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Sebastian Vettel unter Druck

Nur noch ein Fahrer

Er wollte mit Ferrari den Titel holen wie sein Idol Michael Schumacher. Stattdessen feiern die Tifosi seinen Teamkollegen. Sebastian Vettel erlebt in dieser Saison eine der schwierigsten Phasen seiner Karriere.

Getty Images

Sebastian Vettel: "Echt schwer, da wieder herauszukommen"

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Freitag, 20.09.2019   17:49 Uhr

Es war seine fünfte Saison bei Ferrari, als Michael Schumacher 2000 zum ersten Mal die Fahrer-Weltmeisterschaft mit dem italienischen Rennstall gewann. 21 Jahre lang hatten die Tifosi auf diesen Moment gewartet. Am 8. Oktober sicherte sich Schumacher in Suzuka vorzeitig den Titel - und stürzte sein Team in einen Freudentaumel. Tränen flossen, der damalige Teamchef Jean Todt küsste den Helm seines Piloten.

Vor zwei Wochen in Monza wurde wieder ein Mann in rotem Rennanzug von seinem Team geherzt und von Tausenden Fans für den ersten Sieg auf der heimischen Rennstrecke seit neun Jahren gefeiert. "Ein riesiges rotes Herz schlägt unter der Tribüne, betrunken vor Glück", schrieb die italienische "Gazzetta dello Sport". Der Pilot, der das ermöglicht hatte, sprach nach dem Rennen ein paar Worte auf italienisch - ganz wie damals Schumacher in Suzuka. Die Tifosi feierten ihren neuen Helden.

Der Mann heißt Charles Leclerc.

Dieser Moment muss für Sebastian Vettel die bisher schwerste Niederlage einer an Niederlagen nicht eben armen Saison gewesen sein. "Ein guter Tag für's Team, aber kein guter Tag für mich", resümierte Vettel, der das Rennen in Monza nach zwei Fahrfehlern und einer Zeitstrafe als 13. beendete - und der auf der Heimstrecke der Scuderia zwar schon dreimal gewinnen konnte, allerdings noch nie als Ferrari-Pilot.

DIEGO AZUBEL/EPA-EFE/REX

Charles Leclerc: Der neue Held in Rot

Es ist für Vettel das fünfte Jahr bei Ferrari, der 32-Jährige ist nun ein Jahr älter als sein großes Vorbild Michael Schumacher es bei seinem ersten Erfolg für die Scuderia war. Vettel war als viermaliger Weltmeister von Red Bull zu Ferrari gewechselt, um sich am Neuaufbau des Traditionsrennstalls zu beteiligen - ganz wie sein Idol damals. In dieser Saison sollte es nun endlich klappen mit der WM. In Italien wartet man seit elf Jahren auf den Titel. Doch seit Saisonbeginn ist ziemlich viel schiefgelaufen.

Titel schon nach sechs Rennen abgeschrieben

Die Testfahrten im Vorfeld der Saison zeigten, dass Ferrari mit dem SF90 zunächst das schnellste Auto hatte. Durch den Führungswechsel an der Spitze des Rennstalls wurde der Machtkampf zwischen Maurizio Arrivabene und dem bisherigen Technikchef Mattia Binotto beendet. Binotto stand hinter Vettel, dieser mochte das Auto.

Doch dann begann die neue Saison wie die alte endete: Mercedes dominierte. In den ersten fünf Saisonrennen feierten Weltmeister Lewis Hamilton und Valtteri Bottas für den Rennstall fünf Doppelsiege und ließen Ferrari viermal keine Chance. Und als man in Bahrain erstmals Siegambitionen zeigte, war es der 21-jährige Leclerc, der Hamilton und seinen Teamkollegen hinter sich ließ. Er schied dann mit einem Motorschaden aus. Vettel indes verspielte durch einen Fahrfehler, bei dem er sein Auto beschädigte, die Chance auf das Treppchen.

Mark Thompson/Getty Images

Lewis Hamilton (l.), Valtteri Bottas

Nach dem sechsten Saisonrennen hatte Teamchef Binotto die WM bereits abgeschrieben, zwei Wochen später verlor auch seine Nummer eins die Nerven. In Montreal sorgte Vettel für eine denkwürdige Szene, als er seinen ersten Sieg durch eine gegen ihn verhängte Zeitstrafe an Hamilton verlor und gegen die Entscheidung protestierte, indem er sich kurz vor Beginn der Siegerehrung selbst zum Gewinner des Rennens kürte.

