Sport

Australiens Topspielerin Raso

Vom Rollstuhl in den WM-Kader

Hayley Raso brach sich in einem Ligaspiel drei Wirbel. Die Australierin musste daraufhin das Laufen neu lernen - und hat nun zwei WM-Partien absolviert. Für ihr Team geht es am Abend um den Gruppensieg.

FRANCOIS LO PRESTI / AFP

Hayley Raso (links) während Australiens erstem WM-Spiel gegen Italien

Von
Dienstag, 18.06.2019   19:23 Uhr

Im australischen Kader sind einige Spezialistinnen für schwierige Karrierephasen - und das anschließende Comeback. Mittelfeldspielerin Amy Harrison hat im Alter von 23 Jahren schon zwei schwere Knieverletzungen hinter sich. Teigen Allen fuhr als Teenager zur WM 2011, war dann wegen Verletzungen und Formschwäche außen vor und steht in Frankreich wieder im australischen Kader. Oder Aivi Luik, die eine ordentliche Klubkarriere hingelegt hat, bei dem "Matildas" genannten Team aber keine große Rolle spielte und nun, als 34-Jährige, WM-Erfahrung sammelt.

Bei Hayley Raso war vor zehn Monaten nicht mal sicher, ob sie je wieder Leistungssport wird betreiben können. Die talentierte Offensivspielerin war im August 2018 im Spiel ihrer Portland Thorns gegen Washington in einen Zweikampf mit Aubrey Bledsoe gegangen. Washingtons Torhüterin traf Raso mit beiden Knien, die Australierin fiel in vollem Tempo auf den Rasen und brach sich drei Wirbel.

"Werde ich je wieder spielen können?", war Rasos erster Gedanke, wie sie der Australian Broadcasting Corporation erzählte. Der zweite Gedanke war: "Werde ich je wieder laufen können?" Im Krankenhaus gab es auf beide Fragen schnell positive Antworten. Raso musste in einem ersten Schritt in monatelanger Reha das Laufen neu erlernen. Ihr Traum von der zweiten WM-Teilnahme schien weit weg.

Rasos Reha begann im Rollstuhl

Keine zehn Monate später wurde die 24-Jährige von Trainer Ante Milicic in den WM-Kader berufen. Die Zeit dazwischen bezeichnet sie als härteste Phase ihres Lebens, obwohl es nicht ihre erste längere Pause vom Profifußball war. Wenige Wochen vor dem schweren Zusammenprall hatte sie nach einer Knieverletzung erst ihr Comeback gefeiert und danach bei "Exclusive Insight" beschrieben, was die Pause mit ihr gemacht hatte. Titel der Geschichte: "Wie ich mich selbst wiedergefunden habe." Damals ahnte sie nicht, dass ein malades Knie letztlich nur eine "normale" Verletzung ist.

Die Wirbelverletzung hingegen war schwerwiegend. Raso saß zunächst im Rollstuhl, wechselte Wochen später auf Krücken, kurz darauf folgten bereits die ersten Schritte. Mitte Januar 2019, fünf Monate nach dem Zweikampf mit Bledsoe, spielte sie wieder - für Brisbane Roar, wohin sie von Portland aus verliehen wurde. "Als ich zum ersten Mal wieder rannte und spielte, war es überwältigend und aufregend für mich", sagte sie der australischen Vogue. "Ich hatte viele Rückschläge und es gab viele Leute, die sagten, ich würde es nicht schaffen." Am Tag vor ihrer Rückkehr twitterte Raso:

Das erste Spiel im Nationaltrikot folgte Ende Februar. Sie wurde beim Cup of Nations gegen Neuseeland eingewechselt und erzielte das Tor zum 2:0-Endstand. Der neue Trainer Milicic war da erst wenige Tage im Amt, aber sofort von ihrer wiedergewonnenen Stärke überzeugt. Raso kann in der Offensive viele Positionen spielen, sie ist laufstark, schnell und hat einen guten Abschluss.

Australiens Ziel heißt Halbfinale

Unabhängig von Rasos Rückkehr reiste das australische Nationalteam mit großen Ambitionen nach Frankreich. Dreimal in Folge hatte Australien im WM-Viertelfinale gestanden, seit Anfang 2018 verloren die Matildas in 21 Länderspielen nur fünfmal. Und mit Samantha Kerr gibt es eine Topstürmerin, die für Chicago in der amerikanischen Profiliga NWSL in fast jeder Partie getroffen hat und Spiele entscheiden kann. Milicic soll Australien erstmals ins Halbfinale führen.

Zum WM-Start kam die Ernüchterung: Im ersten Gruppenspiel verlor Australien mit Raso in der Startelf durch ein Tor in der Nachspielzeit gegen Italien. Und gegen routinierte Brasilianerinnen lag das Team trotz verbesserter Leistung bis in die Nachspielzeit der ersten Hälfte 0:2 zurück. Marta und Cristiane schienen auszureichen, um die Matildas zu besiegen.

Nachdem Kerr, die ihre Form bisher noch nicht gefunden hat, Sekunden zuvor in aussichtsreicher Position gescheitert war, brachte Caitlin Foords Tor (45.+1) den Glauben an die eigene Stärke zurück. Im zweiten Durchgang wurde Australien immer druckvoller und nach den Treffern von Chloe Logarzo und Monica (Eigentor) stand ein 3:2-Comeback-Sieg. Raso wurde nach dem dritten Tor eingewechselt.

Am Abend kämpft Australien gegen Jamaika um den Einzug ins Achtelfinale (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) - oder sogar mehr. Sollte im Parallelspiel in der Gruppe C Brasilien Italien schlagen, könnte ein hoher Sieg Australiens gegen eines der schwächsten Teams dieser WM sogar zum Gruppensieg reichen.

Aber Raso weiß, dass Siege in einem Sportlerleben nicht alles sind.

Sagen Sie Ihre Meinung!

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP