Sport

Liverpools Champions-League-Sieg

"Das ist erst der Anfang"

Vergangenes Jahr verlor Liverpool auf dramatische Weise das Champions-League-Finale; in der Liga genügte eine Fabelsaison nicht zum Titel. Das Team hätte darüber verzweifeln können. Ihm gelang das Gegenteil.

Matthias Hangst / Getty Images
Aus Madrid berichtet
Sonntag, 02.06.2019   09:27 Uhr

Niederlagen gehören zum Sport, und wie Athleten mit ihnen umgehen, gerade mit den besonders schmerzhaften, berührt uns Zuschauer manchmal mehr als die reine Erfolgsgeschichte.

Die Geschichte des Champions-League-Gewinners 2019 ist die eines Triumphs, geboren aus der Niederlage. Deshalb ist Liverpools Erfolg über Tottenham Hotspur (2:0) bewegend, auch wenn es die 90 Minuten von Madrid am Samstagabend nicht waren.

In einer Champions-League-Saison, die zu den aufregendsten der vergangenen Jahre zählte, weil Außenseiter Amsterdam Real Madrid und Juventus ausschaltete, um dramatisch an Tottenham zu scheitern, und weil Tottenham zuvor Manchester City zur Verzweiflung getrieben hatte, und weil Liverpool und Barcelona, ach, Sie wissen schon - in dieser oftmals atemberaubenden Spielzeit also war ausgerechnet das Endspiel ziemlich fad.

Aber es gab ja diese Historie. Vor einem Jahr hatte Liverpool das Finale der Champions League gegen Real Madrid verloren. Damals musste Starstürmer Mohamed Salah nach einem Foul von Sergio Ramos unter Tränen ausgewechselt werden; später unterliefen Torwart Loris Karius zwei ungeheuerliche Patzer. Nach der Partie stellte sich heraus, dass Karius nach einem Foul von Ramos eine Gehirnerschütterung erlitten hatte. Man kann ein Finale verlieren. Aber so?

Er erinnere sich, sagte Jürgen Klopp kürzlich dem "Independent", wie er damals beschloss, er wolle das noch einmal erleben, ein Champions-League-Endspiel. Dass das so schnell gelingen würde, damit habe er nicht gerechnet.

Diesmal erlitt allein Tottenham Rückschläge. Nach 24 Sekunden gab es einen Handelfmeter für die Reds, und wer genau hinsah, den sprang ihre Entschlossenheit geradezu an. Torschütze Salah lief vor seinem Schuss nicht zum Ball, er sprintete, und dann drosch er ihn ins Tor, statt ihn zu platzieren. Technik war Nebensache, es gab auch kein Torwartausgucken, nur den Willen, zu treffen.

Liverpool mit dem Höchstmaß an Motivation

Im Moment, als Salah den Elfmeter trat, rannte Sturmpartner Sadio Mané als einziger Liverpooler nicht in den Strafraum, um einen möglichen Abpraller zu verwerten. Mané starrte auf den Ball, und als dieser die Torlinie überquerte, sank er auf die Knie, reckte die Hände erst nach oben, und dann hämmerte er mit der rechten Faust auf den Rasen, dreimal, viermal, als wollte er den Boden zertrümmern. Hätte er weitergemacht, wäre es ihm wohl gelungen.

Für die eigenen Angriffsbemühungen war dieses Höchstmaß an Motivation nicht immer zuträglich. Viel häufiger als in dieser Saison üblich schossen die Stürmer aus schlechten Positionen. Die elf Meter Abstand zum Tor beim Strafstoß waren die kürzeste Entfernung, die ein Liverpooler Schütze zum Ziel hatte.

Ohne Ball aber spielte Liverpool wie Jürgen-Klopp-Mannschaften eben spielen. Ein Pressingwall verhinderte Spurs-Angriffe durchs Zentrum, dem Gegner blieben nur Bälle auf die Außen, von wo aus er kaum klare Torchancen vorbereitete. 22 Gegentore kassierte Liverpool in dieser Premier-League-Saison, kein Team in Europas Topligen hat effektiver verteidigt. Liverpools Abwehr ist die beste auf dem Kontinent, gegen Tottenham hat sie das bestätigt.

Liverpool pfeift auf das Party-Protokoll der Uefa

Für die Minuten nach dem Abpfiff hatte die Uefa einen Plan; Liverpool durchkreuzte ihn. Eigentlich hatten die Reds eine auf der Spielfeldmitte erbaute Bühne betreten sollen, um die Trophäe entgegenzunehmen. Musik von Coldplay dröhnte aus den Stadionboxen, Lichter blinkten, aber die Spieler gingen erstmal nicht zur Bühne, sie gingen in ihre Fankurve.

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Champions League: Roter Jubel in Madrid

Für einen Moment waren Mannschaft und Fans nah beieinander. Das "You'll Never Walk Alone", das bei Liverpool immer gesungen wird und mit dessen Text sich der Klub das Sichwiederaufrichten als Motto zu eigen macht, war lauter als die Partymusik der Uefa. Es war einer der schönsten Momente dieses Finalabends.

Die Spieler und ihre Anhänger hatten ihn sich verdient, denn die Niederlage gegen Real Madrid im Vorjahr war schließlich nicht die einzige gewesen. Liverpool war damals besonnen geblieben, hatte zum Beispiel Torhüter Alisson für Karius verpflichtet und mehr Ruhephasen ins eigene Spiel integriert. Und dann fing Liverpool an zu gewinnen.

