Sport

Zukunft des Fußballs

Wie der DFB das Frauennationalteam sabotiert

Das Rampenlicht WM ist für die deutschen Fußballerinnen erloschen. Nun gilt es, den Sport nachhaltig zu fördern. Der DFB hat daran aber wenig Interesse - obwohl es viele leicht umzusetzende Ideen gibt.

REUTERS

Nationalspielerin Lina Magull nach dem Viertelfinal-Aus gegen Schweden

Ein Kommentar von
Montag, 01.07.2019   15:57 Uhr

Die WM 2019 geht in die Endphase - und Deutschland ist nicht dabei. Das ist sportlich ärgerlich und wirft zu Recht Fragen auf. Viel wichtiger ist es aber, den von Frauen gespielten Fußball in den kommenden Monaten und Jahren aus der Randsportnische herauszuholen und fortwährende Effekte zu erzielen. In Sachen Nachhaltigkeit sind auch wir Medien gefragt, die grundsätzlich viel zu wenig über Frauen im Sport berichten.

In erster Linie muss aber der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Verantwortung übernehmen, angefangen mit der Frage der Bezahlung. Es ist ein Skandal, dass es Bundesligaspielerinnen gibt, die 250 Euro im Monat bekommen. Forderungen nach einer finanziellen Gleichstellung im Vereinsfußball sind trotzdem wenig hilfreich, dafür sind die Gehälter bei den Männern zu hoch. Anders sieht die Rolle des gemeinnützigen DFB aus. Der Verband muss laut eigener Satzung ganz allgemein Fußball fördern - gleiche Prämien für beide Nationalmannschaften sollten deshalb obligatorisch sein.

Auf höchster Ebene wird anscheinend nur ein Erfolgsrezept angewendet: die totale Ausrichtung am Männerfußball. Sicherlich ist das Engagement großer Profiklubs wie Manchester City, FC Barcelona oder FC Bayern positiv zu bewerten. Wenn Fifa-Präsident Gianni Infantino aber mit der Nations League und einer Klub-WM zwei neue Wettbewerbe als wichtigstes Ziel ankündigt, ist das der falsche Weg.

Es muss Möglichkeiten geben, den Sport und seine Protagonistinnen zu fördern, ohne sich dabei ausnahmslos am Männerfußball zu orientieren. Das könnte aber passieren, wenn kommerzieller Erfolg über der sportlichen Entwicklung steht. Die WM zeigt, dass es lange Diskussionen mit den Schiedsrichterinnen, Rudelbildung oder Theatralik bis auf wenige Ausnahmen nicht gibt. Es geht entspannter zu als bei den Männern, auch die Atmosphäre in den Stadien orientiert sich am Geschehen auf dem Platz und ist kein stumpfer Dauergesang der ewig gleichen Lieder. Deshalb hat es der Frauenfußball verdient, andere Wege als den der Angleichung zu gehen.

Vielleicht hilft es, die europäische Perspektive zu verlassen. In den USA wird Fußball, dank der Förderung an den Highschools, schon lange von vielen Frauen gespielt. Dort hat sich eine Profiliga (NWSL) etabliert, in der in dieser Saison vor durchschnittlich über 6000 Zuschauern gespielt wird. Die US-Nationalspielerinnen sind beim Verband angestellt, alle anderen werden von den Vereinen bezahlt und erhalten Jahresgehälter zwischen 16.538 und 46.200 US-Dollar. Das garantiert keine Karriere, ohne sich währenddessen schon um die Karriere danach zu kümmern. Aber in welcher Sportart hat man nach dem Ende der Laufbahn schon ausgesorgt? Die Gehälter in der NWSL sind ein Schritt in die richtige Richtung. Wie hoch das sportliche Niveau unter diesen Bedingungen sein kann, zeigt das US-Team bei dieser Weltmeisterschaft.

Wie die Zukunft des Fußballs in Deutschland auch immer aussehen wird, es braucht von Seiten des DFB fortschrittliche Ideen. Fortschrittlicher als die fragwürdige Forderung in der "Zeit", dem Frauenfußball andere Regeln oder kleinere Spielfelder zu verpassen:

Wer das kommende Länderspiel in der WM-Qualifikation gegen Montenegro am 31. August um 12.30 Uhr ansetzt, hat an ernsthafter Vermarktung aber wohl kein Interesse.

insgesamt 124 Beiträge
wjr69 01.07.2019
1. Gemeinnützigkeit
"Der Verband muss laut eigener Satzung ganz allgemein Fußball fördern - gleiche Prämien für beide Nationalmannschaft(sic!) sollten deshalb obligatorisch sein." Zunächst einmal gibt es eine heftige Diskussion in der [...]
"Der Verband muss laut eigener Satzung ganz allgemein Fußball fördern - gleiche Prämien für beide Nationalmannschaft(sic!) sollten deshalb obligatorisch sein." Zunächst einmal gibt es eine heftige Diskussion in der Finanzverwaltung, ob der NM-Mannschaftsbetrieb - zumindest bei den Männern - überhaupt noch zum gemeinnützigen Zweckbetrieb oder aber zum steuerpflichtigen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gehört. Zudem darf gemeinnützigkeitsrechtlich niemand unangemessen begünstigt werden, d.h. jede Zahlung nichtgemeinnützige Profisportler(innen) muss sich am Marktwert orientieren. Wenn jetzt die Frauen 375 TEUR bekämen wie die Männer (die die Prämie problemlos refinanzieren würden), obwohl die NM der Frauen ein Zuschussgeschäft ist, dann ist dass deutlich über Marktwert und gefährdet eher die Gemeinnützigkeit als dass diese eine solche Bezahlung erfordert. Und noch eine persönliche Frage: Wieviele Beschäftigte von SPON oder Spiegel sehen sich Frauenspiele im Stadion oder im Fernsehen/Internet an und wieviele benutzen diese nur für ihre allfälligen Klagen über das schlimme Patriarchat, scheuen aber den tatsächlichen Kontakt mit dem Sport wie Veganer das Schweineschnitzel?
hh.noll 01.07.2019
2. Identitätspolitik ohne Realitätsbezug
Wenn - wie in diesem Artikel - vehement für eine Gleichstellung des Frauenfußballs gefochten wird, einschließlich identischer Prämien der DFB-Auswahlteams, Bezahlung, Medienberichterstattung usw., hat man offensichtlich [...]
Wenn - wie in diesem Artikel - vehement für eine Gleichstellung des Frauenfußballs gefochten wird, einschließlich identischer Prämien der DFB-Auswahlteams, Bezahlung, Medienberichterstattung usw., hat man offensichtlich Identitätspolitik im Sinn, aber den Realitätsbezug verloren. Mit der gleichen Berechtigung könnte man fordern, Spielern der Kreisliga A Gehälter wie in der ersten Bundesliga zu zahlen. Dass der Profisport nach Marktgesetzen funktioniert, lässt sich nicht ohne Weiteres ignorieren und gilt auch für den Frauenfußball. Dem Autor des Berichts empfehle ich, sich das Spiel der deutschen Frauennationalmannschaft gegen Schweden und das EM Endspiel des Männer-U21-Teams gegen Spanien einmal parallel anzusehen (die U21-EM der Männer wurde von SPON übrigens weitgehend ignoriert!). Der Frauenfußball mag sich deutlich zum Positiven entwickelt haben, aber der Qualitätsunterschied zum Männerfußball bleibt gewaltig!
Jodlerbua 01.07.2019
3.
Die Frauenfußball-Bundesliga hat einen Zuschauerschnitt von gut 800 Leuten pro Spiel. Da werden eben keine Unsummen verdient und mit Werbepartnern läuft auch eher wenig. Is halt so.
Die Frauenfußball-Bundesliga hat einen Zuschauerschnitt von gut 800 Leuten pro Spiel. Da werden eben keine Unsummen verdient und mit Werbepartnern läuft auch eher wenig. Is halt so.
handballer1968 01.07.2019
4. Noch mehr Monokultur?
Wie an meinem Nikname unschwer erkennbar ist, gilt mein Fokus einer anderen Ballsportart. Daher sehe ich es mit sehr großer Sorge, wenn der DFB seine finanzielle und mediale Stellung nunmehr dazu nutzen würde, im Bereich des [...]
Wie an meinem Nikname unschwer erkennbar ist, gilt mein Fokus einer anderen Ballsportart. Daher sehe ich es mit sehr großer Sorge, wenn der DFB seine finanzielle und mediale Stellung nunmehr dazu nutzen würde, im Bereich des Mädchen- und Damenfußballs das gleiche "Erfolgsmodell" umzusetzen wie bei den Jungs und Männern. Wir haben doch seit Jahren eine Monokultur insbesondere in der medialen Berichterstattung, die es anderen Sportarten schwer bis unmöglich macht, regelmäßig Interesse für ihre Belange zu wecken. Um nicht mißverstanden zu werden, ich bin absolut für eine geschlechterneutrale Förderung der sportlichen Aktivitäten. Nur wenn der DFB hier wirklich durchzieht, werden die z. B. Turn-, Schwimm-, Basketball-, Leichtathletik-, Volleyballverbände das Nachsehen haben. Wer wissen will, wie abwechselungsreich Sport sein kann, suche in den Archiven mal nach einer Sportschau oder einem aktuellen Sportstudio aus den 70er und 80er Jahren.
missourians 01.07.2019
5.
...nicht nur der DFB sabotiert, auch das Fernsehen! Es wurde ständig über die U21 (EM) berichtet, und wenig bis gar nichts über die Damen WM!!! Egal welcher Sender. NTV Nachrichten Sport, Heute/Tagesschau.... Immer [...]
...nicht nur der DFB sabotiert, auch das Fernsehen! Es wurde ständig über die U21 (EM) berichtet, und wenig bis gar nichts über die Damen WM!!! Egal welcher Sender. NTV Nachrichten Sport, Heute/Tagesschau.... Immer ausführlich die männliche U21, und wenig bis nichts über die Damen WM.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP