DER SPIEGEL

Der Kuschelfaktor

In der tiergestützten Therapie dürfen Autisten Pferde führen und traumatisierte Soldaten Hunde streicheln. Bringt das wirklich etwas?
Der Kuschelfaktor
Lorenz wirft einen Ball. Asmara rennt und apportiert. Mit Geste und Blick bedeutet der 16-Jährige dem Golden Retriever, den Ball vor ihm abzulegen und Sitz zu machen.
Ballspielen mit einem Hund ist nichts Besonderes. Eigentlich. Doch für Lorenz ist es ein Sieg. Das Spiel mit dem Hund ist Teil seiner Therapie. Lorenz leidet an selektivem Mutismus. Der Teenager ist extrem schüchtern, außerhalb des engsten Familienkreises verstummt er komplett und verweigert jeglichen Kontakt. Lorenz erwidert keinen Blick, reagiert nicht auf Ansprache – für seine Umwelt ist das sehr irritierend.
Die Schule absolviert er per Fernlehrgang am Computer. Doch in einigen Wochen steht die Realschulprüfung an, und um sie zu schaffen, muss Lorenz einem Prüfer persönlich gegenübertreten, den Blickkontakt halten und Prüfungsfragen zumindest schriftlich beantworten. Doch im Moment ist das aussichtslos, Lorenz würde das nicht schaffen, trotz vieler Therapieversuche. Die letzte Hoffnung seiner Mutter ist jetzt die tiergestützte Psychotherapie.
Ist diese Hoffnung berechtigt? Kann ein Hund erreichen, was zuvor keinem Therapeuten gelang? Was bringen Tiere im therapeutischen Setting, abgesehen vom Kuschelfaktor? Was ist Hype, was hilft wirklich? Die wenigen wissenschaftlich akkurat durchgeführten Studien zeigen allenfalls minimale Effekte.
"Nur weil ein Tier eine Therapie begleitet, geschehen keine Wunder", stellt Rainer Wohlfarth klar. Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut leitet das Ani.Motion-Institut für tiergestützte Therapie in Sasbachwalden. Als Präsident der Europäischen Gesellschaft für Tiergestützte Therapie (ESAAT) ist er natürlich ein klarer Befürworter für tierische Unterstützung im therapeutischen Setting. Aber er ist es leid, dass von Tieren Wunder erwartet werden. "Tiere haben keine magischen Heilkräfte", sagt Wohlfarth. "Der Erfolg der Therapie hängt genau wie bei anderen Behandlungen von der Qualifizierung, Empathiefähigkeit und Erfahrung des Therapeuten ab." Der Therapeut legt zusammen mit dem Patienten ein Ziel in der Therapie fest, das gemeinsam angestrebt werden soll. Das Tier ist der dritte Partner im Bunde, aber kein Therapeut.
Aber wie helfen die Hunde, Ziegen oder Pferde dann? "Tiere sind sehr gute Eisbrecher", erklärt Wohlfarth. Der Psychotherapeut hat seine Barbethündin Thimba bei den Sitzungen oft dabei. "Patienten, die therapiemüde sind, viele schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben oder aufgrund einer Erkrankung nicht gut mit Menschen kommunizieren können, nehmen mit Thimba viel leichter Kontakt auf." Tiere seien im nonverbalen Kontakt stärker als Menschen. Der Hund spüre sehr genau, in welcher Stimmung ein Klient ist. Und nähert sich dementsprechend: Dem einen legt er gleich die Schnauze aufs Knie und fordert mit den Augen Streicheleinheiten ein. Beim anderen platziert er sich einfach zu Füßen. Der Klient kann streicheln oder nicht. Ein Beziehungsangebot ohne Verpflichtung.
Viele nehmen das Angebot an. Im Idealfall kann der Therapeut diese Offenheit nutzen, um seinerseits eine Beziehung zum Patienten aufzubauen. Über das Tier als Brücke erreicht der Therapeut Kinder ebenso wie sehr verschlossene Erwachsene.
Doch: Was wirkt da eigentlich genau? Warum verhält sich ein autistisches Kind sozial offener, wenn es einmal pro Woche ein Pferd führt, auf ihm liegt oder reitet? Warum ebben Ängste bei depressiven Patienten ab, wenn sie im therapeutischen Setting ein Kaninchen versorgen? Warum kann ein Vormittag mit Hund posttraumatische Belastungsstörungen bei Soldaten lindern?
Die Psychologin Andrea Beetz vom Institut für sonderpädagogische Entwicklungsförderung und Rehabilitation (ISER) der Universität Rostock ist fest davon überzeugt, dass es mit dem Kuschelfaktor von Hund, Katze oder Esel zusammenhängt. "Wenn Menschen sich berühren, sich liebkosen oder in der Arm nehmen, schüttet unser Gehirn das Bindungshormon Oxytocin aus", erklärt die Psychologin. Das Gleiche passiere, wenn man ein Tier streichelt. Das Hormon reduziert Stressgefühle, Ängste und depressive Stimmung. Es fördert Vertrauen, die Kommunikationsfähigkeit und die Lust zu sozialer Interaktion – perfekte Voraussetzungen für die therapeutische Arbeit. "Vermutlich spielt die Aktivierung des Oxytocin-Systems eine Schlüsselrolle bei vielen psychologischen Effekten in der Mensch-Tier-Interaktion", so Beetz.
