Sport

Deutschlands WM-Aus

Im Schatten des Aufschwungs

Dzsenifer Marozsáns Ausfall, die vielen Aussetzer: Das Viertelfinal-Aus der DFB-Frauen hat viele Gründe. Es zeigt aber auch, wie sehr die europäische Konkurrenz gegenüber Deutschland aufgeholt hat.

Benoit Tessier /REUTERS

Das DFB-Team nach dem WM-Aus

Aus Rennes berichtet
Sonntag, 30.06.2019   14:03 Uhr

Wenn die Fußball-Weltmeisterschaft in der kommenden Woche in die heiße Phase geht, ist Deutschland nicht mehr dabei. Wenn in einigen Ländern die nächsten TV-Rekorde aufgestellt werden, sehen die Fernsehzuschauer die USA und England, Schweden und Niederlande, aber nicht das deutsche Team. Und wenn im kommenden Jahr das olympische Fußballturnier bei den Sommerspielen in Tokio stattfindet, kann Deutschland seinen Titel nicht verteidigen. Denn durch das WM-Aus hat sich das Team auch nicht für Olympia 2020 qualifiziert.

Diese Zuschauerrolle haben die deutschen Fußballerinnen der 1:2 (1:1)-Niederlage gegen Schweden zu verdanken. Das Aus ist ein doppelter Schlag, der im DFB-Lager schwere Enttäuschung hervorrief. Es schmerzt natürlich aus sportlicher Sicht. Aber es erzählt auch die Geschichte, wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sich neben dem Spielfeld den Schneid abkaufen lässt.

Aber der Reihe nach. Das deutsche Team ist bei dieser WM auch deshalb gescheitert, weil Dzsenifer Marozsán gleich im ersten Spiel der Zeh in einem Zweikampf gebrochen wurde. Ohne die Starspielerin fehlte der deutschen Mannschaft Ballsicherheit, es fehlte eine Idee, wie man Chancen aus dem Spiel heraus kreieren kann. Standardsituationen waren plötzlich Deutschlands einzige gefährliche Waffe, aber gegen Schweden zündete die nicht. Marozsán kehrte zwar für eine Hälfte gegen die Schwedinnen zurück, doch kurz nach ihrer Verletzung war sie kein entscheidender Faktor.

Deutschland ist auch ausgeschieden, weil sich die Defensive um Marina Hegering und Sara Doorsoun immer wieder erstaunliche Aussetzer leistete. Weil dem Kader mit den 15 WM-Debütantinnen noch die Erfahrung auf internationalem Topniveau fehlt. Wahrscheinlich auch deswegen, weil das Team und die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erst seit einem halben Jahr zusammenarbeiten. Die Cheftrainerin sagte nach dem WM-Aus, man werde "die Dinge gut analysieren". Dann werden wohl auch die Abhängigkeit von Marozsán, die individuellen Patzer, die Unerfahrenheit als Gründe für den Viertelfinal-K.o. angeführt werden.

Europa ist laut, Deutschland eher nicht

Zu so einer Analyse müssen dann auch die Geschichten gehören, die neben dem Platz stattfanden. Der DFB hat es kaum geschafft, Fans für dieses Turnier in Frankreich zu mobilisieren. Während der niederländische Verband etwa gesammelte Kartenbestellungen für seine Anhänger aufgegeben hat, mussten sich deutsche Anhänger selbst organisieren (lesen Sie zu diesem Thema dieses Fan-Interview).

So feiern Oranje-Fans vor und im Stadion zusammen in einem Block, während deutsche Fans verstreut im Stadion saßen. In sozialen Netzwerken sind Fanvideos der niederländischen Anhänger gerade der Hit, auch so etwas schafft Aufmerksamkeit.

Schon vor WM-Start vermeldeten die nationalen Ligen von Spanien, Frankreich und Italien Zuschauerrekorde, während der VfL Wolfsburg keinen Grund sah, das Champions-League-Viertelfinale gegen den späteren Sieger Olympique Lyon in die große Volkswagen-Arena zu verlegen.

