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Afrika-Cup in Ägypten

Fladenbrot und Spiele

Am Abend beginnt der Afrika-Cup in Ägypten. Volk und Regime erwarten von der Mannschaft um Mohamed Salah den Titel. Doch das Turnier droht für Fans und Spieler zur Tortur zu werden.

STRINGER / various sources / AFP

Ägyptens Diktator Sisi beim Handschlag mit Mo Salah: Das Turnier ist Chefsache

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Freitag, 21.06.2019   18:18 Uhr

52 Saisonspiele stecken Mohamed Salah in den Knochen. Er ist zum zweiten Mal in Folge Torschützenkönig der Premier League geworden und hat mit dem FC Liverpool die Champions League gewonnen. Doch der anstrengendste Teil der Saison steht ihm erst noch bevor.

Am Freitagabend startet Salah in Kairo mit der ägyptischen Nationalmannschaft in den Afrika-Cup 2019. Alles andere als der Titel beim Turnier im eigenen Land wäre für Ägyptens Regime und die Fußballfans eine gewaltige Enttäuschung.

Doch die Gefahr ist groß, dass der Afrika-Cup für Salah zum Ende einer langen Saison zur Tortur wird: Erstmals nehmen 24 Mannschaften an dem Turnier teil und erstmals findet es im Sommer statt. Das heißt, dass die vier besten Teams am Ende innerhalb von vier Wochen sieben Spiele absolviert haben werden. Und das bei harten Bedingungen: Wenn am Freitagabend um 22 Uhr das Eröffnungsspiel zwischen Ägypten und Simbabwe angepfiffen wird, werden die Temperaturen immer noch bei mehr als 30 Grad liegen. Die Spiele, die in den nächsten Wochen am Nachmittag oder am frühen Abend stattfinden, werden bei mehr als 40 Grad ausgetragen. Im Schatten, den es auf dem Spielfeld nicht gibt.

Der Grund für die Verlegung vom Januar/Februar in den Sommer: Die Spieler fehlen ihren Teams in Europa so nicht mehr während der Saison. Das hatte immer wieder zu Problemen bei der Abstellung geführt.

Das nächste Problem: Die insgesamt 54 Spiele finden in nur sechs Stadien statt. Ägypten war erst im Januar für Kamerun als Ausrichter eingesprungen. In der Kürze der Zeit konnte der ägyptische Verband nur sechs Arenen für den Afrika-Cup herrichten. Im Kairo International Stadium, der größten Arena, werden einschließlich des Finales am 19. Juli zehn Spiele stattfinden. Der Rasen wird nach zehn Partien in größter Hitze und Trockenheit kaum noch endspieltauglich sein.

Das Regime betrachtet die Ultras als Bedrohung

Für Ägyptens Regime hat der Afrika-Cup größte Bedeutung. In den Tagen vor Turnierbeginn inspizierte Staatschef Abdel Fattah el-Sisi persönlich gemeinsam mit seinem Premierminister die Stadien in Kairo um den Stand der Vorbereitungen zu prüfen. In den staatlichen Medien lässt die Regierung verbreiten, man werde 15.000 Polizisten und Soldaten auf die Straßen schicken, um die Sicherheit des Turniers zu gewährleisten.

Dieses Aufgebot zeigt einerseits die Sorge vor Terroranschlägen. Die Sicherheitspräsenz belegt aber auch die Angst des Regimes vor den Fußballfans. Die Ultras der großen Kairoer Fußballvereine al-Ahly und Zamalek waren maßgeblich an den Protesten im Jahr 2011 beteiligt, die zum Sturz von Staatschef Hosni Mubarak führten. Seither gelten die Ultras für den Sicherheitsapparat in Kairo als ernste Bedrohung.

Im Februar 2012 wurden bei Ausschreitungen im Stadion von Port Said 74 Ahly-Fans getötet. Die Kairoer Ultras sind überzeugt, dass das kein spontaner Gewaltausbruch rivalisierender Fans war, sondern ein Massaker, das von den Sicherheitskräften gesteuert wurde. Ursprünglich hätten auch in genau diesem Stadion Turnierspiele stattfinden sollen, im März machten die Organisatoren dann einen Rückzieher.

