Sport

Deutsches Aus bei der WM

Der Bruch

Deutschland spielt im WM-Viertelfinale gegen Schweden nur 16 Minuten gut, dann bringen schwere Abwehrfehler das Team um den Halbfinal-Einzug. Rückkehrerin Marozsán spielt keine Rolle - dafür die Schiedsrichterin.

Richard Heathcote/Getty Images

Die deutscher Kapitänin Alexandra Popp (links) muss von Lena Goeßling getröstet werden

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Samstag, 29.06.2019   21:53 Uhr

Erkenntnis des Spiels: Deutschland ist bei der WM ausgeschieden, weil eine eigentliche Stärke im Turnier im Viertelfinale gegen Schweden zur Schwäche wurde: die Abwehr. Deutschland verpasst damit den sechsten Einzug in ein WM-Halbfinale (bei acht Turnieren) und scheitert wie bei der WM 2011 im eigenen Land im Viertelfinale (damals gegen den späteren Weltmeister Japan). Damit fehlt die DFB-Elf auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio - und das als Titelverteidiger.

Folgen des Spiels: Für den Fußball der Frauen in Deutschland, der auf dem Weg ist, sich mehr und mehr zu emanzipieren und vielleicht irgendwann von dem beginnenden Boom in anderen Ländern zu profitieren, könnte das frühe WM-Aus ein Rückschlag sein. Der zweimalige Welt- und achtmalige Europameister gehört nicht mehr zur Weltspitze - und auch nicht mehr zur europäischen Elite. "Wir sind in einem Prozess", sagte später Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, "aber diese Niederlage tut weh."

Das Ergebnis: 1:2 (1:1). Hier geht es zum Spielbericht.

Erste Hälfte: Deutschland begann mit Raffinesse. Man hatte das Gefühl, dass es wie immer laufen würde, wenn es in einem Pflichtspiel gegen Schweden geht. Seit 20 Jahren hatte das DFB-Team keines mehr verloren - darunter auch das Olympia-Finale von 2016. Als Sara Däbritz einen Pass klug in den Strafraum auf Lina Magull durchschob und die Münchnerin dann quer in der Luft lag, um per Seitfallzieher zum 1:0 zu treffen (16. Minute), da sah alles nach dem fünften deutschen Sieg im Turnier aus.

Der Bruch: Doch plötzlich kippte das Spiel, und das lag an einer seltsamen deutschen Abwehr-Lethargie. Vier Spiele lang war die DFB-Elf im Turnier ohne ein einziges Gegentor geblieben. Nur sechs Schüsse aufs Tor hatte es zugelassen. Gegen Schweden aber war von dieser Stabilität nichts mehr übrig. Sofia Jakobsson traf nach einem schweren Stellungsfehler von Innenverteidigerin Marina Hegering (22.), die unter einem langen Ball von Linda Sembrant durchgesprungen war. Jakobssons Schuss rutschte zudem unter dem Fuß der deutschen Torfrau Almuth Schult ins Netz. "Danach ist unser Spiel komplett verloren gegangen", sagte Schult später. Bei der 1:2-Niederlage der Schwedinnen im Olympia-Finale 2016 übrigens war Sembrant ein Eigentor unterlaufen. Das hier war ihre Wiedergutmachung.

Zweite Hälfte: Die von ihrem Zehenbruch genesene Dzsenifer Marozsán kam nun in die Partie. Aber kaum war sie auf dem Feld, stand es 1:2. Jakobsson flankte von rechts, Schult konnte den Kopfball von Fridolina Rolfö noch parieren, aber den Nachschuss von Stina Blackstenius nicht (48.). Wieder griff keine DFB-Verteidigerin ein. Die deutschen Spielerinnen hatten ein Foul an Magull vor dem Treffer gesehen. Doch Schiedsrichterin Stéphanie Frappart ließ weiterspielen. Torhüterin Schult präsentierte sich später als faire Verliererin, als sie sagte: "Das ist ärgerlich, aber nicht der Grund, warum wir heute verloren haben. Wir waren nicht zwingend genug und Schweden hatte mehr Torchancen."

Verwehrter Elfmeter: Pech hatte Deutschland auch, als Alexandra Popp im Strafraum von der schwedischen Torfrau strafstoßwürdig umgestoßen wurde (82.), aber Frappart entschied nach Überprüfung durch den Video-Assistenten: kein Elfmeter. Sie war der Meinung, zuvor eine Abseitsposition von Popp gesehen zu haben und blieb dabei - eine zumindest fragwürdige Entscheidung. Das Spielglück fehlte den Deutschen auch in der hektischen Schlussphase: Die eingewechselte Lena Oberdorf (88.) köpfte nach einem Freistoß von Marozsán im Gedränge am leeren Tor vorbei. Den Schlusspunkt setzte Hegering, die ebenfalls per Kopf scheiterte (90.+3.). Es war nicht der Tag für ein Happy End.

Traurige Rückkehrerin: Drei Partien hatte Dzsenifer Marozsán wegen eines gegen China im Auftaktspiel erlittenen Zehenbruchs bei der WM verpasst. Die Spielmacherin sollte das hektische deutsche Spiel mit ihrer Ballfertigkeit beruhigen. Und Marozsán hätte zur Heldin werden können, hätte die erst 17 Jahre alte Oberdorf ihren Freistoß kurz vor Schluss zum Ausgleich genutzt. So blieb sie eine traurige Rückkehrerin.

