Sport

Umbruch beim FC Bayern

200 Millionen Euro reichen nicht

Der FC Bayern will groß in den Kader investieren. Klingt nach bewährtem Großangriff, doch der Transfermarkt hat sich verändert: Ist der nötige Umbruch mit der angesetzten Summe überhaupt zu schaffen?

imago/Sven Simon

Uli Hoeneß (l.) und Karl-Heinz Rummenigge

Eine Analyse von und
Freitag, 21.12.2018   12:31 Uhr

In den vergangenen Wochen hat sich der FC Bayern sportlich erholt. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der erfolgreichste deutsche Fußballklub einen Umbruch benötigt. Einen Umbruch, der in erster Linie die Struktur der Mannschaft betreffen muss. Dafür will der Verein im kommenden Sommer massiv in neue Spieler investieren, von 200 Millionen Euro ist die Rede. Im Folgenden soll es darum gehen, was diese Summe auf dem Transfermarkt überhaupt noch wert ist.

DIE VEREINSFÜHRUNG

Die Verantwortung für den Umbruch soll Sportdirektor Hasan Salihamidzic übernehmen. Als er vor anderthalb Jahren anfing, war seine Vergangenheit als Bayern-Spieler das entscheidende Einstellungskriterium. "Mia san mia" bleibt das Mantra der Münchner Leitkultur. Im Mittelpunkt stehen die allmächtigen Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge. Der FC Bayern ist weiterhin abhängig von den beiden altgedienten Machern, wobei vor allem Hoeneß den Zeitpunkt für einen Rückzug um Jahre verpasst hat.

Die Gegenwart des Rekordmeisters sieht so aus:

Und deshalb hat Borussia Dortmund in der Bundesliga bei derzeit sechs Punkten Vorsprung beste Chancen, nach sechsjähriger Bayern-Dominanz mal wieder Deutscher Meister zu werden.

Nach den seltenen Jahren des Misserfolgs haben die Münchner in der Vergangenheit häufig mit richtigen Entscheidungen reagiert. Den bevorzugten Nachfolger an der Spitze des Klubs drei Jahre vor Amtsbeginn öffentlich zu diskutieren, gehört sicherlich nicht dazu. Oliver Kahn soll auf Rummenigge folgen, gerne Anfang 2022. Bis dahin müsse man sich Kahn laut Hoeneß "warmhalten" - ein fatales Signal in sämtliche Richtungen. Der FC Bayern verschiebt den dringend benötigten Umbruch an der Vereinsspitze um einige Jahre.

DPA

Niko Kovac

DER TRAINER

Auch die Zukunft auf der Trainerposition muss nicht unbedingt Niko Kovac heißen.

Das Team hat sich unter Kovac wieder gefangen. Nach dem 3:3 gegen Düsseldorf war der Trainer so gut wie weg, sechs Spiele und fünf Siege später sitzt er wieder fest im Sattel. Der Kroate selbst hat daran seinen Anteil: Kovac hat seine Elf mit der taktischen Umstellung zurück auf die Doppelsechs stabilisiert, auch das Ende der Rotation scheint für den Moment eine gute Idee gewesen zu sein.

Bisher blieb Kovac in München allerdings den Beweis schuldig, einen Rückstand erfolgreich drehen, taktisch während eines Spiels reagieren zu können. Er muss zeigen, dass die Spieler seinen Ideen vertrauen. Dass die Spieler ihm vertrauen.

Diese Stärke zeichnete Pep Guardiola, Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld aus. Felix Magath oder Jürgen Klinsmann eher nicht, und sie wurden so zum Symbol grauenvoller Bayern-Jahre. Kovac muss schon zur ersten Gruppe gehören, wenn er die Zukunft des FC Bayern sein soll - am Verlauf der Rückrunde und den K.-o.-Spielen in der Champions League wird man ihn messen. Und nach den Achtelfinal-Spielen gegen den FC Liverpool wird schon klarer sein, was unter Kovac möglich ist - und was eben nicht. Fakt ist schon jetzt: Die Zeit seiner aktuellen Mannschaft wird im kommenden Sommer enden.

DER KADER

In den vergangenen zwölf Jahren sahen sich die Bayern zweimal zu massiven und damit auch symbolträchtigen Investitionen auf dem Transfermarkt genötigt, um die nationale Konkurrenz nicht nur einzuholen sondern auch abzuhängen. 2007 kamen Franck Ribéry, Miroslav Klose und Luca Toni, die Bayern gaben laut Transfermarkt.de 93 Millionen Euro aus und bauten die Vormachtstellung zwei Jahre später mit Arjen Robben und Mario Gomez aus.

Als der BVB 2012 den zweiten Meistertitel in Folge gewann, war Javi Martínez mit der damaligen Rekordablöse von 40 Millionen Euro der Königstransfer, der die Machtverhältnisse in der Bundesliga wiederherstellte.