Mindestens 30 Fans wurden im Vorfeld des Afrika-Cups festgenommen

Dafür wird im Stadion des 30. Juni in Kairo gespielt. Vor den Toren dieses Stadions wurden im Februar 2015 20 Zamalek-Fans bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften getötet. Damals hatten die Behörden gerade wieder das nach der Stadionkatastrophe von Port Said verhängte generelle Stadionverbot für Fans gelockert. 10.000 Zuschauer sollten ins Stadion des 30. Juni gelassen werden, doch dann drängten viel mehr Fans in die Arena, und die Sicherheitskräfte feuerten mit Tränengas in die Menge. Es folgte eine tödliche Massenpanik.

Seit vergangenem Sommer sind zu ausgewählten Ligaspielen wieder ausgewählte Fans zugelassen. Ticketkäufer müssen sich namentlich registrieren lassen, so halten die Behörden die Ultras fern. Beim Derby zwischen Ahly und Zamalek im März durften 15 Fans jedes Vereins im 86.000 Zuschauerstadion Platz nehmen. Manche Ultras leben ihre Leidenschaft nun bei den Handball-, Volleyball- oder Basketballspielen von Ahly und Zamalek aus. Die, die es sich leisten können, reisen den Fußballern zu den Auswärtsspielen in der afrikanischen Champions League hinterher.

Über allem aber schwebt der lange Arm des Regimes. Nach Angaben von Amnesty International sind allein in den Wochen vor dem Afrika-Cup mindestens 30 Fans verhaftet worden. Die Justiz wirft ihnen Terrorismus vor. Offenbar will das Regime um jeden Preis verhindern, dass die Ultras im Umfeld des Turniers das von Sisi verbreitete Bild von der heilen Welt in Ägypten beschädigen.

Salah posiert mit dem Staatsfeind

Und auch einstige Fußballidole sind vor dem Zorn des Regimes nicht sicher: 2006, als zum letzten Mal ein Afrika-Cup in Ägypten stattfand, führte Mohamed Abou Trika das Team zum Titel. Zwei Jahre später wiederholte er diesen Erfolg. Heute lebt er im Exil in Katar und gilt in Ägypten wegen angeblicher Verbindungen zu den Muslimbrüdern als Staatsfeind und steht auf der Terrorliste.

Mohamed Salah sorgte für großes Aufsehen, als er sich im Interview nach dem Champions-League-Finale noch auf dem Spielfeld vor laufender Kamera nach Abou Trika erkundigte, der als Experte des Sportsenders "BeIN" im Stadion war. Anschließend posierte Salah mit seinem einstigen Förderer für ein Foto.

Salah ist einer der wenigen in Sisis Ägypten, die sich diese Zeichen der Auflehnung gegen das Regime noch leisten können.

