Sport

WM-Topfavorit USA nach Sieg gegen Chile

Land der unbegrenzten Möglichkeiten

Die USA sind so gut wie ein Guardiola-Team - wenn Guardiola-Teams auch noch schneller und kopfballstärker wären als ihre Gegner. Problem: Die B-Elf der USA ist stärker als die Startelf der Konkurrenz.

Christian Hartmann/REUTERS

Jubelnde Amerikanerinnen - das Symbolbild dieser WM

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Sonntag, 16.06.2019   21:38 Uhr

Eine Klasse für sich: Josep Guardiolas Barcelona-Team, das 2009 sechs Titel in einem Jahr gewann, bedeutete für viele Fußballfans Perfektion: Ballbesitzfußball in Vollendung, taktische Brillanz, Positionsspiel. Wenn man sich nun dieses Guardiola-Team denkt und dazu vorstellt, die Mannschaft wäre auch noch athletischer und schneller gewesen als alle Gegner - dann bekommt man eine Ahnung davon, wie gut das USWNT ist, das amerikanische Nationalteam der Frauen.

Das Ergebnis: 3:0 gewannen die Amerikanerinnen gegen Chile und stehen damit im Achtelfinale. Hier geht es zum Spielbericht.

Hymnen sind Schall und Rauch: Beeindruckend, wie die chilenischen Spielerinnen vor dem Anpfiff ihre Nationalhymne intonierten. Wie die brasilianischen Männer bei ihrer Heim-WM sangen die Spielerinnen der Roja einfach noch eine Strophe weiter, nachdem die Musik verstummt war. Genau sowas fordern Medien auch in Deutschland gerne, weil die in das Absingen der Hymne investierte Energie ein Anzeichen für die richtige Einstellung sei. Vom Anpfiff weg aber machte dieses Spiel klar: Im Fußball geht es um Qualität, nicht um Pathos.

Die erste Hälfte: Elf Minuten waren gespielt, als Carli Lloyd mit einem wunderschönen Volleyschuss zum 1:0 traf. Die Spielerin, die sie fast noch daran gehindert hätte, war nicht eine Chilenin, sondern Teamkollegin Julie Ertz, die auch gerne das Tor erzielt hätte. Nach einem Eckstoß der starken WM-Debütantin Tierna Davidson durfte Ertz das nachholen und per Kopf das 2:0 machen. Dann, erneut nach Davidson-Ecke, demonstrierte wieder Lloyd ihr gutes Kopfballtiming zum 3:0.

23 Freundinnen müsst ihr sein: Nach einem 13:0 wäre wohl manche Trainerin versucht, im nächsten Spiel die gleiche Startelf aufzubieten. Nicht so Jill Ellis. Nur drei Feldspielerinnen blieben im Vergleich zum Auftaktspiel gegen Thailand in der Anfangsformation - und diese drei (Ertz, Lindsay Horan und Abby Dahlkemper) wechselte Ellis im Spielverlauf aus. Dafür kamen die letzten Spielerinnen, die noch nicht berücksichtigt waren. So haben nach zwei Spielen alle 20 Feldspielerinnen der USA schon Einsatzzeiten bekommen - und demonstrierten nebenbei die Kadertiefe des Weltmeisters.

Die zweite Hälfte: Gegen Thailand hatten die USA zur Pause auch erst 3:0 geführt. Es konnte also noch schlimm kommen für Chile, das kein Mittel gegen die amerikanische Raumaufteilung und Überlegenheit fand. Dass es auch am Ende 3:0 hieß, lag vor allem an Christiane Endler. Chiles Keeperin, die schon gegen Schweden stark gehalten hatte, parierte in ihrem Heimatstadion (sie steht bei Paris Saint-Germain unter Vertrag) zahlreiche Großchancen, vor allem gegen Christen Press. Am Ende verschoss Lloyd auch noch einen Foulelfmeter - vielleicht aus Respekt vor Endler setzte sie den Ball neben das Tor.

Die beste Keeperin der Welt: Die ehemalige US-Nationaltorhüterin Hope Solo ist für ihre starken Meinungen bekannt. Nicht umsonst arbeitet Solo bei der WM als Kolumnistin und Expertin für die BBC. Vor dem Turnier hatte sie Trainerin Ellis scharf angegriffen und behauptet, der Erfolg der Mannschaft sei allein den Spielerinnen zu verdanken. Das kann man nicht unterschreiben, wenn man das perfekte Positionsspiel der Amerikanerinnen ansieht. Auch taktisch ist das Weltklasse. Wo Solo allerdings Recht hat: Sie bezeichnete Endler als die beste Torhüterin, die es im Moment gibt. Kein Widerspruch.

Thibault Camus/AP

Machen Sie eine typische Handbewegung: Christiane Endler bei der Arbeit

Mutterland des Fußballs: Mit Ausnahme der Spiele von Gastgeber Frankreich sind keine Begegnungen der WM so stimmungsvoll wie die der USA. Der Prinzenpark war ausverkauft für das Spiel gegen Chile, fast 50.000 Fans waren da. Ein krasser Gegensatz zum Spiel Schweden gegen Thailand am Nachmittag, das in Nizza nicht einmal 10.000 Menschen sehen wollten. Das liegt vor allem an den US-Fans. Aus keinem Land sind mehr Anhängerinnen und Anhänger nach Frankreich gereist als aus den USA. In Sachen Fankultur können sich gerade die Nachbarländer Deutschland, Italien und Spanien noch viel abgucken von den Amerikanerinnen.

