Sport

Frankreichs emotionaler WM-Viertelfinaleinzug

Mit der Kraft der 23.000

Gastgeber Frankreich steht im WM-Viertelfinale - auch weil die Fans sich eindeutig positionierten. Brasiliens Torhüterin wurde gnadenlos ausgepfiffen. Superstar Marta hielt einen tränenreichen Appell an die Jugend.

FRANCK FIFE / AFP

Valérie Gauvin (l.) jubelt mit ihren Teamkolleginnen über ihr 1:0 für Frankreich gegen Brasilien

Aus Le Havre berichtet
Montag, 24.06.2019   11:38 Uhr

Am Sonntagabend in Le Havre standen wieder einmal die Schiedsrichterin, ihre Kolleginnen und deren Entscheidungen im Blickpunkt. Sie sind ja da, um für Gerechtigkeit zu sorgen und für faire Verhältnisse. Doch bei einer Sache war die kanadische Unparteiische Marie-Soleil Beaudoin einfach machtlos: Sie konnte nicht verhindern, dass - anstatt elf Französinnen gegen elf Brasilianerinnen - 23.000 und elf gegen elf spielten.

Für die Gastgeberinnen aus Frankreich ist bei der Heim-WM naturgemäß jedes Spiel ein Heimspiel - und so war es auch in Le Havre. Nahezu alle Zuschauer im Stade Océane standen fest an der Seite der "Bleues". Sicher, ein paar versprengte Brasilien-Anhänger hatten ihren Weg zur Achtelfinalpartie gefunden, doch sie waren so spärlich verteilt, dass sie im Meer der blau-weiß-roten Fahnen untergingen.

Die Welle war bereits dreimal durchs Stadion geschwappt, bevor die Spielerinnen überhaupt den Anstoß hinter sich hatten. Die extra laut geschmetterte Marseillaise, die "Allez les Bleues"-Rufe, das bei der Männer-EM 2016 von den Isländern geklaute "Huh"-Klatschen - bereits nach wenigen Minuten hatten die Zuschauer ihr gesamtes Repertoire ausgebreitet.

Am Ende zahlte sich die Unterstützung aus: Frankreich gewann 2:1 in der Verlängerung und trifft nun im Viertelfinale am Freitag (21 Uhr/Liveticker bei SPIEGEL ONLINE) auf den Sieger der Partie zwischen Spanien und den USA, die am Abend in Reims ausgetragen wird (18 Uhr/Liveticker bei SPIEGEL ONLINE). Nur die wenigsten glauben daran, dass es nicht zum Aufeinandertreffen des Gastgebers und der bislang so dominanten US-Amerikanerinnen kommen wird.

"Wir haben ein tolles Publikum"

"Es war eine großartige Atmosphäre, ein volles Stadion, wir haben ein tolles Publikum, das haben wir nicht immer", sagte Frankreichs Trainerin Corinne Diacre nach der Partie. "Es ist unglaublich, großartig", ergänzte Mittelfeldspielerin Élise Bussaglia: "Sie haben viel Krach gemacht und standen hinter uns. Das ist wichtig für uns. Wenn wir mal nicht so stark sind, haben wir die Fans, die uns helfen."

REUTERS

Brasiliens Torhüterin Bárbara (Mitte) im Duell mit Frankreichs Valérie Gauvin. Der Treffer der Französin wurde annulliert.

Die Partie bot den Anhängern auch einiges an Dramatik: Erst wurde der vermeintliche Führungtreffer von Valérie Gauvin nach dem Einschreiten des Videoassistenten zurückgenommen - eine knifflige Entscheidung: Die französische Angreiferin war mit der brasilianischen Torhüterin Bárbara zusammengestoßen. Diese hatte die Fingerspitzen bereits am Ball, als Gauvin ihn ihr aus den Händen drückte. Hatte Bárbara den Ball bereits unter Kontrolle?

Nach dieser Aktion zeigte das französische Publikum, warum ein Heim-Publikum nicht nur mit positivem Support Einfluss auf das Spiel zu nehmen versucht. Bárbara wurde nun bei jedem Ballkontakt - bis in die Verlängerung - ausgepfiffen oder ausgebuht. "So etwas gibt es einfach manchmal im Stadion", sagte Bussaglia: "Es ist natürlich nicht so schön für sie, aber so ist es nun mal im Fußball." Bárabara selbst äußerte sich zu den Anfeindungen nicht.

Die Diskrepanz zwischen dem Geschehen auf dem Platz und der Bewertung auf den Rängen zeigte sich auch bei einem von der Schiedsrichterin geahndeten Foul der Abwehrchefin Wendie Renard, die Brasiliens Angreiferin Debinha im Zweikampf mit der gestreckten Sohle am Knie erwischte. Als die Unparteiische der Französin dafür die Gelbe Karte zeigte, hob diese nur den Daumen - während das Publikum pfiff und buhte.

