Sport

Affäre um Amr Warda

Wie der Fußball in Ägypten eine Debatte über sexuelle Belästigung ausgelöst hat

Der Fall Amr Warda überschattet den Afrika-Cup in Ägypten: Der Fußballer soll Frauen sexuell belästigt haben und flog deshalb aus dem Team. Doch dann stellte sich Mohamed Salah hinter seinen Mitspieler.

REUTERS/Amr Abdallah Dalsh

Amr Warda: Der Fußballer steht im Zentrum eines Belästigungsskandals in Ägypten

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Samstag, 29.06.2019   13:15 Uhr

Innerhalb von 48 Stunden ist aus den "Pharaonen" die "Nationalmannschaft der sexuellen Belästiger" geworden.

Seit Freitagvormittag ist dieses Schlagwort das meistgenutzte Hashtag auf Twitter in Ägypten. In den sozialen Netzwerken, die in der Militärdiktatur von Abdel Fattah el-Sisi der letzte verbliebene Raum für freie Meinungsäußerung sind, tobt seither ein Sturm der Wut und Enttäuschung über den ägyptischen Fußballverband, den Spieler Amr Warda und über den Star des Teams, Mohamed Salah. Die Affäre überschattet den Afrika-Cup, der derzeit in Ägypten stattfindet und das größte Sportereignis im Land seit mehr als einem Jahrzehnt ist.

Was ist passiert?

Am Mittwoch hatte der ägyptische Verband wenige Stunden vor dem zweiten Vorrundenspiel der Gastgeber gegen die Demokratische Republik Kongo (2:0) den Rausschmiss von Mittelfeldspieler Amr Warda verkündet. Zuvor hatten mehrere Frauen dem 25-Jährigen öffentlich vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Er habe ihnen unaufgefordert anzügliche Nachrichten geschrieben, sich erkundigt, ob sie Jungfrauen seien, sie dazu gedrängt, ihm Nacktaufnahmen zu senden und habe auf aufdringliche Art versucht, sie zu Treffen zu überreden. Mindestens einer Frau soll der Fußballer ungefragt ein Nacktvideo geschickt haben.

Es sind nicht die ersten Vorwürfe dieser Art gegen Warda: Im August 2017 kündigte der portugiesische Erstligist CD Feirense nach nur drei Tagen einen Leihvertrag mit dem Spieler, weil er die Ehefrauen von zwei Mitspielern sexuell belästigt haben soll.

Trotzdem machte Ägyptens Nationalmannschaft ihr Spiel gegen die DR Kongo am Mittwoch zu einer großen Solidaritätsveranstaltung für ihren ausgeschlossenen Kollegen. Ein Spieler posierte auf der Bank mit Wardas Trikot. Mannschaftskapitän Ahmed Elmohamady bejubelte seinen 1:0-Treffer, indem er zwei Finger jeder Hand in die Höhe streckte - die Geste sollte wohl Wardas Rückennummer 22 symbolisieren.

Khaled DESOUKI / AFP

"22"-Jubel von Ahmed Elmohamady: Solidarität mit dem suspendierten Mitspieler

Nach dem Spiel sagte Elmohamady über Warda: "Das ist sein Privatleben. So lange er sich gegenüber dem Team diszipliniert zeigt, machen wir ihn nicht für das verantwortlich, was er außerhalb der Mannschaft tut."

Während des Spiels mischte sich dann auch noch das Dar al-Ifta, die wichtigste islamische Autorität Ägyptens ein. Das Amt, das religiöse Rechtsgutachten veröffentlicht, twitterte: "Das Beschützen eines Dieners Gottes gehört zu den Qualitäten der Propheten." Dieser Tweet wurde allgemein als Unterstützung der Religionsgelehrten mit Warda und den solidarischen Nationalspielern gewertet.

In der Nacht nach dem Spiel sprang dann auch noch Ägyptens Superstar Mohamed Salah seinem suspendierten Mitspieler zur Seite: Zwar müssten Frauen mit dem größten Respekt behandelt werden, twitterte der 27-Jährige. Ohne Warda namentlich zu erwähnen, forderte er jedoch auch, Menschen, die Fehler machten, eine zweite Chance zu geben. Es sei nicht die richtige Antwort, diese Personen zu meiden.

Danach dauerte es nur noch gut 24 Stunden, bis Ägyptens Fußballverband einknickte: Der Ausschluss gelte nur noch für die Vorrunde, teilte Verbandspräsident Hani Abou Rida mit. Ab dem Achtelfinale dürfe Warda wieder mitspielen.

Zuvor hatte Warda noch ein Video veröffentlicht, in dem er seine Familie, seine Mitspieler, den Verband und "jeden, den ich enttäuscht habe", um Entschuldigung bat. Die Opfer seiner sexuellen Belästigung erwähnte Warda nicht.

