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FC Liverpool in der Champions League

Klopps Team wagt den Spagat

Liverpool scheint in der Premier League bereit für den ersten Titel unter Jürgen Klopp - und zählt auch in der Champions League zu den Favoriten. Dabei spielt der Verein sogar noch unter seinen Möglichkeiten.

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Jürgen Klopp und sein Führungsspieler James Milner

Aus Liverpool berichtet
Dienstag, 18.09.2018   16:31 Uhr

Wenn man sich dem Stadion an der Anfield Road nähert, ist schon aus einiger Entfernung zu erkennen, dass sich der Hausherr nicht einfach nur für einen Fußballverein hält.

"We are Liverpool - This means more", steht an der gläsernen Fassade der "Kop"-Tribüne. Lieder sind hier Hymnen, die Fans eine Familie, das Stadion ist ein Zuhause und der Trainer ein Heiland, so besagt es eine dazugehörige Werbekampagne. Der Klub geht offensiv mit der Folklore um, die ihn umgibt, er spielt die eigene Überhöhung aus. Am Ende geht es allerdings auch für ihn ums Gewinnen. Um Tore und Punkte, Titel und Trophäen.

In der vergangenen Saison hätte es für die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp fast mit dem größten Erfolg geklappt, den der europäische Vereinsfußball zu bieten hat. In der Champions League war erst im Finale gegen Real Madrid Schluss, unter ungünstigen Umständen nach den beiden Patzern des deutschen Torwarts Loris Karius.

Zur neuen Spielzeit hat der FC Liverpool aufgerüstet. Der Verein hat mehr als 180 Millionen Euro in frisches Personal investiert und den Kader an entscheidenden Stellen verstärkt. Das Tor hütet neuerdings der Brasilianer Alisson. Das bisher eher solide Mittelfeld wurde mit Naby Keïta aus Leipzig und dem Brasilianer Fabinho veredelt. Als zusätzliche Option für die Offensive kam der ehemalige Bayern-Profi Xherdan Shaqiri. Es spricht deshalb wenig dagegen, Liverpool zum engsten Kandidatenkreis für den Gewinn der Champions League zu zählen.

Gary Neville rät zum Abschenken im Europacup

Der Start in den Wettbewerb an diesem Dienstag im eigenen Stadion gegen Thomas Tuchels Paris Saint-Germain (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: DAZN) wird allerdings von der Frage umweht, wie ernst Klopps Klub den Europapokal überhaupt nehmen sollte. Ex-Nationalspieler und TV-Fachmann Gary Neville hat in der "Times" angeregt, dass Liverpool die Champions League vernachlässigen und sich lieber auf den Titelkampf in der Premier League konzentrieren sollte.


Klopp: "War schlau von PSG, Tuchel zu holen"

Foto: imago

Diesem Vorschlag liegt die Annahme zugrunde, dass es nur möglich sei, in einem der beiden Wettbewerbe erfolgreich zu sein - aber nicht in beiden zugleich. Stichwort Mehrfachbelastung. Und weil Liverpool mit der maximalen Ausbeute von fünf Siegen aus fünf Spielen in die Liga gestartet ist und darauf hoffen kann, das Warten auf die erste Meisterschaft seit 1990 zu beenden, findet Neville, dass die Priorität auf dem nationalen Geschäft liegen sollte.

Ganz abwegig ist die Überlegung nicht. Der Titelkampf in England ist härter als in Deutschland, Spanien oder Frankreich. Das liegt daran, dass die Premier League, zumindest in der Theorie, über vier bis fünf Anwärter auf die Meisterschaft verfügt. Außerdem hat Manchester City in der abgelaufenen Saison neue Maßstäbe gesetzt. Es ist ein ambitioniertes Unterfangen, Josep Guardiolas Mannschaft zu entthronen. Jeder zusätzliche Wettbewerb könnte dabei schaden. Es ist ein Spagat mit dem Risiko, dass es das Team zerreißen könnte.

"Wie soll das funktionieren?"

Für Klopp kommt allerdings nicht infrage, die Champions League nur mit halber Kraft anzugehen. Allein schon, weil er keine Ahnung hat, wie das in der Praxis aussehen sollte. "Wie soll das funktionieren? Sollen wir nicht antreten? Sollen wir unsere Jugend spielen lassen? Das wäre lustig", sagt der Trainer. Außerdem treibt ihn die Finalniederlage aus der Vorsaison an: "Wir sind kein bisschen satt. Niemand von uns denkt: Das war alles. Es war gut, ins Finale zu kommen. Aber wir wollen es besser machen - für den Verein und die Menschen hier." Wahrscheinlich könnte dem Klub der Europapokal auch gar nicht egal sein, selbst wenn er sich das einreden würde.

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Liverpool-Fans an der Anfield Road

Kaum ein anderer Verein zieht so viel Identität aus seiner langen und erfolgreichen Geschichte im internationalen Geschäft wie Liverpool, für kaum einen Klub sind Spiele gegen Mannschaften aus dem Ausland so bedeutsam. Wenn das Flutlicht brennt an der Anfield Road, wenn sich in den engen Straßen um die Spielstätte der Geruch von Bratfett mit dem von bengalischen Fackeln mischt und die Zuschauer schon weit vor Spielbeginn im Stadion ihre Lieder singen, während sie sich in der Liga erst mit dem Anpfiff zu ihren Plätzen bequemen, dann ist der Klub ganz bei sich. Dann ist auch Unmögliches möglich, wie in der vergangenen Saison zu sehen war, als Manchester City im Viertelfinale und der AS Rom im Halbfinale an der Anfield Road überrollt wurden.

Die Liga hat darunter nicht gelitten. Liverpool erreichte sein Ziel und schaffte zum zweiten Mal nacheinander die Qualifikation zur Champions League. Und das, obwohl die Mannschaft in der Schlussphase der Saison wegen Verletzungen und Abnutzungserscheinungen "nur noch zwölf Profis" zur Verfügung gehabt habe, wie Klopp etwas zugespitzt sagt.

In der neuen Spielzeit ist der Kader besser und breiter. Der Trainer verfügt über mehr Möglichkeiten und hat viele Potenziale noch gar nicht zur Geltung gebracht. Kapitän Jordan Henderson zum Beispiel spielt bislang nur eine Nebenrolle, die Einsatzzeiten für Keïta werden behutsam dosiert, Fabinho wartet noch auf seinen ersten Auftritt für den neuen Arbeitgeber. Und während Angreifer Sadio Mané in der Premier League schon viermal getroffen hat, spielt der etatmäßige Torjäger Mohamed Salah noch auf Sparflamme mit bislang zwei Treffern. Er kann noch deutlich zulegen.

Das alles macht Hoffnung, dass Liverpool keinen Wettbewerb vernachlässigen muss. Oder, wie Salah es im Gespräch mit dem Magazin "France Football" sehr mutig formuliert: "Wir können die Champions League und die Meisterschaft gewinnen. Ich will keinen Druck auf die Mannschaft aufbauen. Aber alles ist möglich."


Die SPON-Prognose für Liverpools Vorrundengruppe:

insgesamt 3 Beiträge
hileute 18.09.2018
1. Fokus auf Meisterschaft zu legen wäre keine schlechte idee
höhere Chancen Meister zu werden als in dieser Saison wird es möglicherweise nicht mehr so schnell geben
höhere Chancen Meister zu werden als in dieser Saison wird es möglicherweise nicht mehr so schnell geben
herrderlueste 18.09.2018
2. Von wegen
Liverpool ist eine dieser Mannschaften die durch "Läufe" auffällt. Momentan ist der Lauf positiv, doch es würde mich überhaupt nciht überraschen wenn es ins Negative rutscht und sie gar nciht mehr aufhören zu [...]
Liverpool ist eine dieser Mannschaften die durch "Läufe" auffällt. Momentan ist der Lauf positiv, doch es würde mich überhaupt nciht überraschen wenn es ins Negative rutscht und sie gar nciht mehr aufhören zu verlieren. Der gute Saisonstart sagt ncihts aus, sie haben 5 Spiele in einer Liga gewonnen die nur aus sechs Mannschaften besteht, insofern ist das nicht wichtig. Und überhaupt steht ManCity sowieso schon als Sieger fest. PSG ist aber auch kein Gigant, so wie es von vielen dargestellt wird. Die Defensive ist sehr schwach für große Spiele, da fehlt das Spielverständnis, das sind eher Spieler die auf die alte Weise verteidigen, nicht wirklich kompatibel mit Tuchels Spiel. JEdenfalls freue ich mich sehr auf dieses Spiel. Tut mir Leid Schalke, normalerweise schaue ich mir eutschen mannscfaten immer an, aber heute schaue ich nach Liverpool.
hamburger.jung 18.09.2018
3.
Klopp und Tuchel im deutschen Duell in der CL mit zwei Titelfavoriten. Da können sich Herr Strutz in Mainz und Herr Heidel in Gelsenkirchen eine schöne Flasche Wein aufmachen. Zwei absolute Toptrainer, die in Mainz die [...]
Klopp und Tuchel im deutschen Duell in der CL mit zwei Titelfavoriten. Da können sich Herr Strutz in Mainz und Herr Heidel in Gelsenkirchen eine schöne Flasche Wein aufmachen. Zwei absolute Toptrainer, die in Mainz die Möglichkeit für die ersten Schritte auf größerem Parkett bekamen.

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