DER SPIEGEL

Der Helden Heimat

Die konservative deutsche Jugendbewegung politisierte sich nach dem Ersten Weltkrieg. Den Keim der Diktatur trug sie in sich: Sie pflegte einen Führerkult und beschwor die Volksgemeinschaft.
Am Sarg des Dichters fand sich noch vereint, was bald in Feindschaft enden würde. Junge Männer "in Opposition zur Vermassung des Lebens", wie der Philosoph Max Scheler einst schwärmte, eine elitäre Sekte, die sich als "neuer Adel" verstand. Es waren Nationalisten und Nihilisten, Schwärmer und Schwule, die im Dezember 1933 ins schweizerische Minusio reisten, um dem Dichter Stefan George die letzte Ehre zu erweisen. Zu jenen, die dort Totenwache hielten, gehörten auch der spätere Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg und sein Bruder Berthold.
Als ein Kranz der deutschen Regierung eintraf, brach in der Trauergemeinde ein Streit los: Den letzten Gruß des Reiches zierte ein Hakenkreuz - das machte das Gebinde zum Politikum und den Toten zum Hitler-Freund.
War George tatsächlich ein Wegbereiter und Gesinnungsgenosse der Nazis? Oder war sein mystisch-romantisches "Geheimes Deutschland", das Stauffenberg noch in der Stunde seiner Hinrichtung beschworen haben soll, ein rein ästhetischer, am hellenischen Ideal orientierter Gegenentwurf zum politischen Hitler-Deutschland?
Der Dichter selbst, der wie kaum ein anderer das Denken der bürgerlichen Jugend in der Weimarer Republik prägte, hat sich Vereinnahmungsversuchen der NS-Herrscher stets entzogen. Seinen 65. Geburtstag im Juli 1933 verbrachte er bereits außerhalb des Deutschen Reiches, in der Schweiz. Auch das Angebot, Präsident der Sektion für Dichtkunst in der Preußischen Akademie der Künste zu werden, wies er zurück. Allerdings mit einem vieldeutigen Satz in einem Brief an seinen Freund Ernst Morwitz: "Die Ahnherrschaft der neuen nationalen Bewegung leugne ich durchaus nicht ab und schiebe auch meine geistige Mitwirkung nicht beiseite."
Tatsächlich schwärmte die geistig-seelische Aristokratie, die Führungsschicht seines "neuen Reiches", von einem Führer, "der seine Gefolgschaft durch Sturm und grausige Signale ins neue Reich leitet", schrieb der US-Historiker Walter Laqueur.
Solch geistige Verwandtschaft trifft auch für große Teile der bürgerlich-konservativen Jugendbewegung in der Weimarer Republik zu. Ob die Neupfadfinder, die vergleichsweise liberal-pragmatisch ausgerichtete Deutsche Freischar oder paramilitärische Verbände wie der Jungdeutsche Orden - sie alle trugen mehr oder minder unbeabsichtigt dazu bei, der wachsenden NS-Bewegung den Weg zu ebnen. Die linksgerichteten Gruppen der Arbeiterjugend hatten trotz ihrer vielen Mitglieder keine vergleichbare Wirkung.
Was die mehr als 1200 Bünde und Organisationen, deren Mitgliederzahl zwischen einigen Dutzend und 60 000 (Jungdeutscher Orden) schwankte, über alle Grenzen und Differenzen hinweg einte, war ihre Sehnsucht nach "Gemeinschaft", die sie als Gegenwelt einer als kalt und unpersönlich empfundenen "Industriegesellschaft" definierten.
Hinzu kam ein Hang zum Militärischen, dem sich selbst linke Jugendorganisationen nicht entziehen konn-ten. Auch beim sozialdemokratischen "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" oder dem kommunistischen "Roten Frontkämpferbund" gab es Geländelauf, Gepäckmarsch und Kleinkaliberschießen.
Dies entsprach - zumindest formal - ganz jener geistigen und seelischen Rüstung der wehrhaften Jugend, die der rechtsnationalistische Jungdeutsche Orden in seinem Manifest beschworen hatte. Diese Wiederaufrichtung des durch die Zeitläufe tief verunsicherten Individuums als Kämpfer wurde zum Leitbild einer ganzen Generation.
