DER SPIEGEL

Die mit dem Bären duscht

Wie lassen sich Menschen zu mehr Umweltschutz motivieren?
Nadine Schubert war schwanger, als sie eine Reportage über die Gefahren von Mikroplastik für die Gesundheit sah und beschloss: ab sofort weniger Plastik für mich und meine Familie. "Ich war entschlossen, das durchzuziehen", sagt sie. Sie fing in der Küche an: Milch in Glasflaschen, Wurst und Käse in Dosen, später dann kein Duschgel mehr, stattdessen Seife. Entmutigt fühlte sich die heute 36-Jährige, die in einem fränkischen Dorf in der Nähe von Bamberg lebt, eigentlich nie. "Meine beiden Kinder und mein Mann ziehen mit, ich mache das für uns, klar, kann damit aber auch das große Ganze beeinflussen."
Weniger Plastik verbrauchen, weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Fleisch essen, dafür öfter aufs Fahrrad steigen, den Energieverbrauch und CO2-Ausstoß reduzieren: Würden das mehr und mehr Menschen aus Sorge um die Umwelt tun, die Klimaschützer wären ihrem Ziel ein Stück näher. Doch solche Eigenverantwortlichkeit im Alltag fällt den meisten schwerer als Nadine Schubert.
Wie erklärt sich diese Diskrepanz zwischen gutem Willen und tatsächlichem Handeln? Gibt es Möglichkeiten und Methoden, Menschen im Alltag zu umweltfreundlicherem Verhalten zu bewegen? Und selbst wenn: Liegt die Verantwortung für einen gesunden Planeten eigentlich bei den einzelnen Bürgern oder bei der Politik?
"Das Wissen ist bei den Menschen vorhanden, die Handlungsmotivation auch", sagt Lucia Reisch, Professorin für interkulturelles Konsumentenverhalten an der Copenhagen Business School. "Vieles hat sich etabliert, regional und saisonal einkaufen gehört für viele Leute zum Lebensstil."
Wesentlich sei die Situation, in der ein Mensch handelt. Zu diesem Setting gehört entscheidend das soziale Umfeld, die Peergroup. Sie kann zur Nachahmung eines neuen Umweltverhaltens führen oder auch zur Abgrenzung, etwa wenn bestimmte Ideen als ökodogmatisch empfunden werden – man erinnere sich an den von den Grünen vorgeschlagenen Veggie-Day.
"Das Umfeld muss mitschwingen", sagt auch die Umweltpsychologin Melanie Jaeger-Erben von der Technischen Universität Berlin, "denn je schwieriger uns Änderungen vorkommen, desto eher lassen wir es." Jaeger-Erben erforscht, wie neue, umweltfreundliche Praktiken entstehen und sich dann in der Gesellschaft verbreiten.
Am Anfang steht häufig die Erkenntnis: Was wir tun, ist nicht das, was wir tun wollen. Gemeinsam entwickeln Gruppen dann sinnvolle Ideen, wie etwa die des Urban Gardening oder der Repair-Cafés. "Car Sharing war früher in einer Nische, heute ist das nahezu überall möglich", sagt Jaeger-Erben. Manche Gruppen fungierten als "Leuchttürme", sie gründeten beispielsweise ganze Ökodörfer, in denen alternative Lebensformen ausprobiert würden. Das sei aber nicht für jeden wünschenswert und umsetzbar, für viele eignet sich nach Jaeger-Erben eher eine Politik der kleinen Schritte.
Darauf setzt auch die Nachhaltigkeitsexpertin Reisch, denn in der Regel wählen Menschen die Alternativen, die naheliegend sind und praktikabel, simpel und sinnvoll erscheinen. "Wir sind keine vorbildlichen Superkonsumenten", so Reisch, "wer berufstätig ist, womöglich noch alleinerziehend, für den sind einfache, zugängliche und kostengünstige Alternativen wichtig." Deshalb trügen, so Reisch, auch Supermärkte eine Verantwortung mit ihrer Auswahl an Angeboten: Nur was im Laden liegt, kann auch gekauft werden. Ähnliches gilt für Unternehmen mit ihrem Umweltengagement.