Und es wurde nicht besser: Ferrari begann nach dem Großen Preis von Kanada mehr Gewicht auf die Vorderachse des SF90 zu legen, um das problematische Untersteuern zu vermindern. Dadurch wurde jedoch das Heck unruhiger; ein Umstand, mit dem sich Leclerc deutlich besser arrangieren konnte als Vettel.

Der Monegasse lief in seiner zweiten Formel-1-Saison dem seit mehr als einem Jahr sieglosen Vettel Stück für Stück den Rang als teaminterne Nummer eins ab - in der Fahrerwertung überholt hat er ihn nach seinem zweiten Erfolg in Italien bereits.

Wie geht es weiter für Vettel?

Die seit Sommer kursierenden Rücktrittsgerüchte hatte Vettel, dessen Vertrag bei Ferrari noch bis Ende 2020 läuft, zurückgewiesen - ebenso einen möglichen Teamwechsel. Die Frage, ob er sich im Duell mit seinem jungen Teamkollegen in den verbleibenden Rennen wird behaupten können, beschäftigt die Formel 1.

Nico Rosberg, der seine Karriere wenige Tage nach seinem WM-Titel 2016 beendete, sagte, in Monza sei Leclerc zur "Ferrari-Legende" geworden, den Fahrfehler und anschließenden Crash Vettels könne er hingegen nicht erklären. Dennoch dürfe man ihn keinesfalls abschreiben.

Der ehemalige Weltmeister Jacques Villeneuve hatte Ferrari bereits im Mai dafür kritisiert, Leclerc schon in dieser Saison neben Vettel starten zu lassen. Die Probleme bei der Rollenverteilung schwächten das ganze Team. Nun sei Leclerec in der Gunst von Teams und Medien, für Vettel sei es "echt schwer, da wieder herauszukommen". Alain Prost sagte: "Ich bin mir sicher, dass er zurückkommen wird". Allerdings müsse ihm sein Team helfen, es dürfe nicht noch mehr Druck ausgeübt werden, so der viermalige Weltmeister.

Thomas Peter/REUTERS

Vettels Fürsprecher: Mattia Binotto

Binotto stellte sich vor dem Großen Preis von Singapur (Sonntag 14.10 Uhr MEZ, Liveticker: SPIEGEL ONLINE, TV: Sky, RTL) vor Vettel: "Ich habe weiter Vertrauen in ihn, es ist nur eine Frage der Zeit, bis er selbst auch sein Vertrauen wieder findet. Das ganze Team unterstützt ihn dabei und liebt ihn", sagte er der "Sport Bild". Vettel sei nicht nur ein Fahrer, sondern helfe dabei, das Team ständig zu verbessern und zu entwickeln.

Wenn Vettel aber nicht nur ein Fahrer, sondern der Fahrer sein will, mit dem Ferrari in der kommenden Saison um den WM-Titel kämpfen will, muss er mehr Stabilität beweisen und jene Fahrfehler vermeiden, die ihn in dieser Saison bereits mehrfach Plätze kosteten. Zumal er nur noch drei Strafpunkte von einer Rennsperre entfernt ist.

Auf dem kurvenreichen Stadtkurs in Singapur ist der Ferrari kein Favorit, doch Vettel mag das Nachtrennen mit seinem Chaosfaktor. Er konnte es bereits viermal gewinnen, genauso oft wie Hamilton. Binotto kündigte ein Update an, um den SF90 in den langsamen Kurven konkurrenzfähiger zu machen.

