Sport

Deutschlands Tor-Garantie bei der WM

Der Goldstandard

Dreimal wurde der Videobeweis bei Deutschlands WM-Achtelfinalsieg angewandt - dreimal entschied er zugunsten des DFB-Teams. Gegen Nigeria zeigte sich: Das deutsche Team ist von Standards abhängig.

Foto: Emmanuel Foudrot / REUTERS
Aus Grenoble berichtet
Sonntag, 23.06.2019   09:08 Uhr

Was wäre der Fußball ohne seine martialische Sprache? Angriff und Verteidigung, Schüsse und der Bomber der Nation, Schlachtenbummler und Todesgruppe. Bei den deutschen Nationalspielerinnen war nach dem Sieg gegen Nigeria im Achtelfinale der WM in Frankreich vor allem ein Wort in aller Munde: "Waffe".

"Wir haben unsere Waffen ins Spiel gebracht", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg nach der Partie. "Das ist einfach unsere Waffe", sagte die am Zeh verletzte Dzsenifer Marozsán, die wieder auf der Bank saß. Und Angreiferin Alexandra Popp meinte: "Wenn man es spielerisch nicht schafft, ist das immer eine Waffe."

Die deutschen "Waffen" beim WM-Spiel in Grenoble, das die DFB-Auswahl 3:0 (2:0) gewann, waren die Standardsituationen. Der erste Treffer von Popp, die ihr 100. Länderspiel bestritt, fiel nach einer Ecke. Das zweite Tor durch Sara Däbritz erzielte die Mittelfeldspielerin per Strafstoß.

Offensive bleibt abschlussschwach

Auch in der Gruppenphase waren die sogenannten ruhenden Bälle ein wichtiges Mittel zum Toreschießen gewesen: Den einzigen Treffer beim Auftakt gegen China hatte Giulia Gwinn nach einer Ecke erzielt, auch Melanie Leupolz und Lina Magull profitierten bei ihren Treffern gegen Südafrika von dieser Standardsituation. "Bei den Standards sind wir momentan wirklich sehr gefährlich", sagte Popp nach dem Nigeria-Spiel.

Doch der allgemeine Jubel über die gelungenen Standards kann nicht ganz verdecken, dass das deutsche Team in der Offensive sonst eher abschlussschwach war. Gegen Nigeria spielten sie zwar recht anschaulich bis zum Strafraum, dort verließen die Angreiferinnen dann jedoch Mut und Kreativität. Dem dritten deutschen Treffer von Lea Schüller war ein Fehler einer gegnerischen Verteidigerin vorausgegangen.

Sonst sahen die Szenen oftmals so aus: Popp spielte den Ball Klara Bühl in den Lauf, die legte mit der Hacke zurück, Schüller schoss deutlich drüber. Oder: Schüller versuchte es mit einer Hereingabe, die kam aber nicht an. Und: Gwinn dribbelte eine Gegenspielerin aus, verpasste dadurch aber den optimalen Zeitpunkt zum Schuss - und scheiterte.

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DFB-Team in der Einzelkritik: Däbritz fast wie Birgit Prinz

Drei Einsätze des Videoschiedsrichters

"Wir haben Ball und Gegner laufen lassen, aber nach vorne haben wir das eine oder andere Mal noch zu verspielt gewirkt", sagte Popp: "Da hätten wir noch mehr Tore machen können."

Dennoch können Standards bei dieser WM ein gutes Mittel sein, um weit zu kommen. Im nächsten Spiel warten entweder Schweden oder Kanada - beides Teams, die an guten Tagen aus dem Spiel heraus nur wenige Tore zulassen. Auch deshalb fragte Popp: "Wir haben viele gute Kopfballspielerinnen, wir haben Spielerinnen, die den Ball auf den Punkt bringen können, warum soll man das nicht nutzen?"

Profitieren konnten die Deutschen auch vom Videoschiedsrichter - und das dreimal. Beim 1:0 entschied der Assistent, dass Svenja Huth, die im Abseits - und vor der Torhüterin - stand, deren Blick wohl nicht verdeckt habe. Eine äußerst strittige Entscheidung, wenn nicht gar eine Fehlentscheidung. Beim 2:0 schaltete sich der VAR nach einem Foul im Strafraum an Lina Magull ein - diesmal zurecht, auch wenn das auf nigerianischer Seite anders gesehen wurde.