Henry wird zur Heldin

Nicht der letzte Aufreger: Dem nicht gegebenen Tor von Gauvin folgte in der zweiten Hälfte dann doch noch der Führungstreffer der Offensivspielerin, die eine Hereingabe von Kadidiatou Diani nur über die Linie drücken brauchte. Der Ausgleich für Brasilien durch Thaisa erzürnte das Publikum erneut: Die Schiedsrichterin hatte das Tor erst wegen einer vermeintlichen Abseitsstellung nicht gegeben, doch der Videoassistent schritt ein - und der Treffer zählte dann zu Recht doch.

Es ging also in die Verlängerung, wo die Kapitänin Amandine Henry zur umjubelten Heldin wurde. Nach einem Freistoß von Amel Majri traf sie per Direktabnahme zum 2:1. "Ich weiß nicht, wie das passiert ist. Auf einmal sprangen meine Mitspieler auf mich drauf", sagte Henry später. Der emotionale Höhepunkt einer emotionalen Schlussphase? Nicht ganz.

Denn Brasiliens Starspielerin Marta, die eine gute Partie abgeliefert hatte aber ohne Torerfolg geblieben war, hielt nach dem Spiel eine emotionale Rede an die nachfolgende Fußballerinnengeneration. Mit Tränen in den Augen sagte sie: "Es geht darum, mehr zu wollen, mehr zu trainieren, besser auf sich achtzugeben. Darum bitte ich euch Mädchen."

So endete ein Abend voller Emotionen mit einem zufriedenen Publikum und einem Appell an die Jugend.

Frankreich - Brasilien 2:1 n.V. (1:1, 0:0)
1:0 Gauvin (52.)
1:1 Thaisa (64.)
2:1 Henry (106.)
Frankreich: Bouhaddi - Torrent (109. Périsset), Mbock Bathy Nka, Renard, Majri (118. Karchaoui) - Diani, Henry, Bussaglia, Asseyi (81. Thiney) - Gauvin (90. Cascarino), Le Sommer
Brasilien: Bárbara - Letícia Santos (89. Poliana), Kathellen, Mônica, Tamires - Formiga (75. Andressinha), Thaisa, Marta - Ludmila (71. Beatriz), Cristiane (96. Geyse), Debinha
Gelbe Karten: Renard / Tamires, Formiga, Beatriz, Kathellen
Schiedsrichterin: Beaudoin
Zuschauer: 23.965 in Le Havre

Wir haben die Schreibweise des französischen Teamspitznamens korrigiert.

insgesamt 13 Beiträge
winfriedgiesen 24.06.2019
1. Les Bleues
Die französischen Fußballfrauen nennen sich nicht "Les Bleus", wie im Artikel gesagt, sondern "Les Bleues", also die weibliche Form. "Les Bleus" heißen die Männer!
Die französischen Fußballfrauen nennen sich nicht "Les Bleus", wie im Artikel gesagt, sondern "Les Bleues", also die weibliche Form. "Les Bleus" heißen die Männer!
würstl 24.06.2019
2. kleinlich
Da der Satz im Zusammenhang mit der Männer WM fiel, war die Aussage richtig und beim rufen von 23000 bin nicht sicher, ob man das raushört- wenn man KEIN Französisch spricht...
Da der Satz im Zusammenhang mit der Männer WM fiel, war die Aussage richtig und beim rufen von 23000 bin nicht sicher, ob man das raushört- wenn man KEIN Französisch spricht...
schwester arno 24.06.2019
3.
Mal abgesehen, dass Nummer natürlich recht hat, hört man den Unterschied auch nicht raus, wenn man Französisch spricht.
Zitat von würstlDa der Satz im Zusammenhang mit der Männer WM fiel, war die Aussage richtig und beim rufen von 23000 bin nicht sicher, ob man das raushört- wenn man KEIN Französisch spricht...
Mal abgesehen, dass Nummer natürlich recht hat, hört man den Unterschied auch nicht raus, wenn man Französisch spricht.
thomas.stollberger 24.06.2019
4. Tolles Publikum?
Ein Publikum, das eine Spielerin auspfeift, die sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, ist nicht toll. Ein solches Verhalten ist in höchstem Maße unsportlich, und das sollte man auch klar so benennen. Leider ist mir das [...]
Ein Publikum, das eine Spielerin auspfeift, die sich nichts zu Schulden hat kommen lassen, ist nicht toll. Ein solches Verhalten ist in höchstem Maße unsportlich, und das sollte man auch klar so benennen. Leider ist mir das schon öfter bei Spielen der französischen Nationalmannschaften in Frankreich aufgefallen.
bru.zag 24.06.2019
5. Leider typisch
Nach diversen Grossveranstaltungen in Frankreich muss man leider feststellen, dass das kein Einzelfall ist: das französische Publikum verhält sich konsequent unsportlich. Schade. Schaut mal nach England, Skandinavien, und, ja [...]
Nach diversen Grossveranstaltungen in Frankreich muss man leider feststellen, dass das kein Einzelfall ist: das französische Publikum verhält sich konsequent unsportlich. Schade. Schaut mal nach England, Skandinavien, und, ja auch nach Deutschland.

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