insgesamt 4 Beiträge
egyptwoman 21.06.2019
1.
So da hätten wir mal wieder alles negative in den Artikel gepackt. Was mich nur wundert: Ihr schreibt Abou Trika steht hier auf der Terrorliste und lebt im Exil in Katar, würde bedeuten, sobald er hier einreisen würde, würde [...]
So da hätten wir mal wieder alles negative in den Artikel gepackt. Was mich nur wundert: Ihr schreibt Abou Trika steht hier auf der Terrorliste und lebt im Exil in Katar, würde bedeuten, sobald er hier einreisen würde, würde man ihn festnehmen, wie passt das aber mit dem veröffentlichten Foto zusammen und das sich Abou Trika in dem Stadion befindet? Er muss ja wohl irgendwie nach Ägypten eingereist sein und das offensichtlich kaum Illegal, wenn er als Experte von BeIn da ist? Die 30 Festnahmen vor dem Turnier könnten auch mit dem kürzlichen Tod von Mohammed Mursi zu tun haben, vielleicht hatten die Festgenommenen tatsächlich irgendwas geplant, wer weiß das schon. Das man soviel Sicherheitskräfte auffährt ist doch wohl normal oder? Bei jeder Weltmeisterschaft, Olympiade etc ist das doch ebenso, das die Sicherheitskräfte verstärkt werden, wer will denn schon Probleme um die Spiele haben und jedes Land will sich doch gut präsentieren oder wie war das bei den olympischen Spielen in Brasilien, was wurde da alles im Vorfeld unternommen um zb die Bewohner der Favelas aus ihren Behausungen zu vertreiben oder ihnen den Zugang zu den Austragsungsorten zu verwehren. Sorry, jetzt lasst mal die Kirche im Dorf, es gibt noch ne ganze Menge anderer Leute, die sich auch mal kritisch gegen das Regime äußern können. Es mag hier in Ägypten sicher nicht alles gut sein und man mag von Sisi halten was man will, aber er bringt erstmal Stabilität in das Land und das ist das was im Moment am wichtigsten ist oder will irgendwer ein zweites Syrien? mfg aus Ägypten
MyMoon 22.06.2019
2. Diktator
Zu egyptwoman Kommentar 1. Abu Trika lebt sehr wohl in Katar und reist sicher nicht mehr in seine Heimat solange General Sisi die Macht hat. Und auf dem Foto ist klar zu sehen das Salam und Abu Trika sich nicht in Ägypten [...]
Zu egyptwoman Kommentar 1. Abu Trika lebt sehr wohl in Katar und reist sicher nicht mehr in seine Heimat solange General Sisi die Macht hat. Und auf dem Foto ist klar zu sehen das Salam und Abu Trika sich nicht in Ägypten fotografieren ließen sondern beim Champions League Finale in Madrid. Ägypten ist eine schlimmere Diktatur als zu Zeiten von Mubarak und nicht wirklich stabil. Nur weil die USA, Israel und damit auch die Saudi Familie General Sisi unterstützen kann er sich noch an der Macht halten. Aber die Mehrheit des Volkes ist gegen ein Militärregime. Nicht umsonst haben die Muslimbrüder bei den ersten freien Wahlen 60 % erhalten. Glauben Sie die Menschen sind plötzlich verschwunden ? Sie noch Angst und warten erst Mal ab was kommt. Aber wie bei Mubarak braucht es nur einen kleinen Funken und die Verzweiflung wird die Angst besiegen dann wird auch diese Diktatur hinweggefegt. Nur wird es diesmal eine richtige Revolution und das Militär/Polizei und der Justizapparat gesäubert. Der Fehler des ersten gewählten Präsidenten war das er zu weich war und einem General der in den USA ausgebildet wurde vertraut hat das er sich an die Demokratie hält. Diesen Fehler begehen sie beim nächsten Mal nicht. Und Sisi bekommt sicher noch deine Strafe für die vielen Morde die er zu verantworten hat. Im Diesseits oder im Jenseits.
egyptwoman 22.06.2019
3.
Das Abu Trika in Katar lebt hab ich nicht bestritten. Artikel lesen hilft und da steht eindeutig, das er dieses Foto im Stadion gemacht hat und als Experte von BeIn vor Ort ist. Nebenbei ist es mir ein Rätsel warum man in einer [...]
Das Abu Trika in Katar lebt hab ich nicht bestritten. Artikel lesen hilft und da steht eindeutig, das er dieses Foto im Stadion gemacht hat und als Experte von BeIn vor Ort ist. Nebenbei ist es mir ein Rätsel warum man in einer Sportrubrik nur am Rande auf den Cup eingeht, dafür aber sehr viel Politik da rein bringt, dafür gibt es andere Rubriken und das man sehr gern auf Ägypten eindrischt und alles schlecht redet (egal um was es geht), ist ja beim Spiegel schon fast Usus). Ich bin Gast in diesem Land und ja ich erlaube mir auch die eine oder andere Kritik und zwar nicht hinter vorgehaltener Hand, kommt nur drauf an wie man die verpackt. Mit nur "Sisi ist Sch..." , "Sisi muss weg" etc oder teilweise offene Morddrohungen gegen ihn, kommt man nicht weiter. Ich bin mit Sicherheit kein Freund einer Militärdiktatur und ja, Sisi mag Fehler machen, aber er tut auch einiges gutes. Zeig mir ein Land, in dem die Oberen keine Fehler machen. Ich sag mal nur Saudi-Arabien, das wird hofiert von allen und mit verlaub, aber die Zustände dort sind um länger schlimmer, als das was hier in Ägypten abgeht. Ich war hier, als Mursi an der Macht war und ich habe auch miterlebt wie "Toll" dieser zb. mit den hier lebenden Christen umgesprungen ist. Unter seiner Herrschaft wurden massenhaft Kirchen abgebrannt, christliche Geschäfte verwüstet und deren Besitzer krankenhausreif geschlagen. Ich könnte jetzt noch einiges anderes aufführen, das würde aber den Rahmen sprengen und hat auch nichts mit dem African Nation Cup zu tun.
mhuz 22.06.2019
4.
Geht es hier um Fußball oder um ein Foto ?
Geht es hier um Fußball oder um ein Foto ?

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