"Sie hat mich gut getroffen"

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DFB-Erfolg über Nigeria: Die Null steht weiter

"Ich glaube, es war zuerst ein Foul an mir. Ich weiß nicht, was der Schiedsrichter gesehen hat", sagte Nigerias Verteidigerin Evelyn Nwabuoku nach der Partie und war mit dieser Einschätzung recht alleine. Magull selbst sagte: "Es war definitiv ein Elfmeter, ich habe auch eine schöne Schramme am Knie. Sie hat mich gut getroffen."

Die nigerianischen Fans waren mit den Entscheidungen überhaupt nicht einverstanden. Sie pfiffen die Schiedsrichterin aus und die Empörung fand ihren Höhepunkt, als ein Handspiel von Gwinn im deutschen Strafraum untersucht wurde und - zurecht, da sie den Arm angelegt hatte - kein Elfmeter gegeben wurde. "Ich werde den VAR nicht anklagen, deswegen haben wir nicht verloren", sagte Nigerias schwedischer Trainer Thomas Dennerby.

Video: "Wir haben uns nichts gefallen lassen"

Foto: Emmanuel Foudrot / REUTERS

Auch wenn Deutschland vom VAR profitiert hatte, waren nicht alle Spielerinnen vom Prozedere begeistert: "Diese lange Zeit, die dafür gebraucht wird, ist natürlich störend", sagte Schüller. "Das hat uns irgendwie den Faden genommen", sagte Popp: "Ich hatte erst gar keine Ahnung, warum bei meinem Tor nachgeschaut wurde." Und Magull meinte: "Das war nervig, warten zu müssen."

Rückkehr von Starspielerin Marozsán

Weitere Unterstützung hat die deutsche Mannschaft übrigens von den Turnierveranstaltern, konkret: den Spielplanern, bekommen. Die DFB-Auswahl hatte das erste Achtelfinale des Turniers - und wird am kommenden Samstag (18.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) das letzte Viertelfinale bestreiten. Das Team kann sich also eine Woche lang regenerieren.

"Wir hatten zwei Spiele bei unglaublich warmen Temperaturen", sagte Kapitänin Popp: "Das ist natürlich kräftezehrend. Deshalb sind wir froh, ein paar Tage durchatmen zu können." Einen Spannungsabfall befürchtet sie nicht: "Das werden die Trainerinnen mit einer guten Trainingssteuerung verhindern."

Besonders profitieren wird die DFB-Auswahl wohl von der wahrscheinlichen Rückkehr von Starspielerin Marozsán. Sie wäre auch gegen Nigeria zum Einsatz gekommen, falls die Partie eng geworden wäre. "Schön, dass ich nochmal sieben Tage gewonnen habe", sagte die Spielmacherin. Bundestrainerin Voss-Tecklenburg freute sich: "Stand heute sage ich: Ja, sie wird im Viertelfinale eingesetzt werden."

Deutschland - Nigeria 3:0 (2:0)
1:0 Popp (20.)
2:0 Däbritz (27. Foulelfmeter)
3:0 Schüller (82.)
Deutschland: Schult - Gwinn, Doorsoun, Hegering, Schweers (46. Simon) - Huth, Leupolz (46. Bühl), Magull (69. Oberdorf) , Däbritz - Schüller, Popp
Nigeria: Nnadozie - Okeke, Ebi, Nwabuoku (46. Ajibade), Ohale - Ordega, Ayinde, Okobi, Kanu (84. Ogebe) - Ihezuo (77. Uchendu), Oparanozie
Schiedsrichterin: Yoshimi Yamashita (Japan)
Gelbe Karten: Popp, Huth / Nwabuoku, Oparanozie, Ajibade
Zuschauer: 17.988

