende der Republik Bestand. Seine Ideen und Konzepte prägen die Bundesrepublik bis heute.
Vor allem beim sozialen Wohnungsbau zeigte das Engagement des Staates nachhaltig Wirkung. Da zwischen 1914 und 1919 fast keine Wohnungen mehr gebaut worden waren, herrschte vielerorts ein dramatischer Mangel. Wie beengt man hauste, illustriert die Schilderung einer Hamburger Berufsschülerin: "Unsere Wohnung besteht aus zwei Zimmern und Küche", berichtete die junge Frau 1929 einer Lehrerin. "Das eine Zimmer besitzt aber weder Fenster noch Tür ... Toilette und Brunnen befinden sich im Hausflur ... Der Boden geht ... von der Küche ab, auf dem sich ein künstlich hergerichteter Raum befindet. In dem unteren Raum haust unsere sechsköpfige Familie: die Eltern, zwei Töchter (23 und 20 Jahre), ein Sohn (14 Jahre) und eine Tochter (5 Jahre). In dem Bodengemach schläft der 21-jährige Sohn und seine Frau mit einem zweijährigen Kind."
Staat und Gemeinden unterstützten den Wohnungsbau nach Kräften. Zwischen 1919 und 1932 wurden 81 Prozent der 2,8 Millionen neuen Wohnungen von öffentlicher Hand mitfinanziert, die Not wurde so deutlich gemildert. Statt in verwinkelten Altbauten lebten jetzt auch Arbeiterfamilien in hellen und geräumigen Neubauwohnungen und zahlten zudem weniger Miete. Es gab private WCs statt Außenklos, Einbauküchen, Balkone und Zentralheizung. Projekte wie die von namhaften Architekten konzipierte Stuttgarter Weißenhofsiedlung wurden zur "Musterschau" modernen Bauens, die auch international Maßstäbe setzte.
Vom Bauboom profitierten die Bauwirtschaft und der Arbeitsmarkt. Damit trug zumindest der soziale Wohnungsbau dazu bei, das Grundproblem des Weimarer Sozialstaates zu lindern: die Finanzierung.
Zwischen 1925 und 1932 war der Anteil der Staatsausgaben inklusive der Sozialversicherungen am Bruttosozialprodukt von 25 Prozent auf 36,6 Prozent gestiegen. Um das zu stemmen, wäre ein kontinuierliches Wachstum erforderlich gewesen. Das konnte die Weimarer Wirtschaft aber trotz aller Aufbruchstimmung nicht vorweisen.
Schuld daran waren zum einen die schwierigen Startbedingungen: Weltkrieg und Versailler Vertrag hatten dem Reich neben den hohen Reparationsforderungen enorme Gebiets-, Bevölkerungs- und Vermögensverluste beschert. Gleichzeitig mussten rund 7 Millionen ehemalige Soldaten und Kriegsgefangene wieder ins Wirtschaftsleben integriert, 1,5 Millionen Kriegsbeschädigte unterstützt werden.
Selbst in den relativ stabilen Jahren ab 1924 konnte man dann die kriegs- und inflationsbedingten Versäumnisse beim Aufbau neuer Produktionstechnik nicht aufholen. Die Wachstumraten der Industrie blieben weit unter denen der meisten anderen Wirtschaftsmächte. Nach dem Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1929 versiegt dann endgültig der Kapitalstrom aus dem Ausland, der die deutschen Investitionen zum großen Teil finanziert hatte. In den USA und in Europa setzte sich nationaler Protektionismus durch, das Welthandelsvolumen fiel bis 1932 um 25 Prozent. Auch der deutsche Export stürzte ab - von 13,5 auf 5,7 Milliarden Reichsmark. Die Industrieproduktion fiel um 40 Prozent. Zwischen 1929 und 1932 befand sich das Reich mehrmals am Rande des Staatsbankrotts.
Die Politik reagierte mit einem rigorosen Sparkurs: Der Zentrumspolitiker Heinrich Brüning nutzte seine Freiheit als Kanzler eines Präsidialkabinetts zum brutalen Sozialstaatsabbau: Steuererhöhungen, Lohnkürzungen, Abstriche bei Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung. Unter Brünings Nachfolger Franz von Papen wurde das Streichkonzert sogar noch schriller.
Zur Konsolidierung der Wirtschaft trug das wenig bei. Wissenschaftler und manche Unternehmer plädierten deshalb für einen Kurswechsel hin zu einer aktiveren Beschäftigungspolitik. Die Kanzler ließen sich davon nicht beirren. Immer mehr Arbeitslose rutschten in die ohnehin überlastete kommunale Fürsorge, das Rote Kreuz sah sich gezwungen, "vielfach anstelle der amtlichen Fürsorge einzuspringen, um die Bedürftigen vor dem Verhungern zu bewahren".
Als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, war vom Weimarer Sozialstaat nur noch ein dürres Gerüst übrig. Das Hitler-Regime sollte es endgültig zerschlagen: Nur wer sich künftig produktiv in den gesunden arischen Volkskörper einordnete, so der Historiker Dirk Schumann, "durfte jetzt noch auf Hilfe und Unterstützung vertrauen." ■
Von Kristina Maroldt

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