Es wird sich dort zeigen, ob Vettel sich nach dem desaströsen Italien-Wochenende zurückmelden kann.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Sebastian Vettel noch nie in Monza gewonnen habe. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 14 Beiträge
ollux 20.09.2019
1. Vettel war und ist nie der Siegfahrer
vom Range eines Hamilton, Schumacher oder Senna. Er hatte damals das unglaubliche Glück mit Red Bull den besten Wagen fahren zu dürfen. Jetzt, wo es nicht perfekt funktioniert, produziert er einen Fehler nach dem anderen.
vom Range eines Hamilton, Schumacher oder Senna. Er hatte damals das unglaubliche Glück mit Red Bull den besten Wagen fahren zu dürfen. Jetzt, wo es nicht perfekt funktioniert, produziert er einen Fehler nach dem anderen.
bhang 20.09.2019
2. Erst schön gewinnen und dann nach dem zweiten Sieg hintereinander
in schönstem Italienisch in Monza die Ferrari-Fans catchen... War wohl wie damals bei Mansell/Prost, wo der eine die Leistungen brachte und perfekt italienisch sprechen konnte, was die Abstimmung des Autos anging, wohingegen der [...]
in schönstem Italienisch in Monza die Ferrari-Fans catchen... War wohl wie damals bei Mansell/Prost, wo der eine die Leistungen brachte und perfekt italienisch sprechen konnte, was die Abstimmung des Autos anging, wohingegen der andere bei der Frage nach Wünschen bzgl. des Autos, "more power!" von sich gab.
Aleae iactae sunt 20.09.2019
3. Na dann viel Erfolg
Der Erfolg ist eben auch launisch. wir haben bisweilen schon erlebt, dass der nicht von denen geerntet wurde, die ihn erarbeitet haben. Z.B. MS und NR , die den F1 Mercedes so weiterentwickelt haben, dass er ganz weit vorne [...]
Der Erfolg ist eben auch launisch. wir haben bisweilen schon erlebt, dass der nicht von denen geerntet wurde, die ihn erarbeitet haben. Z.B. MS und NR , die den F1 Mercedes so weiterentwickelt haben, dass er ganz weit vorne konkurrenzfähig und zuverlässig war. Die Siege hat erst mal dann LH eingefahren und NR als er sich nicht mehr abdrängen und austricksen lies.
krispetersen 20.09.2019
4. Vettel
Vettel ist ein großartiger Fahrer, aber er war in seiner Laufbahn immer wieder anfällig für Fehler und unüberlegte Manöver. Den Killerinstinkt eines Schumacher oder Hamilton hat er nicht. Man darf allerdings auch nicht [...]
Vettel ist ein großartiger Fahrer, aber er war in seiner Laufbahn immer wieder anfällig für Fehler und unüberlegte Manöver. Den Killerinstinkt eines Schumacher oder Hamilton hat er nicht. Man darf allerdings auch nicht vergessen, dass Ferrari in den letzten Jahren viele Rennen auch wegen strategischer Fehler hergeschenkt hat. Insgesamt einfach ziemlich bitter gelaufen für Vettel, so langsam klopft das Alter an. Viele Jahre bleiben ihm nicht mehr. Sofern er bei Ferrari seinen Job verliert, sehe ich ehrlich gesagt keine Zukunft mehr für ihn in der F1. Ich glaube, er ist nicht der Typ wie Raikönnen, der sich nochmal in ein Mittelfeldauto setzt und dort die Karriere ausklingen lässt. Aber ich kann mich auch täuschen. Übrigens: Hülkenbergs Zukunft in der F1 sieht derzeit auch finster aus, da Grosjean bei Haas bleibt. Da gibt es kaum noch realistiische Optionen auf ein Cockpit in 2020.
HammerFall 20.09.2019
5. "der das Rennen in Monza nach zwei Fahrfehlern ...
... und einer Zeitstrafe als 13. beendete - und der auf der Heimstrecke der Scuderia noch nie gewinnen konnte." Ist so nicht ganz richtig. Mit Ferrari konnte er dort noch nie gewinnen, mit Red Bull wohl auch nicht (weiß [...]
... und einer Zeitstrafe als 13. beendete - und der auf der Heimstrecke der Scuderia noch nie gewinnen konnte." Ist so nicht ganz richtig. Mit Ferrari konnte er dort noch nie gewinnen, mit Red Bull wohl auch nicht (weiß ich jetzt nicht auswendig), aber dass er 2008 im Toro Rosso bei Regen seinen ersten GP-Sieg feierte, das kann ich mit Sicherheit und auswendig sagen - ohne großer Vettel-Fan oder -Gegner zu sein.

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