Spielerin des Spiels: Sofia Jakobsson. Die 29 Jahre alte Angreiferin vom Montpellier HSC hatte die Finalniederlage bei Olympia 2016 auf dem Platz miterlebt. Sie revanchierte sich nun mit einer herausragenden Leistung. An fast allen schwedischen Angriffen war Jakobsson beteiligt. Das 1:1 erzielte sie selbst, das 2:1 für Schweden leitete sie sein. Hätte Schult ihren Schuss in der 78. Minute nicht stark pariert, die Partie wäre wohl 3:1 ausgegangen. Auch dank Jakobsson steht Schweden im WM-Halbfinale gegen die Niederland am Mittwoch.

Fotostrecke

Deutschlands WM-Aus gegen Schweden: Kein dritter WM-Titel

Deutschland - Schweden 1:2 (1:1)
1:0 Magull (16.)
1:1 Jakobsson (22.)
1:2 Blackstenius (48.)
Deutschland: Schult - Gwinn, Doorsoun, Hegering, Simon (43. Maier) - Huth, Magull, Däbritz, Dallmann (46. Marozsán) - Popp, Schüller (70. Oberdorf) - Trainerin: Voss-Tecklenburg
Schweden: Lindahl - Glas, Fischer (66. Ilestedt), Sembrant, Eriksson - Rubensson (86. Björn), Seger - Jakobsson, Asllani, Rolfö (90.+5 Hurtig) - Blackstenius - Trainer: Gerhardsson
Schiedsrichterin: Stephanie Frappart (Frankreich)
Zuschauer: 15.000
Gelbe Karten: Rolfö

insgesamt 54 Beiträge
Bagpiper007 29.06.2019
1. Var
Wenn man die Schulter der deutschen Spielerin 4 cm im Abseits sieht und nicht einmal bemerkt, dass die schwedische Torfrau bei ihren Abstößen aus der Hand mit ihrem Standbein insgesamt 4 mal außerhalb des Strafraums steht, dann [...]
Wenn man die Schulter der deutschen Spielerin 4 cm im Abseits sieht und nicht einmal bemerkt, dass die schwedische Torfrau bei ihren Abstößen aus der Hand mit ihrem Standbein insgesamt 4 mal außerhalb des Strafraums steht, dann macht das keinen Sinn. Dies hätte 4 mal Freistoß für Deutschland geben müssen. Bei Fouls und Handspiel wird in Strafraumnähe ganz genau hingeschaut, weil eine gefährliche Freistoßsituation entstehen kann. Warum hier nicht?
zweiwaechter 29.06.2019
2. Schweden hat zurecht gewonnen!
Die deutsche Frauenmannschaft hatte viel zu große Abstände. Es waren große Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld und Angriff zu erkennen, in die die Schwedinnen immer wieder reinspielen konnten. Die gesamte Partie wirkten die [...]
Die deutsche Frauenmannschaft hatte viel zu große Abstände. Es waren große Lücken zwischen Abwehr und Mittelfeld und Angriff zu erkennen, in die die Schwedinnen immer wieder reinspielen konnten. Die gesamte Partie wirkten die Spielerinnen irgendwie lethargisch.
hp22 29.06.2019
3.
Das Ausscheiden des deutschen Teams geht völlig in Ordnung. Das war einfach in allen Bereichen zu wenig, taktisch, technisch und auch im athletischen Bereich. Es hat sich während des Turniers schon angekündigt, dass beim ersten [...]
Das Ausscheiden des deutschen Teams geht völlig in Ordnung. Das war einfach in allen Bereichen zu wenig, taktisch, technisch und auch im athletischen Bereich. Es hat sich während des Turniers schon angekündigt, dass beim ersten ernst zu nehmenden Gegner Schluß sein würde. Ein Wort noch zu den Medien, es wäre schön, wenn die Leistungen ein bischen realisitischer kommentiert würden, dieses ständige Schöngerede ist ziemlich unerträglich. Vor allem Claudia Neumann ist da ganz schlimm, wenn ein Ball mal nicht bei der Annahme verspringt wird sofort von einer tollen Technik schwadroniert.
Geri 29.06.2019
4. gut so
Von dem Spiel gegen Schweden haben sie auf ARD bereits vom Spiel gegen die Niederlande gesprochen. Ich habe mir gedacht: Was für eine Arroganz und auch Respektlosigkeit gegenüber den Schwedinnen. Es ist gut, dass Deutschland [...]
Von dem Spiel gegen Schweden haben sie auf ARD bereits vom Spiel gegen die Niederlande gesprochen. Ich habe mir gedacht: Was für eine Arroganz und auch Respektlosigkeit gegenüber den Schwedinnen. Es ist gut, dass Deutschland ausgeschieden ist.
Sendungsverfolger 29.06.2019
5. Regel
Weil es egal ist, wo sich das Standbein befindet. Es zählt, wo sich der Ball befindet. Ist der mit vollem Durchmesser aus dem Strafraum raus (also ÜBER der Linie) und ist dann noch eine Hand dran, dann ist es Handspiel der [...]
Zitat von Bagpiper007Wenn man die Schulter der deutschen Spielerin 4 cm im Abseits sieht und nicht einmal bemerkt, dass die schwedische Torfrau bei ihren Abstößen aus der Hand mit ihrem Standbein insgesamt 4 mal außerhalb des Strafraums steht, dann macht das keinen Sinn. Dies hätte 4 mal Freistoß für Deutschland geben müssen. Bei Fouls und Handspiel wird in Strafraumnähe ganz genau hingeschaut, weil eine gefährliche Freistoßsituation entstehen kann. Warum hier nicht?
Weil es egal ist, wo sich das Standbein befindet. Es zählt, wo sich der Ball befindet. Ist der mit vollem Durchmesser aus dem Strafraum raus (also ÜBER der Linie) und ist dann noch eine Hand dran, dann ist es Handspiel der Torfrau, sonst nicht.

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