DER SPIEGEL

Der Salon des Grafen

Ein Adliger aus altem märkischem Geschlecht diente als Pariser Nachrichtenbörse für revolutionsbegeisterte Deutsche. Viele kamen nach Frankreich, um zu lernen, wie sie die Heimat befreien könnten.
Wie hat er diesen Bo-naparte gehasst, der deutsche Graf und Freiheitsfreund Gustav von Schlabrendorf. Napoleon war für ihn der neue Despot, ein Wiedergänger des Sonnenkönigs. Er beschimpfte ihn seitenlang: "Dieser thätige, vorsichtige, mißtrauische, in allen Künsten der Verstellung geübte, vortrefflich combinirende, einfache, populäre, despotisch gesinn-te Phrasendrescher", dieser "wegwerfende, stolze, trügende, höhnende Regent, der auch Niederhaltung des Geistes, Zwang in allen Gestalten herbeigeführt" habe. Immer wieder stieß er solche Bandwurmtiraden aus.
Natürlich war die Bitternis aus enttäuschter Liebe geboren. Weit früher soll der deutsche Beobachter den General Bonaparte, der über die abgewirtschafteten Monarchen des Kontinents triumphierte, einmal "auf dem Wege" gesehen haben, "Abgott von Europa und größter Weltreformator zu werden". Aus, vorbei.
Nun, unmittelbar vor der Selbstkrönung des Korsen zum Kaiser der Franzosen, kochte der deutsche Beobachter vor Empörung: "Diese Nation, der vor zehn, zwölf Jahren keine Freiheit frei genug, keine Aufklärung, keine wissenschaftliche Institution groß genug sein konnte, die lässt sich jetzt Freiheit und Unterricht von einem Fremden rauben."
Die Französische Revolution, die er als "Erlöserin des rein Menschlichen" bejubelt hatte, deren "Schönheit die Begeisterung der Welt erregte", war erwürgt worden durch einen kleinen Gernegroß, der in ganz Europa Reichtümer für sich und seine Familie zusammengerafft hat und nach Gutdünken "uneingeschränkt über den Nationalschatz disponiert".
Der Mann, der da so jammert über den Lauf der Geschichte, war schon Jahre vorher in die französische Hauptstadt gezogen, wann genau, das ist nicht eindeutig überliefert. Kurz vor dem Ausbruch der Revolution, heißt es. Manches spricht aber auch dafür, dass er 1790 nach Paris kam. Er ist dort hängengeblieben - als einer der vielen ausländischen Freiheitsfreunde, dabei zeitlebens deutscher Patriot. In Paris sollte er wie eine lebende Nachrichtenbörse für alles wirken, was an Aufregendem, an weltumwälzenden Großtaten hier geschah.
In dem kargen Zimmer, das er im "Hôtel des deux Siciles" in der Rue Richelieu bewohnte, besuchten ihn all die deutschen Dichter, Denker, Journalisten, Freiheitsbegeisterten, welche die Nachrichten aus Paris angezogen hatten. Und wer immer in den Wirren der Zeit einen Führer brauch-te, ließ sich vom Grafen Schlabrendorf eine Schneise durch das ideologische Dickicht der Revolu-tion schlagen.
Das Vierteljahrhundert zwischen der Erstürmung der Bastille und der Verbannung Napoleons trug viel dazu bei, dass die Idee einer Revolution in Deutschland nach anfänglicher Begeisterung keine festen Wurzeln schlagen konnte. Diese Entwicklung hat der heute kaum noch bekannte Graf durch den Einfluss auf seine ebenso idealistischen Freunde mitgeprägt. Selbst als später der große Napoleon längst auf St. Helena litt, strömten die Geister der preußischen Aufklärung weiter zu dem witzigen deutschen Raconteur. Der war zwar trotz seines immensen Reichtums inzwischen heruntergekommen; er hauste eher in der Rue Richelieu, als dass er dort lebte. Aber immer noch suchte er nach der idealen Staatsverfassung. Alle sind sie bei ihm ein und aus gegangen: die Brüder Humboldt, die Herren Hardenberg und vom Stein, auch Romantiker wie Achim von Arnim und Friedrich Schlegel.