Sie gewannen auf dramatische Weise, durch ganz späte Tore; sie gewannen rauschhaft. Und obwohl Liverpool und seine Fans in dieser Saison eigentlich ständig gewannen, mussten sie leiden.

Der außergewöhnliche Erfolg von Madrid

Seit 1990 wartet der Klub auf Meistertitel Nummer 19, und er tat in der abgelaufenen Saison alles dafür, ihn zu erringen. 97 Punkte holte Liverpool in der Premier League, ein Fabelwert, er genügte nicht. Manchester City war einen Punkt besser, auch dank des Siegs im direkten Duell zu Jahresbeginn.

Wer sich am Limit bewegt, eigentlich gar darüber, und trotzdem sein Ziel verfehlt, kann sich machtlos fühlen. Dass es den Reds gelungen ist, Energie aus diesen Niederlagen zu ziehen, macht den Erfolg von Madrid so außergewöhnlich.

Es spricht viel dafür, dass Liverpool so weitermacht. Dass das Klopp-Team wieder 90+x Punkte holt, dass es auch in der Königsklasse weit kommt. Dass Schlüsselspieler den Klub verlassen, gilt als unwahrscheinlich. Es ist Geld da, um den Kader zu verstärken. Liverpool ist wieder Teil von Europas Elite geworden.

Final-Fluch besiegt

Viele seiner Spieler hätten nach dem Abpfiff weinen müssen, sagte Klopp. Er selbst wirkte locker und nicht so angefasst wie seine Profis. Er fühle Erleichterung, sagte er, "aber nicht für mich, sondern für meine Familie". Sechsmal in Folge hatte er Endspiele verloren, die Frage, ob er es verlernt habe, Finals zu gewinnen, begleitet ihn seit Jahren. Dass damit nun Schluss ist, das sei "wichtig", sagte Klopp, auch für seine Spieler. Nicht, dass sie solche Zweifel noch übernehmen. Die meisten von ihnen seien noch jung, sagte Klopp, sie hätten die besten Jahre ihrer Karriere noch vor sich.

"Jetzt haben wir etwas gewonnen", sagte Klopp: "Und das ist erst der Anfang."

insgesamt 69 Beiträge
thequickeningishappening 02.06.2019
1. Wenn Liverpool feiert dann bleibt kein Auge trocken
Ich war 81 in Paris und hab Die ganze Nacht (nach Dem Sieg gegen Madrid) kein Auge zugemacht. Glückwunsch an Klopp und Die Mannschaft.
Ich war 81 in Paris und hab Die ganze Nacht (nach Dem Sieg gegen Madrid) kein Auge zugemacht. Glückwunsch an Klopp und Die Mannschaft.
Levator 02.06.2019
2. Na ja
Das Endspiel zweier Mannschaften aus der Premier League war eher fußballerische Schmalkost. Wenn das schon der obere Standard in dieser Liga ist, was ja aufgrund der Finalteilnahmen beider Klubs gegeben sein müsste, braucht sich [...]
Das Endspiel zweier Mannschaften aus der Premier League war eher fußballerische Schmalkost. Wenn das schon der obere Standard in dieser Liga ist, was ja aufgrund der Finalteilnahmen beider Klubs gegeben sein müsste, braucht sich der Rest der balltretenden Zunft in Europa nicht zu fürchten, so wie gestern gespielt wurde. Ganz im Gegenteil....
spon-41d-frm9 02.06.2019
3. Glückwunsch Kloppo
hab mich sehr gefreut dass er es endlich geschafft hat. Und ich freu mich schon auf die Bilder von heute aus Liverpool da werden die Bayern lernen können wie man Titel feiert.
hab mich sehr gefreut dass er es endlich geschafft hat. Und ich freu mich schon auf die Bilder von heute aus Liverpool da werden die Bayern lernen können wie man Titel feiert.
Peter M. A. Lublewski 02.06.2019
4.
Herzlichen Glückwunsch, FC Liverpool, herzlichen Glückwunsch, Jürgen Klopp; endlich hat's geklappt. Glückauf aus Bochum.
Herzlichen Glückwunsch, FC Liverpool, herzlichen Glückwunsch, Jürgen Klopp; endlich hat's geklappt. Glückauf aus Bochum.
Bows3r 02.06.2019
5. Herzlichen Glückwunsch
Auch wenn ich, wie auch damals beim BVB, diese Besessenheit des Hr. Klopp nicht teilen kann, herzlichen Glückwunsch aus Dortmund. Als Motivator Nr 1 haben er und seine Mannschaft den Titel verdient.
Auch wenn ich, wie auch damals beim BVB, diese Besessenheit des Hr. Klopp nicht teilen kann, herzlichen Glückwunsch aus Dortmund. Als Motivator Nr 1 haben er und seine Mannschaft den Titel verdient.

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Sieger Uefa Champions League

Jahr Verein
2019 FC Liverpool
2018 Real Madrid
2017 Real Madrid
2016 Real Madrid
2015 FC Barcelona
2014 Real Madrid
2013 FC Bayern München
2012 FC Chelsea
2011 FC Barcelona
2010 Inter Mailand
2009 FC Barcelona
2008 Manchester United
2007 AC Mailand
2006 FC Barcelona
2005 FC Liverpool
2004 FC Porto
2003 AC Mailand
2002 Real Madrid
2001 FC Bayern München
2000 Real Madrid
1999 Manchester United
1998 Real Madrid
1997 Borussia Dortmund
1996 Juventus Turin
1995 Ajax Amsterdam
1994 AC Mailand
1993 Olympique Marseille

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