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Italiens Abwehrverhalten bei der WM

"Vor drei Wochen sind wir alle noch irgendwo hingelaufen"

Die italienischen Verteidigerinnen mussten sich bei dieser Fußball-WM erst finden. Mittlerweile ist die Defensive die große Stärke des Teams - doch von Catenaccio will die Trainerin nichts hören.

Getty Images

Italiens Spielerinnen feiern den Sieg gegen China.

Aus Montpellier berichtet
Mittwoch, 26.06.2019   15:42 Uhr

Die Chinesinnen konnten einem leidtun.

Sie waren zum Ende des WM-Achtelfinalspiels gegen Italien fast permanent in der Offensive, griffen dauernd an, doch ohne Erfolg. Ein Schuss - abgeblockt. Druck aufgebaut - der Ball wird weggebolzt. Dribbling gewonnen - da kommt schon die nächste italienische Verteidigerin. Einschussbereit vorm Tor - abgegrätscht. Und wenn doch ein Schuss durchkam, parierte Italiens Torhüterin Laura Giuliani.

Es war irgendwann allen Stadionbesuchern klar: China würde an diesem Tag kein Tor mehr gegen Italien schießen.

Zu gut standen die Europäerinnen in der Defensive. Zu ballsicher war die Abwehrreihe, zu entschlossen die Keeperin, zu kompakt das Team als Ganzes. Und da Italien zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Tore geschossen hatte, Valentina Giacinti und Aurora Galli waren erfolgreich gewesen, zog das Team zum ersten Mal seit 1991 ins WM-Viertelfinale ein.

"Wir sind Italienerinnen, wir arbeiten immer an unserer Defensive", kokettierte Kapitänin Sara Gama nach der Partie mit dem Catenaccio-Klischee des Landes. "Wir lernen, wie wir mit allen elf Spielerinnen verteidigen. Man muss robust sein bei einer Weltmeisterschaft." Ihre Verteidiger-Kollegin Elena Linari sagte: "In Italien dreht sich viel um gutes Verteidigen."

Mehr als Catenaccio

Zwar war die Abwehr in den bisherigen drei Spielen noch nicht so überzeugend wie gegen China. Doch aus dem Spiel heraus hatte auch vor dem Achtelfinale kein Team Italien bezwingen können. Die einzigen beiden Spielerinnen, die gegen Italien trafen, Australiens Samantha Kerr und die Brasilianerin Marta, waren vom Elfmeterpunkt erfolgreich.

"Die Defensive war heute erstklassig", sagte auch Italiens Trainerin Milena Bertolini, die mit ihrem Team im Viertelfinale am Samstag auf die Niederlande trifft (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Doch man würde dem Spiel der Italienerinnen nicht gerecht werden, wenn man es einfach als Wiederauflage des italienischen 1:0-Fußballs beschreiben würde. Vor allem Trainerin Bertolini wäre damit überhaupt nicht einverstanden.

Sie hatte in der Vergangenheit betont, die Hinten-reinstellen-und-kontern-Denkweise ändern zu wollen. "Wir sind technisch und taktisch so gut, dass wir die Spiele dominieren können", hatte sie bereits nach dem Brasilien-Spiel gesagt. "Wir wollten sie pressen und unter Druck setzen", betonte sie nach der China-Partie.

"Du verteidigst besser, wenn du sofort angreifst"

Und es stimmt ja: In jedem WM-Spiel hatte Italien sich Chancen herausgespielt, gegen Australien das Spiel noch gedreht, gegen Jamaika gar fünf Tore geschossen. Die Italienerinnen gehen so sehr an die Risikogrenze, dass ihnen bereits drei Tore wegen Abseits aberkannt wurden: eines gegen Australien, eines gegen Brasilien, und gegen China war es ein Treffer von Valentina Cernoia, der nicht zählte.

Dennoch war der größte Erfolgsfaktor des Abends die Defensive - das wusste auch die Trainerin. "Wenn es um Verteidigung geht, sind nicht nur die vier Abwehrspielerinnen gemeint", sagte Bertolini, die ihr Konzept des Zusammenspiels zwischen Offensive und Defensive so erklärte: "Die Stürmer sind die ersten Verteidiger. Du verteidigst besser, wenn du sofort angreifst."

Eine wichtige Aufgabe ist dabei das Abstimmungsverhalten. Anders als bei der Nationalmannschaft der Männer, wo zuletzt meist Vereinskollegen die Defensive bildeten, sind die vier Abwehrspielerinnen in unterschiedlichen Klubs aktiv (Juve, Atlético, ACF Florenz, AS Rom).

Italienerinnen sind auf einer Mission

"Als wir vor drei Wochen zusammengekommen sind, sind wir alle noch irgendwo hingelaufen", sagte Verteidigerin Linari: "Da mussten wir natürlich viel dran arbeiten." Im intensiven Videostudium und beim Training wurden die Laufwege verbessert. Mit Erfolg: "Wir haben uns von Match zu Match weiterentwickelt. Wir stehen immer besser", sagte Linari.

Der Erfolg des Nationalteams wird auch in der Heimat honoriert. "Dieses Team reißt Mauern und Vorurteile ein, das sehen wir in der Presse und an den Reaktionen der Italiener zu Hause", sagte Trainerin Bertolini nach dem Spiel. Sie sprach dabei von einem "Kulturwandel": "Die Zuschauer mögen, was sie sehen. Die Spielerinnen haben eine Mission: Sie wollen die Italiener dazu bringen, Frauenfußball zu entdecken."

Dazu beitragen soll eine Spielweise, die vielen Italienern ein bisschen bekannt vorkommt - und doch irgendwie ganz anders ist.

Italien - China 2:0 (1:0)
1:0 Giacinti (15.)
2:0 Galli (49.)
Italien: Giuliani - Guagni, Gama, Linari, Bartoli - Bergamaschi (63., Mauro), Giugliano, Cernoia - Giacinti, Girelli (39. Galli), Bonansea (71. Rosucci)
China: Peng - Han, Wu, Lin, Liu S. - Zhang, Wang Y. (61. Yao) - Wang S., Gu (46. Yang) - Wang Sh. (61. Song), Li Y.
Schiedsrichterin: Edina Alves Batista (Brasilien)
Zuschauer: 17.492

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