Graf Schlabrendorf präsentierte sich seinen Besuchern mit wildem Bart, der ihm im Revolutionsgefängnis gewachsen war und den er schon jahrelang nicht mehr geschnitten hatte. Er trug kein Hemd unter dem Morgenmantel, und wenn seine Gäste, die ihn trotzdem unablässig aufsuchten, ehrlich waren, mussten sie zugeben, dass es in seinem Zimmer stank. Alexander von Humboldt, der sich später aus Mitleid - bis kurz vor Schlabrendorfs Tod - um ihn kümmerte, schrieb an seinen Bruder Wilhelm, der Graf sei "eigentlich im Schmutz verkommen".
Dennoch, dieser "Diogenes von Paris" (wie er sich selbst gelegentlich genannt hat) führte einen der gefragtesten Salons der französischen Hauptstadt. Es hatte für die Besucher aus Deutschland stets etwas anheimelnd Gruseliges, ihn in seiner Behausung anzutreffen, in der sich seine Bücher sowie Papiere und Dokumente der Revolution entlang den Wänden bis zur Decke stapelten. Dort pflegte der Hausherr seine Gäste mit billigem Wein und exquisitem staatsphilosophischem Räsonnement zu bewirten.
Er hat kaum eigene Schriften hinterlassen. Das Pamphlet gegen Napoleon ist sein wichtigstes Werk - es beeindruckte sogar den Weimarer Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe, der die Französische Revolution von Anfang an mit großer Distanz betrachtete und sie zuweilen mit beißendem Spott kommentierte. Vieles hat Schlabrendorf vernichtet, als die Revolution sein Leben bedrohte. Seine ungezählten Briefe an die unterschiedlichsten Adressaten ruhen noch immer, großenteils ungesichtet, in Archiven. Aber seine Besucher waren stets so beeindruckt, dass sie seine Sentenzen über die Revolution, in de-nen sich Bewunderung oft mit leisem Spott mischte, der Nachwelt überliefert haben.
Aus ihren Berichten ergibt sich das Bild eines Deutschen, der gewissermaßen stellvertretend für die Mehrheit seiner Landsleute die Ansichten über den großen Weltenumbruch in Frankreich bündelte. Er habe, bekennt Schlabrendorf, "die Revolution verehrt, aber immer die Revolutionärs verabscheut". So ähnlich ging es den meisten Beobachtern.
Schlabrendorf war, wie sein erster Biograf das ausdrückt: "amtlos Staatsmann, heimathfremd Bürger, begütert arm". Er wurde 1750 als Sohn eines Ministers Friedrichs des Großen geboren. Nach dem Tod seines Vaters erbte er 1770 ein großes Vermögen. Er brach auf zu den üblichen Bildungsreisen seiner Zeit durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz. Zeitweilig in Begleitung seines Freundes, des Freiherrn vom Stein, verbrachte er sechs Jahre in England, dessen parlamentarische Grundlagen er zeitlebens bewunderte. Von London siedelte er nach Paris um.
Der Sturm auf die Bastille zog einen Ansturm prominenter Revolutionstouristen aus Deutschland nach sich, die nun zumeist das Hôtel des deux Siciles ansteuerten. Als Erster kam möglicherweise ein alter Bekannter Schlabrendorfs, Wilhelm von Humboldt, der vor seinem Eintritt in den preußischen Staatsdienst noch etwas von der Welt sehen wollte. Er reiste zusammen mit einem früheren Lehrer an - mit Joachim Heinrich Campe, dem Onkel des berühmten Verlegers Julius Campe.
Campe war begeistert von dem, was er sah (siehe Seite 45). Er schrieb enthusiastische Berichte nach Deutschland, in denen er die Weisheit des französischen Volkes pries, das nicht "irgendeine Art von Rache wegen persönlicher Beleidigungen" genommen habe. Nur die "Beendigung der allgemeinen Not, nur die an den bekannten Feinden des Vaterlandes und der Menschheit auszuübende Rache war der einzige große Gedanke, welcher Alle beseelte".
So, vom neuen Gemeinschaftssinn gestärkt, sei die Bastille gefallen, das "Bollwerk des Despotismus", dank nur weniger Kanonen, die von Leuten bedient wurden, "die von Artilleriekunst und von Taktik überhaupt nicht mehr, als Sie und ich, verstanden". Ein Triumph der Straße.
