DER SPIEGEL

Dämonen im Kopf

Stefan leidet an Schizophrenie. Er nimmt jetzt Medikamente gegen seine Wahnvorstellungen und hofft, sein Leben trotzdem hinzukriegen. Er will die Uni abschließen. Aber es sieht nicht gut aus.
Als Stefan(*) seine Mutter würgte, fühlte er kein Mitleid. Da war diese Energie, die einfach raus musste, dieser Zorn, nicht nur auf die Frau, die ihn zur Welt gebracht hat, sondern auf eine Welt, die sich gegen ihn verschworen hat. Deswegen war er zu ihr in die Küche gegangen, hatte die Tür abgeschlossen, sie angeschrien, ihr die Brille von der Nase geschlagen und die Hände um ihren Hals gelegt und zugedrückt, mit aller Kraft.
Hätte sein Bruder an diesem Augusttag im vorigen Jahr nicht die Fensterscheibe eingeschlagen, um in die Küche zu gelangen und die Mutter zu befreien, hätte sein Bruder nicht die Polizei gerufen und ihn so in die geschlossene Psychiatrie gebracht - vielleicht wäre seine Mutter jetzt tot.
Ein Mensch wie Stefan, der unter einer akuten schizophrenen Psychose leidet, ist an manchen Tagen zu fast allem fähig.
Stefan ist mittlerweile 33 Jahre alt, lebte bis vor kurzem auf der offenen Station eines psychiatrischen Krankenhauses und durfte nur am Wochenende zu Mutter und Bruder fahren, die ihm verziehen haben und mit denen er sich eine Wohnung in einer Kleinstadt im Süden Deutschlands teilt.
Es geht ihm jetzt besser, er irrlichtert nicht mehr dauernd zwischen Wahn und Wirklichkeit. Er nimmt Medikamente und führt viele Gespräche mit Ärzten und Therapeuten. Er will wieder in ein halbwegs normales Leben finden und hat sich vor allem eines vorgenommen: zurück an die Uni zu gehen, wieder Geschichte und Archäologie zu studieren. Es bis zum Abschluss zu schaffen.
Ob es dieses Mal funktioniert? Mit all den Dämonen im Kopf, die ihn gelegentlich heimsuchen?
Stefans Krankengeschichte eskalierte im August vergangenen Jahres, aber sie begann eigentlich, als er noch klein war. Sein Vater, der schon lange nicht mehr lebt, hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft und lud seine Traumata bei seinen Söhnen ab, erzählte ihnen detailliert von seinen blutigen Erlebnissen und zeigte ihnen Fotos und Filme, die nicht für Kinderaugen bestimmt sind. Es kam sicher
noch mehr dazu, Stefan war jedenfalls überfordert. Bereits als Jugendlicher litt er an Depressionen. In der Schule war er ein Außenseiter, schaffte es zunächst bis zum Realschulabschluss und ging bei einem Bäcker in die Lehre. "Aber ich wollte unbedingt an die Uni. Immer schon wollte ich das", sagt Stefan.
Erst mit Ende zwanzig fand er die Kraft, sein Abitur nachzuholen. Er brauchte drei Versuche in drei Städten, am Ende hatte er das Zeugnis in der Hand. Gegen die Depressionen nahm er Pillen, aber die beste Medizin für ihn war Caroline, eine junge Frau mit kräftigem dunklem Haar und Kinngrübchen. Sie und Stefan wurden ein Paar.
Stefan schrieb sich an der Uni ein. Er entschied sich für Geschichte und Archäologie. Es ging aufwärts. Aber Caroline hatte ihn verlassen, und er fiel wieder in Abgründe von Traurigkeit.
Im Frühjahr 2011 veränderte sich etwas. An seine Depressionen war Stefan gewöhnt, aber jetzt kam es ihm plötzlich so vor, als würde er ständig beobachtet. Er hatte das Gefühl, er könne niemandem mehr vertrauen, nicht zu Hause, nicht im Freundeskreis, schon gar nicht an der Uni.
In einem Geschichtsseminar ging es um das Thema Homosexualität. Stefan meldete sich und hob zu einem seltsamen Vortrag an: Er habe nichts gegen Schwule, aber wenn seine Kinder einmal schwul würden, wäre das eine Katastrophe. Um das zu verhindern, werde er seiner späteren Frau pürierte Stierhoden ins Essen mischen, das verhindere, dass der Nachwuchs irgendwann gleichgeschlechtliche Liebe praktiziere. "Da habe ich plötzlich die feindseligen Blicke der Kommilitonen auf mir gespürt", sagt Stefan. Er rannte aus dem Hörsaal zu den Toiletten und übergab sich.