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Javi Martínez kam im Jahr 2012

Seitdem hat sich der Transfermarkt extrem gewandelt. Andere Klubs wie Paris Saint-Germain, FC Barcelona, Real Madrid oder Manchester City setzen in Sachen Ablösesumme neue Maßstäbe. Trotzdem wollen die Bayern angreifen: Laut Berichten der "Bild"-Zeitung und des "Kicker" stehen dafür bis zu 200 Millionen Euro zur Verfügung. Was wie ein Großangriff klingt, wird angesichts der vielen neu zu besetzenden Positionen schnell zu einem Angriff light.

Und so würden wir den FC Bayern umbauen:

Arjen Robben steht als erster Abgang bereits fest. Es wäre konsequent, wenn auch Franck Ribéry ginge. Für beide Profis muss der FC Bayern Ersatzspieler holen, die dann auf den Außenpositionen mit den verletzungsanfälligen Kingsley Coman und Serge Gnabry um die Stammplätze konkurrieren. Auch die Back-up-Position hinter Robert Lewandowski würden wir neu besetzen, Sandro Wagner hat bisher nicht überzeugt. Rafinha zeigt in der Champions League regelmäßig, dass er nicht mehr den höchsten Ansprüchen genügt.

In der Innenverteidigung müsste Jérôme Boateng weichen, genauso wie Javi Martínez (beide 30 Jahre alt), der das defensive Mittelfeld des Rekordmeisters körperlich nicht mehr so prägen kann wie beim Champions-League-Sieg 2013. James Rodríguez würden wir nach seiner Leihe von Real Madrid nicht übernehmen, seine Leistungen sind zu unbeständig. Renato Sanches müsste aufgrund des Überangebots im zentralen Mittelfeld und mangelnder Perspektive gehen. In der Summe sind das acht Abgänge, sieben neue Spieler (ein Innenverteidiger, zwei Außenverteidiger, ein Sechser, zwei Außenbahnspieler, ein Stürmer) würden wir verpflichten.

Wer die aktuellen Transferpreise kennt, weiß: Mit einem Budget von 200 Millionen Euro lassen sich keine sieben Topstars verpflichten. Linksverteidiger Lucas Hernández - der laut "Marca" von Atlético zum FC Bayern wechseln soll - würde den Rekordmeister bereits eine festgeschriebene Ablöse von etwa 80 Millionen Euro kosten. Übrig wären dann noch 120 Millionen Euro - viel zu wenig, um etwa zwei Weltklassespieler auf den Außenpositionen im Angriff zu verpflichten.

Neben der Ablöse wäre das Gehalt das nächste Problem, Bonuszahlungen an die Spieler sind auch nicht unüblich. Und: Die besten Spieler der Welt zieht es vermehrt in die Premier League, nach Spanien zu Real Madrid oder zum FC Barcelona, nicht in die Bundesliga. Auch hier muss man realistisch bleiben.

Was ist also möglich für den FC Bayern? Im Jahresabschluss 2017 wiesen die Münchner ihr Eigenkapital mit 445 Millionen Euro aus, Einnahmen auf dem Transfermarkt könnten zudem reinvestiert werden. Wir haben eine Liste potenzieller Verstärkungen aufgestellt. Die Ablösesummen der Spieler sind geschätzt; die Grundlage dafür waren folgende Kriterien: Wie lange läuft der Vertrag des Spielers noch? Wie alt ist er? Wie begehrt ist die Position auf dem internationalen Transfermarkt?

Das sind die Spieler, die der Rekordmeister im Sommer mit dem 200-Millionen- Budget verpflichten könnte:

Und warum können die Bayern nicht den Weg von Borussia Dortmund beschreiten und ein Talent wie Jadon Sancho behutsam ins Profiteam integrieren? Das Beispiel Alphonso Davies - für zehn Millionen Euro aus Vancouver geholt - wird in der Rückrunde zeigen, dass in München andere Mechanismen greifen als beim BVB. Beim FC Bayern stehen Spieler sofort im Fokus, fehlende Spielpraxis wird negativ ausgelegt. Entweder Davies erweist sich schnell als Verstärkung oder ihm droht ein Schicksal wie Sinan Kurt, Jan Kirchhoff, Mitchell Weiser oder Nils Petersen.

Will sich der FC Bayern also nicht nur mit Talenten oder mit Spielern aus gewohnten Gefilden verstärken, sondern den Kader mit Mut und Weitsicht für den insgesamt sechsten Champions League-Titel bereitmachen, muss ein ganz anderes Investitionsvolumen her.

