Sport

WM-Halbfinalist England

Die Leidenschaft der Löwinnen

England steht wieder im Halbfinale - dort war bei den vergangenen Turnieren Schluss. Trainer Phil Neville traut seinem Team aber mehr zu. Doch dafür müssen die "Löwinnen" das beste Team der Welt schlagen - oder den Gastgeber.

Phil Noble / REUTERS

Die Engländerinnen freuten sich über den 3:0-Sieg im Viertelfinale

Aus Le Havre berichtet
Freitag, 28.06.2019   13:57 Uhr

Englands Nationaltrainer Phil Neville gab nach dem 3:0-Sieg seiner Mannschaft gegen Norwegen im WM-Viertelfinale einen seltenen Einblick in die Spielvorbereitung seiner Mannschaft. Doch darin ging es nicht um Laufwege, Passkombinationen oder die Reihenfolge der Schützinnen beim Elfmeterschießen.

"Drei Dinge sind vor dem Match passiert", erzählte er: Erst habe Katherine Grainger, Großbritanniens erfolgreichste Olympionikin, eine Videobotschaft geschickt, in der sie erzählte, wie man gewinnt. Diese sei für eine Menge Gänsehaut verantwortlich gewesen.

Dann habe der frühere Nationalmannschaftskapitän der Männer David Beckham mit seiner Tochter Harper dem Team Mut zugesprochen. Und zu guter Letzt sei der frühere Nationalspieler Ian Wright aufgetaucht. Dieser habe alle Spitznamen der Spielerinnen gekannt und Witze mit ihnen gemacht.

John Walton / DPA

David Beckham und Tochter Harper besuchten das englische Nationalteam

"Alle waren relaxed"

Diese Episode zeigt, wie groß die Unterstützung der "Lionesses", wie das Team genannt wird, in Englands Sportwelt ist. Doch sie zeigt auch, wie trubelig die Konzentrationsphase des Teams vor diesem wichtigen Spiel gewesen war. "Man kann natürlich sagen, dass das riskant ist", sagte Neville: "Aber die Spielerinnen haben es geliebt. Alle waren relaxed."

Diesen Eindruck hatte man zu Beginn des WM-Viertelfinalspiels in Le Havre eher nicht gewinnen können. Bereits nach drei Minuten hatten die Engländer das erste Tor gegen Norwegen geschossen, Jill Scott hatte nach Vorarbeit der an diesem Abend überragenden Lucy Bronze getroffen. Danach jedoch gingen die Spielerinnen die Partie tatsächlich deutlich entspannter an - auf beiden Seiten.

Bis zur 40. Minute: England kam erneut über die starke rechte Seite in den Strafraum, Nikita Parris leitete den Ball mit einem Kontakt weiter an Ellen White, die ihn nur noch über die Linie schieben musste. Es folgte erneut viel Leerlauf, ab und zu unterbrochen von halbgaren Chancen auf beiden Seiten - bis der Höhepunkt des Abends kam: Nach einer Ecke schoss Bronze den Ball aus der Distanz unter die Latte. Ein Traumtor.

"Wir waren gnadenloser"

"Sie ist die beste Spielerin der Welt. Sie ist phänomenal", sagte Trainer Neville nach dem Spiel: "Sie sollte den Ballon d'Or gewinnen." Der Coach, der das Team seit knapp anderthalb Jahren betreut, setzte nach der Partie zur Lobeshymne auf seine Spielerinnen an. "Sie haben Haltung, Entschlossenheit und die Fähigkeit zu lernen." Letzteres habe er auch an diesem Abend wieder gesehen: "Wir waren gnadenloser als in den vergangenen Spielen."

Alessandra Tarantino / DPA

Lucy Bronze (l.) freute sich mit ihren Kolleginnen

Wobei das nicht ganz stimmte: Denn der Sieg der Engländerinnen gegen schwache Norwegerinnen, bei denen die beste - Ada Hegerberg - ja zu Hause geblieben war, und die zweitbeste - Caroline Graham Hansen - mit ihren Dribblings keinen Erfolg hatte, hätte durchaus auch höher ausfallen können. Doch Parris vergab einen Strafstoß, den zweiten bereits bei dieser WM (gegen Argentinien verschoss sie ebenfalls, gegen Schottland verwandelte sie hingegen). "Die Torhüterin hat fantastisch gehalten", sagte sie später: "Ich habe gemischte Gefühle."

