Sport

Bundesligamanager

Die neuen Schuldigen

Früher musste der Trainer gehen, wenn es nicht lief - heute erwischt es oft die Vorgesetzen: An einem Tag wurden gleich zwei Bundesligamanager entlassen. Was heißt das für Thomas Hitzlsperger beim VfB?

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VfB-Präsident Dietrich (l.), Sportvorstand Hitzlsperger

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Dienstag, 12.02.2019   23:23 Uhr

Im Grunde bleibt Thomas Hitzlsperger nichts anderes übrig, als seinen Trainer Markus Weinzierl zu entlassen. Zumindest, wenn der neue Sportvorstand des VfB Stuttgart die jüngere Historie der Managerwechsel in der Bundesliga und ihre Folgen heranzieht. Dann wird dem 36-Jährigen, der am Dienstag zum Nachfolger des entlassenen Michael Reschke aufgestiegen ist, schnell klar werden, dass die Sache selten versöhnlich endet. Wenn der Macher im Hintergrund gehen muss, der Trainer aber bleiben darf, hat das oft dazu geführt, dass der betreffende Klub weiter Richtung Schiffbruch steuert. Der Trainer ging später dann meist doch über die Planke.

Hitzlsperger, der bislang Nachwuchskoordinator beim VfB war, steckt ohnehin in einer schwierigen Lage - ganz abgesehen von den nur 15 Punkten aus 21 Ligaspielen für Stuttgart. Denn die einst ehrwürdige Berufsgruppe der Fußballmanager in der Bundesliga, zu der Hitzlsperger nun gehört, steckt in einer Krise.

Manager in der Manier von Fabrikdirektoren

Am Dienstag mussten in kurzer Abfolge gleich zwei Entscheider wegen Erfolglosigkeit gehen. Neben Reschke traf es auch Nürnbergs Sportvorstand Andreas Bornemann. Der hatte offenbar für einen Verbleib von Trainer Michael Köllner gestimmt, was der Aufsichtsrat des Klubs allerdings etwas anders sah. Interessanterweise gab der Tabellenletzte zunächst die Trennung von Bornemann bekannt und erst einige Zeit später die von Köllner. Das und die parallele Entlassung des einst mächtigen Reschke in Stuttgart illustrieren, wohin sich die Antwort auf die Schuldfrage verschoben hat, wenn ein Klub heute in Schwierigkeiten steckt.

Gab es lange die Tradition in der Bundesliga, erst einmal den Cheftrainer vor die Tür zu setzen, um dann zu überlegen, wie man aus der Misere wieder herauskommt, so stehen zunehmend diejenigen in der Kritik, die die Trainer verpflichtet haben.

Die Manager in der Bundesliga traten in den Neunziger- und Nullerjahren gern in der Manier von Fabrikdirektoren des frühen 20. Jahrhunderts auf. Sie trugen ihre Vorliebe für üppiges Rauchwerk (der leider kürzlich verstorbene Schalker Manager Rudi Assauer), oder für reichhaltige Speisen (Leverkusens Reiner Calmund) zur Schau. Sie brüllten kritische Journalisten am Telefon zusammen (Dieter Hoeneß bei Hertha BSC) und pflegten ganz grundsätzlich eine eingeschränkte Akzeptanz von Mitarbeitermitbestimmung (Bayerns Uli Hoeneß): Der Klub bin ich, so lautete oft die Devise. Dieser Typus des Manager-Leviathans feuerte, er wurde nicht gefeuert.

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Hertha-Manager Dieter Hoeneß (l) 2009, Trainer Lucien Favre

Das hat sich nun geändert. Zwar gibt es auch heute noch Macher in der Bundesliga, die scheinbar unumstößlich regieren: wie Michael Preetz, Max Eberl und Michael Zorc. Aber seit einiger Zeit häufen sich die Meldungen, dass wieder einmal ein Bundesligaklub seinen führenden Angestellten entlassen hat. Oder dass einer arg im Gegenwind steht. In der aktuellen Spielzeit verließ neben Reschke und Bornemann auch Leverkusens Sportdirektor Jonas Boldt seinen Posten. Auf eigenen Wunsch, wie es hieß. Allerdings war Boldt auch durch eine SPIEGEL-Enthüllung unter Druck geraten.