"Welche göttliche Eingebung", fragte Humboldts ansonsten eher braver Reisegefährte, "lehrte denn diesen sogenannten Pöbel auf einmal so uneigennützig großmütig, so ordentlich, so einsichtsvoll, so heldenmäßig handeln?" "Kultur und Aufklärung" hätten das zustande gebracht, antwortete er selbst.
Die Mehrheit der deutschen Intellektuellen hielt die Revolution zunächst für die zwangsläufige Folge der Aufklärung und sehnte Ähnliches - jedenfalls zu Beginn - auch für das Vielfürstenreich Deutschland herbei.
Weil das Terrain durch die Aufklärung bereitet war, wirkten die Augenzeugenberichte der Schlabrendorf-Runde in Deutschland zündend. Allen Zeitgenossen war sofort klar, dass in Frankreich Ungeheuerliches geschah. Der Fall der Bastille, die ersten Aristokraten an der Laterne, der König, welcher der Nationalgarde seine Ehre erweist, die Flucht des französischen Adels - vorneweg der Bruder des Königs -, all das war unerhört und ungesehen.
Mit dem Eintritt des angeblich kleinen Mannes in die Politik erfüllte sich für viele Deutsche ein Traum. Friedrich Gottlieb Klopstock dichtete pathetische Oden auf Galliens Triumph: "Frankreich schuf sich frei. Des Jahrhunderts edelste Tat hub / Da sich zu dem Olympus empor!" Der Poet und Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß schreibt Lieder im Stil der "Marseillaise": "Wir alle! Wir alle! / Wir heben Herz und Hand! / Es rufe Mann und Weib, das Kind am Busen lalle: / Heil, Freiheit, dir! Heil Vaterland!"
Die schwäbischen Theologiestudenten Friedrich Hölderlin, Friedrich Wilhelm Schelling und Georg Wilhelm Friedrich Hegel pflanzen einen Freiheitsbaum auf der Neckarwiese in Tübingen. Der Schiller-Freund Karl Philipp Conz besingt, trunken vor Begeis-terung, die Revolution als Leuchtturm, der aller Welt den Weg weise: "Indessen höher stets und höher strahlt / Neugallien, ein Pharos für Äonen, / Stets herrlicher an Weisheit und Gewalt, / Ein großes Muster allen Nationen."
Friedrich Schiller, der mit seinem flammenden Drama "Die Räuber" als radikalster der deutschen Freiheitsfreunde hervorgetreten ist, hält sich im Vergleich dazu erstaunlich zurück. Er nimmt die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die Aufhebung des Feudalsystems und die konstitutionelle Verfassung zwar mit Genugtuung zur Kenntnis. Einige der Träume seines Marquis Posa aus dem "Don Carlos" sind wahr geworden, merkt er. Aber die Freude ist eher verhalten. Immerhin sagt Schillers damalige Verlobte Charlotte von Lengefeld später, ihr Friedrich und sie hätten zugleich einen Liebesfrühling und einen Völkerfrühling erlebt.
Am 26. August 1792 wird Friedrich Schiller ("le sieur Gille, Publiciste allemand") zusammen mit mehr als einem Dutzend weiteren Ausländern, unter ihnen der erste US-Präsident George Washington, der Ehrentitel eines "Citoyen français" zugesprochen.
Inzwischen ist Schlabrendorfs Pariser Quartier eine bekannte Adresse unter Deutschlands Demokraten. Der Hausherr hält engen Kontakt zu Johann Georg Kerner, Konrad Engelbert Oelsner und - bis zu dessen Hinrichtung - Adam Lux.
Der Reiseschriftsteller Georg Forster stößt eher spät zu diesen Schlabrendorf-Freunden und Augenzeugen der Revolutionsjahre. Er reist 1793 als Abgeordneter des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents nach Paris mit der Bitte um Angliederung der Mainzer Republik an Frankreich. Wegen dieser Zusammenarbeit mit der französischen Revolutionsregierung kann Forster nicht mehr nach Deutschland zurück.
