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Barcelonas Sieg über Liverpool

Messi ist immer noch die Zukunft

So hat man sie lange nicht schwitzen sehen: Gegen Liverpool kam der FC Barcelona an seine körperlichen Grenzen. Doch das alternde Team ist noch immer da, wenn es zählt. Das gilt vor allem für den Superstar.

Emilio Morenati DPA
Aus Barcelona berichtet
Donnerstag, 02.05.2019   07:18 Uhr

In der Phase, in der Barcelonas Sieg gegen den FC Liverpool besonders gefährdet schien, tat Lionel Messi etwas, das er eigentlich nie tut. Messi stürmte auf Gegenspieler Joe Gomez zu, und dann grätschte er. Von der Seite kommend glitt er nieder, streckte das linke Bein weit vor und versuchte, Gomez vom Ball zu trennen. Natürlich ging es schief. Messi traf vor allem Gomez. Wie hätte es auch klappen sollen? Messi grätscht ja nie, denn Fußballspielen, das heißt für ihn eigentlich, Tacklings auszuweichen. In dieser 68. Minute gegen Liverpool war das anders.

Der grätschende Messi war das Symbolbild dieser Partie. Barcelona spielte nicht, wie man es erwarten würde, die Mannschaft hatte wenig Spielkontrolle, sie hatte weniger Ballbesitz als Jürgen Klopps Liverpool, 48 Prozent waren es am Ende. Aber sie rang um jeden Ball, sie doppelte Gegenspieler, bekam immer dann, wenn es galt, einen Fuß dazwischen. Und nach diesem 3:0 im Halbfinal-Hinspiel der Champions League ist ihr die Teilnahme am Endspiel fast gewiss.

"Wir haben gelitten", sagte Ernesto Valverde. Barcelonas Trainer wirkte ernst nach dem Spiel, von Entspannung, gar Zufriedenheit keine Spur. "Wir haben um jeden Ball kämpfen müssen", sagte er, und: "Liverpool hat es uns nicht erlaubt, das Spiel zu kontrollieren." Dass er damit gerechnet hatte, zeigte die Aufstellung mit dem physischeren Arturo Vidal statt dem technisch feinen Arthur im Mittelfeld.

Die Gastgeber mussten an ihre Reserven

Im Schnitt war dieses Barca-Team 29,1 Jahre alt, nur ein Spieler war diesseits der 25, Innenverteidiger Clément Lenglet, 23, der erst im Sommer gekommen war. Liverpools Startelf war im Schnitt rund drei Jahre jünger. In vielen Situationen merkte man das den Mannschaften an, zumal die Gäste nicht nur jünger waren, sondern auch schneller.

Doch Barcelonas alte Herren wollten es noch mal wissen.

Vidal, 31, grätschte mehr, als dass er stand, er wirkte wie ein Jungspund, der beim Probetraining den neuen Coach beeindrucken möchte. Ivan Rakitic, 31, und Jordi Alba, 30, gingen weite Wege, immer aufs Neue. Sergio Busquets, 30, gewann Ball nach Ball und blieb als einer der wenigen Katalanen auch in schwierigen Phasen ruhig. Und vorne rieb sich der 32-jährige Luis Suárez gegen seinen Ex-Verein auf, meist abgemeldet bei Liverpools Abwehr, einmal aber nicht, da erzielte er nach Albas Traumpass das wunderbare Tor zum 1:0 (26. Minute).

Doch schon zum Ende der ersten Hälfte deutete sich an, dass die Kräfte bei Barcelona nachlassen. Als Liverpool nach der Pause wieder etwas höher und intensiver presste, gingen die Gastgeber an ihre Reserven, um die Führung zu verteidigen. Entlastung gab es nicht. In der Viertelstunde nach Wiederanpfiff spielten sich die Reds drei Großchancen heraus.

Es gibt eben Messi

Man könnte für diese Phase das Bild des Boxers bemühen, der in den Seilen hängt. Aber das trifft es nicht voll. Dieser Boxer namens Barca wankte zwar, doch als er wegzukippen drohte, grätschte Messi und brachte damit das Camp Nou zum Erbeben. Kurz darauf stand es 2:0 (75.). Sieben Minuten später sorgte Messi mit seiner genialen Schusstechnik per Freistoß für das 3:0 und einen der ikonischsten Momente dieser Saison.

Es war eigentlich keine typische Messi-Performance. Der 31-Jährige grätschte nicht nur, er blieb auch mit mehr Pässen hängen als üblich, und manchmal traf er sogar strategisch falsche Entscheidungen, wenn es darum ging, wo der Ball als Nächstes landen soll.

Er bereitete zwar auch je eine Großchance für Vidal und den eingewechselten Ousmane Dembélé vor, aber im Grunde waren es vor allem zwei Momente, die im Gedächtnis bleiben: sein Riecher vor seinem Treffer vorm 2:0, und sein denkwürdiger Freistoß. Zwei Momente, die wohl das Halbfinale entscheiden, und die verdeutlichen, wie abhängig Barcelona von Messi ist.