Vier Trainerentlassungen, drei Managerwechsel in dieser Saison

Vier Trainerwechsel (Tayfun Korkut in Stuttgart, Heiko Herrlich in Leverkusen, André Breitenreiter in Hannover und Köllner in Nürnberg) stehen demnach drei Managerwechsel gegenüber. Zudem wurden auch Christian Heidel bei Schalke 04 und der oftmals tapsige Hasan Salihamidzic beim FC Bayern heftig kritisiert. Für Manager gelten plötzlich ähnliche Spielregeln wie für Trainer: Wer zu oft daneben liegt, der fliegt.

Woran das liegt, ist schwer auf einen Nenner zu bringen. Einerseits hat sich der Managerberuf ausdifferenziert, was man schon daran sieht, dass es heute verschiedene Bezeichnungen und unterschiedliche Befugnisse gibt: von Sportvorstand, über Sportdirektor bis hin zum Geschäftsführer Sport. Die Aufgabengebiete sind komplexer geworden und der Markt besonders für deutsche Manager unterhalb der Hegemonie des englischen Geldes komplizierter.

In Dortmund hat man nach der etwas enttäuschenden Vorsaison reagiert und mit Sebastian Kehl (Leiter der Lizenzspielerabteilung) sowie Matthias Sammer (externer Berater) Unterstützung für Zorc besorgt. Darüber hinaus hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Kaderzusammenstellung mindestens so wichtig für den Erfolg einer Mannschaft ist, wie die Orchestrierung der Fähigkeiten der Profis auf dem Platz durch den Trainer. Der Mythos vom magischen Trainer, der selbst aus schlechten Teams Titelanwärter formen kann, hat sich im immer stärker durchprofessionalisierten Fußball zunehmend verabschiedet.

Der VfL Wolfsburg als unrühmlicher Vorreiter

Am VfL Wolfsburg ließ sich in den vergangenen Jahren gut beobachten, wie sehr die Macht der Macher erodiert ist, und die Manager die Wucht des Misserfolgs so stark zu spüren bekommen wie die Trainer. Im Dezember 2016 musste Klaus Allofs gehen. Trainer Valérien Ismaël durfte bleiben, obwohl er gerade 0:5 gegen den FC Bayern verloren hatte und auf Platz 15 stand. Dass das keine gute Idee war, erkannten sie dann auch beim VfL: Zweieinhalb Monate nach Allofs wurde Ismaël freigestellt. Der VfL rettete sich in der Relegation.

Zwei Jahre später, im April 2018, entließen die Niedersachsen den jungen Manager Olaf Rebbe. Der damals 39-Jährige hatte in anderthalb Jahren drei Trainer verpflichtet, 112 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben, seine Mannschaft stand aber trotzdem nur auf Rang 14. Bruno Labbadia durfte als Trainer weitermachen. Er schaffte die Rettung über die Relegation. In dieser Saison machte er aus dem Krisenklub einen Europa-League-Anwärter: Wolfsburg liegt unter ihm und Rebbes Nachfolger Jörg Schmadtke auf Tabellenplatz sieben. Labbadia ist daher einer der wenigen Trainer, bei dem es sich auszahlte, an ihm festzuhalten, nachdem der Manager gehen musste, der ihn eingestellt hatte.

Dass es normalerweise anders läuft, zeigen andere Beispiele: Schmadtke und Trainer Peter Stöger beim 1. FC Köln 2017, Thomas Eichin und Trainer Viktor Skripnik bei Werder Bremen 2016. Thomas Hitzlsperger sollte sich also gut überlegen, wie er mit seinem Trainer Markus Weinzierl beim VfB verfahren will. Und er sollte vielleicht Pläne schmieden für die Zeit nach dem Managerdasein in Stuttgart. Die Schwaben sind nämlich nicht nur der Klub, der seit der Erfindung der Bundesliga 1963 die zweitmeisten Trainer beschäftigt hat (54, nach Nürnberg mit 60). In den vergangenen zehn Jahren hatte der VfB vor Hitzlsperger auch schon fünf Manager unter Vertrag. Eine durchschnittliche Halbwertszeit von zwei Jahren bei einem Bundesligaklub, das war eigentlich mal die Quote von Trainern.