England ist nun an einem Punkt, den das Team ziemlich genau kennt. Zum dritten Mal in Folge steht es im Halbfinale eines großen Turniers: Bei der WM 2015 wurde es Dritter, bei der EM 2017 schied es gegen den späteren Europameister Niederlande aus. Die Ambitionen der Fußballnation sind größer, schließlich gibt es für die Nationalspielerinnen eine im Vergleich zu anderen Ländern professionellere Förderung. Auch die Klubs investieren. Da soll dann auch irgendwann mal ein Titel her.

Frankreich oder USA?

Bei der WM in Frankreich wird es für England nicht leichter, das Finale zu erreichen - die USA oder der Gastgeber werden der nächste Gegner sein. Beide Teams spielen am Freitag (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gegeneinander. "Wir wollen eine Runde weiterkommen", sagte Offensivspielerin Fran Kirby nach der Partie: "Wir wollen diesen Schmerz nicht noch einmal fühlen."

Auch Neville, der trotz seiner erfolgreichen Karriere und den vielen Titeln mit Manchester United sagte, dass dieser Tag in Le Havre einer seiner "stolzesten Momente im Fußball" sei, betonte, dass er angeheuert wurde, um die Halbfinalschwelle zu überschreiten.

Doch Neville weiß, dass es schwierig wird: "Du hast einerseits das beste Team der Welt", sagte er über die USA: "Sie haben das unglaubliche Verlangen nach Siegen und das nötige Selbstbewusstsein." Und dann sei da Frankreich, das "die Unterstützung der ganzen Nation" habe. Zudem "gute Individualisten und eine gute Organisation".

Dennoch, das ließ er an diesem Abend durchblicken, sei er durchaus vom Finaleinzug - und auch vom möglichen Titelgewinn überzeugt. Eine kleine Kampfansage konnte er den potenziellen Gegner schon mitgeben: Direkt hinter der Bank hätten die Scouts von Frankreich und den USA gesessen. "Ich habe ihnen nach den Toren zugewunken", sagte Neville.

Norwegen - England 0:3 (0:2)
0:1 Jill Scott (3.)
0:2 Ellen White (40.)
0:3 Lucy Bronze (57.)
Norwegen: Hjelmseth - Wold (Hansen 85.), Mjelde, Thorisdottir, Minde - Sævik (Utland, 64.), Risa, Engen, Reiten (Eikeland, 74.) - Graham Hansen, Herlovsen
England: Bardsley - Bronze, Houghton, Bright, Stokes - Parris (Daly, 88.), Scott, Kirby (Stanway, 74.), Duggan (Mead, 54.), White
Gelbe Karten: Thorisdottir / -
Zuschauer: 21.111
Besonderes Vorkommnis: Hjelmseth (Norwegen) hält Foulelfmeter von Parris (83.)

insgesamt 2 Beiträge
Stereo_MCs 28.06.2019
1.
Der Titel geht nur über diese bärenstarken Britinnen. Physisch stark und echte Mentalitäts-Monster. Technisch gut, ich sehe keine Schwäche. Allerdings können die USA all das auch, deshalb sind die beiden für mich die [...]
Der Titel geht nur über diese bärenstarken Britinnen. Physisch stark und echte Mentalitäts-Monster. Technisch gut, ich sehe keine Schwäche. Allerdings können die USA all das auch, deshalb sind die beiden für mich die beiden Topfavoriten. FRA, ebenfalls gut, könnte über den Heimvorteil noch mithalten, das war es dann aber auch. Der WM kommt aus diesen 3 Mannschaften. Der andere, viel schwächere deutsche Baum ist nur Staffage. Allerdings muss aus dem ja eine ins Endspiel, hoffentlich D. Mit Maro nicht unmöglich. Ein 2. Platz wäre fast wie ein Sieg für diese sympatische Teenager Truppe. Ansonsten Olympia schaffen und alles ist gut.
hausfeen 28.06.2019
2. Abwarten, Teatime! Die Norwegerinnen sind überbwertet ...
... ins Viertelfinale gelangt. 2 nicht gewährte Elfmeter gegen NIgeria z.B. als Anschubhilfe. Gegen Australien viel Dusel und plötztliche Unpässlichkeit der Australirinnen beim Elfmeterschießen haben sie unverdient ins [...]
... ins Viertelfinale gelangt. 2 nicht gewährte Elfmeter gegen NIgeria z.B. als Anschubhilfe. Gegen Australien viel Dusel und plötztliche Unpässlichkeit der Australirinnen beim Elfmeterschießen haben sie unverdient ins Viertelfinale gebracht. Aber im näxten Spiel wir England beweisen müssen, wo das Team wirklich steht.

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