Wir schlagen für die genannten sieben Positionen folgende Spieler vor:

Der FC Bayern muss in den kommenden Wochen entscheiden, auf welcher Position er den größten Bedarf sieht; was das Ziel des Umbruchs ist. Geht es um die Vormachtstellung in der Bundesliga, können klug investierte 200 Millionen Euro ausreichen. Die Champions League gewinnt man auf Anhieb so aber nicht, vor allem wenn sich Kovac nicht weiterentwickelt. Für den mittel- bis langfristigen Erfolg ist der Umbau in der Vereinsführung ohnehin das wichtigere Thema. Im Zusammenspiel mit Salihamidzic werden drei weitere Jahre unter Hoeneß und Rummenigge dem Verein enorm schaden - bei aller Anerkennung ihrer Verdienste.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version stand, Karl-Heinz Rummenigge solle seinen Vertrag bis 2021 verlängern. Das ist mittlerweile passiert, der Text wurde dahingehend angepasst.

insgesamt 120 Beiträge
Frankona 21.12.2018
1. Müller
Und was ist mit Müller? Der leistet nichts (Uli Hoeneß müsste ehrlicher Weise sagen "Der spielt einen Dreck") und verschlingt ein horrendes Gehalt. Vielleicht führt ihn einer seiner berühmten Laufwege auf den [...]
Und was ist mit Müller? Der leistet nichts (Uli Hoeneß müsste ehrlicher Weise sagen "Der spielt einen Dreck") und verschlingt ein horrendes Gehalt. Vielleicht führt ihn einer seiner berühmten Laufwege auf den Spuren von Schweinsteiger erst auf die Tribünen der Premier League und dann in die nordamerikanische Operettenliga. Da passt er hin, und Löw wäre ihn auch auf elegante Weise los.
schensu 21.12.2018
2. Nein
Ist nicht zu schaffen! Da müssten erst noch ein paar Gebühren aus den ör Übertragungsrechten umgeschichtet werden.
Ist nicht zu schaffen! Da müssten erst noch ein paar Gebühren aus den ör Übertragungsrechten umgeschichtet werden.
GrüneLeuchte 21.12.2018
3. Nach dem Achtelfinale?
Denken die in Bayern wirklich sie kämen gegen Liverpool weiter. Nach dem Achtelfinale ist Schluss und der überforderte Trainer muss gehen.
Denken die in Bayern wirklich sie kämen gegen Liverpool weiter. Nach dem Achtelfinale ist Schluss und der überforderte Trainer muss gehen.
Papazaca 21.12.2018
4. Abschied von Gestern! Und dann ?
Der Lieblingsfeind aller Bayern-Fans, mein lieber BVB-Freund Oihme, ärgert zugegeben unsere Freude des Südens ab und zu. Aber in einem hat und hatte er recht: Bayern hat die Erneuerung oft vertagt und nach Neymar sind die Preise [...]
Der Lieblingsfeind aller Bayern-Fans, mein lieber BVB-Freund Oihme, ärgert zugegeben unsere Freude des Südens ab und zu. Aber in einem hat und hatte er recht: Bayern hat die Erneuerung oft vertagt und nach Neymar sind die Preise explodiert. Darauf war Hoeneß offensichtlich nicht vorbereitet. Und jetzt? Mit den ganz Großen kann Bayern im Moment nicht finanziell mithalten. Vom Selbstverständnis sind die Bayern kein Ausbildungsverein, wie der BVB. Dann stellt sich die Preisfrage: Was sind die Bayern heute und wo wollen sie hin? In jedem Fall sind sie ein "Work in Progress." Aber eine klare Positionierung steht noch aus. Es hat den Anschein, als wenn die Entwicklung einen zögernden Hoeneß überrollt hat. Die Frage, Bayern "quo vadis" ist noch nicht beantwortet!
cava63 21.12.2018
5.
Müller ist eines von 3 echten Eigengewächsen in der Stammformation des FC Bayern. Mangel an Einsatzwillen konnte man ihm auch noch nie unterstellen. Mit Müller identifizieren wir Fans uns. Das ist wichtiger als die Frage, [...]
Zitat von FrankonaUnd was ist mit Müller? Der leistet nichts (Uli Hoeneß müsste ehrlicher Weise sagen "Der spielt einen Dreck") und verschlingt ein horrendes Gehalt. Vielleicht führt ihn einer seiner berühmten Laufwege auf den Spuren von Schweinsteiger erst auf die Tribünen der Premier League und dann in die nordamerikanische Operettenliga. Da passt er hin, und Löw wäre ihn auch auf elegante Weise los.
Müller ist eines von 3 echten Eigengewächsen in der Stammformation des FC Bayern. Mangel an Einsatzwillen konnte man ihm auch noch nie unterstellen. Mit Müller identifizieren wir Fans uns. Das ist wichtiger als die Frage, wie viele Tore er schießt oder welchem gegnerischen "Fan" er ein Dorn im Auge ist.

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