In England startete die erste Fußballliga der Frauen, in deren Teams nur Profis spielen. Der Verband hat hierfür kürzlich einen Rekorddeal in Millionenhöhe abgeschlossen. Die niederländische Organisation beschloss vor einigen Tagen, die Prämienverteilung zwischen Männern und Frauen nach der WM anzupassen und in den kommenden Jahren zusammenführen. In Norwegen ist das bereits seit knapp zwei Jahren der Fall.

Der europäische Fußball der Frauen ist im vergangenen Jahr ziemlich laut geworden, in Deutschland wirkt er dagegen gerade sehr leise.

Die europäische Konkurrenz hat dadurch auch sportlich enorm gegenüber dem achtmaligen Europameisterinnen aus Deutschland aufgeholt. Wenn nun mindestens ein europäisches Team im Endspiel von Lyon (Sonntag, 17 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) vor einem Millionenpublikum spielen wird, darf die Bundesliga von dem WM-Schwung nur wenig Auftrieb erwarten.

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DFB-Team in der Einzelkritik: Lange ging es gut, jetzt wurden sie bestraft

Aber, und das ist die positive Erkenntnis dieser WM, es gab auch Lichtblicke:

In diesem Team gibt es viele spannende Spielerinnen. Doch sieht auch wer hin? Das Viertelfinal-Aus bei der EM 2017 war ein erstes Warnsignal, das erneut frühe WM-Aus und die verpasste Olympia-Qualifikation sind Tiefpunkte, die zum Nachdenken anregen müssen.