Liverpool mag für das Neue stehen, der Klub hat zwar eine lange Tradition, aber bis zum vergangenen Jahr hatte es ein Jahrzehnt gedauert, dass er in der Champions League eine Rolle spielte. Heute steht das Team für dynamischen, taktisch modernen Fußball. Barcelona hingegen ist eine Ansammlung großer Fußballer, die schon fast alles erlebt haben, Erfolge wie Niederlagen, und die sich darauf verständigt zu haben scheinen, dass es in diesem Jahr wieder klappen soll mit dem nächsten Europacupsieg. Vier Jahre ist es her, dass der Klub in Berlin letztmals die Champions-League-Trophäe gewann. Am 1. Juni steigt das Endspiel in Madrid.

Die Zukunft soll danach beginnen, daran arbeiten die Klubverantwortlichen im Hintergrund. Ajax-Supertalent Frenkie de Jong wird zur neuen Saison kommen, vermutlich auch dessen Teamkollege Mathijs de Ligt. Noch aber spielt die alte Garde. Nach den Halbfinal-Hinspielen stehen die Chancen gut, dass sich im Endspiel von Madrid Barcelonas Gegenwart mit seiner Zukunft misst.

insgesamt 21 Beiträge
golfstrom1 02.05.2019
1. Barcelona - Liverpool
Das Spiel wurde gut zusammengefasst in dem Bericht. Tatsächlich hatte Barcelona einige Phasen im Spiel in dem es schwer leiden musste. Insbesondere in den ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte. Man hatte aber stets das Gefühl, [...]
Das Spiel wurde gut zusammengefasst in dem Bericht. Tatsächlich hatte Barcelona einige Phasen im Spiel in dem es schwer leiden musste. Insbesondere in den ersten 20 Minuten der zweiten Hälfte. Man hatte aber stets das Gefühl, dass Barcelona große Chancen herausspielen konnte. Liverpool musste sehr achtsam sein und mit viel Aufwand spielen. Und die Abhängigkeit von Messi spiegelt sich nicht nur in den Toren oder Vorlagen wieder, sondern auch in der Fähigkeit Messis mit Tempodribblings den Ball in Richtung vorderstes Angriffsdrittel zu transportieren oder mit Dribblings überhaupt den Ball vorne zu halten. Es ist eine Augenweide ihn spielen zu sehen. Liverpool hatte zwei bis drei große Chancen für das Auswärtstor und hat diese eben nicht genutzt. Im Rückspiel, und da bin ich mir sicher, wird Barcelona nochmal richtig leiden müssen. Barca spielt auswärts normalerweise deutlich schwächer und Liverpool nochmal um einiges stärker.
steveleader 02.05.2019
2. Gut getroffen...
der Bericht. Messi ist der Wunderspieler, ansonsten wäre Barca auseinander gefallen. Das Ergebnis zeigt nicht wie stark Liverpool wirklich ist. Fakt ist aber auch eines, Salah ist kein Messi. Oder beweist er im Rückspiel das [...]
der Bericht. Messi ist der Wunderspieler, ansonsten wäre Barca auseinander gefallen. Das Ergebnis zeigt nicht wie stark Liverpool wirklich ist. Fakt ist aber auch eines, Salah ist kein Messi. Oder beweist er im Rückspiel das Gegenteil?
rainer60 02.05.2019
3. schauspiel
bei allen superlativen sollte man allerdings nicht vergessen das die " alten herren " auch besonders gute schauspieler und reklamierer sind. das ein suarez ständig den sterbenden schwan spielt sobald man ihn berührt [...]
bei allen superlativen sollte man allerdings nicht vergessen das die " alten herren " auch besonders gute schauspieler und reklamierer sind. das ein suarez ständig den sterbenden schwan spielt sobald man ihn berührt ist bekannt, das sich allerdings messi an der außenlinie zu einer schauspieleinlage aufgefordert fühlte hat mich dann doch überrascht. vielleicht hätte vielleicht hätte kuipers diese unsportlichkeiten besser ahnden können
wolfgang.heinz441 02.05.2019
4. Freistoß für die Ewigkeit
Leo Messi hat nicht mehr die Urgewalt und das Tempo wie vor 6 Jahren, aber sein einzigartiges Ballgefühl und seine weltweit unerreichte Präzision im Abschluss machten wieder einmal den Unterschied. Sein 42. Freistoß Tor für [...]
Leo Messi hat nicht mehr die Urgewalt und das Tempo wie vor 6 Jahren, aber sein einzigartiges Ballgefühl und seine weltweit unerreichte Präzision im Abschluss machten wieder einmal den Unterschied. Sein 42. Freistoß Tor für Barca war ein Hochgenuss für jeden Fußball Fan. Erst an dem Tag wo er aufhört zu spielen werden alle erkennen, was der Fußballsport verloren hat !!!
eineborussia 02.05.2019
5. Vergessen...
... wird in dem Artikel die entscheidende Rolle, die Marc-Andre ter Stegen in dem Spiel hatte. Ohne seine drei Paraden hätte Barcelona das Spiel wahrscheinlich nicht gewonnen.
... wird in dem Artikel die entscheidende Rolle, die Marc-Andre ter Stegen in dem Spiel hatte. Ohne seine drei Paraden hätte Barcelona das Spiel wahrscheinlich nicht gewonnen.

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