Sport

Prozess um die WM-Affäre

Warum Beckenbauer für das Sommermärchen so wichtig war

Ohne Franz Beckenbauer würde der Prozess um die Sommermärchen-Affäre des DFB seine zentrale Figur verlieren. Für die Aufarbeitung der Hintergründe um die deutsche WM-Bewerbung wäre dies ein schwerer Rückschlag.

Matthias Schrader DPA

Die Macher: Horst R. Schmitt, Franz Beckenbauer, Fedor Radmann, Wolfgang Niersbach

Von
Samstag, 27.07.2019   14:17 Uhr

Die Redewendung des Hornberger Schießens geht auf eine Anekdote aus dem Jahr 1564 zurück. Die Legende besagt, dass damals im Städtchen Hornberg ein Herzog mit Salutschüssen empfangen werden sollte. Als er aber endlich kam, hatte die Empfangsdelegation bereits ihr gesamtes Pulver verschossen. Seitdem gilt das Hornberger Schießen als sinnbildlich dafür, wenn etwas Großes angekündigt wird und am Ende wenig dabei herauskommt.

Es scheint so, als könnte dem Strafverfahren rund um die Sommermärchen-Affäre genau dies drohen. Die Anklage gegen die Verantwortlichen, sie könnte ausgehen wie das Hornberger Schießen.

Die Ermittler haben nach Erkenntnissen, die dem SPIEGEL vorliegen, Franz Beckenbauer als Schlüsselfigur der Affäre um die berühmten 6,7 Millionen Euro ausgemacht, deren Verbleib seit den Enthüllungen aus dem Jahr 2015 noch immer unklar ist. Aber diese Schlüsselfigur wird, wenn es zum Prozess kommt, wohl gar nicht mehr auf der Anklagebank sitzen. Die Ärzte haben Atteste vorgelegt, nach denen Beckenbauers Gesundheitszustand eine Teilnahme an einem Strafverfahren nicht zulasse. Von Lebensgefahr ist darin die Rede.

Ohne Beckenbauer aber, ohne seine Rolle in dem Netzwerk um den früheren Adidas-Chef Louis-Dreyfus, um DFB und Fifa zu beleuchten, verliert der Prozess seinen Kern.

Wie es nach den zusammengetragenen Ergebnissen der Schweizer Behörden scheint, haben die Mitangeklagten Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Horst R. Schmitt zwar von all den Vorgängen um die Zahlungswege der WM-Millionen gewusst. Sie waren aber beileibe nicht die Antreiber, sondern eher die Erfüller des Mannes, bei dem alle Fäden rund um die WM zusammenliefen: Franz Beckenbauer.

Beckenbauer als Antreiber

Beckenbauer konnte als Druckmittel stets seinen Rücktritt als Chef des Organisationskomitees einsetzen, wenn beim DFB nicht gespurt wurde. Aber sein Rückzug, das wäre ein Desaster für die Bewerbung und später für die Vorbereitung gewesen. Schließlich war es diese Lichtgestalt, die die deutsche WM-Bewerbung so richtig zum Leuchten bringen sollte.

Beckenbauer hatte die Kontakte, Beckenbauer kannte jeden in der Fifa, Beckenbauer brachte vor allem auch den Charme mit, Leute zu überzeugen, die möglicherweise zunächst nicht so begeistert von einer deutschen Bewerbung waren. Der Kaiser mit seiner Aura war in der Lage, wohl jeden im Weltfußball und auch in der Politik zu bezirzen. Man stelle sich dagegen die drögen Zwanziger oder Schmitt als die Chefverhandler vor. Der DFB hätte schlechte Karten gehabt.

Beckenbauer war der Trumpf des Verbands - das wussten sie in Frankfurt genau, und das wusste Beckenbauer selbstverständlich auch. Alles, was bisher über die Affäre bekannt ist, deutet darauf hin, dass der Weltmeisterspieler und Weltmeistertrainer weitgehend freie Hand hatte und dies nutzte. All dies aber zu belegen, all dies sozusagen gerichtsfest zu machen, dazu bräuchte es Beckenbauer im Prozess. Und dazu wird es aller Voraussicht nach nicht kommen.

Dass die Schweizer Ankläger zudem noch ganz eigene Probleme haben, weil ihr Chefermittler Michael Lauber sich zu sehr mit Fifa-Boss Gianni Infantino eingelassen zu haben scheint, kommt hinzu. Lauber ist deswegen derzeit kaltgestellt, von allen Ermittlungen im Fifa-Komplex ausgeschlossen.

Die gesamte Vorarbeit, die unter ihm geschehen ist, steht daher auf dem Prüfstand - was auch heißt: Alle Verfahren, somit auch ein Prozess in Sachen Sommermärchen, werden sich zeitlich verzögern. Bis an den Rand von Verjährungsfristen, die die gesamte gerichtliche Aufarbeitung der Affäre möglicherweise verhindern.