Chile - USA 0:3 (0:3)
0:1 Lloyd (11.)
0:2 Ertz (26.)
0:3 Lloyd (35.)
Chile: Endler - Galaz, Guerrero, Sáez, Toro - Soto (46. López), Araya, Lara (89. Pardo) - Zamora, Urrutia, Balmaceda
USA: Naeher - Krieger, Dahlkemper (82. Sonnett), Sauerbrunn, Davidson - Brian, Ertz (46. McDonald), Horan (59. Long) - Pugh, Lloyd, Press
Gelbe Karten: Lara, Huenteo, Galaz / Horan, Long
Schiedsrichterin: Hussein
Zuschauer: 45.594 in Paris

insgesamt 11 Beiträge
pjotrmorgen 16.06.2019
1. B-Elf Phänomen
Bei Männerturnieren wie EM und WM kann man immer wieder beobachten, dass meist im dritten Gruppenspiel eine sogenannte B-Elf äusserst stark spielt, wenn das Team die KO-Runde sicjer erreicht hat. Zum einen sind die Spieler un [...]
Bei Männerturnieren wie EM und WM kann man immer wieder beobachten, dass meist im dritten Gruppenspiel eine sogenannte B-Elf äusserst stark spielt, wenn das Team die KO-Runde sicjer erreicht hat. Zum einen sind die Spieler un SpielerInnen ausgeruht und hochmotiviert, weil bei guter Leistung ein Einsatz bei den folgenden Spielen wahrscheinlicher wird. Nur waren die USA nicht so stark "wie ein Guardiolateam". Vergleiche mit Männerteams sollte man aus verschiedenen Gründen nicht ziehen. Das 2:0 der USA war irregulär, weil die Amerikanerinnen den Ball selbst hinter die Auslinie gespielt hatten. Alle drei Tore gehen auf miserable Abwehrarbeit der körperlich unterlegenen Chileninneb zurück. In jedem Fall waren Abwehrspielerinnen nahe an den Torschützinnen, drehten sich aber entweder so weg, dass der Ball ungehindert aufs Tor kam bzw. waren einfach zu klein um selbst einen Kopfball der USA zu verhindern. Auch wenn die USA wieder mit dem A-Team antreten, wird es gegen die Schwedinnen oder andere robustere Gegner wie Frankreich, England und Deutschland deutlich schwerer werden. Bisher standen die USA noch keiner Mannschaft gegenüber, die selbst Druck ausübte. Die Bilanz gegen von Trainerin Ellis gegen die FIFA TopTen Teams ist sehr durchwachsen.
Stäffelesrutscher 16.06.2019
2. Welche Strophe denn noch?
»Wie die brasilianischen Männer bei ihrer Heim-WM sangen die Spielerinnen der Roja einfach noch eine Strophe weiter, nachdem die Musik verstummt war. Genau sowas fordern Medien auch in Deutschland gerne...« Wie bitte? Was [...]
»Wie die brasilianischen Männer bei ihrer Heim-WM sangen die Spielerinnen der Roja einfach noch eine Strophe weiter, nachdem die Musik verstummt war. Genau sowas fordern Medien auch in Deutschland gerne...« Wie bitte? Was soll denn nach der offiziellen Hymne noch kommen? Das Lied der Deutschen hat doch bloß drei Strophen! Oder basiert die Forderung etwa auf der Annahme, die erste Strophe sei die Hymne, und danach solle man weitersingen: »Deutsche Frauen, deutsche Treue, Deutscher Wein und deutscher Sang Sollen in der Welt behalten Ihren alten schönen Klang.«
hileute 16.06.2019
3. Was dran
ich halte es für höchstwahrscheinlich das die Amis sich wieder den Titel holen, auch wenn die bisherigen gegner nicht wirklich aussagekräftig waren. Nichts desto trotz ist es ja nicht neu das die Amerikanerin immer Topfavorit [...]
ich halte es für höchstwahrscheinlich das die Amis sich wieder den Titel holen, auch wenn die bisherigen gegner nicht wirklich aussagekräftig waren. Nichts desto trotz ist es ja nicht neu das die Amerikanerin immer Topfavorit sind
#9vegalta 17.06.2019
4. Bis jetzt
waren die Gegner aber auch nicht besonders stark. Beim SheBelievesCup im Frühling hatte dieses USA Team durchaus Probleme.
waren die Gegner aber auch nicht besonders stark. Beim SheBelievesCup im Frühling hatte dieses USA Team durchaus Probleme.
newera2100 17.06.2019
5. Frauenfußball ist in Lateinamerika nicht populär
... hier interessiert sich auch niemand für die WM. Daher ist die Dominanz der europäischen und Nordamerikanischen Teams hier keine Überraschung.
... hier interessiert sich auch niemand für die WM. Daher ist die Dominanz der europäischen und Nordamerikanischen Teams hier keine Überraschung.

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