Sport

Torhüterinnen im WM-Halbfinale

Glanzparaden statt Slapstickeinlagen

Früher sorgten Torhüterinnen mit katastrophalen Patzern für Gesprächsstoff. Bei der WM in Frankreich ist davon nichts mehr zu sehen - im Gegenteil: Die Keeperinnen haben ihre Teams ins Finale geführt.

Jean-Pierre Clatot / AFP

Sari van Veenendaal behielt im WM-Halbfinale eine weiße Weste

Aus Lyon berichtet
Donnerstag, 04.07.2019   07:44 Uhr

Man braucht nicht drumherum reden: Das Halbfinale zwischen Schweden und den Niederlanden (0:1) war ein schlechtes Spiel. Fehlpässe, Verstopper, Rückpässe, unmotivierte, halbhohe Bälle aus der Abwehr ins Mittelfeld: Alles Dinge, die jeglichen Spielfluss zerstören. Und doch war aus der WM-Partie eine positive Erkenntnis mitzunehmen.

Die Zeit der Slapstick-Torwartfehler bei den Frauen ist vorbei.

Es war lange Zeit eine Mischung aus Vorurteil und gern gepflegtem Klischee - aber eben auch mit mehr als nur einem Funken Wahrheit: Torhüterinnen sind gerne mal für einen Patzer gut. Die Debatte, woran das liegen könnte, wurde in schöner Regelmäßigkeit geführt, zuletzt bei der Europameisterschaft in den Niederlanden 2017.

Zwei Glanzparaden im Halbfinale

Reihenweise waren die Keeperinnen damals unter den Bällen hindurchgesegelt oder hatten Gegentore durch schwere Fehler verursacht, die Schweizerin Gaelle Thalmann boxte sich den Ball gar ins eigene Tor. Die ehemalige deutsche Nationaltorhüterin Nadine Angerer hatte damals gesagt: "Das waren teilweise Slapstickeinlagen wie vor 20 Jahren."

Angerer selbst hatte beim WM-Gewinn 2007 keinen einzigen Gegentreffer kassiert und war im Finale mit einem gehaltenen Elfmeter zur Heldin aufgestiegen. Ihre Analyse der Patzer bei der EM 2017: "Der gesamte Fokus liegt auf den Feldspielerinnen, die Torwart-Ausbildung fällt komplett hinten über." Die ehemalige Nationaltrainerin Silvia Neid stellte besonders bei hohen Bällen ein Problem fest.

Und bei der WM in Frankreich? Ist von diesen Patzern bis auf vereinzelte Ausnahmen nichts mehr zu sehen, im Gegenteil: Im Halbfinale brillierten sowohl Sari van Veenendaal auf niederländerischer Seite als auch Hedvig Lindahl im Tor der Schwedinnen. Beide lieferten starke Leistungen ab - inklusive zweier Glanzparaden.

"Es war episch"

In der zweiten Hälfte war es zunächst van Veenendaal, die einen flachen Schuss von Nilla Fischer mit der Hand an den Pfosten lenkte. Nur wenige Minuten später hatte dann Lindahl ihren großen Auftritt, als sie den Kopfball von Vivianne Miedema mit den Fingerspitzen an die Latte lenkte.

Die Paraden der beiden Keeperinnen im Halbfinale waren kein Einzelfall: Auch im Spiel am Dienstagabend zwischen den USA und England war die US-Keeperin Alyssa Naeher zur Heldin geworden, als sie in der 84. Minute einen Elfmeter hielt - und den USA damit den Finaleinzug rettete. Sie wurde von ihren Teamkolleginnen gefeiert, Torschützin Christen Press sagte etwa: "Es war episch."

Alessandra Tarantino / AP

US-Keeperin Alyssa Naeher parierte einen Elfmeter gegen England

Auch wenn man sich von den Topteams entfernt, sieht man eine neue Qualität auf der Torwartposition. Die Deutsche Almuth Schult etwa konnte sich über vier Spiele ohne Gegentor freuen - obwohl ihre Abwehr sie einige Male im Stich gelassen hatte. Christine Endler aus Chile verhinderte im Spiel gegen die USA, dass es ein Debakel gab, die Argentinierin Vanina Correa hielt einen stark geschossenen Elfmeter gegen England.

Die Förderung der Torhüterinnen wird besser

"Ich bin froh, dass ich meine Finger an den Kopfball bekommen habe", sagte Lindahl über ihre Parade. "Das Torhüterinnen-Niveau steigt. Wir haben nun mehr gute Torwarttrainer, die Klubs investieren. Diesen Effekt sieht man." Nicht nur die Feldspielerinnen, sondern auch die Torhüterinnen würden sich entwickeln, sagte van Veenendaal.

Dass die Förderung besser geworden ist, sieht man auch an den Talenten. Die 19-jährige Sydney Schneider aus Jamaika oder die 18 Jahre alte Nigerianerin Chiamaka Nnadozie hatten zwar auch Unsicherheiten in ihrem Spiel, doch ihre Bewegungen schienen bereits sehr routiniert - und sie trauten sich auch, aus ihrem Tor herauszukommen.

Gerne hätte man am Mittwochabend gesehen, wie sich van Veenendaal und Lindahl in einem Elfmeterschießen ausgezeichnet hätten. Aber Jackie Groenen schoss in der Verlängerung das 1:0 für die Niederlande, mit einem flachen Schuss von außerhalb des Strafraums war sie erfolgreich. Lindahl kam nicht an den Schuss heran, vielleicht war er unhaltbar, vielleicht hätte sie ihn haben können.

Was hier auf keinen Fall zu sehen war: ein Slapsticktor.