Für viele Ägypter steht dieser Fall symptomatisch für den Umgang mit sexueller Belästigung und Gewalt im Land. Das Problem ist gewaltig: In einer Uno-Studie aus dem Jahr 2013 heißt es, dass 99,3 Prozent der ägyptischen Frauen Opfer von sexuellen Übergriffen und Belästigungen werden. Besserung ist seither nicht in Sicht.

Viele Ägypter fürchten, dass die Nachsicht gegenüber Warda das Signal in die Gesellschaft sendet, dass die Belästigung von Frauen ein Kavaliersdelikt darstellt, das mit einer läppischen Entschuldigung erledigt ist. Zu den prominenten Ägypterinnen, die sich jetzt äußern, gehört die Schauspielerin Raniah Yousief. Sie wurde im vergangenen Jahr mehrere Stunden vernommen, weil sie beim Internationalen Filmfestival in Kairo auf dem roten Teppich ein semitransparentes Kleid getragen hatte. Mehrere Anwälte erstatteten daraufhin Anzeige, unter anderem wegen "Anstiftung zur Ausschweifung" und "Unzüchtigkeit". Einem Prozess entging Yousief nur durch eine öffentliche Entschuldigung.

Nun wirft Yousief Justiz und Gesellschaft doppelte Standards gegenüber Männern und Frauen vor: Wenn eine Frau ein freizügiges Kleid trage, werde die Justiz tätig, bei sexueller Belästigung nicht.

Yousief hatte vor Bekanntwerden der Warda-Affäre noch im Nationaltrikot auf Twitter posiert. Nun sagt sie: "Der Kampf gegen sexuelle Belästigung ist wichtiger als der Gewinn des Afrika-Cups."

Für besonderen Ärger sorgt, dass ausgerechnet Salah, das Idol von Millionen Ägyptern, dem mutmaßlichen Belästiger öffentlich beisprang. Sie sind wütend darüber, dass Salah den Eindruck erwecke, es sei eine Folge fehlender Bildung, wenn der 25-jährige Warda online Frauen belästige.

Wenn nicht einmal ein Mann mit seinen Privilegien und seinem Ansehen sich klar gegen sexuelle Belästigung positioniere, tut es niemand in Ägypten, so der Tenor. Unter dem Hashtag "Salah unterstützt sexuelle Belästigung" machen sie ihrer Wut Luft.

Vor zwei Monaten hatte der Star des FC Liverpool die Männer in seinem Heimatland noch im "Time"-Magazin aufgefordert, Frauen mit mehr Respekt zu behandeln. "Wir müssen den Umgang mit Frauen in unserer Kultur ändern. Daran führt kein Weg vorbei", sagte der 26-Jährige. Und: "Ich unterstütze Frauen mehr als ich es zuvor getan habe."

Im Fall Amr Warda hat sich Salah nun aber dazu entschlossen, lieber den mutmaßlichen Täter zu unterstützen.

insgesamt 20 Beiträge
Peer Pfeffer 29.06.2019
1. Ziviler Ungehorsam
Dass die Frauen sich das bieten lassen und nicht zb solidarisch in zivilen Ungehorsam und Streiks gehen, versteh ich nicht. Wenn von den Männern keine Hilfe kommt, sollten Frauen die Arbeit niederlegen.
Dass die Frauen sich das bieten lassen und nicht zb solidarisch in zivilen Ungehorsam und Streiks gehen, versteh ich nicht. Wenn von den Männern keine Hilfe kommt, sollten Frauen die Arbeit niederlegen.
octagon87 29.06.2019
2.
Unfassbar was da abgeht. Salah sollte auch gesperrt werden. Und ab jetzt immer ausgepfiffen werden. Ein schlimmes Zeichen für Sexismus in der islamischen Welt. Die haben echt nix kapiert.
Unfassbar was da abgeht. Salah sollte auch gesperrt werden. Und ab jetzt immer ausgepfiffen werden. Ein schlimmes Zeichen für Sexismus in der islamischen Welt. Die haben echt nix kapiert.
ImZweifelGlücklich 29.06.2019
3. octagon87 "Salah sollte auch gesperrt werden"
für den Satz "forderte er jedoch auch, Menschen, die Fehler machten, eine zweite Chance zu geben." fordern Sie eine Sperre ? "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater [...]
für den Satz "forderte er jedoch auch, Menschen, die Fehler machten, eine zweite Chance zu geben." fordern Sie eine Sperre ? "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben." Mt 6, 14f
legeips62 29.06.2019
4. Welchen Cartoon würde
Frau Becker wohl in der EMMA zeichnen?
Frau Becker wohl in der EMMA zeichnen?
Deva 29.06.2019
5.
Das ist ja nun wohl seine 3. + x Chance ! Das sollte man nicht vergessen zu erwähnen...
Zitat von ImZweifelGlücklichfür den Satz "forderte er jedoch auch, Menschen, die Fehler machten, eine zweite Chance zu geben." fordern Sie eine Sperre ? "Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben." Mt 6, 14f
Das ist ja nun wohl seine 3. + x Chance ! Das sollte man nicht vergessen zu erwähnen...

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