Die Therapie mit Tier nutzt noch einen weiteren Mechanismus: die Biophilie des Menschen, also seine tief sitzende Affinität zur Natur und zu lebendigen Wesen. Schon Babys widmen Tieren mehr Interesse als leblosen Dingen. Bei Kindern und Erwachsenen triggern Kaninchen, Hunde und andere Haustiere das Fürsorgeverhalten. Füttern, streicheln, versorgen tut uns gut, weil wir spüren, dass es dem Tier guttut. Selbstwert und positive Gefühle sind der Lohn. Und manchmal schauen wir uns bei den Tieren auch einfach etwas ab: Das grasende Schaf erinnert uns an unser Bedürfnis nach Ruhe. Ein verspielter Hund signalisiert: Bewegung macht Spaß. Übergewichtige Kinder in einem Diätkurs nehmen stärker ab, wenn sie im Rahmen des Programms pro Woche eine Spielstunde mit Hund erleben statt der üblichen Sportstunde.
Das ist der Regelfall: Tiergestützte Interventionen können helfen – aber wie verlässlich sie es tun, ist strittig. Eine breite Evidenz, wie sie bei der Wirksamkeit von Medikamenten gefordert wird, fehlt bei der tiergestützten Therapie. Bislang gibt es keine Studien, die an einer überzeugenden Fallzahl belegen, dass bei bestimmten Erkrankungen tiergestützte Therapien besonders zu empfehlen sind.
Die Psychologin Annick Maujean vom Griffith Health Institute im australischen Queensland publizierte 2015 einen Übersichtsartikel, der erstmals ausschließlich die Ergebnisse aus randomisierten kontrollierten Studien berücksichtigt und damit wissenschaftliche Aussagekraft hat. Von den 278 Untersuchungen aus den Jahren 2008 bis 2012 blieben am Ende nur sieben Studien übrig, die dem Goldstandard der Forschung entsprachen. Maujeans Fazit ist verhalten positiv: "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass tiergestützte Therapie für ein breites Spektrum von Personen von Nutzen sein kann, einschließlich Kinder mit Autismus und Erwachsene mit psychischen Störungen, einschließlich Schizophrenie." Es bedürfe jedoch unbedingt weiterer Forschungsarbeiten mit gutem Studiendesign, um mehr darüber zu erfahren, welche Arten von tiergestützter Therapie für welche psychischen Probleme echte Vorteile bringen.
James Serpell, Direktor eines Forschungszentrums für die Interaktion von Mensch und Tier an der University of Pennsylvania, bringt die Sache pointierter auf den Punkt: Die Zeit der Anekdoten über erstaunliche Behandlungserfolge sei vorbei. Jetzt müsse die fundierte Forschung folgen.
Eine der seriösen Studien, die Maujean auswertete, ist die Untersuchung von Margaret Bass vom Good Hope Equestrian Training Centre in Miami mit insgesamt 34 autistischen Kindern und dem Therapieziel, "soziale Fähigkeiten auszubauen". Die kleinen Autisten nahmen über ein viertel Jahr lang einmal pro Woche eine therapeutische Reitstunde. Der Erfolg: Sie waren sozial aufgeschlossener, ihre Wahrnehmungsfähigkeit hatte sich stärker verbessert, und sie ließen sich weniger ablenken als die Kinder ohne Reit-Intervention.
Gleich drei Studien zeigten, dass Depressive, die sich während ihrer Verhaltenstherapie mit Kühen, Schafen, Ziegen, Katzen und Kaninchen beschäftigten, sich nach zwölf Wochen mit je zwei Besuchen auf dem Therapie-Bauernhof selbstwirksamer fühlten, bessere Bewältigungsstrategien entwickelt hatten und weniger depressive Symptome zeigten und Ängste empfanden als die Mitglieder der Kontrollgruppen.
All diese Studien kommen aus den USA und Nordeuropa. Deutschland hinkt in Sachen Forschung hinterher. Und das, obwohl Pilotprojekte darauf hindeuten, dass die Zusammenarbeit von Patient, Tier und Therapeut gerade bei schweren psychischen Erkrankungen Potenzial hat.
Seit 2014 ermöglicht die Bundeswehr beispielsweise Soldaten mit Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) deshalb tiergestützte Hundetherapie. Die ersten Erfahrungen sind positiv. Die Soldaten seien nach dem Kontakt mit den Hunden fröhlicher, freundlicher und vor allem offener für die weiterführende Therapie der PTBS, so beschreibt es der Projektbericht. Ein Teilnehmer berichtete, dass er in den Stunden mit dem Hund nach über zehn Jahren zum ersten Mal wieder Vertrauen zu einem Lebewesen gespürt habe. Für den Soldaten und seine Familie dürfte das durchaus an ein Wunder grenzen, auch wenn Tiere keine Wunder vollbringen können. Aber offensichtlich können sie Menschen helfen, verschüttete Kräfte in sich zu mobilisieren.
Auch der verstummte Teenager Lorenz schaffte es, seine Schüchternheit zu durchbrechen. Zuerst kommunizierte er mit der Hündin Asmara immer entspannter nonverbal. Später gelang es ihm, Fragen der Therapeutin mit Nicken oder Kopfschütteln zu beantworten. Im letzten Drittel der Therapie übte Lorenz, Fragen der Therapeutin schriftlich zu beantworten – zuerst mit Hund an seiner Seite, dann ohne. Nach 20 Therapiestunden schaffte Lorenz seine Realschulprüfung. Er kann nun eine Lehre im Bereich Informatik in einer spezialisierten Einrichtung beginnen.
Außerhalb seiner Kernfamilie ist er aber nach wie vor stumm.

THERAPIEN

Was ist was?
TGI
Tiergestützte Intervention – ein Sammelbegriff für alle Maßnahmen in der Gesundheitsfürsorge, Pädagogik und sozialen Arbeit, die Tiere einbezieht. Im Idealfall sind die Interventionen natürlich zielgerichtet und strukturiert. Die TGI unterteilt sich in die Felder Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP) und Tiergestützte Aktivitäten (TGA).
TGT
Tiergestützte Therapie beschreibt zielgerichtete, geplante und strukturierte Interventionen, die therapeutische Profis wie Ergotherapeuten, Logopäden, Physiotherapeuten oder Psychologen durchführen. Der Therapeut besitzt eine zusätzliche Qualifikation für die tiergestützte Arbeit. Der Therapeut steuert auch je nach Ziel und Verlauf der Therapie, welche Rolle das Tier im Prozess übernimmt. Es kann nonverbaler "Eisbrecher" sein oder Anlass für ein Gespräch bieten. Es kann als Motivator oder Projektionsfläche dienen oder auch dafür sorgen, dass der Patient sich sicher fühlt und durch die Arbeit mit dem Tier sein Selbstwertgefühl steigt. TGT soll physische, kognitive, verhaltensbezogene oder sozio-emotionale Funktionen verbessern.
Wichtig zu wissen: Tiergestützte Therapie ist keine eigenständige Therapieform. Sie ergänzt ausschließlich klassische Therapieverfahren.
TGP
Tiergestützte Pädagogik ähnelt in Anspruch und Durchführung der TGT, allerdings im Bereich von Pädagogik und Sonderpädagogik. Hier geht es vor allem darum, Lernziele zu erreichen sowie soziale Fähigkeiten oder kognitive Funktionen zu verbessern. Auch hier arbeiten professionelle Pädagogen oder Sonderpädagogen, die in tiergestützter Arbeit ausgebildet sind. Beispiele wären Tierbesuche in einer Klasse, angeleitet von einem Schulpädagogen, mit dem Ziel, den Schülern und Schülerinnen verantwortungsbewusste Tierhaltung zu vermitteln. Im Bereich der Sonderpädagogik zählt beispielsweise das hundegestützte Lesetraining zur TGP.
TGA
Tiergestützte Aktivitäten: Hier geht es um informelle Interaktionen zwischen Mensch und Tier. Die Maßnahmen reichen von Besuchsdiensten mit Tier im Pflegeheim bis hin zur tiergestützten Notfallhilfe bei Krisen, die Menschen nach einer traumatischen Erfahrung Trost und Unterstützung geben.
Wie finde ich einen versierten Therapeuten für tiergestützte Intervention?
Achten Sie auf das Zertifikat "Fachkraft für tiergestützte Therapie und Pädagogik", "Fachkraft für tiergestützte Therapie, Pädagogik und Fördermaßnahmen" oder "Fachkraft für tiergestützte Intervention" und die Anerkennung der Ausbildung durch die European oder International Society for Animal Assisted Therapy (ESAAT oder ISAAT). Beim Bundesverband Tiergestützte Intervention sind zertifizierte Fachkräfte organisiert (www.tiergestuetzte.org).
Carola Kleinschmidt weiß seit der Recherche, warum es sie glücklich gemacht hat, die Kaninchen ihrer Kinder zu streicheln.

"Tiere können helfen, verschüttete Kräfte zu mobilisieren."

Von Carola Kleinschmidt

SPIEGEL WISSEN 5/2017
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