Vorbildlich hier eine Schweizer Firma, die ein Display für die Dusche konzipiert hat, das einen Eisbären auf einer Scholle zeigt und direktes Feedback über den Wasserverbrauch gibt. Duscht man zu lange, schmilzt dem Eisbären die Scholle weg. Wie Studien mit 30 000 Versuchspersonen zeigten, reduzierte sich dank des Eisbären der Energieverbrauch um 23 Prozent.
Das Duschdisplay ist ein klassischer Fall von "Nudging": Der Begriff kommt aus der Verhaltensforschung und bedeutet, dass Menschen mit einem kleinen, häufig von ihnen gar nicht bemerkten Schubser ("Nudge") in Richtung des gewünschten, in diesem Fall umweltschonenden Handelns bugsiert werden. Nudging kann bedeuten, dass Menschen auf Straßen und Plätzen mit aufgemalten Fußabdrücken zu Abfalleimern geleitet werden, oder aber, dass Kantinen ihre Nachspeisen so anordnen, dass die Leute eher zu Obst als zu Pudding greifen. In Umwelt- und Politikfragen sind Nudges durchaus wirkungsvoll, aber umstritten: Sie manipulierten und entmündigten die Menschen, behaupten die Gegner.
Nudges müssten immer transparent eingesetzt werden, findet darum Reisch. Und ob Anschubser, Gesetze oder Steuern – all diese Methoden gehören für sie zum Instrumentarium, mit dem man Menschen zu mehr Nachhaltigkeit bewegt. "Ein einzelnes Instrument reicht nicht, wir brauchen die ganze Klaviatur. Den Klimawandel werden wir mit Nudges nicht aufhalten, da brauchen wir nationale und internationale Bestimmungen. Dafür braucht die Politik wiederum die emotionale Beteiligung und den Rückhalt der Bevölkerung."
Kampagnen, Nudging und Aufklärungsarbeit seien gut und schön, argumentiert dagegen der Umweltwissenschaftler Michael Kopatz vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie, "aber moralische Debatten ermüden die Menschen, viele sind orientierungslos". Kopatz, der derzeit mit seinem neuen Buch "Ökoroutine" durch Deutschland tourt, ist kein Freund der umweltmoralischen Appelle an den Einzelnen. Das sei eine Überforderung, glaubt er. Seine Alternative: Strukturen ändern statt Menschen. "Wenn die Politik durch Vorgaben die Standards verändert, bei der Energieversorgung, der Mülltrennung, der Tierhaltung, dann wird Öko zur Routine", davon ist Kopatz überzeugt.
Aber es gibt sie, die Menschen, die nicht warten wollen, bis sich die Strukturen ändern, sondern sich für ihre Überzeugungen einsetzen. Die fränkische Plastikvermeiderin Nadine Schubert hält inzwischen Vorträge und organisiert Workshops, sie bloggt auf besserlebenohneplastik.de und hat unter diesem Titel gemeinsam mit der Münchnerin Anneliese Bunk ein handfestes Buch geschrieben, das schnell zum Bestseller wurde. "Das lässt die Leute schon aufhorchen, dass Plastik derart gesundheitsschädlich ist", sagt Schubert, "vor allem Mütter. Aber sie brauchen Tipps für Alternativen, damit darf man sie nicht allein lassen."
Das Feedback sei sehr positiv, erzählen Bunk und Schubert. "Wir sind nicht radikal, jeder sollte tun, was für ihn machbar ist. Sonst sind die Leute nur frustriert und springen wieder ab."

WEITERLESEN

Michael Kopatz: "Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten". Oekom; 416 Seiten; 24,95 Euro.
Nadine Schubert / Anneliese Bunk: "Besser leben ohne Plastik". Oekom; 120 Seiten; 12,99 Euro.
Angela Gatterburg fährt fast alle Strecken mit dem Rad oder geht zu Fuß. Angeregt durch die Recherche, will sie jetzt den Plastikmüll im Haushalt drastisch reduzieren.
Von Angela Gatterburg

SPIEGEL WISSEN 2/2017
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