insgesamt 17 Beiträge
steueragent 30.06.2019
1. Bisschen viel Gedöns finde ich. Da braucht man nichts zu analysieren.
Andere Mannschaften waren bei dem Turnier besser. Fertig. Das kommt vor. Und die alberne Begründung, dass quasi die einzige Starspielerin Marozsan verletzt war, zündet auch nicht. Nun sind ja vier Jahre bis zur nächsten WM. [...]
Andere Mannschaften waren bei dem Turnier besser. Fertig. Das kommt vor. Und die alberne Begründung, dass quasi die einzige Starspielerin Marozsan verletzt war, zündet auch nicht. Nun sind ja vier Jahre bis zur nächsten WM. Zeit genug, um die jungen Spielerinnen zu einem Spitzenteam zu formen. Und dann ... werde sogar ich mal Frauenfußball schauen.
ptb29 30.06.2019
2. Die Deutschen dachten, dass sie Schweden schnell mal wegputzen
Der Artikel will suggerieren, dass es am Geld iiegt. Geld schießt keine Tore. Ansonsten ging einem das Moroszan hier und Maroszan da fürchterlich auf den Keks, denn wie in den bisherigen Turnieren, hat sie auch gestern nichts [...]
Der Artikel will suggerieren, dass es am Geld iiegt. Geld schießt keine Tore. Ansonsten ging einem das Moroszan hier und Maroszan da fürchterlich auf den Keks, denn wie in den bisherigen Turnieren, hat sie auch gestern nichts gezeigt. Geld schießt keine Tore!
Kc1988 30.06.2019
3. Olympia-Qualifikation
Bei der U 21-EM der Männer hieß es, England könne sich nicht für Olympia qualifizieren, da dort nur "GB" antreten kann. Wenn beim Frauenturnier in Tokyo Europa drei Startplätze hat und sich die besten drei [...]
Bei der U 21-EM der Männer hieß es, England könne sich nicht für Olympia qualifizieren, da dort nur "GB" antreten kann. Wenn beim Frauenturnier in Tokyo Europa drei Startplätze hat und sich die besten drei europäischen Mannschaften der WM qualifizieren und England im Halbfinale ist, wieso sind sie dann qualifiziert? Gelten bei den Frauen andere Quali-Regeln?
vera gehlkiel 30.06.2019
4. Pferdeschwanz, Liebe & Doppelpass
Betreffend das Sportliche sehe ich, dass unser junges Team "Pferdeschwaenze" eindeutig ein Bringer für das Turnier gewesen ist. Der anspruchsvolle Offensivfussball Voss Tecklenburgs mit der Hauptrepraesentantin [...]
Betreffend das Sportliche sehe ich, dass unser junges Team "Pferdeschwaenze" eindeutig ein Bringer für das Turnier gewesen ist. Der anspruchsvolle Offensivfussball Voss Tecklenburgs mit der Hauptrepraesentantin Daebritz, permanenter Rotation des Positionsspiels und durch Ideenreichtum generierter Tiefe im modernen Flachpasspiel, liest sich auch gegen Schweden prima an. Hätte man nach der Führung zwei Gaenge runter geschaltet und das Spiel komplett verschleppt, hätten diese Schwedischen eventuell alt ausgesehen, bei der brüllenden Hitze. Oder wäre es eben gelungen, das extrem weitläufige Konterspiel der blaugelben Klassikerinnen durch tiefes Stehen zu unterbinden. Voss Tecklenburg versuchte ersichtlich, die dafür nötige Ruhe zu vermitteln, aber so ein Spiel geht eben seinen Gang. Die viel erfahreneren Niederlaenderinnen waeren um ein Haar jgegen Japan ganz ähnlich auch rausgeflogen, darf man nicht vergessen. Allerdings war für mich der Break an sich erst die Hereinnahme von Marozsan. Die löste durch Passivität und mangelndes Engagement die etablierte Statik der Pferdeschwaenze komplett auf, wirkte rein wie ein Fremdkörper. Viel zuviel Gerede um den angeblichen deutschen Superstar im Mittelfeld, dessen leicht finstere Präsenz in Wahrheit die Initiative der übrigen durchweg zu lähmen scheint. Was jenen nichtsportlichen Teil betrifft: Verkrampfungen lockern sich, allerdings langsam, und wie fast immer ganz zuletzt dann auch in Deutschland. Schon mal kein spekulierendes Schwadronieren mehr darüber, wie Athletinnen sportliches Engagement mit hausfraulicher Pflichterfüllung kombinieren, oder ob sie nachts zu Girls oder Boys oder allein in die Kiste steigen. Trotzdem hatte Claudia Neumann, weitaus bester Reporter am Mikro, unverändert nur die zweite Wahl. War das Auftreten von dynamischen Expertinnen etc. nicht annähernd auf dem Niveau, das für Maennerfussball selbstverständlich ist. Nur der Spiegel hat wirklich Wort gehalten. Dafür könnt ihr euch umarmt und feste gedrückt fühlen... Aus dem Frauenfussball ist die Seele noch nicht vertrieben worden. Eben das macht den Deutschen dabei wohl am meisten Angst... Wär ungefähr mein Resümee in einem Satz.
anselmi 30.06.2019
5.
Ja. Die englischen Damen können die Olympia-Quali für UK erspielen. Was sie auch taten. Gilt nicht für die anderen britischen Teams. Wäre Schottland ins Halbfinale gekommen, hätten damit sie keinen Startplatz für Tokyo [...]
Zitat von Kc1988Bei der U 21-EM der Männer hieß es, England könne sich nicht für Olympia qualifizieren, da dort nur "GB" antreten kann. Wenn beim Frauenturnier in Tokyo Europa drei Startplätze hat und sich die besten drei europäischen Mannschaften der WM qualifizieren und England im Halbfinale ist, wieso sind sie dann qualifiziert? Gelten bei den Frauen andere Quali-Regeln?
Ja. Die englischen Damen können die Olympia-Quali für UK erspielen. Was sie auch taten. Gilt nicht für die anderen britischen Teams. Wäre Schottland ins Halbfinale gekommen, hätten damit sie keinen Startplatz für Tokyo 2020 erspielt.

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