DER SPIEGEL

Leiche im Kanal

Im Januar 1919 revoltierten linke Sozialisten und Kommunisten. Sozialdemokraten unterstützten die Lynchjustiz an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Die Revolution nach der Revolution begann mit einem Missverständnis. Am 5. Januar 1919 war sich Karl Liebknecht sicher, dass er das Militär in Berlin auf seiner Seite habe. 100 000 Anhänger der Kommunisten, Linkssozialisten und anderer linksradikaler Kräfte waren zum Alexanderplatz marschiert, um gegen die SPD-Regierung zu demonstrieren. Die Stimmung war revolutionär. Rote Banner wehten, einige Arbeiter trugen Waffen, alles schien möglich.
Doch Mehrheiten auf Kundgebungen waren keine Mehrheiten im Volk. Zu keinem Zeitpunkt standen die Berliner Soldaten hinter dem Spartakusbund - jener kleinen Bewegung, die Anfang 1919 die Kommunistische Partei Deutschlands mitgegründet hatte.
Der Sturz der Monarchie im November 1918 hatte Liebknecht nicht gereicht. Er wollte eine soziale Revolution, um "das ganze kapitalistische Gebäude zu zerstören". Aber nach vier Jahren Krieg wollten die meisten Deutschen nur Frieden, Ordnung und genügend Brot.
Den Anstoß zur Revolte gaben die Rechten in der SPD. Am 4. Januar veranlasste die von Friedrich Ebert geführte Regierung die Entlassung des linksgerichteten Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn - eine rein politische Entscheidung: Eichhorn, ein ehemaliger sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, war USPD-Mitglied, die SPD wollte einen konservativen Kandidaten. Doch der Gestürzte wehrte sich, die Empörung war groß, viele Sozialisten fürchteten, Ebert wolle die Revolution abwürgen. Erschrocken registrierte die SPD, wie die Linken inklusive der gerade gegründeten KPD in wenigen Stunden in Berlin 100 000 Menschen mobilisieren konnten.
Der revolutionären Vorhut entglitt indes schon am ersten Tag die Kontrolle. Gegen Liebknechts Rat besetzten die Demonstranten das Berliner Zeitungsviertel: die großen Verlage Mosse und Ullstein, das Wolffsche Telegrafenbüro, das SPD-Organ "Vorwärts". Damit wähnten die Aufständischen sich auf dem Weg an die Macht in Berlin. "Arbeiter! Parteigenossen! Heraus aus den Betrieben! Erscheint in Massen!", forderte der von Linksradikalen okkupierte "Vorwärts" am 6. Januar. 200 000 kamen.
Der hastig gebildete Revolutionsausschuss war unschlüssig, was er anstellen sollte. Intern verurteilte Rosa Luxemburg den Verlauf des Aufstands scharf, doch bremsen wollte sie ihn nicht.
"Der Todeskampf der Ebert-Scheidemann-Regierung" titelte das KPD-Blatt "Rote Fahne", berauscht vom Vorbild der russischen Revolution, noch am 10. Januar. Aber die Kommunisten verkannten, dass Berlin nicht Petrograd war. Die SPD holte zum Gegenschlag aus. Einen Tag später hatte die Reichswehr alle Gebäude zurückerobert.
Hunderte Arbeiter waren bei den Gefechten getötet worden. Danach begann die Jagd auf die führenden Spartakisten. Am 15. Januar spürte eine rechte Bürgermiliz Liebknecht und Luxemburg auf und übergab sie Soldaten einer Elite-Division. Die schlugen die Gefangenen und erschossen sie. Die Mörder warfen Luxemburgs Leichnam in den Landwehrkanal, den toten Liebknecht lieferten sie als "unbekannte Leiche" im Leichenschauhaus ab.
Der Doppelmord löste heftige Unruhen aus. SPD-Mann Gustav Noske, verantwortlich für das Militär ("Einer muss ja der Bluthund sein"), zögerte nicht. Kaltblütig hatte er den Mördern den Weg für die Lynchjustiz an Luxemburg und Liebknecht freigegeben. Jetzt ließ er seine Truppen erneut hart durchgreifen. Tausende starben, weitere Kommunisten wurden umgebracht. Die junge Partei hatte ihre Märtyrer, die Arbeiterbewegung war tief gespalten.
Christoph Gunkel
Von Christoph Gunkel

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2012
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