DER SPIEGEL

Ätsch!

Kurz gesagt
Große Schwestern sind schlauer. Brüder Auch.
Erstgeborene Kinder sind häufig einen Hauch klüger als ihre jüngeren Geschwister. Zu diesem Ergebnis kamen norwegische Wissenschaftler, nachdem sie bei 250 000 Rekruten den Intelligenzquotienten und den Rang in der Geschwisterfolge ausgewertet hatten. Der durchschnittliche IQ bei den Erstgeborenen betrug 103,2, während er für die Zweitgeborenen bei 101,2 und bei den Drittgeborenen bei 100,0 lag. Die leicht höhere Intelligenz der Erstgeborenen könnte mit der besonders großen Aufmerksamkeit der Eltern für ihr erstes Kind zu erklären sein, ergab eine neue Studie von Forschern der Universitäten Sydney und Edinburgh. Selbst wenn – wie oft der Fall – die Zweit- und Drittgeborenen eine ähnlich hohe emotionale Zuwendung bekamen, waren die Umweltbedingungen für sie oft schlechter. So fingen etwa viele Mütter nach dem zweiten Kind wieder an zu rauchen.

Das Wunderkind

Roman über eine extreme Familie
Mit 18 Monaten begann er zu lesen, mit acht Jahren hatte er vier Bücher geschrieben, und mit elf hielt er in Harvard einen Mathematik-Vortrag über die Vierte Dimension: Die Hauptfigur des Romans "Das Genie", William James Sidis, klingt wie ausgedacht, ist aber eine echte Person. Sidis lebte von 1898 bis 1944 in New York und Boston, seine Eltern waren Juden aus der Ukraine, die, nachdem sie bettelarm in die USA geflüchtet waren, dort erstaunliche Karrieren machten, er als Psychologe, sie als Ärztin. Die Geschichte dieser drei Exzentriker – Boris, Sarah und ihr Wunderkind Billy (William) – erzählt das Erstlingswerk des deutschen Publizisten Klaus Cäsar Zehrer, so packend, dass man es gleich nach der ersten Seite nicht mehr weglegen mag. Denn alle drei denken und handeln so radikal, wie es ihnen ihr Verstand vorgibt – nur erweist sich das nicht immer als klug, weil sie dabei weder auf die Konventionen ihrer Zeit noch auf die Gefühle ihrer Mitmenschen Rücksicht nehmen. Um diesen Gegensatz herum spinnt der Autor einen furiosen Entwicklungsroman.
Klaus Cäsar Zehrer: "Das Genie". Diogenes; 656 Seiten; 25 Euro.
Klug geklickt?
Facebook-Likes verraten die Intelligenz der Nutzer.
aus FacebooK-Daten lässt sich ein Persönlichkeitsprofil erstellen, das näherungsweise auch die Höhe der Intelligenz eines Nutzers erfasst. Mehr als 58 000 Mitglieder des digitalen Freundschaftsportals stellten Forschern der kalifornischen Universität Berkeley ihre Facebook-Profile für eine Untersuchung zur Verfügung, absolvierten Persönlichkeits- und Intelligenztests und gaben Daten über ihre Person preis. Die Testergebnisse wurden mit den Werten verglichen, die die Forscher aus den von den Nutzern verteilten Sympathiebekundungen per Mausklick, den "Likes", errechnet hatten – etwa zu Intelligenz und den sogenannten Big-Five-Faktoren: den Persönlichkeitsmerkmalen emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Extraversion (dazu zählt die Geselligkeit), Gewissenhaftigkeit und Offenheit (siehe Grafik). Dabei korrelierten die getesteten IQ-Höhen signifikant mit den Intelligenzwerten, die die Forscher aus der Likes-Verteilung gefolgert hatten. Am besten ließ sich das Persönlichkeitsmerkmal Offenheit vorhersagen. "Die Analyse von Likes", schreiben die Forscher, sei für dieses Merkmal "in etwa so aussagekräftig wie der Persönlichkeitstest selber". Für alle anderen Merkmale, also auch Intelligenz, schnitt Facebook nur halb so gut ab wie die echten Tests. Richtig gut vorhersagen ließen sich aus den Likes hingegen die politische Ausrichtung der Nutzer sowie ihre Hautfarbe und sexuelle Neigung.

"wir denken

sozial"
DIe Hirnforscherin Franca Parianen ist überzeugt: der mensch wurde erst in gesellschaft schlau.
SPIEGEL: Frau Parianen, wieso interessiert sich die Hirnforschung für das menschliche Zusammenleben?
Parianen: Weil wir ständig sozial denken, also an andere Menschen. Selbst im Ruhezustand, wenn wir etwa im Zug aus dem Fenster schauen, sind Gehirnareale aktiv, die darauf schließen lassen. Wollen wir verstehen, wie das Gehirn tickt, wie es lernt oder sich entwickelt hat, müssen wir beobachten, wie wir interagieren.
SPIEGEL: Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Träumen vom Partner und dem Kalkulieren eines Businessplans?
Parianen: Viel spricht dafür, dass – evolutionär gesehen – zuerst der Mensch da war, der an den Partner oder das Kind denkt. Das Miteinander wurde dann immer komplexer, der Homo sapiens begann, verschiedene Perspektiven zu verstehen, und lernte dadurch, die Welt abstrakt zu betrachten und sogar in Zahlen darzustellen
SPIEGEL: Hat jemand, der sich gut in andere hineinversetzen kann, also auch einen hohen IQ?
Parianen: Es gibt viele Parallelen. Für Intelligenztests braucht es flüssige und kristalline Intelligenz – die Fähigkeit, Dinge schnell zu prozessieren, und die, gespeichertes Wissen aufzurufen. Auch, wenn ich mich in jemanden hineinversetze, muss ich blitzartig erfassen, wie er gerade drauf ist, und zugleich Hintergrundwissen einbeziehen. Die soziale Intelligenz und die allgemeine Intelligenz rekurrieren da auf dieselben Hirnleistungen und korrelieren häufig.
SPIEGEL: Dem Klischee zufolge sind Hochbegabte oft Einzelgänger. Wie geht das zusammen mit Ihrer Theorie, dass Empathie und Intelligenz zusammengehören?
Parianen: Sie sind gerade als Heranwachsende Gleichaltrigen wohl manchmal voraus. Dass sie schwierig seien, halte ich aber für ein Vorurteil. Genau wie bei Einzelkindern zeigen Studien oft das Gegenteil: Diese Kinder integrieren sich so gut und sind so glücklich wie andere.
Franca Parianen: "Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage? Die Hirnforschung entdeckt die großen Fragen des Zusammenlebens". Rowohlt; 352 Seiten; 14,99 Euro.

SPIEGEL WISSEN 4/2017
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