Er ist allerdings der Einzige aus dem Kreis um Schlabrendorf, der der Revolution noch während der Schreckensherrschaft die Treue hält. Zwar leidet er, der deutsche Idealist, unter dem Widerspruch zwischen dem Freiheitsversprechen der Revolution und der Herrschaft der Guillotine. Trotzdem bleibt er seinen Grundsätzen treu. Er schreibt: "Die Revolution ist ein Orkan. Wer kann ihn hemmen? Ein Mensch, durch sie in Tätigkeit gesetzt, kann Dinge tun, die man in der Nachwelt nicht vor Entsetzlichkeit begreift."
Forster stirbt im Jahr nach seiner Ankunft, 1794, in seiner kleinen Dachmansarde in der Rue des Moulins an einer fiebrigen Entzündung - ein Ahnherr aller deutschen Jakobiner.
Der Württemberger Johann Georg Kerner dagegen gehört eher zu jener Mehrzahl der Deutschen in Paris, die die Revolution erst begeistert begrüßen, sich aber spätestens seit der Hinrichtung des Königs im Januar 1793 abwenden und mit Beginn der Schreckensherrschaft selbst in Gefahr geraten.
Kerner ist ein exemplarischer Fall. In aller Eile schließt der junge Mann nach dem Ausbruch der Revolution in Deutschland sein Medizinstudium ab, um schnell zunächst nach Straßburg, dann mittellos - zu Fuß - nach Paris zu gelangen. Er kann die Revolution, über die er begeistert nach Hause berichtet, gar nicht schnell genug in die Heimat bringen. "Wann wird man denn in Deutschland auch anfangen", fragt er in einem Brief an einen Freund, "endlich den Himmel zu versöhnen, daß Jahrtausende hindurch der Geist der Sklaverei nicht von unserem Boden wich?"
Er zumindest will helfen, diesen Geist endlich zu vertreiben. Nachdem er sich wegen seiner Freiheitsliebe mit seinem Vater überworfen hat und von allen Geldquellen abgeschnitten ist, bestreitet er seinen Lebensunterhalt als Journalist unter anderem mit Revolutionsberichten für die Hamburger Zeitung "Adreß-Comptoir-Nachrichten".
Später entwickelt er Strategien zur Befreiung Deutschlands. In Briefen an den französischen Außenminister Lebrun-Tondu fordert er, die Franzosen sollten sein Heimatland Württemberg revolutionieren: mit Zustimmung des Volkes, aber ohne dessen Mitwirkung. Er kennt seine Württemberger. Durch ganz Europa schlägt er sich, immer auf Seiten der Freiheit, immer gegen die alten Mächte. Einmal muss er in Frauenkleidern vor den Österreichern fliehen - aber immer wieder findet er sich mit den anderen bei Schlabrendorf ein, in Paris.
Dort macht Kerner eine Erfahrung, die er mit vielen deutschen Freiheitsfreunden teilt: Anfang 1794 erscheint sein Name auf der Proskriptionsliste. Er flieht in die Schweiz. Den Pass hat ein anderer württembergischer Schlabrendorf-Freund besorgt: Karl Friedrich Reinhard. Dem hatte Sieyès 1791 eine Stelle im französischen Außenministerium vermittelt, wo der eingebürgerte Deutsche zügig diplomatische Karriere machte - 1799 amtierte er sogar kurzzeitig als Frankreichs Außenminister. Der Schwabe Reinhard, den die Nachwelt auch als langjährigen Korrespondenzpartner Goethes kennt, sei "das Geschenk Tübingens an Frankreich", soll Talleyrand gesagt haben.
Ein weiterer Freund von Schlabrendorf und Kerner, der Publizist Konrad Engelbert Oelsner, gehört vor allem deshalb zu den wichtigsten Augenzeugen der Revolution, weil sich der junge Hegel durch dessen Berichte in der Zeitschrift "Minerva" sein Bild von der Französischen Revolution macht. Fortan wird er diese ins Zentrum seiner Geschichtsphilosophie stellen. Für Hegel ist die Revolution in gewisser Weise "von der Philosophie ausgegangen". Oelsners minutiöse Beschreibungen der grauenhaften "Septembermorde" von 1792 an den Pariser Gefängnisinsassen finden ihren Niederschlag in Hegels "Phänomenologie des Geistes" unter der Überschrift "Die absolute Freiheit und der Schrecken".