Als "Hunger nach Ganzheit" hat der amerikanische Historiker Peter Gay den sozialpsychologischen Gemütszustand der jungen Generation von Weimar beschrieben. Wer davon geplagt wurde, fühlte sich bedroht von der Industrialisierung: der Macht der Maschinen, der zunehmenden Arbeitsteilung, dem gottlosen Rationalismus, der Unüberschaubarkeit menschlicher Beziehungen, der angeblich ihrer Wurzeln beraubten Gesellschaft, die im Moloch Großstadt ihre hässliche Fratze offenbarte.
All diese Ängste hatten auch schon die um die Jahrhundertwende entstandenen Wandervogel- und Naturfreundebewegungen umgetrieben - wenn auch in einem eher unpolitischen Sinne. Die Opposition gegen den schnöden Materialismus der Gesellschaft manifestierte sich zunächst nur in einer romantisch überhöhten Rückkehr zur Natur.
Das Streben nach dem einfachen, unverfälschten Leben gehörte ebenso dazu wie die Wiederentdeckung alter Volkslieder. Kulturelles Leitbild waren die Scholaren des Mittelalters, fahrende Schüler und Studenten, die in den geistigen Wolkenkuckucksheimen der Wandervögel als Garanten poetischer Liebe, echten Glaubens und wahrer Treue wiederauferstanden waren.
Doch bei aller Kritik an den herrschenden Verhältnissen: Der Gedanke, die politischen Verhältnisse zu verändern, war den Wandervögeln vor dem Ersten Weltkrieg nicht gekommen. Erst das Leiden in "Stahlgewittern", das der Schriftsteller Ernst Jünger für seine Generation beschrieb, machte aus individueller Gesellschaftskritik kollektive Systemfeindschaft.
Mehr als zwei Millionen deutsche Soldaten hatten auf den Schlachtfeldern ihr Leben verloren - viele von ihnen waren kaum älter als 20. Diese Erfahrung prägte auch die Sicht auf die Weimarer Demokratie entscheidend. Als "neue stählerne Romantik" beschrieb ein Referent aus Goebbels' Propagandaministerium 1935 die "Vermählung eines jungen Soldatentums mit dem Fahrtengeist des alten Wandervogels".
Es war eine Romantik, die der ersten Republik auf deutschem Boden nichts abgewinnen konnte. "Wahre und echte Demokratie", schrieb der Erziehungswissenschaftler Hermann Giesecke schon 1981 in seiner Studie "Vom Wandervogel bis zur Hitlerjugend", war für die Kriegsheimkehrer das, "was sich in den Schützengräben abgespielt hatte, als es nicht mehr aufs militärische Ritual ankam, sondern auf die Gemeinschaft zwischen Führern und Geführten".
Die lyrische Romantik der Wandervögel mutierte zur Verklärung des Soldatischen. "Freiheit und Zwanglosigkeit waren der Pflicht und dem Dienst in freiwilliger Unterwerfung unter ein größeres Ganzes gewichen", analysierte der aus Breslau stammende Lacqueur.
Nicht mehr der fahrende Scholar war fortan das Leitbild, sondern eine Rittergestalt. Der protestantische Pfarrer und Führer der Neupfadfinderbewegung, Martin Voelkel, sorgte in der Zeitschrift Der Weiße Ritter für den ideologischen Unterbau.
Seine Aufsatzsammlung "Hie Ritter und Reich!" war, so Laqueur, "ein recht genaues Abbild der Geistesverfassung des deutschen Bürgertums in den Zwanzigerjahren" und prägte die Jugendbewegung der Zeit weit über die in der Mitgliederzahl eher marginale Gruppe der Neupfadfinder hinaus.