Wir haben "eruiert" in "erodiert" und "VfL in "VfB" korrigiert.

insgesamt 22 Beiträge
grätscher 12.02.2019
1.
Es ist doch nur konsequent, dass ein Reschke in Stuttgart vor die Türe gesetzt wird. Leider tritt der Mann, der ihn zu verantworten hat, nicht von seinem Amt als Präsident zurück. Aber wenn einer wie Reschke die [...]
Es ist doch nur konsequent, dass ein Reschke in Stuttgart vor die Türe gesetzt wird. Leider tritt der Mann, der ihn zu verantworten hat, nicht von seinem Amt als Präsident zurück. Aber wenn einer wie Reschke die Ausgliederungsmillionen in so eine lust- und leblose Truppe gebuttert hat, dann ist das nicht weiter tragbar. Und wer hier nach 2 Monaten Amtszeit die Anhänger als "ahnungslose Vollidioten" beschimpft, weil man die Transfers von Aogo und Beck wenig hilfreich fand, wer einen dauerverletzten Didavi zurückholt, einem abwanderungswilligen Badstuber einen Rentenvertrag ausstellt, eine total unausgewogene Truppe zusammenstellt und 50 mio Euro in den Abstieg investiert, der wird zurecht an die frische Luft gesetzt. Herr Dietrich sollte nun Konsequenzen seiner Fehlbesetzung ziehen und zurücktreten. Alles was die Herren Schindelmeiser und Wolf hier vor nicht all zu langer Zeit an sympathischem Image aufgebaut hatten, haben diese zwei älteren Herren in Nu wieder eingerissen...und dabei jede Menge Euphorie und noch mehr Geld zerstört.
swandue 13.02.2019
2.
"die Macht der Macher eruiert ist" - Erodiert?
"die Macht der Macher eruiert ist" - Erodiert?
verruca 13.02.2019
3. Und dann der Münchner Sportdirektor
Brazzo wird wohl einer der nächsten Beweise für diesen Trend werden. Statt die hinten taumelnde Mannschaft gezielt zu verstärken kauft er nur einen Perspektivstürmer (Arp) der nach dessen eigenem Ermessen vielleicht dann [...]
Brazzo wird wohl einer der nächsten Beweise für diesen Trend werden. Statt die hinten taumelnde Mannschaft gezielt zu verstärken kauft er nur einen Perspektivstürmer (Arp) der nach dessen eigenem Ermessen vielleicht dann irgendwann mal zum Kader des FCB stoßen wird ... und will dafür gefeiert werden. Lieber hätte er zwar die 40+ Mio für dieses Chelsea Bürschchen ausgegeben, aber nachdem das nicht klappte wurde es dann halt "nur" ein 2,5 Mio Transfer für einen Stürmer mit vergleichbarem Potential. Vielleicht etwas weniger Prime Time Einsatzzeit, aber ähnlich talentiert veranlagt. In meinen Augen der wesentlich schlauere Deal! Auch wenn das Herr Salihamidzic noch nicht so ganz realisieren mag. (Ja, vielleicht wird Hudson-Odoi der nächste Mbappe. Vielleicht aber auch Arp. Eine 2-3 Mio Wette darauf klingt jedenfalls schlauer als eine für 40+) Und um sich ein bisschen Profil und Kante zu verschaffen attackiert er dann halt völlig unnötig und schräg Didi Hamann, der seit gefühlt 5 Jahren endlich mal was Richtiges gesagt hat.
freddygrant 13.02.2019
4. Wie lange will sich diese Schwabentruppe ...
... noch durch die 1. Bundesliga quälen? Die jahrzehntelange Malaise des altbackenen VFB Stuttgart hat eine ebenso lange Vorgeschichte - nämlich eine kollektive Führungsschwäche, landsmännische Eitelkeit und Naivität: [...]
... noch durch die 1. Bundesliga quälen? Die jahrzehntelange Malaise des altbackenen VFB Stuttgart hat eine ebenso lange Vorgeschichte - nämlich eine kollektive Führungsschwäche, landsmännische Eitelkeit und Naivität: Kurz ausgedrückt: So wie der Herr so des Gscherr!
Beatnik 13.02.2019
5. O tempora…
"Am VfL Wolfsburg ließ sich in den vergangenen Jahren gut beobachten, wie sehr die Macht der Macher eruiert ist…" Erodiert, nicht eruiert. Am SPON lässt sich in den vergangenen Jahren gut beobachten, wie sehr die [...]
"Am VfL Wolfsburg ließ sich in den vergangenen Jahren gut beobachten, wie sehr die Macht der Macher eruiert ist…" Erodiert, nicht eruiert. Am SPON lässt sich in den vergangenen Jahren gut beobachten, wie sehr die Macht der Lektoren (und natürlich die grammatikalische Vorbildung der Autoren) erodiert ist.

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