Oelsner steht wie sein Freund Kerner den Girondisten nah - also dem innenpolitisch moderaten Flügel der Revolution. Auch Schlabrendorf ist mit vielen Girondisten befreundet, unter anderem mit dem Marquis de Condorcet. Der arbeitet federführend eine neue Verfassung für Frankreich aus, die aber in den Wirren des Sansculotten-Aufstands hinfällig wird.
Danach besteigen die ersten Girondisten das Schafott. Nun schweben auch ihre deutschen Freunde in höchster Gefahr.
Einer von ihnen, Adam Lux, ist so verzweifelt über die Verrohung der Revolution, dass er mit einer Selbsttötung im Konvent ein Fanal des Protestes setzen will. Er kommt von diesem Plan wieder ab - und stirbt auf dem Blutgerüst. Sein Verbrechen: Er hat in mehreren Flugschriften Charlotte Corday verteidigt, die girondistische Mörderin des radikalen Revolutionärs Jean-Paul Marat.
Kerner und Oelsner sind inzwischen geflohen. Langsam wird es einsam um Schlabrendorf. Schon bald kommen die Schergen des Terrors und werfen den "citoyen Slabrendorf", wie es im Haftbefehl heißt, für länger als 14 Monate in den Kerker. Dass sich befreundete Diplomaten aus ganz Europa für ihn verwenden, macht seine Lage in der Kriegsatmosphäre eines fast paranoiden Verdachts gegen alles Fremde umso prekärer.
Eine Anekdote erzählt davon, wie er dem Tod entkam - auch wenn sie vielleicht zu schön ist, um wahr zu sein: Am Tag, an dem sein Name aufgerufen wurde, konnte Schlabrendorf seine Stiefel nicht finden und weigerte sich, unbeschuht den Henkerskarren zu besteigen. Der Kerkermeister gab dem Wunsch des Grafen nach, ihn am nächsten Tag mitzunehmen, wenn sich die Schuhe wiederangefunden hätten.
Doch da stand sein Name nicht mehr auf der Liste und an allen folgenden Tagen auch nicht. Nach seiner Freilassung blieb der Graf in Paris, wo er das Leben, das er vorher geführt hatte, wieder aufnahm. Nur den Bart ließ er sich nun wachsen.
Hatten Schlabrendorf und seine Freunde alle ihre alten Träume von der Revolution, die auch das zerstückelte Deutschland befreien sollte, beerdigt? Für viele von ihnen trifft das zu.
Schillers Ehrenbürgerbrief war noch von Danton unterschrieben worden, der nicht mehr lebte, als der Empfänger das Dokument endlich in den Händen hielt. Freund Goethe, von Anfang an ein Skeptiker der Revolution, spottete: "Zu dem Bürger Dekrete, das Ihnen aus dem Reich der Toten zugesendet worden, kann ich nur in so fern Glück wünschen als es sie noch unter den Lebendigen angetroffen hat."
Der Prozess gegen den König und seine Hinrichtung haben auch den Freiheitsfreund Schiller zum Gegner der Revolution werden lassen. Allen Ernstes hatte er erwogen, nach Frankreich zu fahren, um den Monarchen zu verteidigen. Später hat er dann im "Lied von der Glocke" den Abgesang auf die Revolution gedichtet: "Wenn sich die Völker selbst befrein / Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn."
Nach allen bitteren Erfahrungen war auch für Schlabrendorf nicht länger die Republik das leuchtende Ziel, sondern sein neues Ideal eines wirklich aufgeklärten Monarchen: Friedrich der Große, der einstige Dienstherr seines Vaters. Der sei in Wahrheit der "große Förderer echter bürgerlicher Freiheit und der einzigen wahren Gleichheit, der Rechtsgleichheit" gewesen. Ganz Deutschland unter einem Regenten wie diesem - das konnten sich inzwischen viele Deutsche gut vorstellen.
Die Französische Revolution war ihnen unheimlich geworden.

BPK
V.L.N.R.: SÜDDEUTSCHER VERLAG; URSULA EDELMANN/ARTOTHEK; AKG; BPK
V.L.N..R.: KLAUS GöKEN / BPK / NATIONALGALERIE; BPK; AKG (2)
Von HANS HOYNG

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2010
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