Für Voelkel, der von Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen" ebenso beeindruckt war wie von Stefan Georges "Stern des Bundes" und dessen Visionen eines neuen Reiches, war die Idee des Bundes seit je Teil der deutschen Seele. Vielleicht, fabulierte Voelkel, habe es etwas mit dem nordischen Himmel zu tun, dass die Jugendbewegung nur bei germanischen Völkern zu finden sei: "Wo deutsches Blut rauscht, da ist der Helden Heimat."
Voelkel und seine Anhänger glaubten, dass "zwischen Tod und Teufel das Reich der Deutschen " entsteht. Die Konsequenz: "Die deutsche Jugend und der deutsche Staat müssen sich zur letzten Schlacht rüsten" - koste es, was es wolle. "So stürmen sie zur Schlacht / das Beten ist vorbei / Sieg oder Tod / es macht uns beides frei."
Auch wenn die Nähe zur NS-Ideologie in solchen Sätzen offensichtlich ist, und im Weißen Ritter den Juden ein entsetzliches Schicksal prophezeit wurde, wenn sie nicht aus freien Stücken Deutschland verließen, hielten Voelkel und seine Anhänger Distanz zur NSDAP und ihren Untergliederungen.
Die Hitlerjugend und andere paramilitärische Organisationen überzogen sie sogar mit dünkelhaftem Hohn und Spott: Man habe nichts übrig für Friseurlehrlinge, die sonntags mit stolz geschwellter Brust Seit' an Seit' mit ihren Kunden marschierten.
Dass Voelkel sich ab 1935 zur Bekennenden Kirche und später zum Widerstand gegen Hitler bekannte und Hakenkreuzfahnen aus seiner Berliner Kirche entfernte, belegt einmal mehr den Grad der Verwirrung, den der "Hunger nach Ganzheit" auslösen konnte, wenn man das Heil im Völkischen suchte.
Der Schriftsteller und Wandervogel Werner Helwig hat das Elend der Jugendbewegung in einem Satz zusammengefasst : "Dass man rechts stand und links empfand, dass man links stand und ,völkische' Ideale haben konnte, trug viel zur Vermischung aller Tendenzen bei."
Aus diesem Grund hatten auch eher gemäßigte Gruppen wie die Deutsche Freischar dem immer stärker werdenden Nationalsozialismus wenig entgegenzusetzen. Schlimmer noch: Mit Ideen wie der eines nationalen Arbeitsdienstes, die den Vorrang der Gemeinschaft vor einer als kalt und unpersönlich denunzierten Gesellschaft untermauerten, spielten sie den Nazis in die Hände.
Von solchen Positionen war der Schritt zur rassisch definierten Volksgemeinschaft nicht weit. Die Erfolge Hitlers und seiner Partei bei der Reichstagswahl 1933 taten ein Übriges. Der Großteil der Bünde wollte in der Stunde des Sieges dabei sein.
Im März verkündeten die Führer der Freischar, dass sie sich der nationalsozialistischen Bewegung anschließen wollten. Wer damit nicht einverstanden sei oder aus anderen Gründen nicht zum NSDAP-Mitglied tauge, solle aus dem Bund austreten.
Auch der evangelische Neulandbund mochte da nicht abseitsstehen. In der Bundeszeitschrift stellte ein weibliches Mitglied schon mal ihre Führerqualitäten unter Beweis: "Wie haben wir Frauen immer dagestanden und um uns geschaut, ob sich denn die Männer diese Schlammflut von Ehrlosigkeit, Niedrigkeit, Gier, Selbstsucht und Klassenhass gefallen ließen. Und dann haben wir es mit Erschaudern gefühlt, dass das Gotteswunder geschah und dass wirklich ein Retter aufstand, der es vermochte, die Seele des Volkes zu wecken. Da haben wir uns jubelnd dem großen ,Deutschland erwache' angeschlossen und haben gewusst: Hier schreitet Gott durch die Weltgeschichte, hier erweckt er sich selbst das Werkzeug."
Die willigen Heerscharen standen da schon bereit - darunter der "Deutsche Frauenkampfbund gegen Entartung im Volksleben", den die Mitbegründerin des Neulandbundes, die Lehrerin Guida Diehl, bereits 1926 ins Leben gerufen hatte. ■
Von Gunther Latsch

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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