Niederlande - Schweden 1:0 (0:0) n.V.
1:0 Groenen (99.)
Niederlande: van Veenendaal - van Lunteren, van der Gragt, Bloodworth, van Dongen - Groenen, van de Donk, Spitse - Beerensteyn (71. van de Sanden), Miedema, Martens (46. Roord)
Schweden: Lindahl - Glas, Fischer, Sembrant, Eriksson (111. Andersson) - Rubensson (79. Zigiotti), Asllani, Seger - Jakobsson, Blackstenius (111. Larsson), Hurtig (78. Janogy) Schiedsrichterin: Beaudoin (Kanada)
Gelbe Karten: van de Donk, Spitse / Zigiotti
Zuschauer: 48.452

insgesamt 13 Beiträge
Barças Superstar 04.07.2019
1. Stimmt
Die Torhüterinnen beider Finalisten sind sehr gut. Überhaupt heben sich die Top 4 durch deutlich bessere Technik, Ballbehandlung und den Blick für Bewegungsabläufe ab. Die Fehlpassquote ist dennoch zu hoch, da haben alle noch [...]
Die Torhüterinnen beider Finalisten sind sehr gut. Überhaupt heben sich die Top 4 durch deutlich bessere Technik, Ballbehandlung und den Blick für Bewegungsabläufe ab. Die Fehlpassquote ist dennoch zu hoch, da haben alle noch Luft nach oben.
polza_mancini 04.07.2019
2. Ähm...
ja, da waren ein paar gute Paraden dabei, der Elfmeter der Engländerin auf D-Jugend-Niveau gehört aber wohl nicht unbedingt dazu bzw. war allenfalls episch schlecht. Zumindest bei den letzten 4 Mannschaften scheint in der Tat [...]
ja, da waren ein paar gute Paraden dabei, der Elfmeter der Engländerin auf D-Jugend-Niveau gehört aber wohl nicht unbedingt dazu bzw. war allenfalls episch schlecht. Zumindest bei den letzten 4 Mannschaften scheint in der Tat eine Qualitätssteigerung zu sehen zu sein, nach unten ging auch wenig. Das trifft leider auch nicht auf das Gros der Mannschaften, selbst unsere, zu. Was Almuth Schult vor der WM für Einlagen gezeigt hat (Japan), erinnerte doch stark an damals. Läuft, wird noch ein bisschen Zeit brauchen, zu früh für Jubel-Arien...
s.l.bln 04.07.2019
3. Die Konzentration....
...auf Torwartleistungen zeigt, wie unterirdisch das Spiel gestern war. Schade daß die Dramaturgie der WM das gefühlte Finalspiel (England USA) bereits vorweggenommen hat. Nachdem, was die Holländerinnen gestern gezeigt [...]
...auf Torwartleistungen zeigt, wie unterirdisch das Spiel gestern war. Schade daß die Dramaturgie der WM das gefühlte Finalspiel (England USA) bereits vorweggenommen hat. Nachdem, was die Holländerinnen gestern gezeigt haben, wird das Finale wohl eine ziemlich einseitige Veranstaltung werden.
im_ernst_56 04.07.2019
4. Naja
Die Aussage, dass die Torfrauen sich stark verbessert haben, kann man für die Halbfinalspiele so stehen lassen, für die Gesamtschau der WM ist das aber nicht zutreffend. Große Probleme haben viele Torfrauen immer noch bei der [...]
Die Aussage, dass die Torfrauen sich stark verbessert haben, kann man für die Halbfinalspiele so stehen lassen, für die Gesamtschau der WM ist das aber nicht zutreffend. Große Probleme haben viele Torfrauen immer noch bei der Strafraumbeherrschung und bei scharf geschossenen hohen Bällen. In der Gruppenphase und im Achtelfinale sind etliche Tore gefallen, die durchaus haltbar erschienen. Es ist wie überall im Frauenfußball. Er hat natürlich Fortschritte gemacht, aber der Abstand zum Männerfußball ist nicht wesentlich geringer geworden, weil der sich auch weiterentwickelt hat.
briancornway 04.07.2019
5. Torfrau top
Argwöhnisch wird der Frauenfußball beobachtet, in der Sorge, es könnte ein bisschen Aufmerksamkeit und Ruhm für die Frauen abfallen, der eigentlich den echten Fußball-Männern zusteht. Natürlich wird nicht versucht, [...]
Zitat von im_ernst_56Die Aussage, dass die Torfrauen sich stark verbessert haben, kann man für die Halbfinalspiele so stehen lassen, für die Gesamtschau der WM ist das aber nicht zutreffend. Große Probleme haben viele Torfrauen immer noch bei der Strafraumbeherrschung und bei scharf geschossenen hohen Bällen. In der Gruppenphase und im Achtelfinale sind etliche Tore gefallen, die durchaus haltbar erschienen. Es ist wie überall im Frauenfußball. Er hat natürlich Fortschritte gemacht, aber der Abstand zum Männerfußball ist nicht wesentlich geringer geworden, weil der sich auch weiterentwickelt hat.
Argwöhnisch wird der Frauenfußball beobachtet, in der Sorge, es könnte ein bisschen Aufmerksamkeit und Ruhm für die Frauen abfallen, der eigentlich den echten Fußball-Männern zusteht. Natürlich wird nicht versucht, den Fußballsport der Frauen an den der Männer anzugleichen, das ist ja nicht das Maß aller Dinge. Eine handvoll Mannschaften ist inzwischen den DFB-Damen klar überlegen, aber in Sachen Torwart sind wir immer noch bei den Topleuten dabei.

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