insgesamt 10 Beiträge
Laemat 23.06.2019
1. typisch deutsch
1/4 Finale erreicht aber 2/3 des Artikels suchen das Haar in der Suppe... freut euch doch einfach..
1/4 Finale erreicht aber 2/3 des Artikels suchen das Haar in der Suppe... freut euch doch einfach..
kajoter 23.06.2019
2.
Die deutschen Frauen "rumpeln", wie man so unschön sagt. Kombinationen und Spielübersicht .- alles Fehlanzeige. Selbst einfach aufzulösende Szenen gelingen ihnen viel zu häufig nicht. Wie z.B. das Verbeißen in [...]
Die deutschen Frauen "rumpeln", wie man so unschön sagt. Kombinationen und Spielübersicht .- alles Fehlanzeige. Selbst einfach aufzulösende Szenen gelingen ihnen viel zu häufig nicht. Wie z.B. das Verbeißen in einem Raum um die Außenlinie herum, bei dem es ganze Stafetten an Einwürfen gibt, während auf der anderen Seite gähnende Leere herrscht. Außerdem sollte die Trainerin ihnen verbieten, Pässe über 10m zu spielen, denn in der Regel kommen sie nicht an - Ausnahmen bestätigen die Regel. Es macht keinen Spaß, ihnen zuzuschauen. Da hilft auch kein Patriotismus weiter. Es macht dagegen häufig Spaß, den Amerikanerinnen zuzuschauen. Und Frankreich und Niederlande haben ebenfalls einige Schritte nach vorne gemacht und die deutschen Frauen hinter sich gelassen. Daher: Es reicht nicht, immer wieder auf die Frauen-Karte zu setzen und alle Kritiker als Machos oder Ewig-Gestrige abzustempeln.
sebaseb77 23.06.2019
3. Vielen Dank "Kajoter"...
sie sprechen mit aus der Seele. Kritik am Rumpelfussball (wobei für mich die technischen und kreativen "Fähigkeiten" der Nationalspielerinnen am erschreckendsten sind )der Deutschen Frauennationalmannschaft wird sofort als [...]
sie sprechen mit aus der Seele. Kritik am Rumpelfussball (wobei für mich die technischen und kreativen "Fähigkeiten" der Nationalspielerinnen am erschreckendsten sind )der Deutschen Frauennationalmannschaft wird sofort als Machogehabe oder noch schlimmer als "Sexismus" abgetan. Fakt ist: hier wird an der falschen Stelle gehyped...
Karla Winterstein 23.06.2019
4. Gratulation zum Einzug ins Viertelfinale
Vor dem Turnier war ja klar seitens der Mannschaftsleitung gesagt worden, dass dieses Turnier für die neu zusammen gestellte Mannschaft eigentlich zu früh kommt, und dass man deshalb auch keine Zielvorgaben macht. Als [...]
Vor dem Turnier war ja klar seitens der Mannschaftsleitung gesagt worden, dass dieses Turnier für die neu zusammen gestellte Mannschaft eigentlich zu früh kommt, und dass man deshalb auch keine Zielvorgaben macht. Als Wunschziel wurde die Qualifikation für die Olympischen Spiele ausgegeben, wobei dieses Ziel schon ausgesprochen hoch angesiedelt ist, da man unter die drei besten europäischen Teams kommen muss. Da man von einem Erreichen des Halbfinales der USA ausgehen kann, dürfte eine Halbfinalteilnahme der deutschen Frauenmannschaft dafür ausreichen, aber dafür muss noch ein Spiel gewonnen werden, gleichgültig auf welche Art und Weise. Sehr positiv ist, dass die drei so richtig jungen Spielerinnen (Oberdorf 17, Bühl 18, Gwinn 19, Schüller 21) sehr gut in diesem Umfeld zurecht kommen. Das ist für die Zukunft sehr viel wert, sofern die Spielerinnen sich weiter auf Fussball konzentrieren. Bezüglich des letzten Satzes muss man eben sagen, dass die Jüngeren wohl alle zuerst einmal die Schule und dann ein Studium oder eine Ausbildung als höchste Priorität sehen werden, weil sie sich vom Fussballspiel nicht längerfristig ernähren können.
ein-berliner 23.06.2019
5. Goldstandart spielen andere Mannschaften
Mit diesem Schiebeflussball kann man keine Palme gewinnen.
Mit diesem Schiebeflussball kann man keine Palme gewinnen.

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