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Neapels Stürmerstar Mertens

Er soll Real den Abend verdrießen

In der Champions League trifft der SSC Neapel erneut auf Real Madrid. Dabei kommt es auf die Torgefährlichkeit von Dries Mertens an. Er ist einer der aufregendsten Stürmer Europas und wird immer noch unterschätzt.

AFP
Von
Dienstag, 07.03.2017   14:39 Uhr

Denkt man an die Stars des belgischen Fußballs, so hat man den Afrolook von Manchester-Profi Fellaini im Kopf. Oder den rotblonden Schopf des Ex-Wolfsburgers Kevin de Bruyne, der jetzt die Fans von Manchester City begeistert. Oder den pfeilschnellen Eden Hazard vom FC Chelsea.

Belgiens Fußballer des Jahres jedoch heißt Dries Mertens.

Der 29-Jährige vom SSC Neapel gehört zu den Unterschätzen seiner Branche. Er wird gerne übersehen - was nicht nur an seiner Körpergröße von nur 1,69 Meter liegt. Er ist kein Glamour-Profi, in Neapel nennen sie ihn "Scugnizzo", einen Straßenfußballer. Um im ständigen Scheinwerferlicht des Weltfußballs zu stehen, muss man eigentlich in England spielen, nicht in Italien, wo der Ligafußball seine beste Zeit hinter sich hat. Und wo Mertens gerade seine beste Zeit hat.

18 Treffer hat er in der Serie A in dieser Saison bislang erzielt. Und das, obwohl er erst seit dem Spätherbst den Platz in der Startelf sicher hat. Trainer Mauricio Sarri hatte zuvor auf die Neuverpflichtung Arkadiusz Milik gesetzt. Der Pole war von Ajax Amsterdam aus der Eredivisie nach Neapel gewechselt, so wie Mertens drei Jahre zuvor vom PSV Eindhoven zum SSC.

Von der Verletzung von Milik profitiert

Im Herbst hatte sich Milik dann aber das Kreuzband gerissen. Und Sarri wusste sich nicht anders zu helfen, als den Flügelstürmer Mertens, der bisher sein Dasein als Edelreservist gefristet hatte, in die Sturmmitte zu beordern. Seitdem trifft Mertens. Viermal gegen den FC Turin kurz vor Weihnachten, zuletzt beide Male beim 2:1-Auswärtserfolg beim AS Rom. Dass er auch Showtalent hat, bewies der Belgier, als er nach dem ersten Tor zum Jubel wie ein Hund an der Eckfahne das Bein hob, um sein Revier zu markieren. Die Roma-Fans fanden das nicht so lustig.

Milik ist mittlerweile wieder genesen, Sarri setzt am Abend im Achtelfinal-Rückspiel des SSC in der Champions League gegen Real Madrid (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) dennoch auf den Belgier und seinen Lauf. Das wird nötig sein, Real hat das Hinspiel in Bernabeu schließlich 3:1 gewonnen. Bei den Süditalienern träumen sie von einem 2:0. Mertens und der in Neapel blind verehrte Kapitän Marek Hamsik sollen dafür sorgen.

Jegliche Vergleiche verbieten sich, aber wer bei Neapel Tore schießt und den SSC in glorreiche Höhen führt, kommt irgendwann an IHM nicht vorbei: Mertens hat mit Diego Maradona zwar nur mehr oder weniger den Anfangsbuchstaben gemeinsam, aber das hindert die italienische Fußballpresse nicht daran, den Belgier schon mal in die vorsichtige Nähe des Fußballgottes aus Argentinien zu rücken, der damals maßgeblich dafür verantwortlich war, dass der SSC 1987 erstmals in der Geschichte italienischer Meister wurde, und dem bis heute in der Stadt am Vesuv die Heiligenbildchen gewidmet sind.

Karriere startete erst mit Verspätung

Beim Hinspiel in Madrid hielt Maradona Hof in der Loge der Gäste, vielleicht war Mertens auch deswegen so nervös, dass er kurz vor dem Abpfiff ganz untypisch eine Großchance vergab. Ein zweites neapolitanisches Tor in Madrid hätte die Optionen der Italiener entschieden verbessert. So bleibt es bei der klaren Favoritenrolle von Real.

Es hat erstaunlich lange gedauert, bis der Belgier da angekommen ist, wo er eigentlich vom Talent her hingehört. Mit 29 gehen Fußballerkarrieren heute schon langsam zu Ende, bei Mertens hat man das Gefühl, geht es jetzt erst richtig los. Beim KAA Gent machte der junge Dries seinen ersten Anlauf im Profifußball, wurde aber gleich an unterklassige Vereine verliehen, kickte bei Eendracht Aalst in Belgien und beim AGOW Apeldoorn in Holland. Das ist nicht gerade die Endstation Sehnsucht für einen ambitionierten jungen Fußballer.

Erst bei Eindhoven nahm seine Laufbahn Fahrt auf, zuvor hatte er sich durch gute Leistungen im Trikot des FC Utrecht empfohlen, bei PSV wurde er Torschütze vom Dienst und Nationalspieler. So etwas bleibt den Scouts in den großen Ligen nicht lange verborgen, und sein Wechsel nach Italien war denn auch folgerichtig.

Dennoch schien er lange Zeit so etwas wie die Personifikation des belgischen Fußballs zu sein: gesegnet mit so viel Qualität, aber geschlagen mit einer Mischung aus "Eigensinn, Lässigkeit und Unkonzentriertheit", wie es die "Berliner Zeitung" formuliert hat. So etwas wie die belgische Krankheit, die die Elf bei der WM 2014 und der EM 2016 bessere Platzierungen gekostet hat. Mal großartig, mal kümmerlich. Typisch Belgien, typisch Mertens.

Das scheint vorbei zu sein. Mit 29 strotzt der Mann vor Selbstbewusstsein. Das ist aber auch kein Wunder. Als Maradona sich letztens mal wieder in Neapel sehen ließ, umschwärmt von den Massen, ließ er sich mit einem aktuellen Trikot fotografieren. Es war das Trikot von Dries Mertens.

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