Eine schizophrene Psychose kann sich ganz langsam ins Leben schleichen und dann gemächlich das Hirn besetzen. Meist erkranken Menschen zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr, Männer früher als Frauen.
Die genauen Ursachen für die Erkrankung sind noch nicht geklärt. Mediziner gehen von einer Kombination mehrerer Faktoren aus, bei der neben einer genetischen Veranlagung, der sogenannten Vulnerabilität, noch andere Aspekte wie Stress oder ein ungünstiges soziales Umfeld zusammenkommen müssen. Leistungsdruck begünstigt einen Ausbruch bei anfälligen Menschen, weshalb auch Studenten besonders gefährdet sind. "Es sind oft die ganz Schlauen, Kreativen, die erkranken", sagt Maria Jockers-Scherübl, Chefärztin an den Oberhavel-Kliniken in Hennigsdorf, wo viele Psychotiker behandelt werden.
Nach dem Vorfall im Geschichtsseminar schlief Stefan kaum noch und entwickelte aberwitzige Ideen. Er wollte eine Nichtregierungsorganisation für notleidende Kinder gründen und eine Begegnungsstätte für interreligiösen Dialog auf dem Weinberg, den er von seinem Vater geerbt hatte. Freunde und Kommilitonen schüttelten den Kopf, wunderten sich zunächst nur. Er räumte die Laube eines Nachbarn aus und verbrannte die Sachen auf dem Weinberg in einem großen Feuer.
Plötzlich brachen dann alle Dämme. Er sagte seinen beiden Brüdern, sie seien die Söhne eines KZ-Arztes, er grub im Keller nach dem Heiligen Gral, verbrannte seine Bücher, zerschlug seine heißgeliebten CDs mit dem Hammer. Auch auf Facebook war er aktiv: Er machte ein Foto von Anne Frank zu seinem Profilbild und sagte, sie sei seine Ex-Freundin. Er schrieb wüste E-Mails an seine Professoren und faselte etwas von ehemaligen Freunden, die zu Satanisten geworden seien und Kinder opferten.
Zur Uni traute er sich irgendwann nicht mehr, weil er in den Seminaren die Söhne afrikanischer Diktatoren wähnte, die ihm nach dem Leben trachteten. "Der Stefan war nicht mehr zu halten", erinnert sich der eine Bruder, "ich hatte Angst vor ihm." Dann kam der 4. August, der Tag, an dem Stefan auf seine Mutter losging und eingewiesen wurde. Den Ärzten in der Klinik erzählte er, dass er jetzt Benjamin heiße und zum Judentum konvertiert sei. Außerdem sei er HIV-positiv, da ihn ein schwuler Brasilianer angesteckt habe. Mehr als drei Monate verbrachte er auf der geschlossenen Station. "Wahrnehmungsstörungen lassen sich mit den richtigen Medikamenten relativ gut behandeln", sagt Maria Jockers-Scherübl. Allerdings sind die Nebenwirkungen erheblich.
Viele Patienten fühlen unter dem Einfluss der Krankheit und der Medikamente eine innere Leere, sie denken langsamer und oft wirr, sie büßen ihre Eloquenz ein, können sich nicht mehr konzentrieren. Zwar schwächen sich die Symptome und Nebenwirkungen mit der Zeit ab, doch sie verschwinden nicht immer vollständig, und der Rekonvaleszent büßt manchmal an Intelligenz ein. Je öfter ein Patient schizophrene Schübe erlitten hat, desto mehr Schäden entstehen im Gehirn.
"Es sind leider nur wenige Studenten, die es dann noch bis zum Abschluss schaffen", sagt Jockers-Scherübl, "aber es gibt durchaus diese Fälle, in denen es gelingt. Je früher die Behandlung einsetzt, desto größer ist die Chance der Gesundung."
Stefan spricht heute sehr langsam, wirkt sehr, sehr ruhig, seine dunklen Augen schauen trübe drein. Er hat erheblich zugenommen, das machen die Medikamente. Für seine Taten im psychischen Ausnahmezustand schämt Stefan sich.
Lesen kann er momentan auch nicht, dafür reicht die Konzentration nicht, lieber guckt er "DSDS" im Fernsehen. Ansonsten langweilt er sich oft, weiß nicht, wohin mit sich. Er klammert sich an die Hoffnung, irgendwann ein normales Leben führen zu können, eine Familie zu gründen. Aber zunächst will er wieder an die Uni. "Aufgeben ist nicht", schreibt er auf Facebook. Zum Sommersemester soll's losgehen.
(*) Name geändert.
Von Christoph Wöhrle

UniSPIEGEL 1/2012
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