Bislang so gut wie nichts erhellt

Fast vier Jahre ist es bereits her, dass der SPIEGEL verdächtige Geldflüsse rund um die WM-Bewerbung enthüllte. Die damals beim DFB Verantwortlichen haben seitdem so gut wie nichts dazu beigetragen, die Dinge zu erhellen. Am Anfang wurde vehement abgestritten, auch medial orchestriert. Dann folgte der Rücktritt von DFB-Boss Wolfgang Niersbach, einst Beckenbauers Stellvertreter im Organisationskomitee der WM.

Beckenbauer selbst hat auf die Enthüllungen zunächst mit der für ihn so typischen Nonchalance reagiert. Sein damaliges Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" ließ durchblicken, dass er dachte, er könne die Angelegenheit auf die leichte Schulter nehmen, wie so vieles in seinem Leben. Als er merkte, dass dies nicht funktionierte, zog er sich zurück. Ein Schicksalsschlag, der Tod seines Sohnes, kam dazu. Beckenbauer, der immer im Glanz gestanden hatte, mied fortan die Öffentlichkeit.

Währenddessen beharrten auch die anderen Beteiligten auf ihrer Unschuld, die Vorwürfe, die WM sei gekauft, sind stets zurückgewiesen worden. Viele Fragen sind nach wie vor unbeantwortet.

All dem würde ein Gerichtsverfahren mit allen relevant Beteiligten nachgehen können. Ein Prozess könnte offene Fragen klären, würde über die Schuldhaftigkeit der Angeklagten urteilen. Es sieht derzeit nicht so aus, als ob es dazu wirklich kommt.

Vor zwei Wochen hatte Beckenbauer noch einen öffentlichen Auftritt. Er eröffnete das nach ihm benannte jährliche Golfturnier, den Kaiser-Cup, im bayerischen Bad Griesbach. Zahlreiche Gäste kamen, von Promikoch Alfons Schuhbeck bis Spaßmacher Matze Knop. Beckenbauer hielt eine launige Rede und vollzog die Eröffnung mit einem Böller-Salutschuss aus einer alten Kanone. Vermutlich hatte man sie aus Hornberg hergebracht.

insgesamt 127 Beiträge
ventoux72 27.07.2019
1. Minderschwerer Fall
Last den armen alten Mann doch endlich in Ruhe! Es ist egal, ob die WM 2006 gekauft war oder nicht. Alle hatten ihren Spass und wir haben unser Image weltweit deutlich aufgebessert. Die kriminelle Energie anderer Leute ist um ein [...]
Last den armen alten Mann doch endlich in Ruhe! Es ist egal, ob die WM 2006 gekauft war oder nicht. Alle hatten ihren Spass und wir haben unser Image weltweit deutlich aufgebessert. Die kriminelle Energie anderer Leute ist um ein Vielfaches höher. Nehmt Politiker wie von der Leyen oder Scheuer, die verprassen viel mehr Geld, und das auch nicht immer legal. Was ist deren Ausrede, dass sie nicht vor Gericht gezerrt werden? Dummheit?
isegrim der erste 27.07.2019
2.
Ich habe nie geglaubt, dass es zu einer Anklage gegen den sogenannten "Kaiser" kommt. Dafür ist er einfach zu gut vernetzt. Und die anderen Verdächtigen wird es freuen. Armes Deutschland!
Ich habe nie geglaubt, dass es zu einer Anklage gegen den sogenannten "Kaiser" kommt. Dafür ist er einfach zu gut vernetzt. Und die anderen Verdächtigen wird es freuen. Armes Deutschland!
lucbauer 27.07.2019
3. Auch kranke Kriminelle gehören in den Knast
Da gibt's 1.A medizinische Versorgung. Außerdem muss man sich das vor dem Verbrechen überlegen. Wenn das der Uli Hoeneß gewusst hätte, dann hätte der sich auch aufgeregt.
Da gibt's 1.A medizinische Versorgung. Außerdem muss man sich das vor dem Verbrechen überlegen. Wenn das der Uli Hoeneß gewusst hätte, dann hätte der sich auch aufgeregt.
2late 27.07.2019
4. Dass er von den ganzen Mauscheleien wußte,
steht für mich außer Frage! Dass er diese Dinge allerdings überblickt oder in Details verstanden hat, glaube ich eher nicht. Bekanntlich ist/war der Kaiser ja nicht die hellste Kerze auf der Torte. Das schützt ihn natürlich [...]
steht für mich außer Frage! Dass er diese Dinge allerdings überblickt oder in Details verstanden hat, glaube ich eher nicht. Bekanntlich ist/war der Kaiser ja nicht die hellste Kerze auf der Torte. Das schützt ihn natürlich nicht vor Strafverfolgung. Ich weiß nicht, ob man bei Straftaten ähnlicher Größenordnung so sehr auf die gesundheitlichen Befindlichkeiten von Nonames Rücksicht nehmen würde.
peter.lange 27.07.2019
5. Hatten wir Spaß?
Hatten wir 2006 Spaß? War es eine Super WM? Haben wir viele nette Menschen aus anderen Ländern getroffen? Haben wir viel Geld an anderer Stelle für viel sinnloser Sachen ausgegeben?
Hatten wir 2006 Spaß? War es eine Super WM? Haben wir viele nette Menschen aus anderen Ländern getroffen? Haben wir viel Geld an anderer Stelle für viel sinnloser Sachen ausgegeben?

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP